Sonntag, 18. Dezember 2011

Tennisgedichte 1: "Wimbledon 1997"

Neulich las in dem Gedichtband „Nimm den langen Weg nach Haus“ von Dirk von Petersdorff. Eine ausgesprochen tennisferne Tätigkeit, dachte ich, bis auf Seite 24 gelangte. Dort fand ich einen Achtzeiler mit dem Titel „Wimbledon 1997“. Ein Tennisgedicht! Bis dahin hatte ich nie darüber nachgedacht, dass es Tennisgedichte geben könnte – abgesehen von Schüttelreim-Versen, die Tennisvereins-Schriftwarte anlässlich runder Geburtstage verfassen und im Clubheim vortragen.

Ich habe inzwischen sechs weitere deutschsprachige Gedichte ausfindig gemacht, die von mehr oder weniger namhaften Poeten stammen und sich mehr oder weniger intensiv mit Tennis befassen. Genug Stoff, um eine kleine Serie zu starten, die ich in diesem Blog in loser Folge fortsetzen werde, wann immer sich mal kein anderes aktuelles Thema aufdrängt.

Beginnen wir also mit Petersdorffs „Wimbledon 1997“. Wenn ich mich korrekt informiert habe, ist es urheberrechtlich unbedenklich, ein kurzes Gedicht wie dieses vollständig zu zitieren, wenn ich mich mit ihm inhaltlich auseinandersetze:

Wimbledon 1997

Das ist das Ende! Da geht er, geschlagen.
Siege und Ruhm sind lange verhallt.
Jung war das Licht, und geballt
in den pochenden Tagen -

ein endloser Sommer – ihr Atem zerrann,
flatterte, stieg, eine keuchende Weise
vom Glück. Sie lächelte leise,
als Becker gewann.“

(Dirk von Petersdorff, „Nimm den langen Weg nach Haus“, C.H. Beck, München, 2010, 16,95 Euro)

Umarmende Reime. Will irgendjemand was zum Metrum wissen? Ziemlich viele Daktylen. Ganz einheitlich ist es nicht. Aber dem guten Petersdorff ist zuzutrauen, dass er da irgendwas Antikes drin versteckt hat. Der kennt sich schließlich aus, der Mann. Er ist nicht nur Lyriker, sondern auch Lehrstuhlinhaber für neuere deutsche Literatur in Jena.

In dem Gedichtband, in dem sich auch das Wimbledon-Gedicht findet, gibt es auch einen Zyklus mit dem Titel „Die Vierzigjährigen“, in dem es ziemlich viel darum geht, dass das Leben damals viel leichter war, als man noch in Kiel studierte und im Sommer im flatternden Hemd auf dem Fahrrad zum Strand fuhr.

Als er 40 wurde, war Petersdorff längst Familienvater, habilitiert und Mitglieder der Akademie der Wissenschaften und der Literatur. Kein Grund, Trübsal zu blasen und der vergangenen Jugend nachzutrauern, sollte man meinen. Nun, so richtig trübsinnig sind seine Verse ja auch gar nicht.

Das Wimbledon-Gedicht gehört zu einem anderen Zyklus: „Embleme für flüchtige Zeiten“ heißt dieser. Da geht es nicht immer um so große Zeitspannen wie den Lauf einer Profitenniskarriere. Das Gedicht auf der folgende Seite handelt von einer Tablette, die sich binnen Sekunden im Wasserglas auflöst.

Aber nun zu Boris Becker 1997. Es war nicht das Ende seiner Karriere. Es war auch nicht sein letzter Auftritt in Wimbledon. Das macht die Interpretation dieses Gedichts schwieriger als gedacht. Becker war damals 29 Jahre alt. Für heutige Verhältnisse fast noch ein junger Hüpfer. In seiner Generation, wo man schon als Tennager erste Grand-Slam-Titel holte, zählte er damit längst schon zum alten Eisen und war in der Weltrangliste zurückgefallen auf Platz 18. Becker hatte 1997 angekündigt, zwar nicht mit dem Profitennis aufzuhören, aber künftig keine Grand-Slam-Turniere mehr zu bestreiten. 1997 sah es also tatsächlich so aus, als wäre dies Beckers letzter Auftritt auf dem heiligen Rasen. Gehen wir also einfach mal davon aus, dass diesem Gedicht die Vorstellung zu Grunde liegt, wir sähen Beckers letztes Match in Wimbledon.

Andere Grand-Slam-Turniere bestritt er danach tatsächlich nicht mehr. Zwei Jahre später kehrte er noch einmal nach Wimbledon zurück und bestritt dann tatsächlich sein letztes Profiturnier. (Das war das Jahr mit der Besenkammergeschichte.)

1997 war Boris Becker noch anscheinend glücklich mit Barbara verheiratet. Barbara Becker wird es dann wohl auch sein, die gewann (und leise lächelte), als ihr Mann geschlagen vom Platz ging und nun mehr Zeit für sie und die Familie haben würde. Das war im Viertelfinale. Bis dahin hatte Boris vier Matches gewonnen und dabei keinen einigen Satz abgegeben. Dann verlor er in vier Sätzen gegen Pete Sampras, die Nummer 1 und Wimbledon-Dauersieger. Wenn ich richtig rekonstruiere, wusste in dem Moment außer Barbara wohl fast niemand, dass dies Beckers letztes Wimbledon-Match war. Pete Sampras schreibt in seiner Autobiographie „A champion's mind“, Becker habe es ihm erst beim Handschlag nach dem Matchball gesagt (S. 190). Sampras sagt, er sei völlig sprachlos gewesen. Er habe absolut nicht damit gerechnet.

Dass Boris doch noch mal wieder zurückkehren würde nach Wimbledon, konnte 1997 keiner wissen. Auch nicht, dass weder Frau Becker noch Herr Becker wirklich gewannen mit dem Start ins Ehemaligendasein.

Sonntag, 11. Dezember 2011

Safin in der Duma - und Petkovic im Bundestag?

Nun ist Marat Safin also in der Duma. Was will der da eigentlich? Warum lässt man sich als ehemaliger Tennisstar ins russische Parlament wählen? Um die Welt zu verbessern oder wenigstens Russland? Um weiter in der Öffentlichkeit zu stehen? Einfach, um irgendwas zu tun zu haben? Was er bisher hat verlautbaren lassen, spricht nicht für die ganz großen politischen Visionen. Sein Programm, soweit es sich mir bislang erschlossen hat, besteht darin, dafür sorgen zu wollen, dass Sporttalente aus seinem Wahlkreis Nischni Nowgorod es leichter haben, international groß rauszukommen, ohne dafür nach Kasan oder nach Moskau gehen zu müssen.

Auch der Riesenboxer Nikolai Walujew ist jetzt Duma-Abgeordneter. In Osteuropa scheint ja gar nicht so selten zu sein, dass berühmte Sportler in die Politik gehen. Nicht immer mit demselben Erfolg wie Safin. Ilie Nastase hat erfolglos versucht, Bürgermeister von Bukarest zu werden, Vitali Klitschko hat zwei Mal erfolglos für das Bürgermeisteramt in Kiew kandidiert.

Aus Deutschland fallen mir solche Fälle spontan nicht ein. Der Hacklschorsch macht für die CSU Kommunalpolitik im Landkreis Berchtesgadener Land. Klaus Toppmöller saß mal für die SPD im Gemeinderat seines Heimatortes Rivenich in Rheinland-Pfalz. In den Bundestag hat es immerhin ein Fußball-Schiedsrichter mal geschafft: Bernd Heynemann (CDU) aus Magdeburg. Der Main-Kinzig-Kreis hatte viele Jahre lang einen ehemaligen 1500-Meter-Lauf-Olympioniken als Landrat (Karl Eyerkaufer von der SPD).

Dass einige deutsche Ex-Tennisprofis gelegentlich im Dunstkreis der FDP auftauchen, haben wir bereits anlässlich eines anderen Themas gesehen. In diesem Artikel von vor gut zwei Jahren steht auch, dass die ehemalige Weltranglisten-18. Anne Kremer für die Liberalen für das luxemburgische Parlament kandidiert hat.

Ein Fundstück aus den Tiefen der Geschichte: Der Ire John Pius Boland, 1896 erster Tennis-Olympiasieger überhaupt, zog vier Jahre später ein als „gemäßigter Befürworter der irischen Unabhängigkeit“ in das britische Unterhaus in London ein.

Pele war mal brasilianischer Sportminister. Es gibt gewiss noch viel mehr Sportler in der ganzen Welt, die Politik machen. Selbst Ailton sagte neulich, er könne sich vorstellen, Bürgermeister zu werden.

Aber zurück zum Tennis: Wer schon seit langem ganz sanft in die Politik drängt, ist unsere amtierende deutsche Nummer 1 Andrea Petkovic. „Noch weiß ich nicht ganz genau, wie mein späterer Weg in der Politik aussehen wird, von der Parteigründung bis zur Wahl als Bundeskanzlerin ist aber alles drin“, steht auf ihrer Internetseite. Dass sie sich ausgerechnet Roland Koch als Mentor gesucht hat, spricht für ernste Absichten. Das ist schließlich nicht gerade ein Mann, mit dem man sich sehen lässt, wenn man einfach nur die eigene Popularität steigern will. (Normalerweise gibt es ja für Sportler, die keine Fans und mithin keine Sponsoren verärgern wollen, überhaupt nur zwei mögliche Antworten auf die Frage nach einem Politiker, den sie schätzen: die unantastbaren Helmut Schmidt und Richard von Weizsäcker.)

Marat Safin indes unterstützt einen, gegen den Roland Koch eine lupenreine Seele hat: Safin zieht auf dem Ticket von Wladimir Putins Partei „Einiges Russland“ in die Duma ein.

Einen russischen Ex-Sportler gibt es immerhin, der sich seit Jahren gegen das System Putin stellt und damit freilich keine Chance hat, in die Duma einzuziehen: Schachlegende Gary Kasparow.

Sonntag, 4. Dezember 2011

Doppel-Teams formieren sich für Olympia

Wenn das Jahr zu Ende geht, dann herrscht Hochkonjunktur auf der ATP-Doppelpartner-Börse. Die Spezialisten versuchen, fürs neue Jahr einen möglichst starken Spieler an ihrer Seite abzukriegen. So manches bislang sehr erfolgreiches Duo wird kurz vor Weihnachten gesprengt. Partnerschaften für die Ewigkeit – wie zum Beispiel die der US-Zwillinge Bob und Mike Bryan – sind selten.

Auch in dieser Winterpause wird wieder kräftig gewechselt. Dabei gibt es eine Besonderheit: die Olympischen Spiele im Juli 2012 in London. Einige der weltbesten Doppelspieler wollen das neuen Jahr möglichst mit einem Landsmann an ihrer Seite verbringen. Denn anders als auf der ATP-Tour, wo gemischnationale Doppel ganz selbstverständlich sind, tritt bei den olympischen Spielen jeder Athlet für sein Land an.

Besonders dramatisch ist das olympische Doppel-Wechsel-dich-Spiel in Indien verlaufen. Indien ist zwar trotz seines Einwohnerreichtums keine große Sportnation. Doch zu den wenigen Disziplinen, in denen Indien ganz vorn dabei ist, gehört das Tennis-Doppel. Mahesh Bhupati und Leander Paes sind mittlerweile 37 und 38 Jahre alt – und noch immer aktiv. 2011 haben sie nach langjähriger Unterbrechung auch wieder das ganze Jahr über auf der ATP-Tour gespielt – und die Saison auf Platz 4 der Doppel-Team-Rangliste abgeschlossen. Gute Voraussetzungen also für olympisches Edelmetall also. Das sahen Bhupati und Paes wohl ebenfalls so. Allein, über den genauen Weg zur Medaille bekamen sie sich in die Haare. Paes hielt es für sinnvoll, für die ersten Monate von 2012 getrennte Wege zu gehen und sich erst in den Wochen unmittelbar vor Olympia wieder zusammenzutun. Das würde für neue positive Energie sorgen, meinte er. Bhupati hingegen wollte das ganze Jahr über mit Paes zusammen spielen, um wirklich gut eingespielt zu sein. Das Ende der Geschichte: Die beiden gehen nun tatsächlich getrennte Wege – und zwar auch bei den Olympischen Spielen. Bhupati hat sich für 2012 mit dem dritten Weltklasse-Inder zusammengetan: mit Rohan Bopanna. Mit dem will er sich nun das ganze Jahr über für Olympia einspielen.

