Sonntag, 13. Juni 2010

Wimbledon: Historische Wild Card für Nicolas Kiefer

An diesem Montag beginnt in London das Qualifikationsturnier für Wimbledon. Eigentlich wollte da auch Nicolas Kiefer mitmachen. Nach mehreren Verletzungen und eher mäßigen Ergebnissen bei den wenigen Turnieren, an denen er in den letzten zwölf Monaten teilgenommen hat, ist unser 32-jähriger Altmeister nur noch die Nummer 181 auf der Weltrangliste und damit weit entfernt von den ersten 100, die direkt ins Wimbledon-Hautpfeld gelangen.

Aber nun hat Kiwi eine Woche länger Zeit, sich auf den heiligen Rasen vorzubereiten: Er hat eine Wild Card fürs Hauptfeld bekommen. Damit erleben wir die Morgendämmerung einer neuen Epoche der fragilen deutsch-britischen Freundschaft: Es ist die erste Wimbledon-Wild-Card für einen deutschen Spieler seit Einführung des Profitennis, der Weltrangliste, der Wild Cards und des ganzen Restes vor fast 40 Jahren.

Nebenbei soll dies ein Anlass sein, einmal die Wild-Card-Politik der Grand-Slam-Turniere im Allgemeinen und der All England Championships im Speziellen zu beleuchten. Um es vorwegzunehmen: Es war gewiss keine antideutsche Gesinnung, die dazu geführt hat, dass bisher die Deutschen übergangen wurden. Wenn Boris Becker oder Michael Stich jemals auf eine Wild Card angewiesen gewesen wären, hätten sie gewiss eine bekommen. Haben andere ausländische Altstars schließlich auch. Erinnert sei nur an Goran Ivanisevic, der 2001 sogar das Turnier gewann.

Acht der 128 Startplätze bei Grand-Slam-Turnieren darf der Veranstalter unabhängig von Weltrangliste und Qualifikationsturnier nach eigenem Gutdünken besetzen. Typischerweise gehen diese Wild Cards an Talente oder ewige Talente aus dem eigenen Land, damit die Zuschauer was zum Anfeuern haben. Bis vor ein paar Jahren war es üblich, dass alle acht Wimbledon-Wild-Cards an britische Spieler gingen. Zuletzt geschah dies 2003. Dann dämmerte den Veranstaltern, dass dieses Verfahren nicht besonders sinnvoll war. In der Regel schieden alle acht Wild-Card-Spieler sang- und klanglos in der ersten oder spätestens der zweiten Runde aus. Die Engländer schaffen es nämlich seit Jahrzehnten nicht, wettbewerbsfähige Tennisprofis hervorzubringen. (Tim Henman war die einzige Ausnahme, Andy Murray ist Schotte und Greg Rusedski eigentlich Kanadier.) 2009 gingen nur noch vier Wild Cards an britische Spieler.

Legendär ist ein Spieler namens Alex Bogdanovic. Auch er ist kein gebürtiger Brite, sondern stammt ursprünglich aus Belgrad, und seine Eltern zogen mit ihm nach England, als er acht war. Er hat es vor ein paar Jahren immerhin mal bis auf Platz 108 der Weltrangliste geschafft. Im Moment steht er auf Platz 166 und ist damit nach Andy Murray (Nummer 4) der mit Abstand beste Brite. Er hat seit 2002 jedes Jahr in Wimbledon gespielt. Jedes Mal kam er mit einer Wild Card ins Hauptfeld. Jedes Mal schied er in der ersten Runde aus. In seinen acht Erstrundenmachtes gewann er insgesamt drei Sätze.

Jetzt wurde es den Funktionären zu bunt. Im Jahr 2010 gibt es keine Wild Card für Alex Bogdanovic mehr. Das Problem dabei: Die anderen Engländer sind alle noch viel schlechter als Bogdanovic. Jamie Baker (Nr. 254 der Welt und mit seinen 23 Jahren drei Jahre jünger als Boggo) hat trotzdem wieder eine Wild Card bekommen. Es ist seine vierte. Auch er ist natürlich bei seinen bisherigen drei Auftritten in Wimbledon in Runde 1 ausgeschieden. Aber Spielern wie Daniel Evans (Nr. 334) oder Daniel Smethurst (Nr. 356) Wild Cards zu geben und sie Bogdanovic vorzuenthalten, das wäre nun wirklich nicht mehr vermittelbar gewesen.

Also ist Jamie Baker der einzige Brite, der in diesem Jahr eine Wild Card bekommt. Drei der acht Wild Cards werden diesmal einfch gar nicht vergeben. Das Teilnehmerfeld wird mit Spielern aufgefüllt, die im Ranking kurz hinter Platz 100 stehen. Baker und Andy Murray sind Schotten: Wenn in der Qualifikation nicht noch ein Wunder geschieht, wird also erstmals in der Geschichte der All England Championships im Herreneinzel kein einziger Engländer am Start sein.

Eine Wild Card geht an den 19-jährigen Russen Andrei Kusnezow (Nr. 270), den Vorjahressieger des Junioren-Wettbewerbs. Die Junioren-Champions bekommen zwar nicht immer eine solche Wild Card, aber doch relativ oft – manchmal auch erst zwei Jahre nach ihrem Sieg bei den Junioren. Der Erste, der von dieser Praxis profitierte, war übrigens Roger Federer 1999.

Eine weitere Wild Card geht an den japanischen Nachwuchsspieler Kei Nishikori (20 Jahre/Nr. 201). Das hat vermutlich damit zu tun, dass Japan ein interessanter Markt ist mit wenigen heimischen Spielern. Nishikori war eine Weile verletzt und wäre ohne diese Verletzung vermutlich gut genug platziert, um direkt ins Hauptfeld zu kommen, insofern ist die Entscheidung vertretbar – zwingend ist sie mit Sicherheit nicht.

Die vierte Wild Card geht an Teimuraz Gabashvili, einem in Georgien geborenen Russen. Diese Entscheidung zeigt nun endgültig, dass die Veranstalter nicht mehr wussten, wohin mit ihren Wild Cards. Das einzige Argument für Gabashvili ist, dass er vor zwei Wochen bei den French Open als Qualifikant ins Achtelfinale gekommen ist und auf dem Weg dahin unter anderem Andy Roddick geschlagen hat. Nun ist er Weltranglisten-88. und wäre ins Wimbledon-Hauptfeld gekommen, wenn der Stichtag dafür nicht vor den French Open gelegen hätte. Aber sowas kommt vor. Deswegen gibt man normalerweise keine Wild Card an eine 25-jährigen Durchschnittsspieler.

Unter diesen Umständen führte an der Wild Card für Nicolas Kiefer kaum ein Weg mehr vorbei. Er ist seit vielen Jahren als guter Rasenspieler bekannt und war – wenn auch im vorigen Jahrhundert – in Wimbledon schon mal im Viertelfinale. In dieser Woche in Halle/Westfalen ist er zwar in der zweiten Runde ausgeschieden, aber in Runde 1 hat er gegen Michail Juschni (Russland/Nr. 14) gewonnen, der definitiv zur erweiterten Weltklasse gehört.

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