Sonntag, 9. Januar 2011

Der legendäre Steve G. hat aufgehört


Update am 25. Januar: Das Steve-G.-Projekt geht nun doch weiter - auch ohne Steve an vorderster Front.


Das Karriereende von Nicolas Kiefer, das wir vor einer Woche an dieser Stelle behandelten, das hat man kommen sehen, darauf hat man sich seelisch einstellen können.

Das Tennisjahr 2011 begann aber auch mit der Nachricht von einem anderen Ende. Dem Ende der Internetseite www.stevegtennis.com.

Steve G. ist eine Legende. Bei ihm stehen alle ATP-Ergebnisse seit 1997 und ganz viele weitere Statistiken. Als ich – es muss kurz nach 1997 gewesen sein – zum ersten Mal länger als ein paar Minuten im Internet rumklickte und Namen von Tennisspielern googelte (damals hieß diese Tätigkeit noch nicht einmal Googeln, und wahrscheinlich benutzte ich nicht Google, sondern Altavista oder die Suchfunktion von web.de oder), damals stieß ich meistens zuerst auf die Seite von Steve G. Es begleitet mich also kaum eine Internetseite schon so lange wie die von Steve G.

Über Steve G. persönlich ist öffentlich nicht viel bekannt. Vor Jahren gab er mal irgendwo ein Interview, aus dem ich erfuhr, dass Steve sein echter Vorname ist und G tatsächlich der erste Buchstabe seines Nachnamens. Außerdem erfuhr man, dass er selbst kein Tennis spielt und all die Ergebnisse die ersten Jahre per Hand eingetippt hat. Die Webseite, auf der dieses Interview erschien, existiert längst nicht mehr. Stevegtennis.com aber existierte weiter, Jahr für Jahr und immer auf dem aktuellsten Stand. Mit der Zeit sammelte er ein paar Mitstreiter, aber die Hauptlast scheint Steve bis zum Ende allein geschultert zu haben. Geld wird Steve damit kaum verdient haben. Lange Zeit war gar keine Werbung auf seinen Seiten, irgendwann tauchte ein einziger Sponsorenhinweis auf.

Soweit ich mich erinnere, hat sich das Layout der Seite, seit ich sie vor ungefähr zwölf Jahren zum ersten Mal anklickte, nicht geändert. Stevegtennis.com wurde über die Jahre zu einem Online-Museum, zu einem VW Käfer der Tennisdatenbanken. Wer wissen will, wie in den 90ern eine Internetseite aufgebaut war, findet hier die Antwort.

Seit kurz vor Jahresende steht oben auf seiner Seite ein Link mit dem Titel Important Site News“. Klickt man darauf, gelangt man auf eine schlichte Textdatei, wie sie schon 1997, als Steve sein Projekt begann, altbacken gewirkt haben muss: Schwarz auf weiß bedankt sich Steve bei all den Menschen auf der ganzen Welt, die geholfen haben, seine Seite am Laufen zu halten. Ohne sie hätte er schon viel früher aufgegeben. Er schreibt, er werde seine Seite vermissen, aber er gewinne auch einen großen Brocken Lebenszeit zurück. Die bestehenden Daten werden wohl bis 2013 online bleiben.

Steve schreibt auch, es gebe inzwischen viele andere Internetseiten, die dieselben Informationen vorhalten wie er. Das sei anders gewesen, als er 1997 anfing. Das stimmt. Ich habe seine Seite in den letzten Jahren nur noch selten angeklickt. Erste Anlaufstelle für Ergebnisse und Statistiken ist für mich wie wohl für die meisten Tennisfreaks die offizielle ATP-Seite. Und wo die nicht weiterhilft, ist es die Seite des Tennis-Weltverbandes ITF.

Aber insbesondere wenn es um Ergebnisse aus früheren Jahren geht, fand man sie nach wie vor nirgends so einfach wie bei Steve. Auf der ATP-Seite findet man zwar mit wenigen Klicks alle Matches, die ein bestimmter Spieler je gespielt hat, aber wenn man alte Ergebnisse von einem bestimmten Turnier sucht, findet man die auf der ATP-Seite nur unvollständig und extrem unübersichtlich und bei der ITF zwar vollständig, aber auch nicht viel übersichtlicher. Steve G. hat alle Ergebnisse in schlichter Schönheit. Hier zum Beispiel der Turnierkalender von 1997 , und hier die Ergebnisse des Challengers von Lübeck aus jenem Jahr. Rainer Schüttler kam ins Finale.

Ein einziges Mal habe ich Steve eine Sache verübelt. Das war Ende 2007. Bis dahin wurden in seinem Forum Woche für Woche die offiziellen Teilnehmerlisten der ATP-Turniere veröffentlicht. Die Listen stehen sechs Wochen vor Turnierbeginn fest (bei Challengern vier Wochen) und werden laufend aktualisiert, weil ständig irgendwelche Spieler abspringen. Die ATP versucht seit jeher, diese Listen geheim zu halten bzw. den Turnierveranstaltern die Möglichkeit zu lassen, selbst zu entscheiden, wann und wie sie bekanntgeben, wer bei ihnen antritt. Es kommt immer wieder vor, dass Turniere offensiv damit werben, dass ein bestimmter Spieler bei ihnen antreten wird, der sich von der offiziellen Liste längst hat streichen lassen. Ende 1997 meldete sich die ATP bei Steve und verlangte, er solle die Veröffentlichung dieser Listen unterbinden. Steve wollte keinen Stress und gab diesem Verlangen nach. Wohl gemerkt: Er hatte die Listen nicht selbst veröffentlicht, sondern Poster im seinem Forum taten das. Die Listen stammen aus dem internen Onlinebereich der ATP, und es lässt sich nicht vermeiden, dass tausende Personen darauf Zugriff haben: Die Spieler und ihre Trainer und Manager müssen ja irgendwie erfahren, bei welchem Turnier sie es ins Hauptfeld geschafft haben. Irgendjemanden gibt es also immer, der diese Listen irgendwo ins Netz stellt. Der Versuch der ATP, dieses Leck zu schließen, indem sie Steve G. raten, die Listen nicht mehr zu veröffentlichen, war also ungefähr so sinnvoll wie das Schild vor der BND-Zentrale in Pullach, auf dem bis 1996 „Behördenunterkunft“ stand, damit niemand erfährt, dass hier der Geheimdienst sitzt.

Zu Glück haben ohne schuldhaftes Zögern andere Webseiten die Aufgabe übernommen, die geheimen Tennisturnier-Teilnehmerlisten zu veröffentlichen. Zum Beispiel tennisteen.it.
In Steves Forum ist es seither ziemlich still gewesen.

Kommentare:

jmg hat gesagt…

Es gab aber noch das heimliche Forum (.../forum2) auf seiner Seite, in welchem dann die Listen gepostet wurden.

Zacks Tennis hat gesagt…

Na, dann bin ich mal gespannt, ob ich jetzt Ärger mit der ATP kriege, weil ich deinen Kommentar hier öffentlich und ungeheim stehen lasse. ;)

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