Sonntag, 12. September 2010

Flaute in Dänemark: Keine Männer neben Caroline

Kim Clijsters hat gestern also ihren Titel verteidigt. 6:2 und 6:1 gegen Vera Zvonareva. Der Ausgang der US-Open-Damenkonkurrenz verhunzt mir gewaltig den Einstieg in diesen Artikel. Mit dem belgischen Herrentennis ist nämlich alles in Ordnung. Unter den männlichen Flamen und Wallonen ist zwar kein Grand-Slam-Sieger in Sicht, aber mit Xavier Malisse (Nr .50) und Olivier Rochus (Nr. 74) gibt es zwei solide Profis, die regelmäßig zu ATP-Turnieren antreten und auch schon den einen oder anderen Achtungserfolg erringen konnten. Vier weitere Belgier rangieren zwischen den Plätzen 100 und 200. Unter den rund 1600 Spielern auf der aktuellen Weltrangliste befinden sich 24 Belgier. Für ein Land mit 10,6 Millionen Einwohnern ist das mehr, als man verlangen kann. Auch der belgische Profi-Nachwuchs hat ordentliche Startbedingungen. Erst vor zwei Wochen endete eine Serie von drei Future-Turnieren in Eupen, Koksijde und Huy, bei denen es um jeweils 10.000 Dollar Gesamt-Preisgeld und 18 Ranglistenpunkte für den Sieger ging. In Eupen gewann der 19-jährige Belgier David Goffin die Einzelkonkurrenz, in Huy gewannen die 21 und 22 Jahre alten Belgier Marco und Mario Dierckx die Doppelkonkurrenz.

Aber Belgien ist nicht unser Thema. Hätte hingegen die bei den US Open an Nummer 1 gesetzte Spielerin, Caroline Wozniacki, ihren ersten Grand-Slam-Titel geholt, anstatt im Halbfinale recht sang- und klanglos auszuscheiden, hätte ich diesen Artikel mit einem epochalen Gegensatz beginnen können. Nun aber kann ich mit diesem epochalen Gegensatz erst in Absatz zwei kommen: Ein Volk verbringt Nächte vor dem Fernseher, wie wir es in Deutschland noch aus Zeiten von Steffi und Boris kennen. Das Tennis im Staate Dänemark erklimmt schwindelnde Höhen. Das aber gilt nur fürs Frauentennis. Das dänische Männertennis hat innerhalb weniger Jahre in einem Ausmaß an Relevanz verloren, wie es selbst für ein relativ kleines Land für Dänemark kaum nachzuvollziehen ist.

Mitten im Damentennisboom ist Dänemark im Herrentennis zu einem weißen Fleck geworden, wie man ihn in Europa kaum ein zweites Mal findet. Kürzlich nahm ich mir vor, in diesem Blog über die Schwierigkeiten zu schreiben, in der völligen Diaspora eine Profitennis-Karriere zu starten, also in einem Land ohne jede Möglichkeit, Weltranglistenpunkte zu sammeln, ohne Chancen für die Juniorenmeister, die eine oder andere Wild Card für ein Future oder gar ein Challenger zu ergattern. Es ist gar nicht so leicht, in Europa ein solches Land zu finden. Wenigstens ein Future-Turnier, die unterste Kategorie im Profitennis, gibt es so gut wie überall – ob in Estland, Lettland, Litauen, Slowenien oder Mazedonien. Sogar San Marino hat ein Challenger. Abgesehen von Zwergstaaten wie Liechtenstein fand ich drei europäische Länder ohne ATP-Punktevergabe: die Ukraine, Zypern und eben Dänemark. Auch Zypern und die Ukraine sind erstaunliche Fälle. Zypern hat zwar nicht einmal ein Fünftel der Einwohnerzahl Dänemarks, aber mit Marcos Baghdatis (Nr. 18) einen amtierenden Tennis-Nationalhelden. Und die Ukraine ist ein weites Land mit aktuell drei Top-100-Spielern (die übrigens alle ihre ersten Ranglistenpunkte in der Heimat sammelten, als es noch ukrainische Futures gab).


Auch in Dänemark wurde bis vor kurzem noch Profi-Herrentennis gespielt. Am Freitag telefonierte ich mit Niels Persson (Foto), dem Geschäftsführer des dänischen Tennisverbands. Ich sagte ihm, ich sei überrascht gewesen, als ich feststellte, dass es in Dänemark kein einziges Herren-Weltranglistenturnier mehr gibt. Ja, sagte Niels Persson, ihn habe das auch überrascht.

Das große ATP-Turnier in Kopenhagen wurde bereits 2004 in die USA verkauft. Wenig später gab auch die dänische Sandplatz-Futureserie ihren Geist auf. Bisher aber gab es immerhin noch das Challenger-Turnier im Oktober in Kolding (80 Kilometer hinter der deutschen Grenze). Für dieses Jahr aber ist das Challenger abgesagt. Der Hauptsponsor ist abgesprungen.

Auf der Webseite des dänischen Tennisverbands steht zwar noch, man arbeite daran, das Turnier 2011 wieder ausrichten zu können, aber Niels Persson klingt da nicht wirklich zuversichtlich. Ihm fehlen die Spieler. Es gibt demnächst nur noch einen einzigen Dänen auf der ATP-Weltrangliste: Frederik Nielsen auf Platz 272. Kristian Pless (Junioren-Weltmeister von 1999 als Nachfolger von Roger Federer und Vorgänger von Andy Roddick) hat seine enttäuschende und von Verletzungen überschattete Karriere vor fast einem Jahr beendet und verliert in zwei Wochen seine letzten acht Ranglistenpunkte.

