Sonntag, 20. Juni 2010

Thomas Musters Comeback in Braunschweig: "Es ist kein PR-Gag"

Ich erinnere mich noch an den 13. Oktober 2006. Okay, das genaue Datum musste ich gerade nachschlagen, aber egal. Es war der Tag, an dem John McEnroe sein letztes Match auf der ATP-Tour bestritt, und ich war dabei. Das hatte ich ein paar Wochen zuvor, als ich meine Reise nach Schweden buchte, kaum zu hoffen gewagt. Es war ein magischer Moment, als er den Platz in der königlichen Tennishalle von Stockholm betrat, es war ein magischer Moment, als er den Platz verließ, und im ersten Satz spielte John McEnroe sogar 15 Minuten lang schlichtweg magisch.

In einer Woche wird ein anderer ehemaliger Weltranglistenerster ebenso überraschend wie damals McEnroe den Platz für sein letztes Profitennismatch betreten. Elf Jahre nach seinem Karriereende spielt Thomas Muster auf der BTHC-Anlage am Friedrich-Kreiß-Weg in Braunschweig. „Es ist kein PR-Gag“, sagt Musters Manager Herwig Straka zu diesem vom Braunschweiger Turnierdirektor Michael Stich eingefädelten PR-Gag.

Ich werde wahrscheinlich nicht dabei sein können, aber egal. Magische Momente wie mit John McEnroe sind diesmal wohl nicht zu erwarten. Thomas Muster ist eben kein Magier, sondern einfach ein fleißiger Arbeiter mit Tennisschläger. Außerdem ist Braunschweig bloß zweite Liga, ein Challengerturnier. Das Welttennis wird in der übernächsten Woche ein paar hundert Kilometer westlich in Wimbledon gespielt. Ein Hammer ist Musters Auftritt trotzdem – vor allem deshalb, weil er nicht nur im Doppel, wo man ja nicht so viel laufen muss, antritt, sondern auch in der Einzelkonkurrenz. Wenn der 42-jährige Steirer auf einen ungnädigen Gegner trifft, dürfte das ein Debakel geben. Auf der Meldeliste stehen immerhin fünf Top-100-Spieler, darunter Florian Mayer und Andreas Beck. Vielleicht spielt Muster auch gegen seinen Landsmann Daniel Koellerer, das wäre ein Spaß.

Es kommt immer wieder mal vor, dass ein alter Champion ein paar Jahre nach seinem Karriereende auf die Idee kommt, noch mal ein Doppel-Match unter ernsthaften Bedingungen zu spielen. Erst vor einem Jahr gab am Hamburger Rothenbaum Turnierdirektor Michael Stich sich selbst eine Wild Card für die Doppelkonkurrenz. An der Seite von Mischa Zverev verlor er glatt in der ersten Runde. Genauso erging es 2005 Jim Courier an der Seite von Andre Agassi in Houston. Auch Boris Becker hat es zwei Jahre nach seinem offiziellen Karriereende noch mal im Doppel versucht: 2001 schied er zusammen mit dem damaligen Wimbledonsieger Goran Ivanisevic in Cincinnati in der ersten Runde aus.

Auch wenn ich keines von diesen Comebacks mit eigenen Augen gesehen habe, kann ich mir nicht vorstellen, dass irgendeines annähernd so magisch war wie das von John McEnroe. McEnroe hat 2006, mit damals 47 Jahren, nicht nur einfach ein Match auf der Profitour bestritten, er hat mit seinem Doppelpartner Jonas Björkman zwei Turniere gespielt. Das erste, im Frühjahr in San Jose, haben sie gewonnen. Beim zweiten, im Herbst in Stockholm, kamen sie ins Viertelfinale – und McEnroe wurde auf seine alten Tage noch mal auf Platz 238 der Doppel-Weltrangliste geführt.

Noch ein anderer Comebackversuch kommt mir gerade in den Sinn: Der passt nicht ganz in diese Reihe. Es ist der Comebackversuch von Björn Borg zwischen 1991 und 1993. Anders als den zuvor genannten Herren war es Borg nämlich bitterernst. Er bestritt zehn Turniere und verlor jedes Mal in der ersten Runde. Am Anfang waren die Ergebnisse regelrecht trostlos (zum Beispiel 1:6 und 0:6 gegen Goran Prpic in München). Bei seinen beiden letzten Auftritten 1993 in Zaragoza und Moskau gewann er immerhin jeweils einen Satz. Thomas Muster scheint zwar nicht völlig auszuschließen, ebenfalls wieder häufiger zu Profiturnieren anzutreten, aber, so versichert er, ausschließlich „aus Spaß an der Sache“.

Hier die Internetseite des Challengers in Braunschweig.

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