Sonntag, 14. November 2010

Geheimwissenschaft Weltrangliste

In London sitzt ein junger Mann, der täglich die Weltrangliste vom nächsten Montag vorausberechnet. Zu verfolgen sind diese Berechnungen in einem Thread des Menstennisforums. Wer zum Beispiel am Donnerstag ins Viertelfinale eines 500er-Turniers eingezogen ist, dem schreibt Judio, so nennt sich der junge Mann, schon mal die 90 Punkte gut, die es dafür gibt. Judio macht das schon seit einigen Jahren, und anfangs war es vor allem eine Fleißarbeit. Punkte von vor einem Jahr abziehen, neue Punkte dazuzählen – fertig.

Seit der letzten Reform von Anfang 2009 aber, deren Regeln seither stetig nachgebessert werden, ist aus der Weltrangliste eine Geheimwissenschaft geworden. Selbst Judio, der das System durchschaut wie kaum ein zweiter Außenstehender, kann am Sonntagabend, wenn alle Ergebnisse der Woche vorliegen, oft nur mutmaßen, was für eine Rangliste wir am nächsten Morgen auf der ATP-Webseite vorfinden werden. Tomas Berdych zum Beispiel, die Nummer 6, wird morgen 3755 oder 3760 Punkte haben. Ivan Ljubicic wird Nummer 16 sein mit 2010 Punkten, vielleicht aber auch Nummer 17 mit 1965 Punkten. Philipp Kohlschreiber werden wir auf Platz 34 finden – entweder mit 1215 oder mit 1270 Punkten.

Es gab mal Zeiten, da haben die ATP-Kommunikationsdirektoren Änderungen im Ranglistensystem mit dem Argument verkauft, nun werde für die Fans alles viel besser zu verstehen sein. Davon redet lange keiner mehr. Das Weltranglistensystem erinnert mich an das deutsche Steuerrecht. Im Bestreben, möglichst gerecht zu sein und zugleich immer neue Steuerungseffekte zu erzielen, wird es immer undurchschaubarer. Wahrscheinlich werden die Spieler bald hoch dotierte Weltranglistenberater engagieren, um ihre Punkteausbeute zu optimieren. Im Gegensatz zum Steuerrecht, in dem die einschlägigen Gesetzestexte und Gerichtsurteile wenigstens öffentlich zugänglich sind, kann man bei der Weltrangliste manchmal nur spekulieren, wie die geheimen Regularien genau aussiehen, die das offizielle ATP-Regelbuch in wichtigen Details ergänzen. Auskünfte bekommt man von der ATP praktisch gar nicht, und wenn, dann nur floskelhaft.

Genau wie im Steuerrecht, wo die Arbeitnehmer mit eher geringen Einkommen die Höhe ihrer monatlichen Lohnsteuer einigermaßen zuverlässig kennen, haben es auch die Tennisspieler aus den hinteren Regionen der Weltrangliste recht einfach. Sie bekommen wöchentlich ihre Punkte, die sie den Punktetabellen entnehmen können, gutgeschrieben. Die besten 18 Ergebnisse der letzten zwölf Monate fließen in die Wertung ein. Grand-Slam- und Masters-Turniere zählen immer zu den 18 Ergebnissen, die in die Wertung einfließen – auch dann, wenn man in der ersten Runde ausscheidet oder – trotz Startplatz – nicht teilnimmt. Das ist eine Regelung, die vor allem die Oberschicht und die obere Mittelschicht betrifft, die aber noch leicht zu begreifen ist.

Rätselhaft wird es aber ganz oben bei den so genannten „Commitment Players“. Das sind die Spieler, die am Ende des vergangenen Jahres unter den ersten 30 standen. Für diese Spieler gelten nämlich – teils bekannte, teils geheime – Sonderregeln. Diese Spieler müssen vier 500er-Turniere spielen (und für die Weltrangliste werten lassen), also Turniere aus der Kategorie direkt unterhalb der Masters-Turniere. (Der Hamburger Rothenbaum ist so ein Turnier, auch das Hallenturnier von Basel in der vorigen Woche.) Eines der vier 500er-Turniere, die man als „Commitment Player“ zu bestreiten hat, muss zwischen September und November stattfinden, besagt das Regelwerk. Auch der Davis-Cup zählt als 500er-Turnier. Ebenso das Turnier von Monte Carlo, obwohl es sich offiziell weiterhin Masters nennen darf und es für den Sieger nicht 500 Punkte gibt, sondern 1000.

Das klingt jetzt vielleicht etwas kompliziert. In Wahrheit ist es aber noch viel komplizierter. Es gibt nämlich Sonderregeln, nach denen Commitment-Spieler unter bestimmten Voraussetzungen nur drei statt vier 500er-Turniere werten lassen müssen. Judio und eine Armada von Zahlenfexen, die sich regelmäßig im oben erwähnten Weltranglisten-Vorhersagethread äußern, versuchen seit Monaten, die Einzelheiten dieser Regelung und ein paar anderer Regeln zu ergründen. Dabei haben sie beachtliche Teilerfolge erzielt, aber eben nur Teilerfolge. Sie wissen eben noch nicht, ob Philipp Kohlschreiber morgen 1215 oder 1270 Punkte haben wird.

Einen wichtigen Hinweis könnte übrigens ein geheimnisvoller und extrem selten postender Forenbenutzer namens Jorbaty aus Abu Dhabi gegeben haben, der vor ein paar Tagen in dem Thread auftauchte. Ihm zufolge spielt es eine Rolle, ob sich ein Spieler für ein 500er-Turnier zwölf Wochen im Voraus anmeldet anstatt der üblichen sechs Wochen. Dabei beruft er sich auf eine Quelle innerhalb der ATP. Jorbatys Erscheinen erinnerte mich an ein herrlich schwülstiges Rilke-Gedicht: „Und manchmal kommt ein ernster Hergereister, geht wie ein Glanz durch unsre hundert Geister und zeigt uns zitternd einen neuen Griff.“

Ich halte es für sehr gut möglich, dass der geheimnisvolle Informant Recht hat. Es wird sich nicht überprüfen lassen.Denn ebensowenig wie die genannte Regel macht die ATP öffentlich, wer sich zwölf Wochen im Voraus für ein Turnier angemeldet hat.

Die morgige Rangliste entscheidet darüber, welche acht Spieler am World-Tour-Finale in London teilnehmen. Roger Federer, Rafael Nadal, Novak Djokovic, Robin Söderling, Andy Murray, Tomas Berdych, David Ferrer und Andy Roddick haben so viel Vorsprung vor dem Rest des Feldes, dass wir ihre Qualifikation auch ohne Geheimwissenschaft einigermaßen zuverlässig voraussagen können.

Hier geht’s zur aktuellen Weltrangliste

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