Bopanna bildete bislang eine Hälfte des „Indopak-Express“, der mit dem Slogan „Stop War, Start Tennis“ für Aufsehen sorgte. Bopanna und der Pakistaner Aisam-ul-Haq Qureshi schlossen 2011 als fünftbestes Doppel ab. Quereshi musste sich nun notgedrungen einen anderen Partner suchen. An Olympia dachte er dabei weniger. im eigenen Land ist da nicht viel zu holen. Qureshi ist der einzige Pakistaner auf der mehr als 1600 Spieler umfassenden Weltrangliste. So schnappte er sich einen anderen Weltklasse-Doppelspieler ohne Partner aus dem eigenen Land: Jean-Julien Rojer aus Curacao in der Karibik. Rojer schloss das Jahr 2011 mit seinem US-amerikanischen Partner Eric Butorac als neuntbestes Doppel ab. Butorac hat inzwischen auch einen neuen Partner gefunden. Kein US-Boy. (Der Weg zu den Olympischen Ringen würde für ihn ohnehin hart sein. Pro Land sind nur zwei Teams zugelassen, und das dürften für die USA wohl die oben erwähnten Bryan-Brüder sein und dazu evtl. John Isner und Sam Querrey.) Butorac nahm sich einen Brasilianer: Bruno Soares. Das bisherige rein brasilianische Duo Marcelo Melo/Bruno Soares (Nummer 10 im abgelaufenen Jahr) wird sich also nicht gemeinsam auf Olympia vorbereiten. Marcelo Melo ist bisher noch ohne festen Partner für 2012.

Vielleicht tut sich Melo ja mit Lukas Kubot zusammen? Der Pole hat nämlich auch seinen Partner verloren, Oliver Marach aus Österreich. Auch Marach möchte mit einem Landsmann an seiner Seite seine Olympia-Chance nutzen: mit Alexander Peya. Der hat 2011 zusammen mit einem Deutschen gespielt: Christopher Kas und Alexander Peya schlossen das Jahr als zwölftbestes Doppel ab. Kas indes ist nicht lang allein geblieben. Er tut sich mit Santiago Gonzalez aus Mexiko zusammen. Ein solider Spieler, aber bisher ohne die ganz großen Meriten und zuletzt ohne festen Partner. Die Generalprobe Anfang November beim Masters in Paris-Bercy indes glückte: Gonzalez/Kas schlugen unter anderem die oben erwähnten Bhupati/Paes und Melo/Soares und kamen ins Halbfinale.

Bei so viel Wechselei erstaunt es, dass dann doch noch eine ganze Reihe altbekannter Doppelpartnerschafte den Jahreswechsel überdauern werden. Sechs der zehn bestplazierten Duos haben jedenfalls bislang keine Wechselabsichten verlautbaren lassen: Die Bryan-Brüder, Max Mirnyi (Weißrussland) und Daniel Nestor (Kanada), Michael Llodra (Frankreich) und Nenad Zimonjic (Serbien), Robert Lindstedt (Schweden) und Horia Tecau (Rumänien), Mariusz Fyrstenberg und Marcin Matkowski (beide Polen), und auch die amtierende US-Open-Sieger Jürgen Melzer (Österreich) und Philipp Petzschner (Deutschland). Man darf also weiter spekulieren, mit dem Petzschner bei den Olympischen Spielen antreten wird. Mit Kas? Mit Philipp Kohlschreiber? Oder am Ende mit dem derzeit besten deutschen Einzelspieler Florian Mayer (der ja in diesem Sommer erstaunlicherweise auch beachtliche Doppel-Ergbenisse ablieferte).

Die Doppel-Goldmedaille indes holen am Ende vielleicht sowieso ganz andere Leute. Wenn es olympische Ehren geht, das zeigt die Vergangenheit, können auf einmal auch die Einzel-Stars richtig gut Doppel spielen. 2008 gewannen die Schweizer Roger Federer und Stanislas Wawrinka. 2004 waren es die Chilenen Fernando Gonzalez und Nicolas Massú (die beide auch Einzelmedaillen gewannen), 1992 gewannen Boris Becker und Michael Stich.

Hier die Qualifikationsrichtlinien für die Olympischen Spiele (PDF)

Montag, 28. November 2011

Zwei Wochen weniger: Der ATP-Turnierkalender 2012

Am nächsten Wochenende ist Davis-Cup-Finale in Sevilla zwischen Spanien und Argentinien. Danach geht der Tenniszirkus für vier Wochen in die Winterpause. Am 3. Januar beginnt die Saison 2012 mit den 250er-Turnieren von Brisbane (Australien), Doha (Katar) und Chennai (Indien).

Vier Wochen ist nicht viel zum Jahresurlaub machen. Andererseits: Für die meisten Profis hat die Pause schon vor zwei Wochen nach dem Masters von Paris-Bercy angefangen. Acht Einzelspieler und vier Doppelspieler waren in dieser Woche beim Tourfinale der Allerbesten in London am Start. Und beim Davis-Cup-Finale werden auch höchstens acht Leute auf dem Platz stehen, und keiner von denen ist gezwungen, schon gleich in der ersten Januarwoche weiterzuspielen. Erster Pflichttermin 2012 ist erst der 17. Januar bei den Australian Open in Melbourne.

Man kann also durchaus unterschiedlicher Meinung darüber sein, ob die Saison zu lang ist. Zumal einige der Spieler, die nach einer längeren Pause verlangen, diese Pause dazu nutzen, hoch dotierte Schaukämpfe zu bestreiten. Die Entscheidung in diesem Streit ist längst gefallen: Die Saison nächste wird zwei Wochen kürzer sein als die vorherigen.

Werfen wir also mal einen Blick auf den Turnierkalender 2012. Die Zahl der Turniere bleibt gleich. Außerdem werden – wie alle vier Jahre – die Olympischen Spiele irgendwie in den Kalender gequetscht. Damit das hinkommt, gibt es etwas mehr Wochen, in denen zwei, drei und einmal sogar vier Turniere gleichzeitig stattfinden. Die Saison endet dann nicht erst Ende November, sondern schon Mitte November. Weil die Grand-Slam-Turniere an ihren angestammten Terminen bleiben, ist insbesondere der Herbst von den Veränderungen betroffen – alles das, was nach den US Open (29. August bis 11. September) stattfindet. Die Zeit zwischen Wimbledon und US Open ist auch eine Woche kürzer als in diesem Jahr. Das hat aber mit üblichen kalendarischen Verschiebungen zu tun und nicht mit der ATP: Das Wimbledonfinale ist stets an einem Sonntag zwischen dem 3. und 9. Juli, die US Open beginnen am letzten August-Montag. Zwischen diesen beiden Tagen liegen halt mal sieben Wochen und mal acht. Dafür gibt es dann diesmal zwei Davis-Cup-Runden im Frühjahr und keine im Sommer.

Das hier sind die Veränderungen im Einzelnen:

Das 250er-Sandplatz-Turnier von Bukarest (wo Florian Mayer in diesem September seinen ersten Titel auf der ATP-Tour holte), wechselt in den April. Da ist es grundsätzlich besser aufgehoben, weil es nun mitten in der Sandplatz-Hauptsaison liegt, in der sich die Spieler auf die French Open vorbereiten. Problem: Parallel zu Bukarest wird auch in Barcelona gespielt – um deutlich mehr Preisgeld, deutlich mehr Prestige und doppelt so viele Ranglistenpunkte. Die Rumänen werden einen schweren Stand haben, attraktive Spieler anzulocken.

Auf Bukarests September-Termin rückt das 250er-Hallenturnier von St.Petersburg, das nun parallel zum französischen Hallen-Turnier von Metz ausgetragen wird. Eingezwängt zwischen US Open, dem Davis-Cup und der Asien-Tour, die in der Woche drauf beginnt und von der Reform unberührt bleibt, ist das nicht besonders günstig. Die Spieler können nicht mehr, wie in diesem Jahr, direkt von Moskau weiterfahren nach St.Petersburg.

Der Rest der europäischen Hallen-Saison (einschließlich Moskau) geht erst drei Wochen später weiter. Das Turnier von Montpellier wechselt vom Oktober in die erste Februar-Woche. Dieser Teil der Kalenderreform hatte schon Auswirkungen auf das folgende Jahr. Dadurch, dass Montpellier und St.Petersburg ausquartiert wurden, dauert sie nur noch drei statt vier Wochen.

Und dann kommt der delikateste Teil der Reform: Das World Tour Final (WTF) in London beginnt unmittelbar nach dem letzten Masters-Turnier von Paris-Bercy. Bislang war eine Woche Pause dazwischen. Die letzten der acht für WTF qualifizierten Spieler werden also erst unmittelbar vor Beginn wissen, dass sie mitmachen dürfen. Für Paris dürfte diese Veränderung problematischer sein als für das WTF. Paris hat schon jetzt das Problem, dass einige Stars dort entweder nur mit halber Kraft spielen oder – wenn sich eine Läsur vorschützen lässt - sogar ganz absagen, um die Kräfte fürs WTF zu schonen. Das dürfte nun noch häufiger geschehen als bisher.

Nun noch ein schneller Blick auf den Juli mit den Olympischen Spielen:

Das olympische Tennisturnier wird vom 30. Juli bis zum 5. August auf dem Rasen von Wimbledon ausgetragen – drei Wochen nach dem echten Wimbledon-Finale. Die amerikanische Hartplatz-Saison geht davon unberührt einfach weiter. Das 500er-Turnier von Washington D.C. findet in derselben Woche statt wie das olympische Turnier. Das Hartplatz-Masters-Turniern von Toronto schließt unmittelbar an Olympia an. Die europäische Sandplatz-Sommertour ist auf drei Wochen zusammengestaucht. Für das 500er-Turnier am Hamburger Rothenbaum bedeutet dies: Man konkurriert im Werben um gute Spieler nicht nur mit dem Hartplatz von Atlanta, sondern auch mit dem Schweizer Sandplatz von Gstaad – der für dieselbe Zielgruppe wie Hamburg interessant sein dürfte. Hamburg hat bei diesem Wettbewerb um Spieler mehr Weltranglistenpunkte und mehr Preisgeld zu bieten, Gstaad eventuell beachtliche Antrittsprämien.

Das Stuttgarter Weissenhof-Turnier unmittelbar vor Hamburg und nach Wimbledon ist in der einzigen Woche des Jahres gelandet, in der gleich vier Veranstalter um die Gunst der Spieler werben: Neben Stuttgart sind dies Bastad (Schweden), Umag (Kroatien) und Newport (USA). Newport ist in dieser Liste ein besonders interessanter Fall.

Newport liegt kalendarisch sonst stets im Nirwana. Es ist ein Rasenturnier nach Wimbledon, wo doch Rasenturniere aus Sicht der meisten Spieler in erster Linie dazu da sind, sind auf Wimbledon vorzubereiten. Nach Newport verirren sich sonst nur echte Grasliebhaber. Es ist fast in jedem Jahr das am von der Papierform her am schlechtesten besetzte ATP-Turnier überhaupt.

Das könnte 2012 ganz anders werden. Wer sich Hoffnungen macht auf eine Olympia-Medaille, aber in Wimbledon früh ausscheidet, wird nach Newport fahren, um Spielpraxis auf Rasen zu sammeln.

Hier ein Link zum kompletten Turnierkalender

Sonntag, 20. November 2011

Ein bisschen Federer, ein bisschen Stebe, ein bisschen Raonic, ein bisschen Noah

Kann mich nicht entscheiden, worüber ich heute schreiben soll. Kein Thema aus dieser Woche entfacht in mir ein Feuer, das mich zum großen Wurf treiben könnte. Gelegenheit für einen Rundumschlag, für einen bunten Strauß von mehr oder weniger neuen Informationen und Ansichten.

Da läuft zum Beispiel seit heute das World-Tour-Finale in London. Roger Federer hat mit einem Arbeitssieg gegen Jo-Wilfried Tsonga angefangen. Rafael Nadal spielt zur Stunde gegen Mardy Fish. Novak Djokovic greift erst morgen gegen Tomas Berdych ins Geschehen ein. Wenn die großen Drei mit der Form vom Masters in Paris-Bercy vor zwei Wochen auftreten, muss wohl der gute alte Federer als Favorit gelten. Es sei denn, Andy Murray (Auftakt morgen gegen David Ferrer) legt einen Heimsieg hin.

