Sonntag, 6. Juni 2010

French Open 2010: Zweiter Holzlöffel für Rainer Schüttler

Siegerlisten gibt es in Hülle und Fülle, heute ist wieder einmal der Name Rafael Nadal hinzugekommen. Zeit, sich endlich einmal den Verlierern zuzuwenden – den Holzlöffelträgern. Aber der Reihe nach:

Es ist immer wieder ein schöner Trost, wenn man sich sage kann, man sei in einem Turnier zwar früh ausgeschieden, habe aber schließlich gegen den späteren Sieger, Finalisten usw. verloren.

Was aber, wenn derjenige, gegen den man verloren hat, gleich in der nächsten Runde auch wieder verliert, und zwar gegen jemanden, der wiederum gleich in der darauf folgenden Runde ausscheidet gegen jemanden, der... usw. Dann muss man wohl besonders schlecht gewesen sein. Mit einer gewissen (wenn auch nicht bierernsten) Berechtigung, darf man sich als Letzter fühlen, als Träger der Roten Laterne, oder – wie es in der englischen Sportsprache heißt, Gewinner des „Wooden Spoon“.

Um dies mal am aktuellen Beispiel zu erklären. Bei den heute zu Ende gegangenen French Open holte Rainer Schüttler seinen zweiten Holzlöffel bei einem Grand-Slam-Turnier nach den Australian Open 2004. Und das kam so:

Erste Runde: Rainer Schüttler
unterliegt Guillermo Garcia-Lopez

Zweite Runde: Guillermo Garcia-Lopez
unterliegt Thiemo de Bakker

Dritte Runde: Thiemo de Bakker
unterliegt Jo-Wilfried Tsonga

Achtelfinale: Jo-Wilfried Tsonga
unterliegt Michail Juschni

Viertelfinale: Michail Juschni
unterliegt Tomas Berdych

Halbfinale: Tomas Berdych
unterliegt Robin Söderling

Endspiel: Robin Söderling
unterliegt Rafael Nadal

Um das Prinzip deutlich zu machen, spielen wir nun dasselbe für die Australian Open 2010 durch:

Erste Runde: Robin Haase
unterliegt Tomas Berdych

Zweite Runde: Tomas Berdych
unterliegt Jewgeni Korolew

Dritte Runde: Jewgeni Korolew
unterliegt Fernando Gonzalez

Achtelfinale: Fernando Gonzalez
unterliegt Andy Roddick

Viertelfinale: Andy Roddick
unterliegt Marin Cilic

Halbfinale: Marin Cilic
unterliegt Andy Murray

Endspiel: Andy Murray
unterliegt Roger Federer

Um diesen Spielkram auf die Spitze zu treiben, können wir nun analog zu den Siegerlisten der Grand-Slam-Turniere der vergangenen Jahre auch eine Verliererliste erstellen. Hier ist sie:

Australian Open
2000 (13) Cedric Pioline (Frankreich)
2001 David Sanchez (Spanien)
2002 Flavio Saretta (Brasilien)
2003 Hicham Arazi (Marokko)
2004 (6) Rainer Schüttler (Deutschland)
2005 Felix Mantilla (Spanien)
2006 Fernando Vicente (Spanien)
2007 Luis Horna (Peru)
2008 Donald Young (USA)
2009 Kristof Vliegen (Belgien)
2010 Robin Haase (Niederlande)

French Open
2000 Galo Blanco (Spanien)
2001 Martin Damm (Tschechien)
2002 (29) Max Mirnyi (Weißrussland)
2003 Justin Gimelstob (USA)
2004 Joachim Johansson (Schweden)
2005 Fabrice Santoro (Frankreich)
2006 Oliver Marach (Österreich)
2007 (5) Fernando Gonzalez (Chile)
2008 Viktor Troicki (Serbien)
2009 Lu Yen-Hsun (Taiwan)
2010 Rainer Schüttler (Deutschland)

Wimbledon
2000 (Q) Michael Russell (USA)
2001 (28) Franco Squillari (Argentinien)
2002 (19) Juan Ignacio Chela (Argentinien)
2003 (Q) Dick Norman (Belgien)
2004 John van Lottum (Niederlande)
2005 Vince Spadea (USA)
2006 Greg Rusedski (Großbritannien)
2007 (32) Juan Mónaco (Argeninien)
2008 Igor Kunitsyn (Russland)
2009 Nicolas Lapentti (Ecuador)

US Open
2000 (WC) Bob Bryan (USA)
2001 Nikolai Dawidenko (Russland)
2002 Agustin Calleri (Argentinien)
2003 (Q) Joachim Johansson (Schweden)
2004 (13) Marat Safin (Russland)
2005 (Q) Noam Okun (Israel)
2006 (Q) Jeff Morrison (USA)
2007 (7) Fernando Gonzalez (Chile)
2008 (WC) Brendan Evans (USA)
2009 Dimitri Tursunow (Russland)

Rainer Schüttler, dem einzigen Deutschen auf dieser Liste, ist es tatsächlich gelungen, gleich im Jahr nach seiner Finalteilnahme der Australian Open an gleicher Stelle den Holzlöffel zu erringen. Und zwar, indem er in der ersten Runde gegen den damals noch unbekannten Roland-Garros-Finalisten von 2009 und 2010, Robin Söderling verlor, der wiederum in der zweiten Runde gegen den Wild-Card-Spieler Nicolas Escudé verlor, der usw.

Schüttler war 2004 in Melbourne an Nummer 6 gesetzt und damit nach Fernando Gonzalez (2007 in Paris) der zweitbestplatzierte Holzlöffelsieger des Jahrzehnts. Fernando Gonzalez seinerseits ist es gelungen, in einem Jahr gleich zweimal den Holzlöffel zu erringen, und das als Top-Ten-Spieler: 2007 bei den French Open und den US Open.

Zwei weitere Spieler neben Schüttler und Gonzalez haben in den vergangenen zehn Jahren zwei Holzlöffel geholt: Joachim Johansson und Franco Squillari. Squillari ist der einzige von diesen vier, der es im Laufe seiner Karriere nicht in die Top 10 geschafft hat. Er war nur mal Elfter.

Augenscheinlich ist es nicht von Vorteil, besonders schlecht zu sein, wenn man den Holzlöffel holen will. Wild-Card-Spieler, denen man, weil sie ja ohne sportliche Qualifikation ins Hauptfeld gelangen, unterstellen darf, im langjährigen Mittel die schwächsten Teilnehmer zu sein, tauchen in Melbourne, Paris und Wimbledon gar nicht auf der Liste auf. Nur die USTA, der US-Tennisverband, hat ein Händchen dafür, spätere Löffelgewinner für ihre Wild Cards auszuwählen. Wild-Card-Spieler Bob Bryan hat aus seinem Löffel im Jahr 2000 die Konsequenzen gezogen: Er spielte fürderhin fast nur noch Doppel – und gewann die US Open zusammen mit seinem Zwillingsbruder Mike bisher zwei Mal.

Marat Safin ist der einzige Holzlöffelträger (US Open 2004), dem es auch gelungen ist, Grand-Slam-Turniere zu gewinnen (US Open 2000, Australian Open 2005), schöne Symbolik für seine unsteten Leistungen.

1 Kommentar:

noko hat gesagt…

Schöner Artikel! Ein etwas alternatives und recht lustiges Thema, vielen Dank dafür!

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