Sonntag, 5. Dezember 2010

Saisonfazit durch die nationale Brille

Die Saison ist vorbei, Roger Federer hat das Tourfinale in London gewonnen, Serbien hat den Davis-Cup geholt. Zeit für ein Fazit – oder sogar für zwei. Heute setzen wir die nationale Brille auf und beschäftigen uns damit, was die deutschen Profis 2010 geleistet haben, nächste Woche kommt dann der Rest der Welt.

Wie im Vorjahr, gehe ich der Reihe nach die deutschen Spieler in den Top 100 durch. Es sind neun Leute, genau so viele wie Mitte November 2009, als ich damals das Fazit zog. Überhaupt sind viele Dinge genau wie 2009. Ein Spieler ist sogar dabei, bei dem ich meinen Text vom letzten Jahr praktisch unverändert übernehme. Das klappt besser als bei jeder Neujahrsansprache. Ein augenfälliger Unterschied ist, dass wir diesmal keinen Top-20-Spieler mehr haben. Erinnert sich noch jemand daran, wer Ende 2009 auf Platz 18 stand? Es ist jemand, der auf der folgenden Liste gar nicht mehr auftaucht und außerdem zwischenzeitlich unter US-Flagge firmierte, sofern er denn überhaupt noch mal antreten sollte.

Nr. 34 (Vorjahr 27) Philipp Kohlschreiber (27 Jahre)
Vor einem Jahr mutmaßte ich, Kohli habe seinen Zenit erreicht, was bei seinem Alter ja auch normal sei. Und tatsächlich stagniert Philipp Kohlschreiber. Er ist ein Ausbund an Stabilität. Bei drei der vier Grand-Slam-Turnieren erreichte er die dritte Runde. Seine besten Ergebnisse waren zwei Viertelfinals bei den Masters in Monte Carlo und Toronto. Bei zwei 250er-Turnieren kam er ins Halbfinale. Die realistischen Ziele, die er sich seit Jahren stecken kann, warten weiterhin darauf, erreicht zu werden: vielleicht mal ein Grand-Slam-Viertelfinale, vielleicht mal ein Platz unter den ersten 20 der Weltrangliste. Den Biss dazu hat Philipp Kohlschreiber auf jeden Fall. Im September engagierte er Miles MacLaghan als Coach. Der Mann trainierte vorher Andy Murray und wird somit als einer der ganz Großen der Branche gehandelt. Nun sind Wundertrainer im Tennis noch seltener als im Fußball. MacLaghan wird seinen neuen Schützling kaum zum Weltranglistenvierten machen können. Aber vielleicht gehn es ja tatsächlich noch mal einen kleinen oder mittleren Schritt nach vorn.

Nr. 37 (Vorjahr 61) Florian Mayer (27 Jahre)
Flo ist genau so alt wie Philipp Kohlschreiber, also könnte man auch bei ihm annehmen, er hätte seinen Zenit erreicht. Neulich in Stockholm habe ich ihn live gesehen, als er den Lokalmatadoren Robin Söderling schlug. In diesem Match stand Florian Mayer vielleicht tatsächlich in seinem Zenit. Wenn er dieses Niveau für die kommenden Monate halten kann, dann wird er – gemessen an den nackten Zahlen – noch einmal einen merklichen Schritt nach oben machen. Im Moment halte ich ihn für den besten deutschen Tennisspieler, wenn auch nicht so konstant wie Philipp Kohlschreiber.

Nr. 53 (Vorjahr 40) Benjamin Becker (29 Jahre)
Apropos Zenit: Im Vorjahr war ich skeptisch, ob Benni Becker sein Niveau würde halten können. Aber siehe da: Von Platz 40 auf Platz 53, das ist schon noch innerhalb der normalen statistischen Schwankungen (auch wenn Platz 40 einen Stammplatz auf den Mastersturnieren bedeutet, Platz 53 allenfalls einen aussichtsreichen Nachrückerplatz). Becker spielte das zweite Jahr in Folge weitgehend verletzungsfrei. Er verlor ausgesprochen selten in der ersten Runde und fast nie gegen Spieler, gegen die er auf dem Papier der Favorit war. So kann es weitergehen.

Nr. 57 (Vorjahr 80) Philipp Petzschner (26 Jahre)
Petzsches relativ erfolgreiche Einzel-Saison steht natürlich völlig im Schatten von Wimbledon: An der Seite von Jürgen Melzer aus Österreich gewann er den Doppel-Titel auf dem heiligen Rasen. Der letzte Deutsche, dem das gelang, war Michael Stich 1992 mit John McEnroe als Partner. Auch im Einzel wäre es für ihn noch ein Stück weiter nach oben gegangen, hätte er sich Anfang September an der Hand verletzt, so dass für ihn der Rest der Saison ausfiel. (Erst beim Tourfinale der besten acht Doppel, für das er und Melzer sich dank des Wimbledonsiegs qualifiziert hatte, war er wieder dabei. Mit einem Sieg und zwei Niederlagen schlugen die beiden sich wacker.) Jetzt wird es für Petzsche wichtig sein, sofort gut ins neue Jahr zu starten, damit er seinen aktuellen Weltranglistenplatz mindestens hält. Andernfalls würden wir ihn wohl seltener auf denselben Turnieren spielen sehen wie Superösi Jürgen Melzer, und das wäre schade um das Wimbledon-Erfolgsdoppel.

