Sonntag, 19. September 2010

TSG 1899 Kasachstan

Bulat Utemuratow hat es geschafft: Er ist in die Davis-Cup-Weltgruppe aufgestiegen. Kasachstan gewann das Relegationsspiel gegen die Schweiz. Dabei gibt es in Kasachstan eigentlich gar keine echten Tennisprofis.

Das Davis-Cup-Team, das an diesem Wochenende in der kasachischen Retortenhauptstadt Astana die Schweiz in Abwesenheit von Roger Federer mit 5:0 nach Hause schickte, bestand ausschließlich aus gebürtigen Russen: Andrei Golubew (Nr. 39), Jewgeni Koroljow (Nr. 73), Michail Kukuschkin (Nr. 81) und Juri Schukin (Nr. 132) (Das ist die deutsche Transskription aus der kyrillischen Schrift. Im Englischen, und somit auch auf der ATP-Webseite, heißen sie Andrey Golubev, Evgeny Korolev, Mikhail Kukushkin und Yuri Schukin). Der beste tatsächlich in Kasachstan geborene Tennisspieler steht auf Platz 449 und hat keine Chance auf einen Platz im Davis-Cup-Team.

Bulat Utemuratow, der Präsident des kasachischen Tennisverbands, hat sich sein Team zusammengekauft. Wie viel er den vier Russen für den Wechsel ihrer Staatsbürgerschaft bezahlt hat, weiß man nicht. Er wird wohl nicht so tief in die Tasche gegriffen haben wie Roman Abramowitsch beim FC Chelsea oder auch nur Dietmar Hopp bei der TSG 1899 Hoffenheim. Geld genug hat Utemuratow auf jeden Fall. Das Magazin Forbes führt ihn auf seiner Milliardärsliste.

Wer wissen will, wer dieser Kerl ist, liest nach im Blog von Sean R. Roberts, einem Professor für International Development aus Washington D.C. und Fachmann für Zentralasien. Bei ihm lernen wir, dass man in einem so undurchsichtigen Land wie Kasachstan nie so genau weiß, ob jemand, der offiziell Milliardär ist, das Geld wirklich selber besitzt oder nicht vielleicht ein Strohmann ist für Leute wie Präsident Nursultan Nasarbajew, zu dessen engsten Beratern Utemuratow zählt. Roberts meint aber, dass Utemuratows Einfluss so groß ist, dass er tatsächlich eine Milliarde Dollar oder noch mehr besitzen könnte. Öffentlich geworden ist Utemuratows Milliardenvermögen anscheinend erst, als er seien Anteil an einer Bank namens ATF an die italienische UniCredit verkaufte. Apropos Italien: Folgen wie Sean R. Roberts, dann kann der italienische Cavaliere Silvio Berlusconi von seinem Kollegen Nasarbajew noch einiges lernen: Eine der schillerndsten Aufgaben seines milliardenschweren und tennisbegeisterten Beraters Utemuratow ist es nämlich, die regimekritischen Medien unter seinen Fittichen zu halten (und dafür zu sorgen, dass sie es mit der Regimekritik nur gerade so weit treiben, dass sie Nasarbajews Macht nicht gefährden, man Nasarbajew aber allenthalben für die Meinungsfreiheit loben kann, die er gewährt).

Aber zurück zum Tennis: Was kann die TSG 1899 Kasachstan in der Davis-Cup-Weltgruppe anstellen? Koroljow, Golubew und Kukuschkin waren stark genug für den Aufstieg und sind es somit auch für den Klassenerhalt. Mit Heimrecht können die eingebürgerten Kasachen auch gegen durchschnittliche Weltgruppenmannschaften gewinnen. Gegen Spitzenteams reicht es aber wohl kaum. Jetzt frage ich mich, ob Utemuratow dasselbe tut, was ambitionierte Aufsteiger im Fußball für gewöhnlich tun: Nämlich Verstärkungen einkaufen. Dafür aber wird die Luft langsam dünn: Er müsste nach Spielern greifen, die stark genug sind, um für ihr Geburtsland aufzulaufen.

Golubew (der im Juli bekanntlich das Turnier am Hamburger Rothenbaum gewann), Koroljow und Kukuschkin wären für Russland zwar auch interessant gewesen, als sie die Nationalität wechselten, was das aber noch nicht unbedingt abzusehen. Für sie war Kasachstan also nicht nur wegen des Geldes interessant, sondern auch, um überhaupt im Davis-Cup spielen zu können. Wenn sich Utemuratow weiter bei den großen Nachbarn im Norden bedienen will, blieben nur noch die Top-Ten-Spieler Nikolai Dawidenko und Michail Juschni. Alles andere hat er schon aufgekauft.

Wir können ja mal ein bisschen rumspinnen: Vielleicht Andy Murray? Wenn er Champions League spielen will, muss er sich einen neuen Verein suchen. Mit Großbritannien wird er sowieso niemals den Davis-Cup gewinnen können. Bis zum vergangenen Jahr hat er immer brav mitgespielt und seine Einzelmatches gewonnen, konnte aber trotzdem nicht verhindern, dass die Briten in die dritte Liga abstiegen. In diesem Jahr verzichtete Murray auf einen Davis-Cup-Einsatz. Die Briten verloren in Runde 1 gegen Litauen und verhinderten mit einem furiosen Sieg gegen die Türkei den Abstieg in die vierte Division.

Noch andere Vorschläge? Vielleicht ein paar Spanier, die keine Chance auf einen Platz im Team haben? Wenn man merkt, dass man auf der Bank versauert, muss man sich woanders eine neue Herausforderung suchen! Oder vielleicht Philipp Petzschner, wenn er wieder seine Nada-Papiere nicht unterschreiben will? Florian Mayer wegen der entspannten Challenger-Atmosphäre in Astana? Wir sind gespannt...

Hier die Playoff-Ergebnisse der Davis-Cup-Weltgruppe

Halbfinale war übrigens auch an diesem Wochenende. Frankreich gewann gegen Argentinien und Serbien gegen Tschechien.

1 Kommentar:

Mahqz hat gesagt…

Mein Vorschlag ganz klar Marcos Baghdatis. Ryan Giggs oder George Best haben auch nie ein großes Turnier gespielt aufgrund der falschen Nationalität, das sollte er doch möglichst verhindern!

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