Im Doppel sind wie immer die Bryan-Zwillinge die Favoriten. Sie starten morgen gegen Jürgen Melzer und Philipp Petzschner. Wenn Melzer denn tatsächlich spielen kann. Nach seiner Rückenverletzung glaube ich das so richtig erst, wenn er tatsächlich auf dem Platz steht und der erste Ball das Netz überquert hat.

Dann gab es ja vor dem großen World-Tour-Finale auch noch das kleine Finale, das Zweitliga-Masters mit den erfolgreichsten Challenger-Spielern des Jahres. In Sao Paolo waren, wie neulich berichtet, drei Deutsche am Start. Matthias Bachinger schied sieglos in der Vorrunde aus und ist gleich weitergeflogen zum nächsten Challenger-Turnier, das morgen in Helsinki beginnt. Andreas Beck kam ins Halbfinale, und Cedrik-Marcel Stebe hat das Turnier gewonnen. 6:2, 6:4 im Endspiel gegen Dudi Sela aus Israel. Das gibt 63.000 Euro Preisgeld und 110 Weltranglistenpunkte, was einen Platz unter den ersten 80 zur Folge hat. Stebe ist jetzt Deutschlands viertbester Tennisspieler und mithin ab sofort ein Kandidat für den Davis-Cup.

Zum ATP-Newcomer des Jahres hat es bei Stebe indes nicht gereicht. Dieser Titel, den die ATP in dieser Woche verliehen hat, ging völlig zu Recht an Milos Raonic aus Kanada. Der 20-Jährige war in der ersten Jahreshälfte schon drauf und dran, aus dem Nirgendwo schnurstracks in die Top 10 zu marschieren, bis ihn in Wimbledon eine Verletzung außer Gefecht setzte. Seit ein paar Wochen spielt er wieder. Die Ergebnisse sind noch nicht wieder ganz so atemberaubend wie im Frühjahr, aber im nächsten dürfte er wohl erneut Kurs auf die Top 10 nehmen.

Zum Abschluss hat noch Yannick Noah eine Erwähnung verdient. Mit einer Bemerkung über dopende Spanier hat er für muntere Aufregung gesorgt.

Sonntag, 13. November 2011

Saisonfazit durch die nationale Brille

Das war es also mit dem Tennisjahr 2011, jedenfalls aus deutscher Sicht auf der ATP-Tour. Vor dem Davis-Cup-Finale Anfang Dezember zwischen Spanoen und Argentinien steht noch das Tourfinale in London an. Der einzige für dieses Ereignis qualifizierte Landsmann, Philipp Petzschner, muss zu Hause bleiben, weil sein österreichischer Doppelparnter Jürgen Melzer nicht noch auf wundersame Weise von seiner Rückenverletzung genesen sollte.

Zeit also, ein Saisonfazit durch die nationale Brille zu ziehen. Wäre dies ein Frauentennis-Blog, gäbe es da einiges zu jubeln über Andrea Petkovic, Sabine Lisicki, Julia Görges und Angelique Kerber. Aber hier geht es um Männertennis, und da müssen wir derzeit etwas bescheidener sein.

Anfang des Jahren standen neun Deutsche unter den besten 100 der Weltrangliste. Vier sind es heute: Florian Mayer (22), Philipp Kohlschreiber (50), Philipp Petzschner (61) und Matthias Bachinger (93). Eine Großkrise lässt sich daraus allerdings nicht ableiten. Letztes Jahren tummelten sich ganz viele Deutsche zwischen Platz 80 und 100, jetzt stehen die meisten von ihnen zwischen Platz 100 und 120. Das ist kein besonders dramatischer Unterschied.

Nun aber ins Detail. Suchen wir nach dem Spieler des Jahres, dem Aufsteiger des Jahres, dem Absteiger des Jahres, dem Rückkehrer des Jahres, dem Turnier des Jahres und dem Match des Jahres.

Spieler des Jahres: Florian Mayer (28 Jahre, Platz 22)
Sein Aufstieg deutete sich schon gegen Ende des vergangenen Jahres an, als er in Stockholm in einem wahnsinnigen Match gegen Lokalmatador Robin Söderling gewann und erst im Finale von Roger Federer gestoppt wurde. 2011 legte Florian Mayer nach, und zwar mit einer beeindruckenden Beständigkeit in Bukarest gewann er sein erstes ATP-Turnier, nachdem er die deutsche Mannschaft schon zum Titel bei der Mannschafts-WM im Düsseldorfer Rochusclub geführt hatte. Er erreichte zwei Masters-Viertelfinals in Rom und in Schanghai, wo er sogar Rafael Nadal bezwang. Auch wenn der sportinteressierte Durchschnittsdeutsche bei seinem Namen eher an den Bundesligaschiedsricher aus Burgdorf denkt (den mit ey in der Mitte), hat sich Florian Mayer international einen guten Namen gemacht und mit seinem unkonventionellen Spiel mit Technik statt Holzhammer eine beachtliche Fangemeinde gewonnen.
Eine Erwähnung in der Kategorie Spieler des Jahres hat sich zudem Philipp Petzschner verdient. Schon allein wegen seines Doppeltitels bei den US Open. Dass trotzdem Flo Mayer die Nase vorn hat, liegt daran, dass Einzel nun einmal wichtiger als Doppel ist und dass Petzschner sich in diesem Jahr nicht noch einmal gesteigert hat (letztes Jahr gewannen Melzer/Petzschner ja schon in Wimbledon).

Aufsteiger des Jahres: Cedrik-Marcel Stebe (21 Jahre, Platz 102)
Er begann das Jahr als Nummer 375 und knackte in der voletzten Woche die Top 100, wohin er nächste Woche wieder zurückkehren dürfte, wenn er beim Challenger-Finale in Sao Paolo nicht alle seine Matches verliert. Das Jahr 2011 begann er mit einer beeindruckenden Siegesserie auf Future- und Challenger-Turnieren. Im Sommer zeigte er dann, dass er auch mit den Großen mithalten kann: Er qualifizierte sich auf Rasen für die Hauptfelder von Halle/Westfalen und Wimbledon, er kam auf Sand in Stuttgart ins Viertelfinale und in Hamburg in die dritte Runde, wobei bei zwei Mal nacheinander den russischen Altmeister Nikolai Dawidenko in die Knie zwang. Jetzt sind die Erwartungen hoch: Es wäre eine Enttäuschung, würde er sich im neuen Jahr nicht zumindest unter den Top 70 etablieren.
Eine Erwähnung in der Kategorie Aufsteiger des Jahres hat Matthias Bachinger (24) verdient, der sich im April auf leisen Pfoten in die Top 100 spielte, sich seitdem dort gehalten hat und auf ebenso leisen Pfoten mittlerweile der viertbeste Deutsche ist. Sein Sprung nach vorn war bloß nicht so gewaltig weit wie der von Stebe.

Absteiger des Jahres: Mischa Zverev (24 Jahre, Nummer 280)
Immerhin stand er heute im Endspiel des Challenger-Turniers von Genf. Er scheint also tatsächlich auf dem Wege der Besserung zu sein. Aber um in Genf überhaupt mitmachen zu können, musste er durch die Qualifikation. Vor gut einem Jahr bestritt er noch das Endspiel des ATP-250er-Turniers von Metz, vor anderthalb Jahren stand er beim Masters in Rom im Viertelfinale und knackte die Top 50. Gesundheitliche Probleme haben ihn immer wieder zurückgeworfen und wohl auch eine gewaltige Unsicherheit, mit welchem Spielstil er sich eigentlich zu behaupten versuchen sollte. Vor gar nicht allzu langer Zeit war der Netzangriff sein Markenzeichen. Das wirkte oft recht ungestüm, aber es hat funktioniert. In diesem Jahr sah er meistens kraft- und ideenlos aus.
Eine Erwähnung in der Kategorie Absteiger des Jahres könnte man vielleicht noch Tobias Kamke zumuten, aber nur, weil er im Vorjahr so enorm hochgejazzt wurde. Aus für mich nach wie vor unerklärlichen Gründen machte die ATP ihn zum Newcomer des Jahres 2010 (also, weltweit! Als deutschen Newcomer hätte ich es ja noch verstanden). Er schloss das vergangene Jahr als Nummer 67 ab, was für ihn relativ schmeichelhaft war. Jetzt ist er Nummer 108. Das ist etwas schlechter als seine tatsächliche Spielstärke, ein dramatischer Absturz ist es bei Lichte betrachtet nicht.

Rückkehrer des Jahres: Alexander Waske (36 Jahre, Nummer 130 im Doppel)
Ganz ehrlich: Diesen Herrn hatte ich nicht mehr auf der Rechnung. Seit dem Davis-Cup-Halbfinale in Russland 2007 laborierte er an seinem kaputten Arm. Comeback-Versuche waren nie von langer Dauer, und er wurde ja auch nicht jünger in den vier Jahren seither. Aber seit diesem Sommer ist er im Doppel wieder voll dabei. Im September in Bangkok erreichte er zusammen mit Michael Kohlmann das Endspiel eines 250er-Turniers.
Eine Erwähnung in dieser Kategorie hat natürlich Tommy Haas verdient, der nur ganz knapp hinter Waske auf Platz zwei landet. Seine Pause war halt nicht so lang wie die von Waske, und ein Endspiel hat Tommy Haas in diesem Jahr auch noch nicht erreicht. Anders als noch vor wenigen Monaten, kann ich mir inzwischen aber vorstellen, dass ihm das 2012 bei irgendeinem eher unbedeutenden 250er-Turnier tatsächlich noch einmal gelingt.

Turnier des Jahres: World Team Cup in Düsseldorf
Zugegeben: Diese Veranstaltung ist nur noch ein Schatten ihrer selbst. Aber dass sie überhaupt stattfand, nachdem der langjährige Hauptsponsor abgesprungen war und die Organisatoren sie schon längst beerdigt hatten, ist eine spektakuläre Sache.

Match des Jahres: Philipp Kohlschreiber – Philipp Petzschner 7:6, 2:0, Aufgabe
Gut, das Ergebnis mit einer verletzungsbedingten Aufgabe ist nicht gerade das, was man sich von einem Match des Jahres vorstellt. Aber es war in Halle/Westfalen das erste rein deutsche Finale bei einem deutschen ATP-Turnier seit fast 40 Jahren. Das allein ist eine Würdigung an dieser Stelle wert.

Sonntag, 6. November 2011

Über Südtirol nach Australien: Benjamin Becker kommt zurück

Erinnert sich noch jemand an Benjamin Becker? Man hat lange nichts gehört von dem Mann aus dem Saarland, dem sein Nachname eine gewisse Bekanntheit über den Kreis der Hardcore-Tennisfreunde hinaus beschert hat. An diesem Wochenende hat er sich auf den Weg nach Gröden in Südtirol gemacht, um zum ersten Mal seit mehr als einem halben Jahr wieder an einem Tennisturnier teilzunehmen.

Sein Ellenbogen war kaputt und ist zwei Mal operiert worden. B. Becker dachte zwischenzeitlich darüber nach, seine Profi-Laufbahn zu beenden und in Amerika sein Studium der Wirtschaftswissenschaften abzuschließen.

Becker ist im Sommer 30 geworden, und sowas ist ja, wie man so schön sagt, kein Alter mehr heutzutage. Ich traue ihm durchaus zu, dass er noch mal wieder zurückkehrt in die Top 100. Dort stand er in den vergangenen fünf Jahren nahezu durchgehend, wenn man mal vom Jahr 2008 absieht, als er auch schon Probleme im Arm hatte.

Wie schon 2008, biss er Anfang des Jahres monatelang die Zähne zusammen und spielte trotz Schmerzen einfach weiter – mit möglichst viel Slice, da brauchte er nicht so viel Kraft im Arm. Nüchtern betrachtet ist das kein besonders kluges Vorgehen. Aber als Tennisspieler denkt man Woche für Woche daran, wie viele Weltranglistenpunkte man verteidigen muss. Dass Benjamin Becker da nicht anders denkt, erzählte er zum Beispiel beim Challenger-Turnier in Heilbronn 2009.

Damals wollte er eine Operation um jeden Preis vermeiden, was auch klappte. Diesmal ging es irgendwann nicht mehr. Ende April legte er, um den schmerzenden Ellenbogen zu schonen, eine Pause ein, die eigentlich vier Wochen später zu den French Open vorüber sein sollte. Aber dann fiel für ihn auch noch der Juni aus, mit der Rasensaison, in der er - wie viele andere Deutsche auch – stets besonders stark ist. Ende Juni dann in Heidelberg die erste Operation, die einen Knorpelschaden im Ellenbogen beheben sollte. Aber die Schmerzen gingen nicht weg. Im August ließ er sich dann, wie er jetzt der Saarbrücker Zeitung erzählte, in Florida untersuchen, wo ein kleiner Spalt in einem Knochen festgestellt und dann – die zweite Operation – ein Teil der Trizepssehne entfernt wurde.

