Montag, 12. Juli 2010

Vorsicht Spoiler: "Der vorsätzlich Handelnde" ist fertig

Das Thema heute lautet: „Der vorsätzlich Handelnde“ und was aus ihm geworden ist. Anfang des Jahres hatte ich an dieser Stelle ein Internet-Buchprojekt vorgestellt. Das Projekt ist jetzt abgeschlossen, und es ist an der Zeit, es einer Buchkritik zu unterziehen. Zur Erinnerung: Die Hauptfigur des Romans von Marc Bensch ist ein Gelegenheitstennisspieler Mitte 20, der in der Neujahrsnacht den guten Vorsatz fasst, in diesem Jahr Wimbledon zu gewinnen. Alle paar Tage erschien ein neues Kapitel des „Tennismärchens“.

Ich verrate nicht alles und vor allem nicht, wie es ausgeht. Aber ich komme nicht umhin, ungefähr zu sagen, wohin die Reise geht. Deshalb die Spoilerwarnung in der Überschrift.

Das komplette Buch umfasst 216 PDF-Seiten. Läge es in gedruckter Form vor, wäre es also kein dicker Wälzer, aber auch kein dünnes Bändchen, sondern im unteren Bereich von eher so mittel.

Etwas skeptisch war ich zu Beginn, ob es wohl eine gute Idee sein würde, das ganze Buch hindurch niemanden beim Namen zu nennen. Die Hauptfigur, die Wimbledon gewinnen will, heißt einfach nur „er“. Wimbledon heißt auch nicht Wimbledon, sondern „das große altehrwürdige Rasentennisturnier“ oder „das wichtigste Rasentennisturnier der Welt“. Das ist ganz putzig, und bei weniger bedeutenden Turnieren, die ähnlich umschrieben werden, darf man miträtseln, was denn nun gemeint ist, und sich freuen, wenn man das Rätsel gelöst hat. Auf die Dauer trägt diese Anonymisierung aber dazu bei, dass die Geschichte immer etwas steril bleibt.

Dabei lassen sich die Turniere und auch alle Profispieler, die in der Geschichte auftauchen, entschlüsseln. Wie gut das geht, ist mir erst relativ spät aufgefallen. Man nimmt sich einfach die ATP-Ergebnislisten des Jahres 2009 und liest mit. Zum Beispiel das Sandplatz-ATP-250-Turnier von München, das auf Seite 147 beginnt. Hier kommt der Spoiler: Unser Held gewinnt dieses Turnier. In der ersten Runde der Qualifikation trifft er auf einen 23-jährigen Wuschelkopf aus einem ungenannten Land, das leicht als Österreich zu identifizieren ist. Im 32 Spieler umfassenden Qualifikationsfeld von München 2009 standen drei Ösis: Tristan Weißborn, Alexander Peya und Philipp Oswald. Von ihnen war nur einer im Mai 2009 23 Jahre alt. Also gewinnt unser Held gegen den Wuschelkopf Philipp Oswald. Im wirklichen Leben überstand Oswald die erste Quali-Runde und traf in der zweiten auf den an Nummer 6 gesetzten Amerikaner Amer Delic. Wir lesen im „vorsätzlich Handelnden“: „Er bekam es mit einem an Nummer sechs gesetzten US-Boy zu tun“. In der dritten und letzten Qualirunde folgt dann also Sascha Kloer. Im wirklichen Leben schlug Kloer Delic und stand im Hauptfeld. Im Tennismärchen verliert Klör gegen unseren Helden. Im wirklichen Leben traf Klör in der ersten Runde des Hauptfeldes auf den späteren Turniersieger Tomas Berdych aus Tschechien. Im Tennismärchen gewinnt Berdych das Turnier nicht, sondern scheidet in der ersten Runde aus, und all die Gegner, die im wirklichen Leben gegen Berdych verloren, verlieren nun gegen unseren Helden: Andreas Beck, Lleyton Hewitt, Jeremy Chardy und im Endspiel Michail Juschni.

Diese Anbindung an die Realität was das, was mir beim Lesen am meisten Spaß gemacht hat. Die Kapitel des Romans erschienen dabei sozusagen in Echtzeit: Anfang Mai, parallel zum Münchner ATP-Turnier von 2010, waren die Kapitel zu lesen, die in München 2009 spielten. Dieser Kniff hat gewiss dazu beigetragen, dass ich immer weiter gelesen habe. Ich muss aber gestehen, dass ich das Buch zwischenzeitlich auch mal für ein paar Wochen aus den Augen verloren hatte, und zwar in Wochen, als unser Held keine Turniere mit Gegnern, die es zu entschlüsseln galt, bestritt, sondern irgendwo in Trainingslager abgetaucht war. Ich habe die Kapitel dann hinterher nachgeholt, man will ja nichts verpassen, und es las sich alles geschmeidig genug, dass dieses Nachholen keine große Last war.

Es hat Spaß gemacht, die Geschichte zu lesen. Ob es denselben Spaß macht, jetzt erst damit anzufangen, sie zu lesen, weiß ich nicht. Wahrscheinlich fehlt doch etwas, wenn man sich beim Lesen nicht in genau der Kalenderwoche befindet, in der das aktuelle Kapitel spielt. Man merkt dann wahrscheinlich viel deutlicher, dass man die Figuren des Buches nur oberflächlich kennen lernt. Es spielen sich kaum Dramen ab. Dem Helden scheint alles, was er sich vornimmt, zu gelingen. Er steht über viele, viele Kapitel nie auch nur ansatzweise vor dem Scheitern. Er ist wahnsinnig zielstrebig, was sein Leben trotz aller Erfolge – abgesehen von ein paar unangenehmen Bild-Schlagzeilen – langweilig macht. Weil ich das Ende, das ich ja nicht verrate, kenne, verstehe ich, warum die Geschichte so aufgebaut ist. Mehr Drama unterwegs wäre trotzdem unterhaltsamer gewesen. Mehr Drama unterwegs hätte die Geschichte auch für Leser interessant gemacht, die – anders als ich – nicht mit Inbrunst die ATP-Tour verfolgen.

Hier ein Link zum Buch

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