Sonntag, 18. Juli 2010

Live von der Qualifikation am Hamburger Rothenbaum

Wenn es drauf ankommt, lässt Geschichte sich zurückdrehen. Die Eisbude ist wieder da, wo sie hingehört: Am linken Fuße der großen Ergebnistafel vor dem Center Court am Rothenbaum.

Da war ich wohl nicht der einzige, der sich vor einem Jahr bitterlich beklagte, dass die Eisbude Platz machen musste für den Informationsstand eines edlen Immobilienbüros. Vielleicht hatte auch bloß Immobilienbüro keine Lust mehr zu kommen oder kein Geld mehr, was weiß ich. Jedenfalls gibt’s jetzt wieder Eis, wenn man vor der Ergenbistefel steht, und das ist in einem Sommer wie diesem eine hervorragende Nachricht.

Hier also mein Vor-Ort-Bericht von Hamburg 2010. Weil ich es in der kommenden Woche nicht nach Hamburg schaffen werde, gibt es den Bericht vom Qualifikations-Sonntag, also taufrisch von heute.

Abgesehen von der Eisbude sieht am Rothenbaum im Jahr 2 nach der Herabstufung vom Masters- zum ATP-500-Turnier alles ungefähr aus wie im Jahr 1. Der Stadionsprecher bewahrt nach wie vor Haltung und spricht vom „Center Court der Welt“, auch wenn auf ihm bloß Björn Phau und Marc Gicquel spielen. Außerdem erklärt er den Rothenbaum zum „schönsten Tennisstadion der Republik“. Meinetwegen. Außerdem behauptet er von Marc Gicquel, der habe zweimal das ATP-Turnier von Lyon gewonnen, was im Gegensatz zu der Geschmackssache mit dem Center Court nachweislich falsch ist.

Björn Phau hatte mit Gicquel wenig Probleme. Das Match war relativ langweilig, was daran lag, das Phau mit seinen 30 Jahren routiniert und nervenstark genug ist, um gegen Leute wie Gicquel einfach sein Standardprogramm abzuspulen.

Auf den Nebenplätzen war mehr Action: Christophe Rochus und Marcel Granollers boten ein sehr ansehnliches Altherrenmatch. Nun mag man einwenden, Granollers sei doch mit seinen 24 Jahren im Gegensatz zu Rochus (31) kein alter Herr. Er spielte aber wie einer. Nicht so hart auf die Bälle draufhauen, dafür mit viel Spielfreude, gern mal ein Stopp, gern mal ein Ball rückwärts durch die Beine, um dem staunenden Publikum zu zeigen, wie beweglich man noch ist. Und auch gern mal ein paar Schritte laufen, aber nicht so hastig. Jeder Stopp war mit Ansage und hoch genug, dass der Gegner ihn gemütlich erreichen und mit einem Gegenstopp antworten konnte, der sich wiederum lässig-elegant zurückspielen ließ. Das war echt unterhaltsam, und Granollers war anzusehen, dass er ein exzellenter Doppelspieler ist. Bis zum 4:4 im ersten Satz dachte ich, der Granollers will clever mit wenig Energieverlust die Qualifikation hinter sich bringen und wird gewiss gleich ein bisschen Gas geben, um mit einem Break im entscheidenden Moment den Satz nach Hause zu fahren. Aber dann gelang Rochus das Break, und Granollers machte überhaupt keine Anstalten, seine Spielweise zu ändern. Rochus gewann glatt mit 6:4 und 6:3 und trifft nun im Hauptfeld auf Jarkko Nieminen.

Marcel Granollers hat hevorragende Chancen, als Lucky Loser doch noch ins Hauptfeld zu rutschen, denn er ist von den sechs Spielern, die in der letzten Qualifikationsrunde verloren haben, derjenigen mit der besten Weltranglistenposition (Nummer 87). Aber während des Spiels gegen Rochus konnte er sich da eigentlich noch nicht so sicher sein. Denn das Spiel seines spanischen Landsmanns Pere Riba (Nummer 80) auf dem Nachbarplatz hatte noch gar nicht angefangen. Riba spielte gegen Ivan Navarro. Navarro (Nr. 146) ist mit seine 28 Jahren schon eine halbe Ewigkeit auf der Tour unterwegs (also, hauptsächlich auf Qualifikationen wie hier und auf Challengern), aber ich hatte ihn noch nie spielen gesehen, bis ich neulich im Fernsehen in sein Spiel im Londoner Queen's Club gegen Andy Murray reinschaltete. Navarro spielt Harakiri-Serve-und-Volley im AD(H)S-Stil. Gegen Riba genauso wie gegen Murray. Seine Ausgangsposition beim Aufschlag sieht aus, als plane er irgendwas zwischen Speerwurf, Harpunenschießen und einem 800-Meter-Lauf.

Hier ein Foto:




Ich habe mit meiner Handykamera auch ein Film von Navarros Aufschlag aufgenommen. Den wollte ich jetzt hochladen, was mein erster eigener Youtube-Film gewesen wäre. Irgendwie habe ich da aber technische Probleme. Vielleicht klappt es noch im Laufe der Woche.

Nach dem Aufschlag rennt Navarro immer wie eine besengte Sau zur T-Linie. Ab und zu trifft er dort einen Volley und macht den Punkt, meistens fliegen ihm die Bälle aber um die Ohren. Gegen Riba (wie gegen Murray) hat Navarro glatt verloren. Auf mich wirkte das wie das natürliche Ergebnis einer jeden Tennispartie, an der Navarro beteiligt ist. Andererseits sagt die ATP-Webseite, dass er von seinen bisher 93 Matches auf der ATP-Tour immerhin 33 gewonnen hat.

Zum Schluss ein Wort zum Öko-Anstrich, den Turnierdirektor Michael Stich dem Rothenbaum gegeben hat: („Das erste klimaneutrale internationale Sportevent der Hansestadt“). Wes Geistes Kind diese PR-Kampagne ist, liest man auf den riesigen Transparenten, die auf der Anlage für Sustainability werben: Darauf prangt das Logo des Kohle- und Atomgiganten Eon.

Hier die Ergebnisse der Qualifikation am Rothenbaum (PDF)

Und hier die Turnierwebseite

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

richtig guter artikel. über die beschreibung von dem aufschlag navarros hab ich mich kaputt gelacht. aber wie eh und je sehr schön zu lesen und informativ. keep it going ^^

Anonym hat gesagt…

Ja kann ich nur zustimmen, echt ein sau lustiger Artikel! Auch das Blogg insgesamt ist echt super, sehr informative und amüsante Artikel!

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Ove Jensen, Schleswig zackstennis@web.de