Aber für Turniere ohne dänische Teilnehmer, sagt Niels Persson, interessieren sich die Zuschauer nicht und also auch nicht die Sponsoren. Ein Challenger auszurichten, das koste 700.000 Kronen (94.000 Euro). „Das Geld hat unser Verband nicht.“ Vielleicht könne man wenigstens irgendwann wieder ein Future ausrichten. An eine eigene dänische Future-Serie mit drei Turnieren denkt er dabei nicht, eher an eine Zusammenarbeit mit den Nachbarn in Schweden. 2011 werde das aber mit Sicherheit noch nichts.

In Schweden gibt es mehrere Futures. An diesem Wochenende schaffte ein einzelner Däne in Danderyd bei Stockholm die Qualifikation fürs Hauptfeld. Wenn Philip Orno sein Erstrundenmatch gewinnen sollte (was ihm gegen den Finnen Juho Paukku wohl nicht gelingen wird), bekäme er seinen ersten Weltranglistenpunkt und könnte von Platz 1600 aus Frederik Nielsen Gesellschaft leisten.

Es ist unwahrscheinlich, dass Dänemark so viele ATP-Profis hätte wie Belgien, wenn es bloß ebenso viele ATP-Turniere hätte. Aber die Entscheidung, ob man es auf der Profitour versuchen oder sich doch lieber auf die Berufsausbildung konzentrieren soll, fällt im Einzelfall gewiss anders aus, wenn das nächste Future-Turnier gleich um die Ecke stattfindet und der Veranstalter mit einer Wild Card lockt. Vielleicht wäre die Karriere von Martin Pedersen, der als 19-Jähriger ein Challenger-Finale in Dublin erreichte, dann anders verlaufen. Er hat den Versuch, Profi zu werden aufgegeben. Vor zwei Jahren habe ich ihn in der zweiten Bundesliga in Hartenholm spielen gesehen, und er machte einen absolut Challenger-tauglichen Eindruck. Er spielt auch immer noch für Dänemark im Davis-Cup (das kann Frederik Nielsen ja nicht alleine) und liefert dort Ergebnisse auf solidem Challenger-Niveau ab.

So bleibt Frederik Nielsen der einzige männliche dänische Tennisprofi. Vor zwei Jahren waren es neun Dänen auf der Weltrangliste. Vor fünf Jahren gewann zuletzt ein Däne ein ATP-Turnier (Kenneth Carlsen in Memphis).

Auf der WTA-Rangliste sind immerhin vier Däninnen geführt, von denen Caroline Wozniacki mit ihren 20 Jahren die älteste ist. Da ist also sogar noch Luft nach oben. Und ein WTA-Turnier in Kopenhagen gibt es – Caroline sei Dank – seit diesem Jahr auch.

Und die weitere Zukunft? Die dänischen Tennisclubs haben tausende neue Mitglieder gewonnen, seit Caroline Wozniacki auf der Bildfläche erschienen ist. „Vorher sind unsere Mitgliederzahlen 18 Jahre lang gesunken“, sagt Niels Persson. Es seien durchaus auch Jungs unter den Kindern, die jetzt mit dem Tennisspielen beginnen. Aber besonders häufig, sagt er, sehe man Mädchen mit gelben Rackets. „Da sieht man deutlich, wer das Vorbild ist.“

(Im übrigens weise ich darauf hin, dass Niels Persson „Caroline“ sagt und nicht „Cärolein“ wie die deutschen Eurosport-Kommentatoren. Am Freitag durften wir die kuriose Situation erleben, dass Eurosport-Expertin Amelie Mauresmo auf Englisch von „Caroline“ sprach und der deutsche Dolmetscher das mit „Cärolein“ übersetzte.)

Kommentare:

jmg hat gesagt…

Dass es in der Ukraine garnichts mehr gibt (auch keine futures) und all die Dänen aus dem ranking raus sind, war mir noch nicht so aufgefallen. Vor ein paar Jahren gab es noch so viele bekannte Namen (wobei ich Spieler wie Norby unter „bekannt“ dazuzähle).
Kolding aber war mir natürlich schon aufgefallen. Ich glaube es war auch eines der schnellsten Turniere auf der Tour, die ja ohnehin aussterben. :-/
Bei Schweden habe ich immer den Eindruck, dass es erstaunlich wenige kleine Turniere gibt (2 futures und 0 challenger).
Liechtenstein hat in der Regel ein Turnier pro Jahr, welches unter Switzerland aufgeführt wird (Switzerland F3).
Dass Cärolein nichts mit dänischer Aussprache zu tun hat, dürfte jedem klar sein. Aber wenn sie es selbst so haben wollte, kann man halt nichts dran ändern, wenn die Kommentatoren es so sagen.

Zack hat gesagt…

Naja, im englischen Sprachraum nennt sie sich Cärolein. In Dänemark lässt sie sich nach wie vor mit Caroline anreden und in Polen mit Karolina. Deshalb finde ich es nach wie vor eigenartig, dass sie bei Eurosport auf Deutsch Cärolein heißt.

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