Montag, 30. August 2010

"I never choked" - "A champion's mind" von Pete Sampras

Das Thema heute lautet, wie schon in der vergangenen Woche angekündigt, Pete Sampras und seine Autobiographie „A champion's mind“. Es gibt eigentlich keinen Anlass, über dieses Buch ausgerechnet heute zu schreiben. Auf Englisch erschien es für zwei Jahren, eine deutsche Übersetzung gibt es bisher nicht. Ich habe es jetzt gelesen, weil man es mir neulich von einer Reise nach Übersee mitbrachte.

Aber wenn man einen aktuellen Anlass sucht, findet man meistens irgendwas. In diesem Fall ist es das 20-Jahr-Jubiläum von Sampras' epochalem US-Open-Sieg 1990. Das Turnier spielte für Sampras in etwa die Rolle wie der Wimbledonsieg 1985 für Boris Becker (auch wenn die Auswirkungen auf die Tennisnationen USA und Deutschland gewiss nicht vergleichbar waren).

Nun zum Buch: Es wird kaum jemanden überraschen, dass Sampras nicht persönlich monatelang abends am Laptop saß, während Bridgette und die Kinder schon schliefen, sondern dass er einen Ghostwriter hatte. Dieser Ghostwriter war einer der profiliertesten Tennisjournalisten Amerikas: Pete Bodo. Das ist ein wichtiger Aspekt dieses Buches, der weit über das reine Schreib-Handwerk hinausgeht.

Im vergangenen Dezember empfahl ich Andre Agassis Autobiographie „Open“. Um es vorwegzunehmen: „Open“ und „A champion's mind“ unterscheiden sich mindestens so sehr, wie sich Agassi und Sampras unterscheiden. Das liegt auch an den Ghostwritern. Der New Yorker Schriftsteller J.R. Moehringer hatte mit Tennis nichts weiter am Hut, bevor eines Tages Andre Agassi ihn fragte, ob er nicht sein Leben aufschreiben wolle. Pete Bodo hingegen ist ein Tennisguru, der über viele Aspekte dieses Sports vermutlich mehr weiß als Sampras. Bei manchen Grundsatz-Exkursionen, zum Beispiel über den Unterschied zwischen amerikanischen Ostküsten- und Westküstentennis, hatte ich den Eindruck, Bodos Gedanken dargelegt zu bekommen und nicht die von Sampras. Aber keine Angst: Diese Grundsatz-Exkursionen sind nie langatmig. Das Buch ist leicht zu lesen, und es ist spannend, obwohl man ja weiß wie es ausgeht. Bodo selbst sagt, es sei ein „Hardcore-Tennisbuch“, und die Beschreibung trifft es sehr gut. Das Agassi-Buch funktioniert als Roman auch für Leser, die sich nur bedingt für Tennis interessieren. Für das Sampras-Buch sollte man eine gewisse Begeisteurng fürs Thema mitbringen. Über Sampras' Privatleben erfährt man bis zur rührenden Anekdote, wie er seine Frau kennen lernte, fast nichts.

Das Buch enthielt viele Details, die bisher unbekannt waren, aber keine spektakulären Enthüllungen. Erstaunlich fand ich zum Beispiel die Information, dass die vornehmen Herren vom All England Lawn Tennis and Croquet Club sich zu der Clownerie hinreißen ließen, Sampras im Jahr 2007, also fünf Jahre nach Ende seiner Karriere, eine Wild Card für Wimbledon anzubieten. Sampras lehnte ab, und soweit ich weiß, drang damals von diesem Vorgang nichts an die Öffentlichkeit. Wo wir schon dabei sind, die Geschichte vom Ende her zu erzählen: Das Buch bringt auch Licht ins Dunkel bei der Frage, wann Sampras eigentlich beschloss, seine Karriere zu beenden. Zur Erinnerung: Im Jahr 2002, mit 31 Jahren, spielte er plötzlich für seine Verhältnisse unterirdisch schlecht, nachdem er sich von seinem langjährigen Coach Paul Annacone getrennt hatte. In Wimbledon schied er in der zweiten Runde gegen einen Schweizer namens George Bastl aus. Dann holte er Annacone zurück, fuhr zu den US Open – und gewann das Turnier. Genau wie bei seinem ersten US-Open-Sieg zwölf Jahre vorher schlug er im Endspiel seinen Dauerrivalen Andre Agassi. Das war Sampras' letztes Profimatch. Offiziell erklärte er seinen Rücktritt vom Profitennis erst ein Jahr später, und seinem Buch zu Folge dauerte es tatsächlich so lange, bis er sich sicher darüber klar war, dass er seine Karriere beendet hatte. Wenn ich mich richtig erinnere, war mir (und vermutlich auch vielen anderen Fans) spätestens im Januar 2003, als Sampras nicht zu den Australian Open antrat (und ja schon den gesamten Herbst nicht gespielt hatte), klar, dass er aufgehört hat. Sampras sagt nun, er hätte damals mit seinem Coach schon das gesamte Trainingsprogramm für die Australien-Vorbereitung ausgearbeitet, als im klar wurde, dass er eigentlich gar keine Lust hatte, nach Melbourne zu fahren. Mit Wimbledon 2003 ging es dann ähnlich.

