Sonntag, 1. August 2010

Juli 1985: „Becker am Abgrund“

Mit dieser Schlagzeile fängt er an, der Monat vor genau 25 Jahren, in dem Deutschland zur Tennisnation wurde: „Becker am Abgrund – Maurer im Höhenrausch“ lautet die Überschrift vom 1. Juli 1985 in einem norddeutschen Regionalblatt. Zufällig bekam ich neulich diese alte Zeitung in die Hände, und die restlichen Ausgaben aus dem Juli 85 gleich mit. Hier lässt sich wunderbar nachvollziehen, wie innerhalb weniger Tage eine Randsportart in Zentrum der Medienaufmerksamkeit rückte, dachte ich mir – und blätterte.

Erkenntnis Nummer 1: Schon vor Boris Beckers Wimbledonsieg nahm die Berichterstattung über Wimbledon mehr Raum ein, als sie es heute tut. Während die Bundesliga in der Sommerpause war, bekamen die Erfolge von Eintracht Braunschweig und Fortuna Düsseldorf im Intertoto-Cup nur einen kleinen Zweispalter. Allein das Foto von Andreas Maurer, der gerade gegen Johan Kriek gewonnen hatte, war größer als die gesamte Fußballberichterstattung. Der Artikel dazu, der beginnt dann allerdings doch mit Boris Becker und mit einer treffenden Vorahnung des dpa-Korrespondenten: „Vor dem durchaus möglichen Abheben in neue Dimensionen des Tennissports blickte Boris Becker erst einmal in den Abgrund der Niederlage. Um den Einzug ins Achtelfinale musste er gegen den Schweden Joakim Nyström den ersten Satz mit 3:6 abgeben.“ Nachdem Boris den zweiten Satz im Tiebreak gewann, wurde das Match wegen Dunkelheit abgebrochen. Der Korrespondent sparte mit Optimismus: „Als möglicher Sieger war der 17 Jahre alte Leimener bis dahin nicht auszumachen.“

Der Wirbel um Boris Becker war schon eine Woche vor seinem Triumph riesengroß. Das ist einem Zitat von Andreas Maurer zu entnehmen: „Traurig stimmte mich schon, dass sich das öffentliche Interesse in Deutschland fast ausschließlich auf Becker konzentriert. Zu meinen Spielen kam fast niemand, auch kein deutscher Journalist.“

Am Dienstag, 2. Juli, finden wir dann statt eines dreispaltigen Maurer-Bilds ein zweispaltiges von Boris Becker. „Boris Becker steht im Wimbledon-Achtelfinale“ lautet die schlichte Überschrift. Der erste Testspiel-Auftritt von Neuzugang Horst Hrubesch bei Borussia Dortmund nimmt allerdings genauso viel Raum ein wie Beckers Fünfsatz-Erfolg gegen Nyström. Der letzte Absatz im Wimbledon-Artikel lautet: „Das leichte 6:2, 6:3 der 16 Jahre alten Heidelbergerin Steffi Graf gegen das ein Jahr jüngere US-Girl Stephanie Rehe wurde lediglich registriert.“

Am Mittwoch, 3. Juli 1985, finden wir schon wieder einen Boris-Zweispalter samt zweispaltigem Foto (diesmal mit echtem Becker-Hecht): „Fünfsatz-Sieg gegen Mayotte“ lautet die Schlagzeile. „Boris Becker war mit seinem zweiten Tenniskrimi binnen weniger als 24 Stunden erneut der Held an der Church Road“, beginnt der Text.

Am nächsten Tag dominiert Boris erstmals die Sportseiten und drängt die DFB-Pokal-Auslosung (HSV gegen Bochum) an den Rand. Boris ist „jüngster Halbfinalist aller Zeiten“, und erstmals wird andeutungsweise diskutiert, das Boris das Turnier gewinnen könnte. Man zitiert den englischen „Guardian“ mit dem Satz: „Boris Becker hat sich zum Herausforderer von McEnroe erhoben.“ John McEnroe allerdings ist ausgeschieden.

Dass es für den 17-jährigen Leimener nun um den Titel geht, wird am Freitag, 5. Juli, deutlich: „Boris Becker jetzt bei den Buchmachern Favorit Nr. 1“. Eine nicht ganz unwichtige Nachricht findet sich darunter in einem Infokasten: „Becker – Jarryd live im Fernsehen“. Die ARD hat sogar angekündigt, die Halbfinalübertragung gegebenenfalls über 19 Uhr hinaus zu verlängern.

Das Spiel gegen Anders Järryd wurde dann wegen Dunkelheit abgebrochen, und am Sonnabend, 6. Juli, ist deshalb Zeit für ein paar Impressionen aus der Heimat: „Seit Jahren hat es nicht einen einzigen Sportler in Deutschland gegeben, mit dem sich die Massen so identifizieren. Und es ist nicht mal ,Kaiser Franz’ und sein Fußball. Und vor allem ist es nicht der ,Albatros’. Michael Groß ist halt nur ein Schwimmer.“ Und: „Das Boris-Gerede hört man auch von denjenigen, die bis heute nicht wissen, was ein ,As’ ist.“ Übrigens gibt man sich in Deutschland überzeugt: „Wir schaffen es bis ins Endspiel.“

