Sonntag, 20. Februar 2011

Das Phänomen Milos Raonic


Heute Abend spielt er schon wieder ein Finale, diesmal in Memphis, Tennessee. Wir müssen dringend über Milos Raonic reden, den jungen Mann, der in den vergangenen Wochen aus dem Nirgendwo gekommen ist (genau genommen aus Thornhill bei Toronto, dorthin zogen seine montenegrinischen Eltern mit ihm, als er drei Jahre alt war).

Ende Dezember wurde er 20 Jahre alt, damals war er die Nummer 157 der Welt. Wenn er heute das Endspiel in Memphis verliert, ist er morgen die Nummer 37. Gewinnt er dort gegen Andy Roddick – was man als realistische Möglichkeit in Betracht ziehen sollte – wäre er die Nummer 30. Im Moment scheinen fast alle, die Milos Raonic spielen sehen, davon auszugehen, dass er im Sommer unter den ersten 20 ist, Ende des Jahres in den Top 10 und im nächsten oder übernächsten Jahr sein erstes Grand-Slam-Turnier gewinnt. Manche vergleichen ihn schon mit Pete Sampras.

Wer vor den Australian Open überhaupt etwas von Milos Raonic gehört hatte, der hatte vor allem gehört, dass der Junge fast zwei Meter groß ist und sehr gut aufschlagen kann, sich sonst aber etwas hilflos über den Platz bewegt. Mir begegnete der Name bewusst zum ersten Mal Ende Juli, als Tobias Kamke in Granby, Kanada, seinen ersten Challenger-Titel gewann und im Finale auf Raonic traf. Auf dem Weg dahin hatte Raonic, damals knapp in den Top 300, ein paar Spieler geschlagen, die zwischen 100 und 150 platziert waren. In den folgenden Monaten spielte Raonic weiter solide auf dem Niveau eines Challenger-Finalisten. Bei den US Open schaffte er die Qualifikation, unterlag aber in Runde 1 einem Wild-Card-Spieler.

Dann kam 2011. Auch bei den Australian Open überstand er die Qualifikation. Und diesmal gewann er auch sein Erstrundenmatch, und zwar gegen Björn Phau (Nr. 85), was niemand groß beachtete. Aber Raonic gewann auch seine beiden nächsten Matches gegen Michael Llodra (Nr. 24) und Michail Juschni (Nr. 10) und zog ins Achtelfinale ein. Wieder hörte man über ihn vor allem eines: Der Junge schlägt wahnsinnig gut auf. Wann immer Roger Federer, Andy Murray, Novak Djokovic oder wer auch immer ein Ass schlug, erzählten die Fernsehkommentatoren die Geschichte von dem jungen unbekannten Kanadier, der die meisten Asse des laufenden Turniers geschlagen hatte.

Im Achtelfinale verlor Raonic gegen David Ferrer (Nr. 7), und viele dachten sich nichts weiter, außer vielleicht, dass sich Raonic jetzt vielleicht unter den Top 100 etablieren wird.

In der folgenden Woche schien er zurechtgestutzt, als er in Johannesburg in Runde zwei gegen Simon Greul (Nr. 130) ausschied. Das aber hatte wohl mit verständlicher Erschöpfung zu tun. (Auch in Johannesburg musste Raonic durch die Qualifikation.)

Dann ging es weiter in die USA, wo man einen Faible für junge Helden hat und Milos Raonic sofort Wild Cards für das 250er-Tunrier in San Jose (letzte Woche) und das 500er-Turnier in Memphis bekam. In San Jose holte er den Titel (7:6, 7:6 im Endspiel gegen Fernando Verdasco (Nr. 9)). Und jetzt also gleich hinterher das Finale von Memphis.

Was ist los mit dem Kerl? Wieso spielt der auf einmal so gut? Wenn man ihn fragt, sagt er, dass er in der Winterpause in Spanien mit seinem neuen Trainer Galo Blanco sehr hart an seiner Fitness gearbeitet hat. Aber sowas tun andere Spieler auch, ohne dass es viel nützt.

Wahrscheinlich ist Raonic in diesem Jahr tatsächlich fitter als früher, sonst könnte er nicht in so kurzer Zeit so viele Matches gewinnen. Aber mir scheint, es kommen noch ein paar andere Dinge hinzu: Er hat ein unbändiges Selbstbewusstsein, das ihm Flügel verleiht. Und es ist fast nichts von den früheren Diagnosen zu sehen, er würde nach dem Aufschlag hilflos über den Platz irren. Im Gegenteil: Als ich mir jetzt ein paar Ausschnitte aus Raonic-Matches angesehen habe, wirkten seine Bewegungen auf mich so kontrolliert wie bei kaum einem anderen Spieler.

Meine erste Assoziation war: Er spielt, wie Sophie Ellis-Bextor im Murder-on-the-Dancefloor-Video tanzt. Jeder Schritt ein Treffer. Er hat alles im Griff. Er kann es sich leisten, sich auf dem Platz aufreizend langsam zu bewegen. Das alles sieht aber auch wenig instinktiv aus. Es sieht aus, als würde er über jeden einzelnen Schlag genau nachdenken. Das Ergebnis: Er spielt anders als der Durchschnitt, und deshalb macht es Spaß, ihm zuzusehen.

Was den Vergleich mit Pete Sampras betrifft: Es ist schwer, ihn nicht zu ziehen. Sein Aufschlag und sein dunkler Wuschelkopf verleiten dazu, seine Herkunft aus einer Einwandererfamilie, die mit Tennis nicht viel am Hut hatte und die entsprechend gelassen mit dem Talent ihres Sprösslings umgeht. Seine Eltern haben Raonic dazu angehalten, neben dem Tennis ein Fernstudium zu absolvieren, solange er es nicht unter die besten 100 der Welt geschafft hat. Jetzt könnte er das Studium also abbrechen. Das scheint er aber noch nicht getan zu haben.

Hier das offizielle ATP-Profil von Milos Raonic

Fotohinweis: Christopher Johnson, Wikipedia

1 Kommentar:

VIPer7 hat gesagt…

Tja, gegen Roddick hat's dann doch nicht ganz gereicht. Neben seinen Hammer-Aufschlägen hat er aber auch aus den Ballwechseln heraus ein paar sehr schöne Punkte gemacht!
Nett fand ich seinen anschließenden Kommentar bezüglich Roddicks Becker-Hecht beim Matchball: "At least I can say I was part of a point that will be one the most viewed on youtube" (oder so ähnlich)
In San José brauchte er übrigens gar keine Wildcard, sondern da ist er noch als Alternate ins Hauptfeld gerutscht ;)
Bin mal gespannt wie er sich jetzt auf Sandplatz schlägt; in Acapulco hat er ein Special Exempt bekommen und danach spielt er ebenfalls in Mexiko Davis Cup.

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