Ihm war natürlich bewusst, dass es einen gewissen Charme hatte, die Karriere mit einem US-Open-Triumph zu beenden. Erstaunlicherweise scheint ihm weniger bewusst zu sein, dass dies ein einmaliges Kunststück ist, das vermutlich in 100 Jahren niemand wiederholen wird. Dabei ist sich Sampras seiner eigenen Besonderheit durchaus bewusst – auch das ist einer der Unterschiede zum Agassi-Buch. Sampras hält sich selbst für den Größten – und kann das nicht verbergen. An einer Stelle sagt er, dass er ja oft gefragt werde, wer der größte Tennisspieler aller Zeiten sei, und er nennt fünf Personen, die in Frage kommen, darunter auch sich selbst. Zu seiner Entlastung muss man sagen, dass er mit dieser Einschätzung natürlich richtig liegt. (Die anderen vier Namen, die er nennt, sind Rod Laver, Björn Borg, Ivan Lendl und Roger Federer.) Bemerkenswert ist, welche Rekorde ihm wichtig waren und welche nicht. Wichtig waren immer die, die er selbst gebrochen hat. Alle anderen waren eher unbedeutend. Für mich zählten immer schon Björn Borgs fünf Wimbledonsiege am Stück (von 1976 bis 1980) zu den legendärsten Leistungen der Tennisgeschichte, und entsprechend aufregend fand ich es, als Roger Federer diesen Rekord einstellte. Für Sampras hingegen scheint diese Marke überhaupt keine Rolle gespielt zu haben, als er nach vier Wimbledonsiegen am Stück 2001 im Achtelfinale ausgerechnet gegen Roger Federer ausschied. Wichtig hingegen war ihm die Rekordmarke von zwölf Grand-Slam-Titeln insgesamt, die bis dato Roy Emerson hielt, die Sampras mit 14 übertraf und die mittlerweile Roger Federer (16) getoppt hat. Und dann wollte er unbedingt sechs Jahre am Stück am Jahresende auf dem ersten Platz der Weltrangliste stehen, was er haarscharf schaffte, und damit den Rekord von Jimmy Connors überbieten. Das mit dem Jahresende ist ja eine künstliche Marke, weil die Weltrangliste fortlaufend berechnet wird und nicht wie die Bundesligatabelle einmal im Jahr bei 0 beginnt. Insofern ist meines Erachtens die bedeutendere Rekordmarke, besonders lange ununterbrochen auf Platz 1 zu stehen. Von den drei Jahren, die Jimmy Connors und Ivan Lendl schafften (160 bzw. 157 Wochen), war Sampras (102 Wochen), der immer wieder im Frühling oder Herbst von Andre Agassi und einmal auch von Thomas Muster verdrängt wurde, relativ weit entfernt. Also ist dieser Rekord für ihn kein Thema.

Kurz vor dem Ziel mit den sechs Jahren auf Platz 1 plagten Sampras extreme Versagensängste. Das ist bemerkenswert, denn solche scheint er – anders als sein Rivale Andre – bis dahin praktisch nicht gekannt zu haben. Und das lag wohl nicht daran, dass er – anders als Andre – sowieso davon überzeugt war, der Beste zu sein. Nach seiner nachvollziehbaren Darstellung hat es auch mit seiner Kindheit und Jugend zu tun. Er hatte eben – anders als Andre - keinen Vater, der unbedingt einen Star aus ihm machen wollte. Sam Sampras hatte von Tennis keine Ahnung, bis seine Kinder Stella und Pete mit diesem Sport anfingen und richtig gut wurden. Pete konnte also ruhig mal ein Match verlieren, ohne dass gleich der Haussegen schief hing. Außerdem hatte er einen Jugendtrainer (Pete Fischer, von dem er sich später komplett entfremdete), für den es immer das wichtigste war, dass er gut spielte und nicht, ob er gewann. Sampras sagt, hier liege der Grund dafür, warum er in seiner gesamten Karriere niemals aus Nervosität einen sicheren Sieg aus der Hand gab („I never choked.“). Die andere Seite der Medaille ist: Er musste noch, als er schon ein Weltklassespieler war, lernen, auch bei scheinbar aussichtslosen Rückständen bis zum Äußersten zu kämpfen anstatt sich in die Niederlage zu fügen.

So, nun sind wir die Geschichte von hinten nach vorn durchgegangen, und es gäbe noch sehr viele andere Dinge zu erzählen, zum Beispiel, wie sich das Spiel während Sampras' Karriere veränderte, weil die Schläger größer, die Plätze langsamer, die Bälle schwerer wurden. Außerdem von seinen Trainern, von Tim Gullikson, der 1996 an einem Hirntumor starb, und von dem oben erwähnen Paul Annacone, der seit diesem Sommer Roger Federer trainiert. (Ich bilde mir ein, letzte Woche im Finale von Cincinnati schon Annacones Einfluss gesehen zu haben, aber davon vielleicht demnächst mehr).

In Roger Federer sieht Sampras ohnehin seinen einzigen legitimen Nachfolger. Er erwähnt auch, dass Federer mittlerweile während Wimbledon sich immer dasselbe Haus mietet, in dem zuvor Sampras zu wohnen pflegte. Die Hauseigentümer heißen ausgerechnet Borg. Das wäre eine schöne Idee: Das Borg-Haus als eine Art Iffland-Ring des Herrentennis.




Pete Sampras (Co-Autor Peter Bodo): „A champion's mind“, 306 Seiten, ab elf Euro.

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