Montag, 28. Juni 2010

Isner und Mahut - Das 200-Jahre-Match

Das Wimbledon-Erstrundenmatch zwischen John Isner und Nicolas Mahut in dieser Woche hat Wikipedia-Einträge in 17 Sprachen. Selbst die enorm kritische deutsche Wikipediagemeinde hat die Löschung des Artikels abgelehnt. Das allein schon ist epochal. Hier noch mal das genaue Ergebnis: Isner gewann mit 6:4, 3:6, 6:7, 7:6, 70:68. Das Match begann am Dienstag, 22. Juni, wurde zwei Mal wegen Dunkelheit unterbrochen und endete am Donnerstag, 24. Juni, am späten Nachmittag nach elf Stunden und fünf Minuten Spielzeit. Es ist das mit Abstand längste Tennismatch aller Zeiten. Den bisherigen Rekord hielten die Franzosen Fabrice Santoro und Arnauld Clement mit sechs Stunden und 33 Minuten (French Open 2004, 6:4, 6:3, 6:7, 3:6, 16:14 für Santoro).

Isner und Mahut schafften es am Donnerstag sogar in die Vier-Minuten-Radionachrichen des NDR. Alle mir bekannten Zeitungen berichteten trotz Fußball-WM großflächig in ihren Sportteilen. Auch das ist epochal. Manchen hat das Match trotzdem nicht gefallen.

Der geschätzte österreichische Kollege Unbreakbar sprach in Zusammenhang mit dem Match zwischen Isner und Mahut von „fast echtem Tennis“.Ass. „Aufschlag - Returnfehler. Aufschlag - Returnwinner. Aufschlag - Volley. Ständig verspringt der Ball. Rahmenbälle sind die Regel. Das macht keinen Spaß!“

Mir hat das Match sehr wohl Spaß gemacht. Deshalb folgt nun eine Verteidigungsschrift.

Ich würde niemals behaupten, das Match sei besonders hochklassig gewesen. Ganz genau kann ich es freilich nicht beurteilen, weil ich nicht zu den ganz wenigen Menschen gehöre, die alle elf Stunden gesehen haben, sondern auch ich nur Teile der zweiten Hälfte des letzten Satzes kenne. Es stimmt, die Ballwechsel waren ruckzuck vorbei. Isner machte Aufschläge und sonst nicht viel, Mahut spielte viele platzierte Volleys hinterher. Insbesondere über Mahuts Volleyspiel habe ich mich gefreut. Es trifft nämlich leider überhaupt nicht mehr zu, dass man auf Rasen nur Serve und Volley zu sehen bekomme. Das war zu Boris Beckers Zeiten vielleicht so, und ein bisschen vermisse ich diese Zeiten, in denen unterschiedliche Bodenbeläge auch deutlich unterschiedliche Spielertypen hervorbrachten. In den letzten zehn Jahren ist der heilige Rasen immer langsamer geworden und die Matches ähnelten immer mehr denen auf Hartplätzen. Die Unterschiede lagen – ich übertreibe etwas – nur noch im etwas anderen Sprungverhalten des Balles und darin, dass die Spieler leichter ausrutschten. Dass Wimbledon keine Überraschungssieger wie Michael Stich, Richard Krajicek oder Goran Ivanisevic gehabt hat, liegt gewiss auch daran und nicht nur an der Dominanz von erst Pete Sampras und dann Roger Federer und Rafael Nadal.

Mir scheint, und ich bin mir bei dieser Diagnose noch nicht ganz sicher, dass der Rasen von Wimbledon in diesem Jahr wieder ein ganz klein wenig mehr Rasen und weniger Hartplatz ist. Das Match am Sonnabend zwischen Rafael Nadal und Philipp Petzschner am Sonnabend, das Petzschner fast gewonnen hätte, bestärkt mich in dieser Theorie. Mal sehen, was die kommende Woche bringt, wenn das Gras abgelatscht ist. Vielleicht spielte der etwas schnellere Rasen eine Rolle dabei, dass Mahut und Isner stundenlang keine Breaks schafften. Der Hauptgrund ist aber, glaube ich, ein anderer: Ab einem gewissen Punkt, als beide nur noch auf dem Zahnfleisch gingen, hat keiner mehr ernsthaft Energie auf die Aufschlagspiele des Gegners verschwendet. Beide haben nur noch daran gedacht, irgendwie ihre eigenen Aufschläge durchzubringen, keiner wollte unnötig Risiko eingehen. Keiner der beiden erschöpften Helden wollte im Returnspiel Energie in vergebliche Lauferei verschwenden. Diese volle Konzentration führte dazu, dass keinem von beiden irgendwann beim Aufschlag der Faden riss, wie es sonst in fast jedem Match vorkommt. Isner und Mahut gehören sicher nicht zu den stärksten Returnspielern des Planeten, aber dass sie unter normalen Umständen trotzdem zu Breaks in der Lage sind, haben sie in den beiden ersten Sätzen bewiesen (6:4 und 3:6). Vor zwei Jahren trafen die beiden schon einmal auf Rasen aufeinander. Mahut gewann im Londoner Queen's Club mit 6:4 und 7:5.

