Sonntag, 21. November 2010

Hundert Jahre Carlos Moyá

In Gabriel García Márquez' epochalem Roman „Hundert Jahre Einsamkeit“ gibt es eine Frau, die uralt wird und zugleich immer kleiner, bis sie irgendwann ganz verschwunden ist. Das ist jedenfalls die Version der Geschichte, an die ich mich erinnere. Es ist ewig her, dass ich das Buch gelesen habe. Wahrscheinlich ungefähr so lange her wie Carlos Moyás erster Auftritt auf der ATP-Tour. Das wären dann 15 Jahre.

Als Carlos Moyá (34) an diesem Mittwoch sein Rücktritt vom Profitennis erklärte, erinnerte ich mich an die alte Frau aus dem Roman. Carlos Moyá hat mit 22 Jahren mal ein Grand-Slam-Turnier gewonnen, die French Open 1998. Mit 23 Jahren, Anfang 1999, war er mal die Nummer 1 der Weltrangliste, für genau zwei Wochen. Am Ende desselben Jahres stand er nur noch auf Platz 22. Ein paar Jahre später kehrte er noch mal unter die Top 10 zurück. Er gewann im Laufe seiner Karriere die beachtliche Zahl von 20 Turnieren. Aber die meiste Zeit seiner Karriere war er ein Mitläufer im Tenniszirkus, wenn auch einer, der sich stets bemühte und bis Mitte 2009 all die Jahre fast durchgehend zu den besten 50 Spielern zählte.

Aber was 1998/99 seine großen Stärken, die ihn zum besten Spieler der Welt machen? Ich erinnere mich daran nur noch so vage wie an „Hundert Jahre Einsamkeit“, also habe ich vorhin in Zeitzeugenberichten geblättert: in den Autobiographien von Pete Sampras und Andre Agassi. Viel habe ich nicht gefunden. Sampras erwähnt Moyá, den er in vier Begegnungen drei Mal glatt besiegte, nur in verschiedenen Aufzählungen von Jungspunden, die ihm gegen Ende seiner Ära das Leben schwer machten. Agassi geht etwas mehr ins Detail und erzählt vom French-Open-Achtelfinale 1999. Agassi war nach seiner Sinnkrise wieder auf dem Weg zurück auf den Tennisthron, Moya war Titelverteidiger. Daran, dass Moyá „auf Sand ein Ass“ war, wie Agassi berichtet, erinnerte ich mich auch von alleine. (Ich erinnere mich allerdings auch daran, dass Moyá der erste spanische Sandkastenschaufler war, der auch richtig gut Hartplatz konnte.) Agassi war der Ansicht, dass gegen Moyás Vorhand eigentlich kein Kraut gewachsen war, es sei denn, man selbst schlage den Ball „wie ein Unwetter“. Weil das nicht immer geht, sollte man also am besten seine Rückhand attackieren. Außerdem, meine Agassi, mochte Moya es nicht, wenn er laufen muss.

An dieser Stelle ist es unbedingt erforderlich, Moyá mit Rafael Nadal zu vergleichen, dem zweiten Mallorquiner, der es zur Nummer 1 gebracht hat – obwohl: Eigentlich kann man die beiden ja gar nicht vergleichen. Das räumte Moyá im Rücktritts-Interview mit der deutschssprachigen Lokalpresse seiner Heimatinsel selber ein: „Rafa ist einer der absolut Besten der Geschichte. Ich weiß, dass ich niemals zu dieser Gruppe gehört habe und habe auch kein Problem damit. Rafa spielt in einer anderen Liga.“

Für das spanische Tennis ist Moyá trotzdem eine herausragende Figur. Er war, flankiert von Leuten wie Sergi Bruguera, Alex Corretja und Felix Mantilla, derjenige, der die spanische Armada an die Spitze des Welttennis führte, wo sie seither nicht mehr wegzudenken ist.

Jetzt hat er seine Karriere also offiziell beendet. Wegen einer Fußverletzung hat er schon seit einem halben Jahr kein Match mehr bestritten. Sein letztes war eine glatte Erstrundenniederlage im Mai beim Masters in Madrid gegen Benjamin Becker. Der hat jetzt also nach Andre Agassi (US Open 2006) schon die zweite Ex-Nummer-1 in den Ruhestand geschickt.

Ein Detail zum Abschluss: Moyá war einer ungefähr fünf noch aktiven Profis, gegen die Thomas Muster in seiner ersten Karriere vor seinem Comeback noch gespielt hat. Ungefähr deshalb, weil sich der Aktivitätsgrad der letzen verbliebenen Muster-Zeitzeugen oft nicht sicher bestimmen lässt. Nicolas Lapentti (Ecuador) und Fernando Vicente (Spanien) haben seit dem Sommer kein Match mehr bestritten, ohne - soweit ich das überblicken kann - offiziell ihren Rücktritt erklärt zu haben. Bei Tommy Haas weiß man auch nicht so genau. Nicolas Kiefer spielt neuerdings immerhin wieder Future- und Challenger-Doppel. Musters einziger noch äußerst aktiver Gegner von damals ist sein Landsmann Stefan Koubek, der heute Nachmittag im Finale des Challengers von Bratislava stand.

Hier das ATP-Profil von Carlos Moyá

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Bemerkenswert finde ich, Moya ist Linkshänder und spielt rechts.
Bei Nadal ist es umgekehrt !

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