Zu dem Zeitpunkt sah es so aus, als würde Becker in diesem Jahr nicht mehr zurückkehren auf den Tenniszirkus. „Da die Turnierserie im November endet, kann man davon ausgehen, dass Benjamin erst wieder im Januar auf die Tour zurückkehrt“, stand Ende August auf seiner Internetseite.

Aber jetzt geht wohl doch noch was. Für das Challenger-Turnier in Eckental in der gerade abgelaufenen Woche hatte er gemeldet, die Teilnahme dann aber doch noch kurzfristig abgesagt. Nun soll es also in der kommenden Woche in Gröden losgehen. Er sagt, er sei immer noch nicht ganz schmerzfrei, will aber unbedingt Spielpraxis sammeln, bevor im Januar die neue Saison in Australien die neue Saison losgeht.

Obwohl er seit April kein Tunrier mehr gespielt hat, steht er in der Weltrangliste immer noch auf Platz 254, was, wenn auch knapp, für einen Platz im Hauptfeld von Gröden reicht. Für die Australian Open reicht das natürlich nicht. Aber seine Pause war lang genug für das so genannte „Protected Ranking“, das ein paar Turniere lang nutzen darf, wer mehr als ein halbes Jahr verletzungsbedingt gefehlt hat. Das „Protected Ranking“ ist die durchschnittliche Ranglistenplatzierung aus den ersten Wochen nach Beginn der Verletzungspause. Für Benjamin Becker bedeutet das: Nr. 80. Das reicht für die Grand-Slam-Turniere und für die meisten kleineren ATP-Turniere der 250er-Kategorie. Gute Ausgangsbedingungen also für einen Comeback-Versuch.

Hier die Auslosung für das Challenger in St. Ulrich in Gröden. Im Viertelfinale könnte Benjamin Becker auf den topgesetzten Philipp Petzschner treffen. Das wäre ein echter Härtetest.

Montag, 31. Oktober 2011

Challenger-Tourfinale mit einem Geisterfahrer namens Bellucci

Voriges Jahr im August machte ich mir mal den Spaß, eine Eine Challenger-Weltrangliste aufzustellen. Eine Rangliste also, die Aufschluss darüber gibt, welche Spieler in der zweiten Liga des Profizirkus am erfolgreichsten sind. Die Spanier Pere Riba und Ruben Ramirez-Hidalgo führten damals vor Alexander Dolgopolow aus der Ukraine.

Aus Spaß ist Ernst geworden. Inzwischen führt die ATP eine solche Rangliste ganz offiziell – und das aus einem guten Grunde. In zwei Wochen beginnt in Brasilien das erste „Challenger Tour Finals“. Es funktioniert fast genau wie das große „World Tour Finals“ (dem ehemaligen Masters-Finale) in London, nur dass halt statt Novak Djokovic, Rafael Nadal und Roger Federer Leute antreten, von denen der Gelegenheitsfan bis dato nichts gehört hat und dass deutlich weniger Preisgeld und deutlich weniger Weltranglistenpunkte verteilt werden. Wie beim großen Masters-Finale spielen die acht besten Spieler des abgelaufenen Jahres in zwei Vierergruppen, deren Erst- und Zweitplatzierte dann im Halbfinale die beiden Endspielteilnehmer ermitteln.

Ein feiner Unterschied: Anders als beim großen Masters-Finale sind auch Deutsche qualifiziert, und zwar gleich drei Stück: Matthias Bachinger (Nr. 90), Cedrik-Marcel Stebe (Nr. 99) und Andreas Beck (Nr. 110). Ein Grund mehr, mal einen genaueren Blick auf die Veranstaltung zu werfen, die vom 14. bis zum 20. November auf Hartplatz in einer Halle in Sao Paolo ausgetragen wird.

Es geht um ein Gesamt-Preisgeld von 220.000 Dollar (155.500 Euro). Das ist deutlich mehr, als es sonst bei Challenger-Turnieren zu gewinnen gibt, aber deutlich weniger als bei Turnieren der ATP-World Tour. Weil nicht 32 Spieler am Start sind wie bei normalen Challengern, sondern lediglich acht, bleibt für jeden Starter ein ganz erkleckliches Sümmchen. Der Gesamtsieger bekommt, sofern er alle Vorrundenmatches gewinnt, 91.000 Dollar. Das ist mehr als das Mindest-Preisgeld für einen Sieg bei einem Turnier 250er-Turnier der World Tour. Allein für die Teilnahme gibt es 6.300 Dollar. Auch das ist mehr, als für man als Erstrundenverlierer eines kleinen 250er-Turniers bekommt.

Bei den Weltranglistenpunkten kann das Challenger-Finale mit den 250er-Turnieren indes nicht mithalten. Der Sieger bekommt höchsten 125 Punkte, also die Hälfte dessen, was es bei einem 250er-Turnier gibt. Das ist so viel, wie es auch bei den höchstdotierten normalen Challengern für den Titel gibt. Für jeden Vorrundensieg gibt es 15 Punkte, für einen Sieg im Halbfinale zusätzlich 30 und für einen Finalsieg weitere 50 Punkte.

Ein paar Unterschiede zum echten World-Tour-Finale gibt es in der Art und Weise, wie die Teilnehmer des Challenger-Finals ermittelt werden. Gewertet werden die zehn besten Challenger-Resultate des Jahres bis vier Wochen vor Beginn des Challenger-Finals. Das Challenger-Finale selbst findet nicht wie das große Finale nach Abschluss der gesamten Saison statt, sondern in der vorletzten Woche (eine Woche vor dem großen World-Tour Finale), während parallel noch weitere Challenger-Turniere stattfinden – darunter das traditionell sehr stark besetzte in Bratislava.

Schaut man sich die ATP-Challenger-Rangliste an, stellt man fest, dass nicht alle Spieler, die für das Challenger-Finale qualifiziert sind, die Reise nach Südamerika tatsächlich auf sich nehmen wollen. Einige bleiben lieber in Europa. Lukas Rosol (Tschechien) und Denis Istomin (Usbekistan) zum Beispiel, die Nummern 4 und 6 der Challenger-Rangliste, spielen lieber das besagte Turnier in Bratislava.

Folgende acht Spieler gehen in Sao Paolo an den Start:

1 Rui Machado (Portugal/Nr. 77/Nr. 1 der Challenger-Rangliste)
2 Martin Klizan (Slowakei/92/3)
3 Andreas Beck (Deutschland/110/5)
4 Matthias Bachinger (Deutschland/90/6)
5 Dudi Sela (Israel/91/9)
6 Bobby Reynolds (USA/120/11)
7 Cedrik-Marcel Stebe (Deutschland/99/12)
8 Thomaz Bellucci (Brasilien/38/-)

Aufmerksamen Lesern wird auffallen: Einer dieser Spieler passt nicht zu den anderen. Thomaz Bellucci. Nummer 38 der Welt. Er hat in diesem Jahr kein einziges Challenger-Turnier bestritten. Warum sollte er auch? Er ist ein etablierter Spieler auf der ATP-World-Tour. Anders als beim echten World-Tour-Finale sind beim Challenger-Finale nicht die besten acht Spieler qualifiziert, sondern die besten sieben. Der achte Platz wird über eine Wild Card vergeben. Das wäre sinnvoll, hätten sich die brasilianischen Organisatoren für einen Landsmann wie Rogerio Dutra Silva oder Ricardo Mello – Leute, mit denen das Publikum mitfiebern kann und die in diesem Jahr auf der Challenger-Tour tatsächlich ein bisschen was gerissen haben. Stattdessen nahmen sie Thomaz Bellucci. Den mit Abstand besten und populärsten Tennisspieler Brasiliens. Das wird sicher ein paar Zuschauer mehr in die Halle locken. Aber der Knackpunkt ist doch: Bellucci ist zwar Sandplatzspezialist, aber auf Hartplatz immer noch stark genug, um eine sehr gute Chance auf den Titel beim Challenger-Finale zu haben. Wenn aber ein Spieler das Finalturnier der besten Challenger-Spieler gewinnt, der im ganzen Jahr kein einziges Challenger-Turnier bestritten hat, dann wird diese Veranstaltung – dessen Idee ich im Prinzip großartig finde - gleich bei ihrer ersten Auflage zur Farce.

Hier die Challenger-Rangliste für 2011

Hier die offizielle Webseite des Challenger-Finals

Sonntag, 23. Oktober 2011

Respekt für Thomas Muster

Also, ein bisschen albern war es ja schon, was sich Thomas Muster vor bald anderthalb Jahren ausgedacht hat: Mit fast 43 Jahren einfach noch mal zurückzukehren auf den Tenniszirkus. Seither hat er 20 Matches auf der Challengertour verloren und drei auf der ATP-World-Tour (eins davon in der Qualifikation) – aber immerhin zwei Challenger-Matches hat er gewonnen.

In der kommenden Woche tritt der ehemalige Weltranglistenerste aus der Steiermark beim 250er-Turnier in der Wiener Stadthalle an. Und diesmal soll es tatsächlich sein letzter Auftritt auf der großen Tennisbühne sein. Zeit also, ein Fazit seiner zweiten Karriere zu ziehen. Das Fazit lautet: Respekt! Das war eine reife Leistung. Auch wenn er die meisten Matches verloren hat, und viele davon klar, hat er gezeigt, dass er als Mittvierziger besser mit den jungen Hüpfern mithalten kann, als man im Voraus hätte erwarten können. Auch wenn es schade sein mag, dass er rund zwei Dutzend Wild Cards verbraucht hat, die aufstrebende Talente besser hätten gebrauchen können, war es eine starke Show, die das Herrentennis 2010 und 2011 um ein kurioses Detail bereichert hat.

Er ist in manchen Spielen baden gegangen, aber ein 0:6, 1:6 gab es nie. Er hat immer mindestens drei Spiele gewonnen. Der Mann hat wirklich noch richtig Power – und er hat Puste! Vor wenigen Wochen in Todi (Italien) schlug er Leonardo Mayer (Argentinien, seinerzeit Nr. 119) in einem Dreisatz-Match, das über zwei Stunden dauerte.

Wie viel Respekt sich Muster erspielt hat, sieht man an den Wettquoten für sein Erstrundenmatch in Wien. Ich habe vorhin bei Bwin, nachgesehen. Sein Gegner Dominic Thiem wird als Favorit gehandelt, aber nur ganz leicht. Reich wird man nicht, wenn man auf Muster tippt und damit richtig liegt. Nun liegt Thiem (Nr. 1897) in der aktuellen Weltrangliste sogar noch hinter Muster (Nr. 1073), aber das liegt nur daran, dass der 18-jährige Nachwuchs-Ösi auf der Erwachsenentour noch nicht viele Matches bestritten hat. Neulich in Bangkok verlor Thiem gegen Jarkko Nieminen – immerhin heute Endspielteilnehmer beim 250er-Turnier in Stockholm – erst mit 5:7 im dritten Satz. Doch in der ausverkauften Wiener Stadthalle gegen die größte Tennislegende der Nation dürfte es nicht einfach werden für Thiem. Wäre nicht uncool, wenn Thomas Muster zum Abschied tatsächlich noch mal ein Match auf der ATP-World-Tour gewönne. In der zweiten Runde wartet dann eventuell Nikolai Dawidenko (Russland/Nr. 38) – und wenn der spielt, weiß man ja vorher nie, wie es ausgeht.

Seltsam freilich, dass Muster in Runde 1 ausgerechnet gegen den nominell schwächsten Gegner des Tableaus gelost wird. Man mag sich da in die jüngsten Spekulationen um gezinkte Auslosungen erinnern. Aber hier scheint tatsächlich alles mit rechten Dingen zugegangen zu sein. Die Auslosung war öffentlich und mit Jürgen Melzer als Glücksfee. Manipulation wäre da ausgesprochen aufwendig gewesen.

Thomas Muster verabschiedet sich in Wien offiziell nur von der ganz großen Tennis-Bühne. Danach wird er mindestens noch ein Challenger-Turnier bestreiten, nämlich in Salzburg (14. bis 20. November). Ob danach wirklich Schluss ist? Skepsis ist angebracht. Neulich sagte er, er habe seiner Frau versprochen, mit 45 Jahren nicht mehr ständig zu Tennisturnieren zu reisen. Bis zum 2. Oktober 2012 ist Thomas Muster noch 44.

