Sonntag, 10. Oktober 2010

Supreme Court für Hamburg

Heute hat das Masters-Turnier von Schanghai begonnen – das Turnier also, das die ATP vor zwei Jahren in ihren Kalender aufnahm, als zugleich das Turnier am Hamburger Rothenbaum seinen Masters-Status verlor. Dies nehmen wir zum Anlass, einmal einen Blick auf den Rechtsstreit zu werfen, den der Deutsche Tennis-Bund um ebendiesen Vorgang noch immer mit der ATP führt.

Neulich erschien auf tennisnet.com ein aufschlussreiches Interview mit DTB-Präsident Georg von Waldenfels.

Der DTB ruft nun also den Obersten Gerichtshof der USA an, den Supreme Court. Das finanzielle Risiko dieser Aktion dürfte, wenn ich Waldenfels richtig verstehe, zu einem nicht geringen Teil der Tennisverband von Katar tragen.

In zwei Instanzen hat der DTB verloren, und realistischerweise denkt auch in Hamburg kaum ein Mensch mehr daran, den Masters-Status an den Rothenbaum zurückzubekommen. Dieses Ziel war von Anfang an nicht so richtig realistisch, und nach meinem Eindruck hat der DTB daran viel zu lange festgehalten, was dem Turnier am Rothenbaum eher geschadet hat als genutzt. Das Gejammer aus Hamburg war 2008 so groß, dass jeder beiläufig interessierte Tennisfan denken musste, ein Besuch beim herabgestuften 500er-Turnier würde sich sowieso nicht mehr lohnen. Das änderte sich erst, als Michael Stich als Turnierdirektor einstieg.

In erster Linie geht es nun um eine finanzielle Entschädigung. Dass die ATP nicht bereit ist, diese zu zahlen, ist in der Tat schäbig. Wie Waldenfels in dem Interview (soweit ich es beurteilen kann, absolut zutreffend) darstellt, hat der DTB Millionen in sein Hamburger Stadion investiert, um die Standards zu erfüllen, die die ATP von einem Masters-Turnier verlangt. Grotesk ist, dass die ATP vom DTB Prozesskosten verlangt, die den vermutlichen Streitwert um mehre Millionen übersteigen (17,7 Millionen Dollar Prozesskosten waren es 2008, seit her ist es vermutlich sogar noch mehr geworden). Damit immerhin ist die ATP also vor Gericht nicht durchgekommen.

Wenn der Supreme Court die Revisionsklage annimmt, könnte es wirklich noch mal spannend werden, um zwar im Hinblick auf all die grundsätzlichen sportpolitischen Fragen, die bereits ventiliert wurden, als der DTB damals die ersten Schritte auf dem langen Rechtsweg unternahm („Wird der Rothenbaum zum Bosman des Tennis?“)

Aus Hamburger Sicht scheint mir das alles nicht mehr wichtig zu sein. Der Karriere von Jean-Marc Bosman hat das Bosman-Urteil des Europäischen Gerichtshofs ja auch nichts genützt. In Hamburg geht es inzwischen darum, ob es auf Dauer überhaupt noch ein ATP-Turnier gibt. Ein Hauptsponsor ist auch für 2011 wieder nicht in Sicht. Daran würde sich ja nichts ändern, bloß weil der DTB doch noch eine finanzielle Entschädigung rausholt.

Apropos Supreme Court: Den Begriff kannte ich schon als Zwölfjähriger. Allerdings hatte ich keine Ahnung, dass er auch den Obersten Gerichtshof bezeichnet. Es war damals der schnelle Hallenboden-Kunststoffbelag, auf dem Boris Becker und Stefan Edberg ihr Serve-und-Volley-Spiel besonders erfolgreich betrieben. Das wäre vielleicht eine Lösung für das Hamburger Problem: Den Rothenbaum verlassen, den ungeliebten Juli-Termin aufgeben und im Herbst in die Color-Line-Arena gehen. Es gibt in Deutschland seit Jahren kein ATP-Hallenturnier mehr, und dabei sind die deutschen Spieler traditionell drinnen viel stärker als draußen. Vielleicht lässt sich ja die ATP im Rahmen eines Vergleichs darauf ein. Und wenn dann auch noch der Supreme Court als Bodenbelag reaktiviert wird...

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