Sonntag, 19. Dezember 2010

Irgendwo eine Zukunft für den World Team Cup?

Seit Montag ist es offiziell: Der Rochus Club in Düsseldorf wird 2011 nach 33 Jahren den World Team Cup nicht mehr ausrichten.

Es gibt keinen Titelsponsor mehr, nachdem die ARAG ausgestiegen ist. Die Versicherung soll jährlich 1,4 Millionen Euro hingeblättert haben – bei einem Gesamt-Etat der Veranstaltung von 4 bis 5 Millionen Euro.

Während des World Team Cup 2010 war ich der Ansicht, das Ende dieser Veranstaltung wäre nicht wirklich ein Verlust. Das Aus zeichnete sich damals schon ab. Aber ich muss gestehen: Ich habe nicht wirklich an den schnellen Ernstfall geglaubt. Ich hatte gedacht, die wurschteln sich durch. Immerhin zog hinter den Kulissen immer noch Horst Klosterkemper mit an den Strippen, der Mann der 1978 den World Team Cup erfand und zwischenzeitlich als Europachef der ATP fungierte, also ein Mann von gewissem Einfluss im Profitennis ist.

Aber anders als in den 80ern und 90ern waren in Düsseldorf zuletzt kaum noch Top-Spieler am Start, und die Bezeichnung „Mannschafts-Weltmeisterschaft“ war zunehmend irreführend. Die eigentliche Nationen-WM ist ja sowieso seit jeher der Davis-Cup.

Trotzdem. Ein bisschen Wehmut ist nun erlaubt. Das Internet-Portal der WAZ-Gruppe (derwesten.de) hat die Höhepunkte des Turniers seit 1978 zusammengefasst.

Und nun? Ist das Ende des World Team Cups wirklich endgültig besiegelt? Die ATP hat sich zu der Nachricht aus Düsseldorf bislang offiziell nicht geäußert. Auf der ATP-Internetseite steht das Turnier noch im Kalender – einschließlich Ticket-Hotline. Auch auf der offiziellen World-Team-Cup-Seite des Düsseldorfer Rochusclubs steht bisher nichts davon, dass es das Turnier nicht mehr gibt. Stattdessen steht dort das Datum für die nächste Ausgabe: 15. bis 21. Mai 2011.

Im November hieß es, die Veranstalter verhandelten noch mit der ATP über die Höhe der Lizenzgebühr. Theoretisch vorstellbar, dass die Pressekonferenz von Montag, auf der Turnierdirektor Dietloff von Arnim das Ende bekanntgab, der letzte hohe Einsatz in diesem Poker war, die ATP doch noch klein beigibt und es im Mai weitergeht wie gehabt – mit einem neuen Sponsor, der etwas weniger Geld zahlt als die ARAG. Der Rochusclub hat bisher angeblich 750.000 Euro an die ATP bezahlt. Für ein normales 250er-Turnier – und das ist die Preisklasse, der das Düsseldorfer Teilnehmerfeld zuletzt entsprach und der auch die Weltranglistenpunkte, die hier vergeben werden, in etwa entsprechen – werden nur 50.000 Euro fällig.

Inoffiziell heißt es bei der ATP nun, man suche einen anderen Ausrichter als Ersatz für Düsseldorf. Vielleicht schon für 2011, vielleicht aber auch erst ab 2012. Aber wer könnte das sein? Einige Probleme des bisherigen World Team Cups haben gewiss damit zu tun, dass in Deutschland die Tennisbegeisterung seit Jahren so gut wie nicht vorhanden ist. Aber es gibt auch andere Probleme, und die ließen sich nicht lösen, indem man einfach in ein anderes Land umzieht.

Ein großes Problem ist der Termin: In der Woche vor den French Open. Spieler, die die ernsthafte Absicht verfolgen, ein Grand-Slam-Turnier zu gewinnen, muten sich in der Woche davor nur sehr, sehr selten den Stress eines echten Wettkampfes zu. Roger Federer und Rafael Nadal haben nie in Düsseldorf gespielt. Der Termin war auch schon in den 80ern ein Problem, und Horst Klosterkemper hat oft viel Überredungskunst leisten müssen, um Stars nach Düsseldorf zu locken. Aber es war machbar. Das lag vermutlich nicht nur daran, dass wegen des Boris-Booms in Deutschland viel Geld zu holen war. Es lag auch daran, dass die Topstars damals nicht so viele andere Turniere spielten. Als es den Masters-Serie mit neun großen Pflichtturnieren noch nicht gab, spielten Leute wie Boris Becker oder John McEnroe nur 14 oder 15 Turniere im Jahr – und das mit einer wesentlich weniger kraftraubenden Spielweise, als sie heute üblich ist.