Hier die Auslosung vom ATP-Turnier in der Wiener Stadthalle

Sonntag, 16. Oktober 2011

Rafael Nadal auf dem Weg ins deutsche Steuerparadies

Philipp Kohlschreiber gegen Philipp Petzschner – in Halle/Westfalen gab es in diesem Jahr das erste rein deutsche Endspiel eines deutschen ATP-Turniers seit 38 Jahren. Wenn alles glatt geht, sind die Chancen auf eine Wiederholung im kommenden Jahr eher mau. Denn wenn alles glatt geht, dann gehen 2012 in Halle Rafael Nadal und Roger Federer als die haushohen Favoriten ins Turnier.

Man spricht von einer Million Euro, die die Veranstalter der „Gerry Weber Open“ an Nadal zahlen, damit er in NRW auftritt und nicht, wie in den vergangenen Jahren, im Londoner Queen's Club. Eine Million – das ist ungefähr das Gesamtpreisgeld, das am Hamburger Rothenbaum gezahlt wird, was offiziell noch immer das größte deutsche Tennisturnier ist und wo es nach wie vor doppelt so viele Weltranglistenpunkte gibt wie in Halle.

Roger Federer hat längst einen Dauervertrag mit den „Gerry Weber Open“, der auch nicht gerade niedrig dotiert sein dürfte. Allerdings kam es in diesem Jahr nicht zum ersten Mal vor, dass Federer kurzfristig absagte, weil er am Sonntag vor Turnierbeginn ein kraftraubendes French-Open-Finale zu bestreiten hatte. So etwas kann mit Nadal freilich ebenfalls geschehen. Einmal in seiner Karriere war Nadal schon in Halle. Das war 2005 unmittelbar nach seinem ersten French-Open-Sieg. Er kam ausgelaugt an und verlor gleich in Runde 1 gegen Alexander Waske.

Der Nadal-Deal dürfte als Haller Sicht dazu dienen, dafür zu sorgen, dass wenigstens einer der ganz großen Stars nach NRW kommt. Richtig problematisch wird es dann erst, wenn Nadal und Federer wieder im Endspiel von Paris aufeinandertreffen sollten, wie in diesem Jahr geschehen. Aber da mag Novak Djokovic vor sein, der – soviel man bisher weiß, seine Wimbledon-Vorbereitung weiterhin – wenn überhaupt - im Londoner Queen's Club zu beginnen beabsichtigt. Aber auch er hat die Woche nach den French Open in den vergangenen Jahren gelegentlich ausfallen lassen. Der einzige Topstar, auf den man sich im Queen's Club noch verlassen kann, ist mithin der britische neue Weltranglistendritte Andy Murray, dem auch kaum was anderes übrig bleibt, will er als Schotte in England nicht völlig untendurch sein.

Halle könnte damit dem Queen's Club den Rang als wichtigstes Rasenturnier nach Wimbledon ablaufen. Das Brisante daran ist Rafael Nadals Begründung, warum er lieber in Deutschland spielt als in Großbritannien: In Deutschland zahlt er weniger Steuern, und zwar nach seinen Berechnungen (oder vermutlich den Berechnungen seines Management) deutlich weniger. In Großbritannien nämlich müssen Sportler neuerdings nicht nur 50 Prozent ihres Preisgelds/Gehalts abführen, sondern auch 50 Prozent aller Sponsorengelder, die sie einnehmen, während sie sich im Vereinigten Königreich befinden. Dabei wird offenbar einfach pro Tag ein 365stel (oder – 2012 ist ein Schaltjahr – ein 366stel) der jährlichen Sponsoreneinnahmen als Basis genommen. Laut Nadal könnte er deshalb, wenn ihm im Queen's Club ein ähnliches Schicksal ereilt wie 2005 in Halle gegen Alexander Waske, am Ende mehr Steuern zahlen müssen, als er bei diesem Turnier an Preisgeld gewinnt. Diese Regelung ist noch von der im vergangenen Jahr abgewählten Labour-Regierung eingeführt worden. Möglich, dass die Sportler jetzt darauf setzen, dass die konservativ-liberale Koalition sie wieder kassiert. Angesichts des radikalen Sparkurses, den die britische Regierung derzeit fährt, wäre das allerdings eine seltsame Entscheidung.

Als ich von dieser Geschichte hörte, dachte ich an die Fifa und ihr Prinzip, Fußball-Weltmeisterschaften nur dort auszutragen, wo man ihr Steuerfreiheit gewährt, was so gut wie jedes Land bereitwillig tut. Für die WM 2006 war es offenbar – es muss 1998 oder 1999 gewesen sein, der damalige Bundesfinanzminister Oskar Lafontaine, der den Milliarderos aus Zürich dieses Privileg gewährte.

Gegenüber Rafael Nadal wird man vermutlich nicht ganz so großzügig sein wie gegenüber Sepp Blatter. Aber so ganz absurd ist es nicht, dass ein internationaler Niedrigsteuerwettbewerb um die größten Sportstars eintritt. Die britische Sportlerbesteuerung jedenfalls hat auch schon Widerstand aus der Fußball-Premier-League hervorgerufen, wo man über bedrohliche Wettbewerbsnachrichten sinniert.

Eines aber scheint mit gewiss, und das ist die gute Nachricht: Der All England Lawn Tennis Club wird für keine Steuerersparnis der Welt von Wimbledon aufs Festland umziehen. Und Rafael Nadal wird nicht wegen der Steuer auf Wimbledon verzichten.

Sonntag, 9. Oktober 2011

Wer schafft es nach London?

Wieder einmal neigt sich eine Saison mit aller Macht dem Ende entgegen. Wieder einmal ist es höchste Zeit, einen Blick darauf zu werfen, welche acht Spieler wohl ab dem 20. November am großen Finale in London (WTF) teilnehmen werden. Das ist nicht mehr lange hin, aber es sind noch eine ganze Reihe Punkte zu vergeben. Heute beginnt das Masters in Schanghai, es folgen zwei Wochen mit 250er-Turnieren, die für die höheren Sphären der Rangliste, um die es hier geht, von nur nachrangiger Bedeutung sind, aber dann kommen noch parallel die 500er-Turniere von Basel und Valencia und zum Abschluss das Masters von Paris-Bercy.

Das hier ist der aktuelle Stand des „ATP-Year-To-Date-Ranking“:
http://www.atpworldtour.com/Rankings/YTD-Singles.aspx

Diese Liste entspricht der Weltrangliste ohne die Punkte, die die Spieler noch aus dem Herbst des vergangenen Jahres auf ihrem Konto haben und die sie also bis zur Entscheidung um die Teilnahme am WTF einbüßen werden. Novak Djokovic, Rafael Nadal und Andy Murray sind bereits qualifiziert. Auch Roger Federers Vorsprung auf Platz 9 ist so groß, dass er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in London spielen darf, selbst wenn er bis dahin kein einziges Match mehr gewinnen sollte. Auch um David Ferrer auf Platz 5 muss man sich wohl keine Sorgen machen. (Es sei denn, man findet, wofür es Gründe gibt, seine Spielweise so öde, dass man ihn lieber nicht dabei hätte in London. Dann in der Tat müsste man sich sehr, sehr große Sorgen machen.)

Es folgen auf den Plätzen 6 bis 8 Jo-Wilfried Tsonga (ab morgen 2870 Punkte), Mardy Fish (2865) und Tomas Berdych (2530). Ich glaube, damit haben wir die Teilnehmer des Tourfinales tatsächlich bereits zusammen. Von Nicolas Almagro auf Platz 9 (2280) wird wird während der europäischen Hallensaison nicht viel zu erwarten sein – außer vielleicht daheim in Valencia, aber das wird nicht reichen, denn Tsonga, Fish und Berdych sehen nicht so aus, als würden sie großartig zu schwächeln beginnen in den kommenden Wochen. Auf Platz 10 folgt Robin Söderling (2080), der im Moment sein Pfeiffersches Drüsenfieber auskuriert und möglicherweise bis Ende der Saison überhaupt nicht mehr auf die Tour zurückkehrt. Gefahr für die Top 8 droht, wenn überhaupt, höchstens noch von den Plätzen 11 und 12. Gilles Simon (2065) und Juan Martin del Potro (2050) haben allerdings schon fast 500 Punkte Rückstand auf Berdych. Wenn aber einer der beiden einen Masters-Titel holt, ist das ganz fix aufgeholt. Del Potro lässt in dieser Woche Schanghai ausfallen, was aber wohl nicht an einer ernsthaften Verletzung liegt, sondern daran, dass er eine Erholungspause braucht. Wenn er danach wieder zu der Form zurückfindet, die er im Frühjahr hatte, können wir von ihm noch einiges erwarten. Gilles Simon habe ich vor allem deshalb auf der Rechnung, weil ich vor drei Jahren schon einmal einen Final-Ausblick geschrieben habe – und schrieb: „Unter den ersten acht kann ich mir Gilles Simon beim besten Willen nicht vorstellen.“ Am Ende war er Achter. Geschichte wiederholt sich manchmal, also bin ich vorsichtig. Dafür kann ich mir diesmal Janko Tipsarevic (2030 Punkte) beim besten Willen nicht unter den ersten acht vorstellen.

Sonntag, 2. Oktober 2011

Betrachtungen zu Mayer, Petzschner, Williams, Kerber und del Potro

Vier Wochen Pause, und es ist so viel passiert, worüber ich hätte schreiben können. Jetzt muss ich mich langsam erst wieder herantasten an die Materie. Beginnen wir also heute mit einem bunten Strauß von Themen, einem Potpourri, einer Tour d'Horizon, einem Festival der oberflächlichen Kurzbetrachtung und starten wir mit einer Doppelexkursion ins Frauentennis.

Da gab es nämlich in den vergangenen vier Wochen zwei Nachrichten, die mich beschäftigt haben. Zum ersten natürlich das US-Open-Halbfinale von Angelique Kerber aus Kiel. Dass eine Weltranglisten-91. bei einem Grand-Slam-Turnier einen solchen Erfolg feiert, ist fast unfassbar – aber auch nicht völlig einmalig. In mir kam eine Jugenderinnerung an Claudia Porwik hoch. Als 21-Jährige bei den Australian Open 1990 kam sie als ungefähr Siebzigste oder Achtzigste der Weltrangliste ins Halbfinale. Danach ist ihr nichts annähernd Vergleichbares mehr gelungen, und ein Jahr drauf stand sie wieder genau da, wo sie vor ihrem Sensationshalbfinale war. Im Moment scheint es mir, Angelique Kerber wird stabilere Leistungen bringen als Claudia Porwik. Aber eine weitergehende Prognose wage ich nicht abzugeben.

Das zweite Thema aus dem Frauentennis betrifft Venus Williams, die zu ihrem Zweitrundenspiel bei den US Open gegen Sabine Lisicki nicht angetreten ist und wenig später den Grund nannte, der wohl auch der Grund für zahlreiche andere Spielabsagen in diesem Jahr war: Sie leidet am Sjögren-Syndrom. Als sie das bekanntgab, sagte sie auch, dass sie Kampf gegen die Krankheit aufnehmen wird und so bald wie möglich auf den Tennisplatz zurückkehren will. Diese Reaktion entspricht ihrem Wesen. Sie ist eine Kämpfernatur, wie man sie sein muss, wenn man im Profisport oben mitspielen will. Aber wer sich etwas mit dem Sjögren-Syndrom beschäftigt hat, der weiß: Sie hat keine Chance. Wenn die Diagnose stimmt, ist ihre Karriere vorbei. Es gibt bisher keine Therapie gegen diese Krankheit, die ihr dazu verhelfen könnte, wieder Leistungssport zu betreiben. Und was noch tragischer ist: Die Krankheit wird sie auch im Alltag einschränken.

