Sonntag, 3. Oktober 2010

Commonwealth Games ohne Murray - mit Königskobra

Mahesh Bhupathi hat vorhin getwittert: „Sensational stuff. From an Indian perspective I say this is better then Beijing. Kudos to the CWG team, every one of them!!“

In Neu Delhi wurden heute die Commonwealth Games eröffnet. Die Berichterstattung im Vorfeld, die sich vor allem um mögliche Versäumnisse der indischen Ausrichter drehte, hatte ich nur am Rande wahrgenommen, bis ich vor ein paar Tagen die Meldung las, im Tennisstadion sei eine Königskobra entdeckt worden. Dabei überraschte mich weniger die Königskobra, sondern eher der Umstand, dass man bei den Commonwealth Games nicht nur Cricket spielt, schwimmt, läuft und springt, sondern auch Tennis spielt – und das anscheinend mit dem Anspruch, tatsächlich die besten Profis aus den Ländern des ehemaligen britischen Kolonialreichs antreten zu lassen.

Ein Blick auf diese Veranstaltung könnte sich also lohnen. Zunächst ein paar grundlegende Infos: Die Commonwealth Games wurden 1930, damals noch als „British Empire Games“, erstmals ausgetragen, und zwar in Edmonton (Kanada). Seither wurden sie – mit Unterbrechung während des und nach dem Zweiten Weltkrieg alle vier Jahre ausgetragen, und zwar exakt immer in den Jahren, in denen auch Fußball-WM war. Bis auf zwei Ausnahmen (Kingston/Jamaika 1966 und Kuala Lumpur/Malayisa 1998) fanden sie stets in Großbritannien, Kanada, Australien oder Neuseeland statt. Es sind mehr als 3000 Athleten aus 72 Nationen am Start.

Die Commonwealth Games in Neu Delhi sind zählen zu den größten Sportereignissen in der an sportlichen Höhepunkten armen Geschichte Indiens. Wenn man bedenkt, wie sehr man sich in Indien beim Bestreben, wirtschaftlich zur Weltspitze aufzuschließen, an China misst, kann man sich leicht vorstellen, wie wichtig für Indien der Vergleich mit den Olympischen Spielen 2008 in Peking ist, den ja auch Mahesh Bhupathi in seiner Twitter-Meldung bemühte.

Wie gut oder schlecht die Spiele vorbereitet sind, kann ich aus meiner beheizten Stube in Schleswig-Holstein aus nicht beurteilen, wenn ich mir aber die Webseite der Commonwealth-Games ansehe, finde ich schon, dass es da Verbesserungsbedarf gibt. Bis gestern war überhaupt nicht herauszukriegen, welche Tennisspieler denn nun mitmachen. Heute Nachmittag hatte ich eine entsprechende Liste entdeckt. Jetzt, wo ich sie verlinken will, finde ich sie nicht mehr.

In den letzten Tagen war immer wieder zu lesen, wer alles abgesagt habe: Andy Murray, Lleyton Hewitt, Marcos Baghdatis. Bei den Damen sieht es nicht viel anders aus. Gelegentlich konnte man den Eindruck gewinnen, diese Spieler hätten alle aus Angst vor der Königskobra auf die eigentlich fest gebuchte Indienreise verzichtet. Dazu hätten sie aber hellseherische Fähigkeiten benötigt, denn sie standen alle schon vor sechs Wochen auf den Meldelisten der ATP-Turniere von Peking und Tokio, die in dieser Woche parallel zu den Commonwealth Games gespielt werden. Dort gibt es vielleicht nicht ganz so viel Ehre zu gewinnen wie in Neu Delhi, aber dickes Preisgeld und ordentlich Weltranglistenpunkte. (In der Ranglistenregelung wird von den Spitzenspielern sogar verlangt, dass sie mindestens ein 500er-Turnier spielen, das im Kalenderjahr nach den US Open liegt. Da ist die Auswahl nicht sehr groß. Außer dieser Woche bleibt als Alternative nur eine einzige andere Woche Anfang November in Valencia und Basel.)

Nun, der eine oder andere Profi ist trotzdem nach Neu Delhi gereist. Ein bisschen Glück haben die Veranstalter damit, dass der Tenniszirkus im Moment sowieso gerade durch Asien tourt. Global gesehen, liegt das Masters in Schanghei nächste Woche ja gleich um die Ecke.

Die indischen Gastgeber sind mehr oder weniger vollzählig angetreten, einschließlich des oben zitierten Mahesh Bhupathi, Doppel-Olympiasieger von Atlanta und noch heute die Nummer 13 in der Doppel-Weltrangliste. Im Einzel ist der Inder Somdev Devvarman (Nr. 100) topgesetzt vor dem Australier Peter Luczak (Nr. 130). Das sieht also nach einem Wettbewerb auf unterem Challenger-Niveau aus. Im Doppel allerdings dürften die Commonwealth Games einen etwas interessanteren Wettbewerb erleben, insbesondere wegen der Gastgeber, die drei Top-20-Spieler haben: die Olympiasieger von 1996, Bhupathi und Leander Paes (Nr. 9), sowie Rohan Bopanna (Nr. 17), der zusammen mit Somdev Devvarman antritt. Außerdem sind für England die soliden ATP-Tour-Spieler Ken Skupksi (Nr. 59) und Ross Hutchins (Nr. 63) dabei. Der pakistanische Weltklassemann Aisam Qureshi (Nr. 22) spielt mangels stärkerer Landsleute mit einem gewissen Aqeel Khan. Hätte sich Andy Murray für eine Teilnahme entschieden, würde er übrigens – anders als im Davis-Cup – nicht für Großbritannien antreten, sondern in Fußballer-Manier für Schottland. Ohne Andy spielt sein Bruder Jamie Murray (Nr. 105) mit Colin Fleming (Nr. 64).

Hier die Auslosungen (auf der Webseite des Tennis-Weltverbands ITF, auf der Commonwealth-Games-Seite sind sie nicht zu finden)

Die Sache mit der Königskobra im Tennisstadion hat mich übrigens deshalb nicht weiter bekümmert, weil vor einigen Jahren mal mitten in Neu Delhi in Büro eines Unternehmensberaters zu Besuch war (rein privat, bevor jemand falsche Vorstellungen von meinen Tätigkeiten bekommt) und dort eine riesige grüne Echse die Wand hinaufkletterte und sich darüber niemand zu wundern schien. Im Gegensatz zur Kobra war diese Echse wahrscheinlich völlig ungefährlich – aber ganz sicher bin ich mir da nicht.

Zum Schluss ein Blick nach China. Die Olympischen Spiele waren unendlich viel größer oder wahrscheinlich besser organisiert. Trotzdem gibt es Dinge, in denen Neu Delhi besser ist. Das zeigt eine Nachricht von Bob Bryan, der in dieser Woche bei 500er-Turnier in Peking spielt und versicht nebenbei ein wenig zu twittern: "Tweeting isn't easy in China. Everything is blocked." In Neu Delhi genießen nicht nur die Echsen und die Königskobras mehr Freiheiten als in Peking, sondern auch die Menschen.

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