Sollte die ATP am bisherigen Datum festhalten, wäre die Auswahl der möglichen Alternativstandorte begrenzt. Es müsste ein Ort sein, von dem aus die Teilnehmer schnell in Paris sind. In Frankreich selbst wird man so einen Ort nicht finden. Parallel findet bereits ein 250er-Turnier in Nizza statt, und überhaupt ist die Nation mit ATP-Turnieren ausreichend gesättigt. Spanien drängt sich auf. Da ist sowieso Tennisboom, und Geld für großen Sport gibt es da trotz aller wirtschaftlichen Krisen auch immer. Mit einem wesentlich höheren Preisgeld als bisher ließe sich gewiss noch immer der eine oder andere Topstar anlocken. Madrid, Barcelona und Valencia haben schon Turniere in den Wochen davor. Aber ein paar andere Städte wären noch übrig. Vielleicht Nadals Heimat: Palma de Mallorca. Nadal würde wohl trotzdem eine geordnete Vorbereitung auf die French Open dem World Team Cup vorziehen.

Einen anderen Termin zu finden, wäre aufwendig, weil es die ganze mühsam zusammengebastelte Kalenderkonstruktion durcheinander brächte, aber wäre nicht unmöglich. Weltumspannende Sportorganisationen erobern ja immer gern neue Märkte. Russland hat bisher nur zwei kleine ATP-Turniere, da ist also Nachholbedarf. China wird auch immer gern genommen. Übrigens gibt es auch einen World Team Cup im Tischtennis, und der fand in diesem Jahr in Dubai statt.

Kommentare:

noko hat gesagt…

Ich finde es einfach insofern schade, als ich überlegt habe, vielleicht nächstes Jahr mal hinzufahren. Für mich ist es das geographisch nächste Event, bei dem Tennis auf ATP-Level-Niveau zu sehen ist, selbst wenn es nur auf 250er-Niveau ist. Ich interessiere mich für Tennis seit 2, 3 Jahren und habe eben noch nie ein Match live gesehen und plane nächstes Jahr, für eine Weile in ein Land zu ziehen, in dem es keinerlei ATP-Level-Turnier gibt.
Aber natürlich sehe ich deine frühere Kritik von wegen "Team-Weltmeisterschaft" völlig ein. Das ist ein völlig übertriebenes und unangebrachtes Prädikat für eine solche Veranstaltung, die nicht nur wenige absolute Topspieler anzieht, sondern auch im Kalender auch noch so eingequetscht liegt.

Zack hat gesagt…

Ich hatte auch überlegt, nächstes Jahr mal nach Düsseldorf zu fahren. Der WTC war das einzige ATP-Turnier in Deutschland, bei dem ich noch nie war.

Um Tennis live zu sehen, lohnt sich meiner Meinung nach auch eine etwas weitere Anreise. Es ist anders als beim Fußball, wo man die eigentlichen Spielszenen ja am Fernseher besser verfolgen kann als im Stadion.

Beim Tennis ist man selbst bei ATP-Turnieren richtig dicht dran am Spiel und sieht das Spiel mindestens so gut wie am Fernseher, oft sogar deutlich besser. (Wenn man bei US Open ganz oben in der letzten Reihe sitzt, mag das anders sein.)

daniel hat gesagt…

Düsseldorf muss 750.000 Euro, München 50.000 an die ATP abdrücken - das ist völlig unverhältnismäßig. Zumal Düsseldorf nichts von der ATP zurückbekommt - in Form von guten Spielern etwa.

Zack, wie viel muss den ein Masters oder das 500er in Hamburg an die ATP zahlen? Wäre mal interessant.

Zack hat gesagt…

Das mit der Höhe der Lizenzgebühren für Masters-Turniere ist eine interessante Frage, die ich nicht genau beantworten kann. Der Mindestsatz an Gebühren beträgt laut ATP-Regelbuch 18,5 Prozent des Preisgeldes. Das wären dann um die 400.000 Euro. Beim 500er-Turnier sind es mindestens 11,5 Prozent des Preisgeldes (also in Hamburg 115.000 Euro). Dazu kommen aber noch allerlei Sondergebühren, über deren Höhe ich nichts weiß.

Über die Lizenzgebühren für den World Team Cup steht gar nichts im ATP-Regelbuch. Das scheint nur im Vertrag zwischen ATP und Rochusclub festgeschrieben zu sein. Die Information mit dne 750.000 stammt vom Rochusclub, ist also möglicherweise interessenbedingt aufgerundet. Den Titel "World Championship" scheint sich die ATP jedenfalls teuer bezahlen zu lassen.

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