Sonntag, 6. März 2011

Live aus Zagreb

Heute also der versprochene Vor-Ort-Bericht vom Davis-Cup zwischen Kroatien und Deutschland. Ich bin noch in Zagreb und tippe diesen Text gerade in eine winzige Tastatur. Verzeiht mir also mögliche Schreibfehler. Links und das eine oder andere Bild reiche ich am Dienstag zu Hause nach. Dann überprüfe ich auch, ob es stimmt, was ich gehört habe, nämlich dass das 3:2 gegen Kroatien der erste deutsche Auswärtssieg in der Davis-Cup-Weltgruppe seit 1996 in der Schweiz war. Spontan fällt mir jedenfalls kein Gegenbeweis ein.

Mit den Spielen selbst möchte ich mich nicht über Gebühr aufhalten. Die waren im Fernsehen zu verfolgen, und die ganzen Mainstream-Medien haben längst über sie berichtet. Nur so viel: Der Hartplatz, den die Kroaten für ihre Aufschlagmonster verlegt hatten, war einer der schnellsten, die ich in den letzten Jahren gesehen habe. Am Freitag schien mir Ivan Dodig (Nr. 57) davon noch stärker zu profitieren als Marin Cilic (Nr. 20), obwohl Dodig ja verloren und Cilic gewonnen hat. Cilics Aufschläge gegen Florian Mayer (Nr. 36) fand ich gar nicht so überragend. Dafür hat Cilic es grandios verstanden, den Ball aus dem Spiel heraus zu beschleunigen und damit Mayers gefährliche Waffe, nämlich die dezente Spielverschleppung, entschärft. Dodig hat gegen Philipp Kohlschreiber (Nr. 35) überwiegend vom Aufschlag gelebt. Kohli gewann schließlich den fünften Satz, weil Dodigs Kräfte nachließen und damit auch die Präzision beim Aufschlag. Am Sonnabend lief es so ähnlich, als Dodig mit Ivo Karlovic das Doppel gegen Christopher Kas (Nr. 52 im Doppel/Nr. 1005 im Einzel) und Philipp Petzschner (Nr. 13 im Doppel/Nr. 65 im Einzel) verlor.

Über das erste Sonntagsspiel gibt es nicht viel zu sagen. Marin Cilic war in allen Belangen besser als Philipp Kohlschreiber. Ich bin nicht böse drum, denn so stand es 2:2, und es kam zum Showdown zwischen Ivo Karlovic und Philipp Petzschner. Planmäßig hätte das letzte Einzel ja lauten müssen: Ivan Dodig gegen Florian Mayer. Dass der müde Dodig nicht spielen würde, war schon am Sonntagmorgen klar, als sich Karlovic, der nach langer Verletzungspause auf Platz 239 im Ranking zurückgefallen ist, sehr gewissenhaft in der Halle einspielte. Da hat Kapitän Patrik Kühnen gut reagiert, als er Mayer gegen Philipp Petzschner austauschte. Tennis spielen gegen Ivo Karlovic ist eine Sportart, die sich von normalem Tennis signifikant unterscheidet. Es kommt im Wesentlichen darauf an, die Aufschläge von Karlovic (2,08 Meter) irgendwie ins Feld zurückzuspielen. Petzsche hatte am Sonnabend im Doppel bewiesen, dass er diese Sportart exzellent beherrscht. Außerdem war die Erfahrung vom Vortag noch so frisch, dass er im Einzel keine Eingewöhnungsphase brauchte. Er begann sofort mit einem Break. Von da an war Karlovics Zahn gezogen, auch wenn noch zwei spannende Tie-Breaks folgten. Das Publikum übrigens jubelte keinem anderen Kroaten so frenetisch zu wie Karlovic. Er scheint für die Kroaten im doppelten Sinne der größte Tennisheld zu sein.

Und damit zum Ambiente. Gespielt wurde im "Dom Sportova". Die Sportkathedrale der Hauptstadt einer so sportverrückten Nation wie Kroatien hatte ich mir glanzvoller vorgestellt. Es ist ein Wellblechkasten im Gewerbegebiet. Von der nächsten Straßenbahnhaltestelle erreicht man ihn, indem man eine viergleisige Bahntrasse überquert. Es gibt dazu einen Bahnübergang, dessen Schranken immer geschlossen zu sein scheinen. Jungvolk wie ältere Damen krabbeln einfach unter der Schranke hindurch und gehen zügigen Schrittes über die Gleise. Dass ein Zug kam, habe ich nicht erlebt. Der Bahnhof nebenan scheint aber durchaus in Betrieb zu sein.

In der Halle - deren Größe einem abstiegsbedrohten Handball-Bundesligisten angemessen sein dürfte und in der auch das Zagreber ATP-Turnier Anfang Februar ausgespielt wird - versuchte niemand, künstlichen Glamour zu erzeugen. Keine Lasershow zum Einmarsch der Gladiatoren, keine Werbe-Sperenzchen. Überhaupt war die Ausstattung karg. Obwohl am Freitag nicht einmal die Hälfte der Plätze besetzt war, waren die Sandwiches so schnell ausverkauft, dass ich keines mehr abbekam. Es gab nur noch Popcorn, sonst nichts. Eine Kartenkontrolle, die ihren Namen verdient, konnte ich nicht feststellen. Wäre ich zügigen Schrittes, so wie ich zuvor die Bahngleise überquert hatte, einfach in den Dom Sportova marschiert, niemand hätte mich aufgehalten. Platzmummern gab es sowieso nicht.

Die einzige Sonderausstattung war das aufblasbare Lärmgerät auf jedem Platz. Von diesen grünen Klapperstangen haben die Zuschauer reichlich Gebrauch gemacht. Über die Geräte ließe sich gewiss herrlich eine Verbotsdiskussion führen wie über Vuvuzelas in Fußballstadien. Mir gefällt dieses Klappern aber deutlich besser als das in Deutschland seit Boris übliche rhythmische Klatschen mit abgespreiztem kleinen Finger.

Überhaupt machen die Zagreber auf mich einen sehr bodenständigen Eindruck. Sie erliegen nicht der Versuchung, Weltmetropole zu spielen, bloß weil ihre Stadt die Hauptstadt eines souveränen Staates ist. Anders als in anderen Hauptstädten verkehren hier kaum protzige Limousinen. Der einzige BMW X5, den ich sah, hatte ein bosnisches Nummernschild.


Edit:
Hier jetzt die versprochenen Fotos aus Zagreb.

Der Dom Sportova von außen.



Der Dom Sportova von innen.


Das siegreiche deutsche Team: Christopher Kas, Philipp Petzschner
Florian Mayer, Philipp Kohlschreiber, Kapitän Patrik Kühnen (von links nach rechts).


Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Es war der erste Auswärtssieg in einer ERSTEN RUNDE der DC-Weltgruppe. 2007 gewann GER im VF in Belgien.

Paul hat gesagt…

Eine Frage nebenbei. Wie teuer, waren die Getränke und das vorhandene Essen vor Ort ? Und waren die Preis für die Tickets angemessen ?

Zack hat gesagt…

@Anonym:
Danke für die Aufklärung!

@Paul:
Die Ticketpreise waren nicht nur angemessen, sondern sensationell günstig: Für alle drei Tage zusammen habe ich umgerechnet 16,42 Euro bezahlt. Eine große Cola kostete in der Halle 15 oder 20 Kuna, also irgendwas zwischen zwei und drei Euro.

Paul hat gesagt…

Wow, solche Kurse wird man im Heimspiel hier gg. Frankreich definitv nicht bekommen :-(

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