Damals im Queen's Club hätte es beim Stande von 6:6 im dritten Satz einen Tiebreak gegeben. Nur bei drei der vier Grand-Slam-Turnieren und im Davis-Cup wird im letzten Satz kein Tiebreak gespielt. Ich hoffe, das wird so bleiben. John McEnroe kam kurzzeitig auf die Idee, einen Tiebreak wenigstens beim Stande von 30:30 zu fordern. Wahrscheinlich würde es 30 Jahre dauern, bis eine solche Regel erstmals zum Einsatz käme. Isner sagte nach dem Match: „So etwas wird es nie wieder geben.“ Ich glaube, da hat er recht. So etwas hat es ja auch vorher nie gegeben (auch nicht in den aufschlagstarken 80er und 90er Jahren). Dass die Partie so lange dauerte, lag nicht nur an den Spielern und ihrer Spielweise, sondern auch an ganz vielen Zufällen. Es war ja nicht so, dass bis zum 68:68 beide Spieler ihre Aufschläge zu Null durchgebracht hätten. Es gab Breakchancen, Matchbälle. Wäre irgendwann mal ein Ball an der Netzkante hängengeblieben anstatt haarscharf drüberzusegeln oder wäre ein anderer Ball knapp vor statt hinter der Grundlinie gelanden, würde heute niemand mehr über Isner und Mahut reden. Ein renommierter Mathematik-Blogger meldet, nach den Regeln der Wahrscheinlichkeitsrechnung ist ein solches Match nur alle 200 Jahre zu erwarten. (Den Link fand ich bei Thilo Kuessner.)

Kommen wir nun zum Maßband: 1,87 Meter oder genau genommen 187,1875 cm. Das ist die Körpergröße des durchschnittlichen Achtelfinalteilnehmers im Herreneinzelwettbewerb von Wimbledon 2010. Der kleinste Achtelfinalteilnehmer ist David Ferrer (Spanien, 1,75 Meter), der größte ist Sam Querrey (USA, 1,98 Meter). Die Titanen Federer und Nadal begegnen sich auf Augenhöhe: Sie sind – genau wie ich und Millionen anderer Männer - 1,85 Meter groß.
Der typische Tennisprofi ist zwar relativ hoch gewachsen, bewegt sich dabei aber im absolut normalen Rahmen.

Es scheint angebracht, auf diese Zahl hinzuweisen. Denn nach dem Duell zwischen Isner (2,08 Meter) und Mahut (1,90 Meter) kamen doch einige Kritiker aus ihren Löchern, die das Rasentennis insgesamt deshalb in Frage stellen wollten, weil es hier anscheinend möglich sei, über einen gewaltigen Aufschlag Matches mit schierer Körpergröße für sich zu entscheiden. Nun scheint niemand genau zu wissen, wie viele Männer über zwei Metern es auf der Welt eigentlich gibt, aber es dürfte eine stolze Zahl sein, und kein einziger von ihnen hat es ins Wimbledon-Achtelfinale geschafft. Es ist ja auch nicht so ganz einfach, wenn man ein Riese ist, mit seinem Schläger an die auf dem Rasen flach abspringenden Bälle heranzukommen. Dass der deutsche Überraschungsachtelfinalist Daniel Brands (bisher die Nummer 98 der Welt) das mit seinen 1,96 Metern so gut kann, ist durchaus bemerkenswert.

Der im Moment verletzte Kroate Ivo Karlovic (2,08 Meter), mit dem John Isner oft verglichen wird und dessen Spiel noch mehr als das von Isner vorrangig vom Aufschlag lebt, hat zwar im vergangenen Jahr in Wimbledon das Viertelfinale erreicht, in den vier vorangegangenen Jahren schied er aber jedes Mal gleich in der ersten Runde aus - 2008 gegen den deutschen Qualifikanten Simon Stadler (1,83 Meter).

Keine Kommentare:

Beliebte Posts

Impressum

Ove Jensen, Schleswig zackstennis@web.de