Sonntag, 6. Februar 2011

Goran Ivanisevic in der 88. Minute eingewechselt

Komisch, im Fußball kommt keiner auf die Idee: Die Bayern könnten einfach mal in der 88. Minute, wenn das Spiel gelaufen ist, Kalle Rummenigge einwechseln, Schalke könnte Marc Wilmots bringen, Dortmund Michael Zorc – oder bei Werder schießt Michael Kutzop bei 0:4-Rückstand einen unbedeutenden Elfmeter.

Und das alles nur, um Werbung für den Fußballsport zu machen. Wahrscheinlich würden diese Werbegags zu imagemäßigen Rohrkrepierern.

Im Tennis ist das anders. Da gehört es fast schon zum guten Ton, dass man als ehemaliger Weltstar. In dieser Woche war Goran Ivanisevic dran. Der Wimbledonsieger von 2001 trat beim ATP-Turnier von Zagreb an der Seite von Kroatiens aktueller Nummer 1 Marin Cilic im Doppel an. Man verlor in der ersten Runde in zwei Sätzen gegen die Slowaken Filip Polasek und Igor Zelenay. In Satz 1 retteten sich Ivanisevic und sein Partner immerhin in den Tie-Break.

Morgen beginnt das 500er-Turnier von Rotterdam. Das topgesetzte polnische Doppel Mariusz Fyrstenberg/Marcin Matkowski trifft in der ersten Runde auf die Holländer Jacco Eltingh und Paul Haarhuis, die im Doppel zwischen 1994 und 1998 mehrere Grand-Slam-Titel holten.

Wenn sich Ex-Profis viele Jahre nach Ende ihrer Laufbahn zu einem Auftritt im Doppel bei einem echten ATP-Turnier überreden lassen, dann meistens mit der Begründung, sie wollten das Turnier, das ihnen besonders am Herzen liege, unterstützen. Vor anderthalb Jahren stellte sich Turnierdirektor Michael Stich am Hamburger Rothenbaum selber auf den Platz: Erstrunden-Niederlage an der Seite von Mischa Zverev gegen Simon Aspelin (Schweden) und Paul Hanley (Australien). Patrick Rafter spielte 2005 – vier Jahre nach seinem Karriereende – sogar noch einmal bei den Australian Open mit – auch er schied mit seinem Doppelpartner Joshua Eagle in Runde 1 aus. Im folgenden Jahr in Houston verlor Jim Courier in Runde 1 in Houston (zusammen mit Andre Agassi). Boris Becker spielte 2001 - zwei Jahre nach seinem Rücktritt – zusammen mit dem damals frisch gebackenen Sensationswimbledonsieger Ivanisevic - aus irgendwelchen Gründen ein Doppel in Cincinnati und verlor.

Es gibt bestimmt noch ein paar andere Beispiele, die ich nicht alle kenne. Ernst gemeinte Comebackversuche wie das derzeit laufende von Thomas Muster zähle ich mal nicht mit.

Nie gewinnt irgendeiner dieser Altstars sein Match. Ihre Auftritte sind Freakshows, und es kann einem das Herz bluten, dass die Wild Cards, die für diese PR-Auftritte verballert werden, aufstrebenden jungen Talenten verwehrt bleiben.

Eigentlich. Aber es gibt einen Spieler, der mich versöhnt mit dieser eigenartigen Werbepraxis der Turnierveranstalter: John McEnroe. Mit 47 Jahren spielte er 2006 in San Jose an der Seite von Jonas Björkman. Björkman/McEnroe gewannen nicht nur ihr Erstrundenmatch – sie gewannen das ganze Turnier! Ein halbes Jahr später kamen die beiden in Stockholm ins Viertelfinale. McEnroe stieß mit bloß zwei Turnieren noch einmal auf Platz 238 der Doppel-Weltrangliste vor.

Es ist damals viel gespottet worden, was dieser Erfolg über das Niveau des aktuellen Doppeltennis aussage, eine Disziplin, in der sich, so sagte man, vornehmlich Akteure tummelten, die fürs Einzel zu schlecht seien. (Ich hab mal darüber geschrieben, dass diese These nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Ich mag die Doppelspieler trotzdem.) Aber das ist jetzt nicht mein Thema. Ich hab McEnroes Viertelfinale in Stockholm gesehen. Der Mann hat sich nicht viel bewegt. Die meiste Zeit stand er am Netz rum. Aber von dort hat er – jedenfalls in der ersten Viertelstunde, bis anscheinend seine Kraft und seine Konzentration nachließen, einige der brillantesten Volleys gespielt, die ich je gesehen habe. Dafür hat sich der ganze Klamauk mit den einmaligen Blitzcomebacks ehemaliger Stars allemal gelohnt – und ich kann schreiben, ich wäre dabei gewesen, als John McEnroe sein allerletztes ATP-Match bestritt. (Also, jedenfalls kann ich das schreiben, bis er irgendwann noch mal irgendwo zu einem allerallerletzten Comeback antritt.)

1 Kommentar:

Mahqz hat gesagt…

Noch krasser geht das ganze bei den Damen (vielleicht auch im Fußball), aber wie lange hat Martina Navratilova noch recht erfolgreich Doppel gespielt?

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