Nun, bekanntlich schafften wir es nicht nur bis ins Endspiel. In der Montagausgabe vom 8. Juli 1985 waren wir Wimbledonsieger. Und erstmals räumt die hier zitierte Regionalzeitung dafür sogar ihre Titelseite frei. Die Titelseite war in der vorherigen Woche ausschließlich für Dinge reserviert wie die Arbeitslosenzahlen oder Verhandlungen zwischen Bonn und Ost-Berlin. Jetzt reckt dort Boris den Pokal in die Luft, und daneben steht: „Boris Becker schrieb Sportgeschichte“. Coach Günther Bosch weinte Freudentränen und prophezeite einen Tennisboom in Deutschland, „der sich sicherlich auch in der Leistungsstärke niederschlägt.“ Bundespräsident Richard von Weizsäcker schickte Becker ein Telegramm: „Sie haben für die große Überraschung dieses Sommers gesorgt. Wir haben alle Ihre Spiele in den letzten Tagen mit Begeisterung verfolgt und haben beim Höhepunkt des Turniers unseren Atem angehalten. Ich bewundere die Ruhe, mit der Sie sich durchzusetzen gewusst haben, und ich beglückwünsche Sie zu Ihrem großartigen Sieg und Ihrer sportlichen Einstellung.“ (Das Telegraphieren war vor meiner Zeit, aber irgendwie dachte ich immer, Telegramm wären kürzer als dies. Für eine SMS wären das zu viele Zeichen gewesen.)

Am Dienstag, 9. Juli, dominiert Boris weiter die Sportseite. Er findet, McEnroe sei weiterhin die legitime Nummer 1. Aufregung gibt es um Ion Tiriacs Verdikt, dass Becker jetzt erstmal nach Hause nach Monte Carlo fahren werde anstatt sich in Leimen feiern zu lassen.

Die Ausgabe vom Mittwoch, 10. Juli, musste ich mir zwei Mal ansehen, aber tatsächlich: Kein Wort von Boris. Stattdessen Fecht-WM mit Bundestrainer Emil Beck und Tour de France mit Bernard Hinault. Am Donnerstag sind dafür die Fotos von den Tennis-Bezirksmeisterschaften umso größer. Es gewann Lars Pasch. Unterdessen müssen die Fußball-Bundesligisten ihre Etats gesundschrumpfen. Sie planen mit einem Zuschauerschnitt von 19.000.

Wenig später kommt Boris dann doch noch nach Deutschland: 15.000 Menschen strömen zur triumphalen Begrüßung in Leimen, lesen wir am Sonnabend, 13. Juli. Manager Tiriac plant jetzt einen Schaukampf zwischen seinem Schützling und Ivan Lendl in Berlin.

Am Montag, 15. Juli, zeigt sich, dass Andreas Maurer sich möglicherweise nicht ganz zu Unrecht beklagt hat. Die ganze Woche über lasen wir auf den Sportseiten kein einziges Tennis-Ergebnis. Weil man ja auch nicht im Internet nachgucken konnte, wusste vermutlich kaum jemand in Deutschland, dass Maurer sich gleich nach Wimbledon ins Endspiel des ATP-Turniers (oder, damals hieß es wohl noch Grand-Prix-Turnier) von Gstaad in der Schweiz gespielt hatte. Nun lesen wir eine 15-Zeilen-Meldung, von denen sich acht Zeilen mit dem bevorstehenden Davis-Cup mit Boris befassen, dass Maurer das Finale gegen Joakim Nyström verloren hat.

Es folgt eine Woche ganz ohne Tennismeldungen. Erst am nächsten Montag, 22. Juli, heißt es: „Deutsche Tennisspieler im Aufwind“. Ein Zweispalter über die Halbfinalteilnahmen von Damir Keretic in Bastad, Eva Pfaff in Newport und Petra Keppeler in Bregenz.

Erst als Boris wieder selber zum Schläger greift, wird von der Anfangsphase eines Turniers berichtet: In Indianapolis wehrte Becker sechs Matchbälle gegen Mikael Pernfors ab, erfahren wir am Donnerstag, 25. Juli. Wenn Boris mitmacht, haben plötzlich auch die Ergebnisse der anderen deutschen Profis Nachrichtenwert: Hansjörg Schwaier erreichte mit einem 6:2, 7:5 gegen Pedro Rebolledo (Chile) das Achtelfinale, während Wolfgang Popp mit 4:6, 6:0, 2:6 an Hans Gildemeister (ebenfalls Chile) scheiterte. Als Schwaier einen Tag später das Viertelfinale erreichte, belohnte man ihn in der Sportredaktion dafür mit einer dicken Überschrift.

Am Montag, 29. Juli, müssen wir erstmals von einer Niederlage Beckers erfahren: „Die Sympathien galten dennoch Boris Becker“, lautet die versöhnliche Überschrift nach seinem Halbfinal-Aus gegen Ivan Lendl in Indianapolis.

Zum Schluss noch mal Andreas Maurer. Am Mittwoch, 31. Juli, heißt es: „Maurer wehrt sich energisch gegen die Unterstellung, er könnte neidisch auf den Erfolg des zehn Jahre jüngeren Boris Becker sein. ,Wer neidisch ist, den kann ich nicht verstehen. Etwas besseres ist dem deutschen Tennis – und auch den deutschen Tennisprofis – seit zehn Jahren nicht passiert. Von allen, die nach Boris kommen, wird nun der Druck genommen.'“

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