Sonntag, 26. September 2010

Mischa Zverev gibt es also auch noch

Man hat lange nichts mehr von Mischa Zverev (23) gehört, es sei denn, man verfolgte die Ergebnisse der ATP-Qualifikationswettbewerbe und der Challenger und warf dabei einen Blick auf die Namen der Erstrundenverlierer. Dabei schien der junge Hamburger vor einem Jahr noch auf dem Sprung nach ganz vorn. Im Mai 2009 stand er beim Masters von Rom im Viertelfinale, was ihn auf Platz 45 der Weltrangliste beförderte.

In dieser Woche war er nur noch die Nummer 155. Aber das ändert sich morgen, dann dürfte immerhin wieder zwischen den Plätzen 115 und 120 rangieren. Denn in Metz (Frankreich) spielte er heute Nachmittag plötzlich das erste ATP-Finale seiner Laufbahn. Mit einem solchen Erfolg war beim besten Willen nicht zu rechnen. Zuletzt ließ er Anfang Juni auf dem Rasen von Halle (Westfalen) aufhorchen, als er den späteren Doppel-Wimbledonsieger Jürgen Melzer schlug.

Dass Mischa Zverev jetzt in Metz bis ins Endspiel kam, zeigt, dass man Erfolge manchmal auch mit mehr Glück als Verstand erringen kann. Im Viertelfinale schlug er den seit langen unter massiven Leistungsschwankungen leidenden Finnen Jarkko Nieminen (Nr. 62). Ansonsten marschierte er durch die Runden, als würde stets jemand das Meer vor ihm teilen. Immerhin überstand er grundsolide die Qualifikation und schlug in Runde 1 den notorisch formschwachen Argentinier Horacio Zeballos (Nr 72). In Runde 2 hätte dann eigentlich Endstation sein sollen, und zwar in Gestalt des US-Open-Viertelfinalisten Gael Monfils (Nr. 15). Monfils aber, am vorigen Wochenende noch für Frankreich im Davis-Cup-Halbfinal-Einsatz, sagte kurzfristig ab und wurde von einem Lucky Loser ersetzt, dem legendären Nicolas Mahut (Nr. 158) . Es folgte das Viertelfinale gegen Nieminen (der wiederum in Runde 2 davon profitierte, dass ein weiterer französischer Davis-Cup-Spieler, Michael Llodra, abgesagt hatte), und danach hätte eigentlich wieder einmal Endstation sein sollen für Mischa Zverev. Aber sein Halbfinalgegner, das einstige Jahrhunderttalent Richard Gasquet (Nr. 30), hatte Fieber und konnte nicht antreten. So stand Mischa Zverev plözlich im Endspiel.

Dort wartete der von mir gern geschmähte Gilles Simon (Nr. 41). Ich habe mir das Spiel über weite Strecken angesehen – und zwar im briefmarkengroßen Livestream von bet365.com. Diese Übertragungform ist wirklich nur was für die ganz harten unter den Tennisfans, aber ich war halt neugierig, wie Mischa Zverev denn nun drauf ist im Moment. Denn auch wenn ich etwas über seine leichten Gegner in dieser Woche gelästert habe, bleibt natürlich festzustellen, dass er sie alle geschlagen hat, und zwar locker. Nur in der Quali gab er einen Satz im Tie-Break ab. Ganz vielleicht, dachte ich, hat er ja eine Chance gegen Simon. Im letzten Jahr, als Zverev noch auf dem Sprung nach vorn war, hat er ihn immerhin zweimal bezwungen.

Aber es war eine Enttäuschung. Simon gewann 6:2 und 6:3. Zverev schlug ganz ordentlich auf, und er spielte seinen bekannten Stil mit vielen Netzangriffen, er bereitete diese Netzangriffe oft auch ganz ordentlich vor, aber eine Volleys waren trostlos. Wenn sie mal nicht im Netz hängen blieben, spielte er sie meistens exakt dorthin, wohin Simon gerade lief. Der konnte dann zu hübsch anzusehenden Passierschlägen ausholen. Ich habe Gilles Simon überhaupt selten so schön spielen gesehen wie heute.

In einschlägigen Foren war zu lesen, Zverev hätte sich wehrlos seiner Niederlage ergeben. Das möchte ich in dieser Deutlichkeit nicht unterschreiben. Ein verlierender Angriffspieler sieht immer weniger kämpferisch aus als ein Verlierer vom Schlage eines Rainer Schüttler, der unermüdlich die Grundlinie auf- und abwetzt.

Die Quintessenz ist: Ich hatte nicht den Eindruck, dass Zverev zu seiner alten Spielstärke zurückgefunden hat. Es besteht die Gefahr, dass das Finale von Metz bloß ein Strohfeuer war. Es besteht aber auch die leichte Hoffnung, dass dieses Finale ihm das Selbstbewusstsein geben wird, das ihm zuletzt gefehlt hat (und das ihm allerdings im Endspiel immer noch fehlte). Eine schlüssige Erklärung für Zverevs Langzeittief habe ich allerdings immer noch nicht. Die Handverletzung aus dem letzten Winter kann dafür mittlerweile nicht mehr herhalten.

Immerhin war endlich mal wieder in Radio und Fernsehen zu hören, dass ein deutscher Tennisprofi in einem ATP-Finale stand. (Das letzte Mal gelang dies, wenn ich mich recht erinnere, Michael Berrer im Februar in Zagreb.)

Mischa Zverevs bevorstehender Sprung von Weltranglistenplatz 155 auf ungefähr Platz 116 erschien mir auf den ersten Blick etwas mickrig, und ich war kurz davor, dies auf das neue Weltranglistensystem zurückzuführen, in dem es für 250er-Turniere wie das in Metz nicht eben viele Punkte gibt. Aber dann hab ich in der Rangliste mal zwei Jahre zurückgeblättert und nachgesehen, auf welchen Platz sich damals ein Weltranglisten-155. mit einem Finale in Metz verbessert hätte: ebenfalls auf Platz 116.

Hier die Ergebnisse aus Metz (PDF)

Kommentare:

timboe hat gesagt…

Zack, hier kannst du dir künftig Livestreams anschauen, die größer als eine Briefmarke sind. Da konnte man gestern das Match von Zverev monitorfüllend und mit englischem Kommentar sehen: http://atdhe.net/index.html

jmg hat gesagt…

Naja, bei bet365 bekommt man auch 14 x 11cm Livestreams.

Beliebte Posts

Impressum

Ove Jensen, Schleswig zackstennis@web.de