Sonntag, 4. Juli 2010

Philipp Petzschner und Jürgen Melzer - die heimlichen Wimbledonsieger

Wenn ich mich richtig erinnere, hat die Sache auch 1992 keine großen Wellen geschlagen. Stattdessen erinnert man sich an dies: Die dänischen Strandurlauber schlugen Deutschland im EM-Finale in Schweden. Ein verdienter Sieg. Die Vorrunde hatten Bertis Buben ohnehin nur überstanden, weil Häßler in der letzten Minute einen Freistoß gegen die GUS oder so ins Eck zirkelte.

In demselben Sommer wurde Michael Stich Wimbledonsieger im Doppel, und zwar zusammen mit John McEnroe und mit einem an Dramatik nur alle 200 Jahre von Leuten wie John Isner und Nicolas Mahut zu überbietenden 19:17 im fünften Satz.

Doppel interessiert halt nicht. Das war sogar damals so, als Boris und Steffi und auch Stich die Szene dominierten und der deutsche Sportfan Tennis fast genauso wichtig fand wie Fußball. Doppel zählt nur, wenn es im Davis-Cup drauf ankommt oder es bei den Olympischen Spielen eine Medaille gibt.

Kein Wunder also, dass im Fußball-Märchensommer 2010 nur der sehr aufmerksame Medienbeobachter davon Notiz nimmt, dass Deutschland erstmals seit Michael Stich 1992 wieder einen Wimbledonsieger hat und Österreich sogar zum ersten Mal in der Weltgeschichte. Dabei kamen Philipp Petzschner und Jürgen Melzer gestern sogar in der Tagesschau. Aber wer hat gestern schon Tagesschau geguckt? Die Leute tanzten ja alle in den Straßen und feierten das 4:0.

Einen Vorteil immerhin hat es, dass keiner das Doppelfinale von Wimbledon gesehen hat. So konnte keiner sehen, dass es ein eher langweiliges Match war. Petzschner und Melzer schlugen Robert Lindstedt (Schweden) und Horia Tecau (Rumänien) mit 6:1, 7:5, 7:5. Auch wenn die Sätze zwei und drei dem Ergebnis nach knapp aussehen, hatten Lindstedt und Tecau eigentlich keine Chance. Es tat dem Spielverlauf nicht gut, dass die beiden nicht besonders gut Tennis spielen können – jedenfalls nicht im Vergleich zu Melzer und Petzschner. Es gab fast keine artistischen Hochgeschwindigkeitsballwechsel am Netz, die Doppelmatches sonst so sehenswert machen.

Lindstedt und Tecau sind reine Doppelspezialisten, die deshalb Erfolg haben, weil sie – im Gegensatz zu manchen Stars aus der Einzelkonkurrenz – wissen, wie man Tennis erfolgreich als Teamsport betreibt. Melzer und Petzschner wissen das auch – das haben sie in den letzten Jahren immer wieder mal unter Beweis gestellt. Und sie können eben außerdem gut Tennis spielen, was ja, wie Melzer nach dem Sieg bemerkte, auch im Doppel kein Nachteil sein muss. Petzschner hat in der dritten Einzelrunde beinahe den späteren Turniersieger Rafael Nadal aus dem Wettbewerb genommen. Melzer stand vor vier Wochen im Halbfinale der French Open und scheiterte in Wimbledon erst im Achtelfinale an Roger Federer.

Ihr Glück war, dass sie im Doppel noch nicht ausgeschieden waren, als das Turnier im Einzel für beide beendet war. Da entschieden sie sich, das Doppel einfach mal genauso ernst zu nehmen wie sonst das Einzel. Plötzlich hatten die reinen Doppelspezialisten wie Lindstedt und Tecau oder vorher im Halbfinale Wesley Moodie und Dick Norman oder im Viertelfinale Rohan Bopanna und Aisam Qureshi das Nachsehen.

Ich glaube, dass Jürgen Melzer und Philipp Petzschner stark genug sind, noch ein paar weitere Grand-Slam-Titel einzufahren - wenn sie denn im Einzel früh genug ausscheiden und sich aufs Doppel konzentrieren. Jedenfalls haben sie sich schon seit Anfang des Jahres vorgenommen, immer dann, wenn beide im Einzel zum selben Turnier antreten, auch gemeinsam Doppel zu spielen. So dürfen wir hoffen, das Wimbledonsiegerduo künftig auch regelmäßig auf den Masters-Turnieren gemeinsam anzutreffen. Dort ist es wahnsinnig schwierig, in die meist nur 24 Teams umfassenden Doppelwettbewerbe reinzukommen. Um sicher zu sein, muss man in der Weltrangliste (im Einzel oder Doppel) unter den ersten 30 sein. Da stand Philipp Petzschner bisher nicht. Mit den 2000 Punkten aus Wimbledon auf dem Konto ist das aber ab sofort kein Problem mehr. Auf der morgen erscheinenden Doppel-Weltrangliste wird er einen Sprung von Platz 60 auf ungefähr Platz 20 machen.

Noch weniger Aufmerksamkeit als ein Wimbledonsieg im Herrendoppel erregt ein Wimbledonsieg im gemischten Doppel. Erinnert sich jemand, wer 2009 den Titel holte? Anna-Lena Grönefeld (zusammen mit Mark Knowles von den Bahamas). 2012 in London ist das gemischte Doppel erstmals olympisch. Das olympische Tennisturner wird übrigens auf dem Rasen von Wimbledon ausgetragen. Wäre doch gelacht, wenn das Gespann Grönefeld/Petzschner da nicht Edelmetall holt. Dann jedenfalls wäre die öffentliche Beachtung gewiss. Mit einer Medaille um den Hals werden schließlich selbst Kanuten, Judoka und Kleinkaliberschützen von Waldemar Hartmann interviewt.

Für eine Olympiateilnahme sollte Philipp Petzschner allerdings sicherheitshalber noch sein Verhältnis zum Code der Nationalen Doping-Agentur klären.

Hier die Ergebnisse vom Herrendoppel in Wimbledon

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