Nr. 58 (Vorjahr 74) Michael Berrer (30 Jahre)
Der Mann hat nach hinten raus noch mal ein richtig gutes Jahr rausgehauen. Eigentlich fing es schon Ende 2009 an. Zum Zeitpunkt meines damaligen Saisonfazits war er unter den besten 100 noch gar nicht dabei. Aber dann gewann er noch schnell zwei große Challenger, während die Kollegen schpn in der Weihnachtspause waren. Im Februar legte er ein Finale beim 250er-Turnier von Zagreb nach, im März ein Viertelfinale beim 500er-Turnier in Dubai. Im Sommer hielt er sich mit seinen Aktionen etwas bedeckt. Erst im Oktober stand er in Wien wieder im Halbfinale. Man kann Michael Berrer also getrost als Hallenspezialisten bezeichnen. Allerdings glaube ich nicht, dass er noch einmal eine Saison hinlegen wird wie diese.

Nr. 67 (Vorjahr 254) Tobias Kamke (24 Jahre)
Seine Spielerkollegen haben ihn zum „Newcomer des Jahres“ gewählt, angesichts seiner Leistungen absolut zu Recht. Ansonsten brauche ich mich nicht zu wiederholen. Er war ja neulich erst Thema in diesem Blog. Top 50 könnte für das nächste Jahr ein erreichbares Ziel sein.

Nr. 82 (Vorjahr 78) Mischa Zverev (23 Jahre)
Komisch. Wenn man nur die Ranglistenplatzierung zum Jahresende betrachtet, dann tut sich bei Mischa praktisch gar nichts. 2007: Platz 88. 2008: Platz 80. 2009: Platz 78. 2010: Platz 82. Aber was er zwischendurch hinlegt, das sind Achterbahnfahrten vom feisten. Vor anderthalb Jahren schien er auf dem Weg nach ganz weit vorne. Nach seinem Viertelfinale beim Masters in Rom stand er auf Platz 45. Aber danach verlor er mehr als ein Jahr lang fast nur noch und fand sich in diesem August, also vor dreieinhalb Monaten, auf Platz 157 wieder. Dann mogelte er sich als Qualifikant ins Endspiel des 250er-Turniers von Metz, und von da ihn lief es bei ihm wieder einigermaßen. Also: Im Moment geht die Tendenz nach oben. Ob es so schnell wieder bis auf Platz 45 hoch geht, weiß ich nicht.

Nr. 84 (Vorjahr 85) Rainer Schüttler (34 Jahre)
Es ist nicht zu fassen, er ist immer noch dabei, unser Shaker. Ein Wimbledon-Halbfinale wie 2008 hat er diesmal zwar nicht aus dem Hut gezaubert, aber er schafft es immer noch, wochenlang unterirdische Matches abzuliefern und gern auch mal 0:6 und 0:6 zu verlieren und dann plötzlich irgendwo ein Halbfinale rauszuhauen. Die Argumente dafür, dass es mit seiner Karriere jetzt aber wirklich mal zu Ende geht, sind so stichhaltig wie seit fünf Jahren, aber vermutlich wird er einfach wieder weitermachen wie gehabt, mindestens so lange, bis man ihn zum ATP-Alterspräsidenten ausruft.

Nr. 92 (Vorjahr 144) Dustin Brown (25 Jahre)
Unser jüngster Neuzugang in den Top 100, und das gleich in doppelter Hinsicht. Der ehemalige Jamaikaner spielt erst seit ein paar Wochen unter deutscher Flagge (mehr dazu hier). Er ist ein unterhaltsamer Typ, sowohl – um mal eine Phrase zu gebrauchen – auf dem Platz wie auch daneben. Dieses Jahr war das erfolgreichste seiner bisherigen Karriere, und ich kann mir gut vorstellen, dass er auch der Challenger-Tour noch einige Titel holen wird. Dass es für eine dauerhafte Präsenz unter den Top 100 reicht, glaube ich eher nicht. Falls ich mich irren sollte, würde mich das diebisch freuen.

Von den Spielern außerhalb der Top 100 wären zu erwähnen:
Björn Phau (102): Der 31-Jährige ist der Last Man Standing aus dem „Boris Becker Junior Team“ und einfach nicht klein zu kriegen. Respekt!
Daniel Brands (104): Dass er es schafft, mit einem Wimbledon-Achtelfinale die Top 100 zu verpassen, zeigt, wie verkorkst der Rest der Saison für ihn war.
Tommy Haas (373): Nach einigen Monaten des Vaterlandsverrats dürfen wir ihn hier wieder aufführen. Wie mir soeben auffiel, führt die ATP ihn plötzlich wieder als Deutschen und nicht wie seit dem Frühjahr als US-Amerikaner. Turniere gespielt hat er seit dem letzten März nicht. Ob sich daran demnächst was ändert, weiß kein Mensch.
Nicolas Kiefer (720): Kiwi wird im neuen Jahr wohl tatsächlich noch mal durchstarten - nach einer Saison, die er fast komplett ausfallen ließ. Ich bin gespannt.

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