Aber jetzt zu einem angenehmeren Thema. Philipp Petzschner und Jürgen Melzer. Über das deutsch-österreichische Doppel durften wir schon vor gut einem Jahr jubeln, als es in Wimbledon den Titel holte. Es deutete sich damals schon an, dass der Erfolg keine Eintagsfliege bleiben würde. Jetzt ist der Beweis erbracht: Bei den US Open holten die beiden bereits ihren zweiten Grand-Slam-Titel und sind damit zudem zum zweiten Mal in Folge für das Tourfinale der besten acht Doppel im November in London qualifiziert. Ich habe mich ja längst einigermaßen damit arrangiert, dass Tennis in Deutschland nur sporadisch von der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen wird, aber das vermutlich immer noch die überwiegende Mehrheit meiner Landsleute nicht weiß, wer Philipp Petzschner ist – geschweige denn, dass er ein doppelter Grand-Slam-Gewinner ist – das wurmt mich schon irgendwie. Es ist in den vergangenen Jahren nicht sehr vielen Spielern gelungen, im Einzel auf der ATP-Tour mitzuhalten und gleichzeitig konstant große Siege im Doppel einzufahren. Das sind Melzer/Petzschner eine Ausnahmeerscheinung. Aus Deutschland kann mit Petzschners Erfolgen allerhöchstens noch Michael Stich mithalten, der 1992 mit John McEnroe Wimbledon gewann und mit Boris Becker die Olympischen Spiele.

Viertes und letztes Thema: Burn-out. Das große Tabuthema, über das Fußballdeutschland dank Ralf Rangnick in den letzten Wochen tabulos geredet hat. Natürlich gibt es Burn-outs, auch Depressionen genannt, auch im Tennis. Das bekannteste Beispiel aus Deutschland ist Florian Mayer, unsere aktuelle Nummer 1 und der beeindruckende Beweis dafür, dass man, wenn man sein Burn-out überwunden hat, hinterher stärker – vor allem auch psychisch stärker – sein kann als vorher. Letzte Woche gewann er in Bukarest sein erstes ATP-Turnier, was nach vier Finalteilnahmen höchste Zeit war. Flo Mayer hat sein Burn-out übrigens nicht tabuisiert. Schon 2008, als er es gerade überwunden hatte, aber noch nicht wieder angefangen hatte, Turniere zu spielen, sprach er darüber relativ offen, auch wenn das Wort Burn-out noch nicht fiel. Immer wieder mal, wie zum Beipsiel hier im Januar 2010, kamen Medien darauf zu sprechen. Die "Bild" machte daraus dann vor ein paar Wochen eine Enthüllung.

Ein Burn-out sollte man wohl betrachten wie eine ganz normale Verletzung. Auch wenn ich mich außerstande sehe, kompetente Ursachenforschung zu betreiben, drängen sich die Parallelen auf: So wie Knie oder Ellenbogen unter starker Belastung irgendwann schlapp machen, kann es auch der Psyche gehen. Allerdings konnte Florian Mayer vor drei Jahren nicht einfach zur ATP gehen und sich für ein halbes Jahr wegen Burn-out krank melden. Dazu brauchte er eine andere, körperliche Verletzung. In seinem Fall war es eine Fingeroperation. Im Fall von Juan Martin del Potro, dem argentinischen US-Open-Sieger von 2009, war es ähnlich. Er hatte wohl wirklich ein lädiertes Handgelenk, das dann auch der offizielle Grund dafür war, dass er 2010 fast komplett ausgesetzt hat. Doch deutet einiges darauf hin, dass auch er einen Burn-out hatte.

Montag, 5. September 2011

Das langsame Karriereende von Tommy Haas - Teil 3

In den letzten zwei Jahren habe ich zwei Tennisspieler-Autobiographien gelesen: „Open“ von Andre Agassi und „A Champion's Mind“ von Pete Sampras. Die beiden Dauerrivalen waren sehr unterschiedliche Charaktere, und auch ich Bücher sind sehr unterschiedlich. Zu Dingen, die ich aus beiden Büchern gleichermaßen gelernt habe, zählt: Wie schwierig es für einen Profisportler ist, seine Karriere zu beenden. Dass man mit Mitte 30 begreifen muss, dass die große Zeit vorbei ist und dass man – wenn man nicht gerade Franz Beckenbauer ist – vermutlich nie wieder beruflich so erfolgreich sein wird, wie man es in ganz jungen Jahren war.

Als Außenstehender dachte ich: Nach dem Ende der Sportlerlaufbahn geht man mit Neugierde und einem gewissen Tatendrang den neuen Lebensabschnitt an. Schließlich ist man noch jung genug, etwas völlig Neues anzufangen. Es gibt gewiss Sportler, die diese Neugierde und diesen Tatendrang haben. Viele aber, scheint mir, fürchten sich vor dem Karriereende fast wie vor dem Tod. Pete Sampras nahm es Journalisten persönlich übel, wenn die ihn auf Pressekonferenzen fragten, ob er ans Aufhören denke. Erstaunlich, dass Sampras dennoch eines der gelungenste Karriereenden der jüngeren Sportgeschichte hingelegt hat: Sein letztes Profimatch war ein Grand-Slam-Endspiel – und er hat es gewonnen. Vor genau neun Jahren bei den US Open. Das aber war eine schwere Geburt. Erst ein Jahr später hat Sampras sein Karriereende offiziell verkündet. Vielen war da längst klar, dass er nicht wieder zurückkommen würde auf die Tour. Er selbt hat aber anscheinend tatsächlich dieses ganze Jahr gebraucht, um es zu begreifen.

So. Das war eine lange Einleitung. Jetzt kommen wir zu Tommy Haas. Mein erster Blogpost mit dem Titel „Das langsame Karriereende von Tommy Haas“ ist schon fast drei Jahre her. Dass es soo langsam gehen würde, hatte ich nicht gedacht. Es folgte 2009 ein Wimbledon-Halbfinale und 2010 „Das langsame Karriereende von Tommy Haas – Teil 2“.

Jetzt ist die Zeit für Teil 3 gekommen. Haas spricht davon, dass diese US Open seine letzten gewesen sein könnten. Aber so spricht er schon seit Jahren. Während jeder Verletzungspause – und er war oft und lange verletzt – sagt er, er wisse nicht, ob er zurückkehren werde auf die ATP-Tour. Aber er schafft es immer – und das mit erstaunlichen Erfolgen. 2009, nach seinem Wimbledon-Halbfinale kehrte er sogar noch einmal unter die ersten 20 der Weltrangliste zurück. Seine Comeback-Tour 2011 schien sich in den vergangenen Monaten zu einem Reinfall zu entwickeln. Aber spätestens mit den US Open, bei denen er in dieser Woche die dritte Runde erreichte, hat er noch einmal ein Leistungsniveau erreicht, das allemal ausreicht, um auf der ATP-Tour mitzuhalten. Aber lohnt sich das noch?

Bei Rainer Schüttler, der noch ein Jahr älter ist als Haas, denke ich mir: Soll er doch spielen, solange es ihm Spaß macht. Er schafft es noch immer, zumindest Challenger-Turniere zu gewinnen – zum Beispiel letzte Woche in Astana (Kasachstan). Längere Verletzungspausen hatte er bislang nicht. Sein Körper scheint also mitzumachen. Den Spott, der sich in manchen Foren über ihn ergießt, wenn er wieder einmal irgendwo in der ersten Runde ausgeschieden ist, finde ich billig.

Das ist bei Tommy Haas anders. Er, scheint mir, zählt zu den Veteranen, denen jeder einzelne Muskel schmerzt und die mühsam für jedes Match fit gemacht werden müssen. Man sollte ihm wünschen, dass er schnell die Neugierde und den Tatendrang für den Start in einen neuen Lebensabschnitt aufbringt.

Sonntag, 28. August 2011

Schummel-Verdacht bei der US-Open-Auslosung

Hurrikan Irene ist vorbei, New York ist stehen geblieben, die US Open können morgen ohne Verzug beginnen. Werfen wir also einen Blick auf die Auslosung. Novak Djokovic trifft in der ersten Runde auf den irischen Qualifikanten Conor Niland (Nr. 199). Das war zu erwarten. Die topgesetzten Spieler bei den US Open haben seit Jahren immer extrem leichte Auftakthürden.

Der mit Abstand stärkste Erstrundengegner, mit dem es ein Weltranglistenerster bei den US Open in den vergangenen Jahren zu tun hatte, war 2010 der Russe Teimuras Gabaschwili (damals die Nummer 98). Die an Nr.1 und Nr. 2 gesetzten Spieler bekommen so gut wie immer Qualifikanten oder Wild-Card-Inhaber zugelost – Leute wie Devin Britton (2009, damals Nr. 1370) oder Scoville Jenkins (2007, damals Nr. 319). Das kann kein Zufall sein, meinen manche Leute. Und diese Meinung ist nicht ganz von der Hand zu weisen.

Zunächst einmal ist freilich festzustellen: So ganz unwahrscheinlich ist es nicht, dass man als gesetzter Spieler in Runde 1 auf einen Qualifikanten oder einen Wild-Card-Inhaber trifft. Im Einzelwettbewerb eines Grand-Slam-Turniers treten 128 Spieler an. 32 von ihnen sind gesetzt, 96 sind ungesetzt. Jedem gesetzen Spieler wird einer der 96 ungesetzten zugelost. Unter diesen 96 ungesetzten sind 16 Qualifikanten und 8 Wild-Card-Spieler. Zusammen machen sie also immerhin ein Viertel der ungesetzten Spieler aus. Zu erwarten wäre also, dass jemand wie Novak Djokovic, Rafael Nadal oder Roger Federer durchschnittlich einmal im Jahr bei einem der vier Grand-Slam-Turniere in Runde 1 gegen einen Qualifikanten oder Wild-Card-Spieler spielt.

Der oben zitierte amerikanische Sportsender ESPN hat die Auslosungen der Grand-Slam-Turniere unter die Lupe genommen und festgestellt: Bei den Australian Open, den French Open und Wimbledon gingen die Auslosungen über die vergangenen Jahre hinweg ziemlich genau so aus, wie es statistisch zu erwarten war. Bei den French Open sollen die Spitzenspieler in Runde 1 sogar überdurchschnittlich starke Gegner bekommen haben. Nur bei den US Open scheint irgendwas faul zu sein. Die Auftaktgegner für die Stars waren extrem schwach – unabhängig davon, ob sie nun Qualifikanten waren, Wild-Card-Spieler oder Spieler, die mit Hängen und Würgen regulär über die Weltrangliste ins Hauptfeld gerutscht sind. Eine Auslosungs-Simulation soll ergeben haben, dass bei den Männern nur in drei von 1000 Fällen die Auslosung für die Weltranglisten-Ersten und -Zweiten so leicht war, wie sie in den vergangenen Jahren tatsächlich ausfiel. Bei den Frauen sollen in keinem einzigen der 1000 simulierten Auslosungen so leichte Gegnerinnen herausgekommen sein wie in der Realität.

Nun ist ja bekanntlich der Haken bei der Wahrscheinlichkeitsrechnung, dass extrem unwahrscheinliche Ereignisse eben nur extrem unwahrscheinlich sind, aber nicht ausgeschlossen. (Wir erinnern uns an die Isner-Mahut-Wahrscheinlichkeit aus Wimbledon.)

Nichtsdestotrotz ist der amerikanische Tennisverband USTA in Erklärungsnöten. Denn das Motiv, die Auslosung zu manipulieren, liegt auf der Hand: Wenn ein Superstar schon in Runde 1 rausfliegt, gehen Medien- und Zuschauerinteresse im weiteren Turnierverlauf zurück. Da kann es nicht schaden, wenn Novak Djokovic und Rafael Nadal in Runde 1 gegen Leute spielen, gegen die sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gewinnen.

Vielleicht sollte man, um Zweifel auszuräumen, dazu zurückkehren, weiße Kügelchen aus einer Glasschüssel zu ziehen, so wie wir es aus dem DFB-Pokal noch immer kennen. Wenn alle weißen Kügelchen, in denen sich die Namen der Spieler verstecken, gleich aussehen und irgendein Ex-Spieler in einer öffentlichen Zeremonie die Kügelchen in der Schüssel durchmischt, bevor er sie rausholt und öffnet, dann dürften die Chancen, irgendwas zu manipulieren, ziemlich gering sein.

Bei den US Open – und auch bei den meisten anderen Tennisturnieren – macht aber ein Computer-Zufallsprogramm die Auslosung. Das ist äußerst intransparent, denn kein normaler Mensch kann die Programmierung überprüfen.

Was ich mich jetzt frage, ist dies: Ist es ein Zeichen von Zufall oder von Manipulation, dass bei der US-Open-Auslosung an diesem Freitag – also nach dem kritischen ESPN-Bericht – die topgesetzen Spieler wieder so leichte Gegner bekommen haben? Ein cleverer Auslosungsmanipulator hätte ja nun mal für schwere Auftaktgegner für die Stars sorgen können, um zu beweisen, dass nicht manipuliert wird. Doch Novak Djokovic spielt – wie erwähnt – gegen Color Niland. Rafael Nadal spielt gegen Andrei Golubjew, einen der größten Dauerverlierer von 2011. Bei den Frauen spielt die topgesetzte Caroline Wozniacki gegen Nuria Llagostera Vives (Nr. 127), die an 2 gesetzte Vera Zvonareva gegen Stephanie Foretz Gacon (Nr. 115).

