Sonntag, 15. August 2010

Die große Lücke zwischen Andy Roddick und Ryan Harrison

Diese Meldung ist mehr als nur eine Randnotiz wert: Seit Einführung der ATP-Weltrangliste vor 37 Jahren steht seit dem vergangenen Montag erstmals kein US-Amerikaner mehr unter den ersten 10. Andy Roddick ist auf den elften Platz abgerutscht. Es ist der symbolische Höhepunkt für eine Entwicklung, die schon seit vielen Jahren im Gange ist: für den Bedeutungsverlust des US-amerikanischen Profitennis. Beinahe hätte ich geschrieben, für den Niedergang. Aber ich glaube, das wäre nicht ganz zutreffend. Eher scheinen mir die USA wegen des Aufstiegs anderer Tennisnationen ins Hintertreffen zu geraten: Spanien, Russland, Argentinien. Auch Frankreich – immer schon eine bedeutendes Tennisland – bringt mehr Spitzenspieler als in vergangenen Jahrzehnten hervor.

Der letzte US-Einzelsieg bei einem Grand-Slam-Turnier ist sieben Jahre her (Roddick bei den US Open). Das wiederum ist eigentlich kein Drama. In Deutschland warten wir schon doppelt so lange (Boris Becker gewann 1996 die Australian Open).

Der Bedeutungsverlust, den dies für das US-Tennis nach sich zieht, ist dennoch unübersehbar. Andy Roddick auf Platz 11 ist da bloß die Spitze des Eisbergs. In den 1970er und 1980er Jahren waren ein Viertel, zeitweise ein Drittel, der ersten 100 auf der Weltrangliste aus den USA. Heute sind es sechs von 100. Zum Vergleich: Deutschland hat derzeit zehn Top-100-Spieler. Von den 40 Spielern auf der Challenger-Weltrangliste, die ich vor einer Woche gebastelt habe, sind nur zwei aus den USA. Also – vielleicht es doch ein Niedergang und nicht bloß ein Bedeutungsverlust. Nur einer der sechs Top-100-Spielern ist in einem Alter, in dem man davon ausgehen darf, dass er sich in den nächsten Jahren noch steigern wird: der 22-jährige Sam Querrey auf Platz 21. John Isner (25) dürfte mit seinem derzeitigen Platz 19 im Begriff sein, seinen Zenit zu erreichen. Roddick, Mardy Fish, Taylor Dent und Michael Russell haben ihren Zenit überschritten. Drei der vier Wild Cards beim Masters-Turnier von Cincinnati, das an diesem Montag beginnt, gehen an Fish, an James Blake (30 Jahre, Nummer 108) und an Robby Ginepri (27 Jahre, Nummer 118). Nur eine Wild Card geht an ein hoffungsvolles Talent: An Donald Young (21 Jahre, Nummer 104). Von dem Mann hatte man sich in Amerika auch mal mehr versprochen.

Donald Young und Sam Querrey als die Zukunft des US-amerikanischen Tennis. Das ist eine trostlose Vorstellung. Wuchtig aufschlagen und dann von der Grundlinie wuchtige Vorhände übers Netz peitschen. Das ist die Spielweise von Querrey und von Young und von vielen anderen amerikanischen Profis. Bei Querrey liegt die Betonung mehr auf Aufschlag, bei Young mehr auf Vorhand. Ich möchte eine Verallgemeinerung wagen: Den Amerikanern fehlt der Spielwitz, wie ihn früher auf ihre jeweils individuelle Weise Leute wie John McEnroe, Pete Sampras oder auch Michael Chang hatten und wie ihn heute Leute wie Roger Federer, Juan Martin del Potro oder Robin Söderling haben. Vielleicht braucht Amerika einfach neue Trainingskonzepte, um das zu ändern.

Oder das Land braucht einfach einen neuen Helden. Sowas geht, wie wir seit Boris Becker wissen, manchmal schneller als man denkt. Wenn man einen Wimbledonsieger hat (oder im Falle Amerikas vielleicht lieber einen US-Open-Sieger), dann ist die Zahl der sonstigen Top-10- oder Top-100-Spieler erstmal nachrangig. Dann kommt der Tennisboom von ganz alleine. Überschäumende Prognosen sind zwar, wie man am Fall von Donald Young sieht, gefährlich. Aber manchmal muss man sich auch mal in Gefahr begeben, sonst wird’s langweilig. Also: Auf die Ära Nadal/Djokovic/Murray/del Potro könnte die Ära Ryan Harrison folgen. Ryan Harrison kommt aus Louisiana, ist neulich 18 geworden und momentan die Nummer 227. Er ist einer der jüngsten Spieler, die je ein Match auf der ATP-Tour gewonnen haben: 2008 in Housten war er noch 15. Solches haben zuletzt Rafael Nadal und Richard Gasquet geschafft. Ryans Vater Pat, der es selbst seinerzeit bloß auf Weltranglistenplatz 725 schaffte, plant die Karriere seines Sohnes zwar mit viel Ehrgeiz und Nachdruck, aber offenbar auch mit Umsicht: Nach Ryans Sieg über Pablo Cuevas in Houston organisierte Pat seinem Sohn keine Zirkuspferd-Wild-Cards, sondern ließ ihn kleine Future-Turniere spielen und hielt ihn auch mal monatelang ganz vom Profizirkus fern. Im Mai 2009 schaffte Ryan dann in Florida sein erstes Challenger-Viertelfinale, indem er unter anderem Taylor Dent schlug, also einen der aktuellen großen 6 des US-Tennis. Beim Masters von Indian Wells in diesem Frühjahr schlug er Dent gleich nochmal. Sein erstes Viertelfinale auf der ATP-Tour folgte in diesem Sommer in Newport (Rhode Island). Natürlich hat er oft auch gegen namenlose Leute verloren, aber das ist normal in seinem Alter. Leute, die mit 17 schon Wimbledon gewinnen, gibt es schon lange nicht mehr. Dann hat Ryan auch noch einen kleinen Bruder namens Christian. Aber zu dem wage ich trotz aller Lust an der Gefahr keine Prognose.

Kommentare:

jmg hat gesagt…

Also Young hat mit Sicherheit keine besonders wuchtige Vorhand. Vielmehr ist er doch gerade einer der wenigen Amerikaner mit Spielwitz und Ballgefühl.

Fish ist denke ich derzeit spielerisch auf seinem Karrierehöhepunkt.

Zack hat gesagt…

Okay, ich muss zugeben, dass ich Young seit einer Weile nicht mehr gesehen habe. Als ich ihn sah, drosch er nur sinnlos auf die Bälle ein.

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