Hier die Auslosung der US Open

Sonntag, 21. August 2011

Florian Mayers rätselhafter Doppelpack

Nach einem langen Tag ein relativ kurzer Blogeintrag. Zum heutigen Thema weiß ich ohnehin keine ausführlichen Antworten. Ich wundere mich nur.

Ich wundere mich über Florian Mayer, der plötzlich Doppelspezialist geworden ist. In zwei Wochen hat er bei zwei Masters-Turnieren mit zwei verschiedenen Partnern jeweils das Doppel-Halbfinale erreicht. Mit Tomas Berdych (Tschechien) schlug er in Montreal zuerst Rafael Nadal und dessen Landsmann Marc Lopez, dann die ehemaligen Olympiasieger Mahesh Bhupathi und Leander Paes aus Indien und schließlich Andy Murray und dessen Bruder Jamie.

In dieser Woche in Cincinnati machte Flo an der Seite von Juan Sebastian Cabal (Kolumbien) weiter und bezwang unter anderem die Vorjahres-Wimbledonsieger Jürgen Melzer und Philipp Petzschner. In der Doppel-Weltrangliste klettert er damit innerhalb von 14 Tagen von Platz 136 auf voraussichtlich Platz 63.

Damit reicht er freilich lange noch nicht an seinen derzeit 24. Platz aus der Einzel-Rangliste heran. Apropos Einzel: In dieser Disziplin hat sich Flo in Montreal und Cincinnati so schwach präsentiert, wie seit Äonen nicht mehr, was seine Doppel-Erfolgsserie um so erstaunlicher macht. Er ging in der ersten Runde zwei Mal regelrecht unter. 3:6, 2:6 gegen Richard Gasquet (Frankreich) und 1:6, 3:6 gegen Ivo Karlovic (Kroatien). Für Chefaufschläger Karlovic, der zum Siegen normalerweise den Tie-Break braucht, war das der deutlichste Erfolg im Hauptfeld eines ATP-Turniers seit zweieinhalb Jahren.

Florian Mayers Doppel-Doppelpack finde ich auch deshalb so verwunderlich, weil er überhaupt keine doppeltypische Spielweise hat. Im Doppel zählen meistens Wumm und Reaktionsschnelligkeit – nicht die Mayer-typischen von langer Hand vorbereiteten Stopp-Bälle. Bisher waren Flos Doppel-Resultate denn auch eher bescheiden. Vor sechs Jahren stand er mal mit Alexander Waske im Endspiel von München – aber das reicht nicht annähernd an ein Masters-Halbfinale heran.

Ich würde ja gern mal was sehen von Florian Mayer als Doppelspieler im August 2011. Auf tennistv.com gibt es leider praktisch nur Einzel. Das einzige, was ich auf Youtube von einem Mayer/Cabal-Match in Cincinnati gefunden habe, war die Seitenwahl. Bei diesem Vorgang war Flo eindeutig der am wenigsten aktive Spieler auf dem Platz.

Dann gibt es noch dieses verwaschene Video mit viel Berdych und wenig Mayer aus Montreal. Aber auch daraus werde ich nicht wirklich schlau.

Edit: Hier noch ein Youtube-Clip mit ein paar Ballwechseln von Mayer und Cabal. (Dank an em_ampm via Twitter.)

Hier die Doppel-Ergebnisse aus Montreal (PDF)

Und aus Cincinnati (auch PDF)

Sonntag, 14. August 2011

George Bastl hat sich die Barthaare geschnitten



Der Bart von Matthias Holst ist immer noch nicht ab. Das Foto des aus Husum stammenden Innenverteidigers von Hansa Rostock ging in dieser Woche durch die Republik. Vor einem Jahr setzte ihn eine Knieverletzung außer Gefecht. Er will sich erst wieder rasieren, wenn er wieder ein Pflichtspiel bestreitet. Heute beim 0:0 in Duisburg saß Holst auf der Bank – und wurde nicht eingewechselt. Also kann er sich frühestens am nächsten Freitag nach dem Heimspiel gegen Aachen rasieren.

Aber nun zum Tennis. Holsts Bild erinnerte mich an ein anderes Bild: Das von George Bastl.



Und jetzt die schockierende Nachricht: Bastls Bart ist ab! Jedenfalls zu relevanten Teilen. Neulich beim ATP-Turnier in Gstaad trug er statt seines Rausche- nur noch einen Ziegenbart. Das Drama ist in eidgenössischen Medien dokumentiert.

Auch George Bastl hatte eine Knieverletzung. Die war aber, soweit ich er überblicken kann, nicht so langwierig wie die von Matthias Holst, und außerdem trug Bastl seinen prächtigen Bart schon vor der Verletzung und nahm ihn erst Monate nach seiner Rückkehr auf den Court wieder ab.

George Bastl, ein in den USA geborener Schweizer, ist 36 Jahre alt und aktuell die Nummer 845 der Welt. Es ist anderthalb Jahre her, dass ich ihn das letzte Mal erwähnte: Es ging um Männer, die älter sind als Rainer Schüttler und immer noch auf der ATP-Tour aktiv.

Neun Jahre ist es her, dass George Bastl für einen Tag richtig berühmt war. In der zweiten Runde von Wimbledon 2002 gewann er - glattrasiert - gegen Pete Sampras mit 6:3, 6:2, 4:6, 3:6, 6:4. Es war Sampras' letztes Match auf dem heiligen Rasen. Zuvor hatte Sampras in Wimbledon elf Jahre lang fast nie verloren, und wenn, dann nur gegen Spieler, die selber entweder in demselben Jahr oder später Wimbledonsieger wurden. George Bastl war damals die Nummer 145 der Welt. Seine höchste Platzierung, die er jemals erreichte, war Nr. 71. Das Match fand auf Platz 2 statt, dem so genannten „Friedhof der Stars“. Pete Sampras ist heute noch sauer deshalb. Also, jedenfalls war er 2008 noch sauer, als seine Autobiographie „A Champion's Mind“ erschien. Er habe sonst immer auf dem Center Court oder auf Court 1 gespielt. Court 2 war für ihn „unfamiliar territory“ (S. 255). Sampras behauptet, er habe in den ersten beiden Sätzen noch nicht einmal schlecht gespielt, es habe ihm bloß an Selbstbewusstsein gefehlt. Dieses Match, diese Niederlage war wohl der letzte Auslöser dafür, dass Pete Sampras seine Karriere beendete – ohne weitere desaströse Niederlagen. Es war das letzte Grand-Slam-Match, das Pete Sampras verlor. Ein paar Wochen später gewann er seinen letzten Titel bei den US Open und beendete seine Karriere.

Und George Bastl – der spielt immer noch. Und das finde ich fast kurioser als die Sache mit seinem Bart. Seine Ergebnisse erinnern mich fast an die von Thomas Muster, nur dass Bastl nicht zwischendurch zwölf Jahre pausiert hat, sondern die ganze Zeit durchspielte. Wild Cards bekommt er allerdings seltener als Muster. Also reist er rund um die Welt immer dorthin, wo er ein möglichst großes Turnier findet, bei dem er mit seiner Ranglistenposition zumindest in die Qualifikation kommt. Meistens also verliert er. Aber anders als Pete Sampras, scheint ihm das den Spaß an seinem Beruf nicht zu verderben.

Montag, 8. August 2011

Ein kleiner Dancevic-Chvojka-Tomic-Eklat in Montreal

Heute blicken wir mal nach Kanada. Keine wirklich große Tennisnation, aber eine mit einem sehr traditionsreichen Turnier, einem, das zudem eine Skurrilität innerhalb des Tenniszirkus darstellt: Das kanadische ATP-Masters hat kein festes Zuhause. Sein Pendant auf der WTA-Frauentour auch nicht. Die Turniere werden immer abwechselnd in Toronto und Montreal ausgetragen. Immer dort, wo die Frauen sind, sind die Männer nicht. In ungeraden Jahren spielen die Männer in Montreal und die Frauen in Toronto. In geraden Jahren ist es umgekehrt. Das geht schon seit über 30 Jahren so, und es geht anscheinend ganz gut. Jedenfalls habe ich bisher nichts davon gehört, dass die englischsprachigen und die französischsprachigen Kanadier in Tennisangelegenheiten miteinander in Streit geraten wären. Man hat sich arrangiert.

Was nicht heißt, dass alles in Butter ist in Tennis-Kanada. An diesem Montag beginnt das ATP-Masters von Montreal. Man freute sich auf den Auftritt von Milos Raonic. Der 20-Jährige, der im Frühjahr einen beeindruckenden Höhenflug hingelegt hatte, ist seit Jahrzehnten der erste Kanadier, der in Montreal/Toronto ohne Wild Card direkt fürs Hauptfeld qualifiziert war. Aktuell ist er die Nummer 29 der Welt. In Wimbledon, und damit kurz vor Beginn der amerikanischen Hartplatz-Saison, hat er sich verletzt. Irgendwas an der Hüfte. Was genau, weiß man nicht. Er wurde operiert und ist jetzt wohl auf dem Wege der Besserung. Aber in Montreal ist er nur als TV-Kommentator im Einsatz, nicht als Spieler.

Also ruhen wieder alle kanadischen Hoffnungen auf den Wild-Card-Spielern von Platz Hundertnochwas. Einer von denen, nämlich Frank Dancevic, hat vor vier Jahren in Montreal sogar mal das Viertelfinale erreicht. In Toronto erreichte er zwei Mal die zweite Runde. Er ist 26 Jahre alt und als Nummer 179 aktuell der bestplatzierte Kanadier nach Milos Raonic. In diesem Jahr indes gab es einen kleinen Eklat um Frank Dancevic. Nach acht Wild Cards in acht Jahren fand man beim kanadischen Tennisverband, dass man auf die neunte Wild Card verzichten sollte.

Vier Wild Cards hat der kanadische Tennisverband jedes Jahr zu verteilen. Eine ging diesmal an den drittbesten Kanadier, den 21-jährigen Vasek Pospisil (Nr. 186). Zwei weitere sollten an den viert- und den fünftbesten Kanadier, Philip Bester (22 Jahre/Nr. 258) und Peter Polansky (23 Jahre/Nr. 291) gehen. Aber beide sagten ab. Polansky hat was an der Leiste, Bester am Handgelenk.

Jetzt wenigstens hätte Dancevic ja nachrücken können, aber beim Tennisverband blieb man dabei, dass der Mann nach so langer Zeit nun endlich mal keine Wild Card bekommen soll. Dancevic, der in diesem Sommer immerhin die Qualifikation für die French Open und für Wimbledon schaffte, empfand das als Affront und beschloss, dann auch nicht zur Qualifikation in Montreal anzutreten. Lieber wollte er die Qualifikation für das 50.000-Dollar-Challenger-Turnier in Binghamton (New York) bestreiten. Dort wäre er auch ohne Quali locker im Hauptfeld gewesen, hätte er sich rechtzeitig vier Wochen im Voraus angemeldet. Aber vor vier Wochen vertraute er wohl noch auf die Montreal-Wild-Card.

Die Turnierveranstalter suchten nun noch weiter hinten in der Weltrangliste und fanden auf Platz 315 einen weiteren Kanadier, den 24-jährigen Erik Chvojka, und gaben ihm die zweite Wild Card. Wild Card Nummer 3 ging an Ernests Gulbis aus Lettland (22 Jahre/Nr. 55), eine nachvollziehbare Wahl, hat er doch erst vor zwei Wochen das ATP-Turnier von Los Angeles gewonnen, gilt trotz einiger Rückschläge als mögicher kommender Star und hat auch dank seiner attraktiven Spielweise eine ansehnliche Fangemeinde.

Wild Card Nummer 4 geht an Bernard Tomic (Nr. 71), den im Stuttgart geborenen 18-jährigen Australier mit kroatischen Eltern. Auch er eine nachvollziehbare Wahl, nachdem er jüngst mit seinem Wimbledon-Viertelfinale für Furore sorgte.

Dennoch spricht einiges dafür, dass die Wild Card für Tomic ein heftiges Geschmäckle hat. In dem oben bereits verlinkten Bericht heißt es, als Gegenleistung für Tomics Wild Card habe dessen Management-Firma IMG, die zugleich das Frühjahrs-Turnier in Miami ausrichtet, zugesichert, dort im kommenden Jahr einer kanadischen Spielerin eine Wild Card zu geben. Wenn das zutrifft, ist das ein Verstoß gegen das ATP-Regelbuch. Dort heißt es auf Seite 68: „Tournaments may not receive compensation and players may not offer compensation in exchange for the awarding of a wild card.“ Nun mag man argumentieren, mit „compensation“ sei nur Geld gemeint, das hielte ich aber für eine etwas zu enge Auslegung.

Bei Grand-Slam-Turnieren sind Wild-Card-Austauschprogramme zwischen den veranstaltenden Nationen gang und gäbe. Aber die Grand Slams werden nicht von der ATP veranstaltet, sondern vom Tennis-Weltverband ITF, und der hat seine eigenen Regeln. Aber vermutlich wird auch die ATP die Sache mit der Tomic-Wild-Card nicht weiter verfolgen. Wenn es denn dem Geschäft nützt, nimmt man es dort mit den eigenen Regeln nicht so genau. Das haben wir ja auch beim Hamburger Rothenbaum-Turnier gesehen, das trotz aller Anti-Sportwetten-Bekundungen seitens der ATP einen Sportwettenanbieter als Namenssponsor tragen durfte. Wenn man Michael Stich im fernen Hamburg schon nicht mit dem Regelbuch kommt, dann wird Montreal, geschweige denn der Management-Gigant IMG aus Florida, erst recht nichts zu befürchten haben.

Und Frank Dancevic, der ist nie angekommen in Binghamton, New York, wo er aus Protest die Qualifikation spielen wollte. Er kam nur bis zu den Niagarafällen. Dort streckte ihn eine Bronchitis nieder.

Hier die Auslosung für das ATP-Masters in Montreal.
Übrigens mit erstaunlich vielen Deutschen. Neben den direkt qualifizierten Florian Mayer und Philipp Kohlschreiber ist auch Tommy Haas dank seinem Nach-Verletzungspausen-„Protected Ranking“ am Start, und Philipp Petzschner und Tobias Kamke haben beide die Qualifikation geschafft. Edit: Und Tommy Haas hat schon wieder verletzt abgesagt.

Und hier die Auslosung fürs Doppel
Inklusive dem 38-jährigen Daniel Nestor, der Nummer 4 der Doppel-Weltrangliste, der einer der ganz wenigen derzeit unverletzten kanadischen Tennisprofis ist.

Montag, 1. August 2011

Manche Länder dopen mehr als andere, oder?

Es gab mal wieder einen Dopingfall auf der ATP-Tour in dieser Woche. Diesmal ist es der 31-jährige Kalifornier Robert Kendrick (Nr. 105).

Vielleicht erinnert sich irgendjemand: Vor fünf Jahren, in Wimbledon 2006, war er drauf und dran, Rafael Nadal zu bezwingen. Nach einer 2:0-Satzführung verlor er ganz knapp in fünf Sätzen. In diesem Jahr sagte er seine Wimbledon-Teilnahme ganz kurzfristig ab. Jetzt wissen wir, warum: Er hatte erfahren, dass er kurz zuvor bei den French Open positiv auf eine Substanz namens Methylhexanamine getestet wurde. Im irischen Blog Shank Tennis ist der Vorgang sehr schön aufgedröselt.

Hier die dazugehörige Pressemitteilung des Tennis-Weltverbandes ITF

Und hier die vollständige Urteilsbegründung (PDF)

Kurz zusammengefasst: Kendrick sagt, die Dopingsubstanz stamme aus einem Mittel, das er gegen den Jetlag eingenommen habe, weil er erst ganz kurzfristig aus Amerika nach Paris geflogen sei, weil er so lange wie möglich bei seiner schwangeren Freundin bleiben wollte. Er habe sich mit seinem Trainer beraten, ob das Anti-Jetlag-Mittel wohl unbedenklich sei. Außerdem habe er gegoogelt und sei auf eine Blog-artige Internetseite gestoßen, auf der gestanden habe, dass das Mittel unbedenklich sei.

So klingt dies alles nach einem verzeihlichen Versehen, das im Normalfalle höchstens eine dreimonatige Sperre nach sich zieht. Das ITF-Anti-Doping-Tribunal kommt aber zu einem anderen Schluss: Es fragt, wieso ein so erfahrener Spieler wie Kendrick nur seinen Coach konsultiert und ein bisschen rumgegoogelt hat, anstatt einen Arzt oder Apotheker fragen. Auch habe er nicht bei der Doping-Hotline angerufen, bei der jeder Spieler um Rat fragen kann. Deshalb das relativ harte Urteil: Ein ganzes Jahr Sperre.

Über Doping habe ich in den letzten drei Jahren ein halbes Dutzend Mal geschrieben, zum Beispiel hier und hier.

Aber man findet doch immer wieder neue Aspekte, unter denen sich das Thema betrachten lässt. Zum Beispiel das Thema Vorurteile. Ich habe vorhin mal versucht, eine Rangliste aufzustellen, in der ich die Top 50 danach sortierte, von wem ich am ehesten glaube, dass sie gedopt sein könnten. Diese Liste werde ich hier nicht veröffentlichen, dafür wären die damit verbundenen Verdächtigungen viel zu haltlos. Ein bisschen was sei aber verraten: Diese Liste zeigte eindeutig, wo meine Vorurteile liegen. Offensichtlich glaube ich, dass Südeuropäer mehr dopen als Nordeuropäer, Osteuropäer mehr als Westeuropäer, Amerikaner sowieso mehr als Europäer und Südamerikaner mehr als Nordamerikaner.

Teilweise kann ich mir erklären, wie ich zu diesen Vorurteilen gekommen bin. Natürlich hat es mit Dopingfällen aus der Vergangenheit zu tun. Der letzte halbwegs prominente Doper, der vor Robert Kendrick erwischt wurde, war ebenfalls US-Amerikaner: Wayne Odesnik Anfang 2010. Vor ein paar Jahren gingen den Fahndern ein paar Argentinier ins Netz. Auch Osteuropäer wurden schon erwischt: Karol Beck (Slowakei) zum Beispiel und – ganz lange her, aber als Nummer 2 der Welt der prominenteste von allen: Petr Korda (Tschechien).

Und dann hat es was mit der Spielweise zu tun. Doping hilft bei Kraft und Ausdauer. Fürs Ballgefühl hilft es eher nicht. Also trifft mein Vorurteil Spieler aus Ländern, in denen typischerweise viel mit Kawumm auf den Ball gedroschen wird. Zum Beispiel Spanien. Nun kommt auch noch hinzu, dass die spanischen Tennisspieler einen ganz berüchtigten Landsmann haben, nämlich Dr. Fuentes, der Mann, der einst Jan Ullrich dopte und viele andere Fahrradfahrer ebenfalls. Eufemiano Fuentes raunte einmal, zu seinen Kunden würden auch Tennisspieler zählen. Aber wer sagt eigentlich, dass es spanische Tennisspieler gewesen sein müssen? Es waren ja auch nicht bloß spanische Radfahrer, die er dopte.

Ich habe die Liste der ITF-Doping-Entscheidungen, die online bis zurück ins Jahr 2004 abrufbar ist, durchgeblättert. Es war kein einziger Spanier dabei, der irgendwelche Spuren auf der ATP-Tour hinterlassen hätte. Nur Leute wie Alejandro Vargas-Aboy (Ex-Nr. 329) oder Luis Feo Bernabé (Ex-Nr. 731). Da kommen die Deutschen (Westeuropäer, Nordeuropäer...) nicht besser weg. Deutsche und andere Mitteleuropäer lassen sich allerdings in der Regel nicht mit Testosteron oder so erwischen, sondern beim Koksen und Kiffen. So ging es den weniger berühmten Holger Fischer (aktuell Nr. 445), Franz Stauder (Ex-Nr. 322) und dem später inhaftierten Maximilian Abel (Ex-Nr. 183) , aber auch Richard Gasquet (Frankreich, aktuell Nr. 13) und Martina Hingis (Schweiz/ Ex-Nr.1).

Sonntag, 24. Juli 2011

Tennis-Bundesliga ist okay, Herr Stich!

Juan Ignacio Chela (Argentinien/ATP Nr. 21) hat heute gegen Victor Troicki (Serbien/Nr. 13) gewonnen. Guillermo Garcia-Lopez (Spanien/Nr. 37) schlug Potito Starace (Italien/Nr. 53), Philipp Kohlschreiber (Nr. 43) schlug Alexander Flock (Nr. 283), Cedrik-Marcel Stebe (Nr. 168) bezwang Thomas Muster (Nr. 1006).

Das alles sind Spiele, deren Ergebnisse die Presseagenturen nicht melden und die nur findet, wer im Internet gezielt danach sucht oder die Sportseiten der Lokalzeitungen von Halle/Westfalen, Nürnberg, Aachen oder Amberg studiert. Es sind Ergebnisse vom sechsten Spieltag der Tennis-Bundesliga, der heute ausgetragen wurde.

Auch Jürgen Melzer, Janko Tisparevic, Andreas Seppi, Xavier Malisse, Florian Mayer, Albert Montañes und Ivan Dodig haben in diesem Sommer schon Bundesliga-Partien bestritten. (Für Nicht-Insider: Das sind alles Leute aus den Top 50 der aktuellen Weltrangliste.)

Michael Stich scheint diese Tatsache ein Dorn im Auge zu sein. Der Turnierdirektor am Hamburger Rothenbaum sagte in einem Pressegespräch in dieser Woche, es sollte verboten sein, Bundesliga zu spielen, wenn man in derselben Woche zu einem ATP-Turnier angetreten ist. Das ist ein ganz altes Thema, und es wurde schon diskutiert, als Stich noch Wimbledon gewann. Ich meine mich gar zu erinnern, dass der damalige Davis-Cup-Kapitän Niki Pilic mal mutmaßte, manche Spieler würden absichtlich in der ersten Runde der US Open verlieren, um rechtzeitig zur Bundesligapartie am Freitag wieder in Deutschland zu sein.

Erstaunlich ist, dass die Bundesliga noch immer so viele Spieler der erweiterten Weltklasse anzieht wie in den Jahren des großen deutschen Tennisbooms. Es mag damit zusammenhängen, dass die Liga, deren Saison innerhalb von sechs Wochen von Anfang Juli bis Mitte August ausgespielt wird, von Sponsoren finanziert wird, die damit ihr spleeniges Hobby pflegen. Als Beispiel hier ein Link zu meinem Artikel über den TC Logopak Hartenholm von vor drei Jahren:

http://zackstennis.blogspot.com/2008/08/live-aus-hartenholm-ohne-stich-mit.html

Diese Mannschaft, für die übrigens auch Michael Stich antrat, existiert inzwischen nicht mehr. Als der Geldgeber Chris Hastings-Long die Leitung seines Unternehmens aus gesundheitlichen Gründen abgeben musste, stoppten seine Stiefsöhne, die sein Unternehmen nun führten, als erstes die Ausgaben für dessen aus ihrer Sicht seltsame Tennismannschaft. Stich, Tobias Kamke, Julian Reister und ein paar andere standen plötzlich ohne Bundesligateam da.
(Vor ein paar Wochen übrigens wurde Hastings-Longs Firma verkauft.)

Stich sieht nun also in der Bundesliga eine Konkurrenz für sein Turnier und meint, die ATP sollte mittels ihrer Marktmacht diese Konkurrenz ausschalten. Abgesehen davon, dass ich das kartellrechtlich bedenklich fände (was die ATP nicht weiter scheren wird), könnte ein solches Vorgehen am Ende auch kontraproduktiv für die ATP-Turniere von Hamburg und Stuttgart (und die übrigen Hochsommer-Sandplatz-Events in Mitteleuropa wie Kitzbühel oder Gstaad) sein. Denn vermutlich spielen eine ganze Reihe Profis genau deshalb hier und nicht auf den parallel ausgetragenen amerikanischen Hartplätz-Turnieren, weil sie zwischendurch ein paar gut bezahlte Trainingsmatches in der Bundesliga einstreuen können.

Außerdem: Auch wenn ich die Tennis-Bundesliga selber kaum verfolge, finde ich es wunderbar, dass es ein Wettbewerbsformat gibt, das so völlig anders ist als der übliche ATP-Zirkus.

Hier die offizielle Seite der Tennis-Bundesliga

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