Sonntag, 9. Mai 2010

Live vom ATP-Turnier in München

Mann, war das kalt. Manche Spieler spielten in langen Hosen, ich sah mich am am Mittwochmittag genötigt, in einem der Sportgeschäft-Zelte vor dem Center-Court einen zusätzlichen grauen Kapuzenpulli zu erwerben. Meine Regenjacke hatte ich zum Glück mitgebracht. Das ATP-Turnier von München begrüßte Zuschauer und Teilnehmer mit reinstem Hamburger Schmuddelwetter.

Wie am letzten Sonntag angekündigt, liefere ich heute einen Vor-Ort-Bericht aus München. Meine spontanen Eindrücke von den Matches hatte ich ja schon am Dienstag und Mittwoch getwittert. Nun ist es an der Zeit, die Geschichte von ihrem Ende her zu erzählen. Wenn man weiß, wer das Turnier gewonnen hat, kann man bei der Einschätzung der Vorrundenleistungen ja immer viel fachkundiger tun.

Also: Gewonnen hat Michail Juschni aus Russland. Dem Mann scheint das Turnier zu liegen, egal bei welchem Wetter. Als ich das letzte Mal in München war, 2007, kam er ins Finale, und ich holte mir ein knallrotes Gesicht, weil ich nicht ahnte, dass man in Bayern Anfang Mai Sonnencreme braucht. Seither war ich der Ansicht, dass das Münchner Turnier dasjenige in Deutschland mit dem schönsten Ambiente ist. Auch wenn es daran liegen mag, dass der erste Eindruck so sonnig war, bin ich noch immer dieser Ansicht. (Den World Team Cup in Düsseldorf muss ich ausnehmen – da war ich noch nie.)

Aber nun zur Auswahl einiger Matches, von denen ich mehr als ein paar Ballwechsel gesehen habe:

Einzel:

Marcos Baghdatis (Zypern) – Peter Gojowczyk (Deutschland) 3:6, 6:1, 6:2

Den ersten Satz habe ich verpasst. Der Rest war ausgesprochen öde. Es nieselte die ganze Zeit gerade so viel, dass der Schiedsrichter die Partie nicht abbrechen musste. Den Spielern schienen die Bedingungen nicht zu liegen. Überwiegend standen sie in der Mitte der Grundlinie und spielten sich die Bälle zu, als würden sie sich einschlagen. Irgendwann haute dann Gojowczyk seinen Topspin ins Aus, manchmal tat das auch Baghdatis, und ganz, ganz manchmal spielte Baghdatis erfolgreich einen Stopp. Dieses Schauspiel kann unmöglich repräsentativ für das Leistungsvermögen der beiden Akteure gewesen sein, sonst wäre Baghdatis später nicht ins Halbfinale gekommen, und Gojowczyk hätte vorher nicht die Qualifikation überstanden. Die ganz schweren Gegner hatte er in der Quali allerdings nicht. Nach diesem Match jedenfalls kann ich nicht beurteilen, ob der 20-jährige Bayer unser großen Nachwuchstalent ist, das manche in ihm sehen.

Simon Greul (Deutschland) – Nicolas Kiefer (Deutschland) 7:5, 6:2
Kiefer spielte wie einer, der von einer sehr, sehr langen Verletzungspause zurückkehrt. Dabei war seine Auszeit, nachdem er im Winter auf Glatteis ausgerutscht war, noch relativ überschaubar. Ab und zu gelang ihm mal ein Zauberschlag wie früher, aber meistens brauchte Greul nur auf Kiwis Fehler warten. Und auf Fehler warten, ist etwas, was Greul ganz gut kann. Im Moment glaube ich nicht recht daran, dass Kiwi noch mal dauerhaft auf die ATP-Tour zurückkehrt.

Kevin Anderson (Südafrika) – Mischa Zverev (Deutschland) 6:5, Aufgabe
Schwierige Bedingungen auf einem nassen, kalten, windigen Außenplatz. Zverev nahm sich seine Behandlungspause, als ich gerade unterwegs war, um mir meinen grauen Kapuzenpulli zu kaufen. Es war wohl eine Rippenprellung, die ihm in der Atmung behinderte. Kurz vorher war bei einem seiner wenigen Ausflüge ans Netz hingefallen und blieb eine Weile am Boden liegen. Irgendwie muss er sich seinen eigenen Ellenbogen in den Rumpf gerammt haben. Ganz so schlimm wie im Herbst in Schanghai, als er sich bei einer ähnlichen Aktion das Handgelenk bracht, scheint es diesmal nicht zu sein. Zverev spielt inzwischen völlig anders als noch vor zwei Jahren, als er praktisch nach jedem Aufschlag an Netz stürmte. Damals war ich der Meinung, er soll ein bisschen geduldiger werden. Das ist er jetzt. Aber erfolgreicher ist der damit nicht unbedingt geworden. Ich fürchte, er hätte das Match gegen Kevin Anderson, der kein überragender Gegner ist, auch ohne die Rippenprellung verloren.

Daniel Koellerer (Österreich) – Mario Ancic (Kroatien) 7:6, 7:5
Das hat Spaß gemacht. Ancic hat – zu Koellerers Glück nur phasenweise – Weltklasse-Angriffstennis gespielt, und Koellerer hat geschimpft wie ein Rohrspatz – auf sich, auf den Schiedsrichter, wahrscheinlich auch auf die Ballkinder, aber das war nicht genau zu erkennen. Was die Show angeht, war das „Crazy Dany“ Koellerer in Bestform. Zu seinem Glück war es nicht so schlimm, dass er immer wieder Bälle aus Wut ins Nirgendwo drosch, denn Ancic hat immer wieder leichte Fehler begangen. Er zeigte wie Kiefer Licht und Schatten, aber der Lichtanteil war deutlich höher, und ich kann mir gut vorstellen, dass Ancic zur Rasensaison im Sommer wieder in der erweiterten Weltspitze auftaucht.

Doppel:

Mario Ancic (Kroatien)/Julian Knowle (Österreich) – Philipp Kohlschreiber/Kevin Krawietz (Deutschland) 6:2, 5:7, 10:8
Ein paar Worte zu Kevin Krawietz: Der 18-Jährige mit Weltranglistenplatz Tausendirgendwas, der letztes Jahr in Wimbledon das Juniorendoppel gewann, hat von Turnierdirektor und Davis-Cup-Teamchef Patrik Kühnen im Einzel und im Doppel eine Wild Card bekommen. Sein Einzelmatch habe ich nicht gesehen, aber das Ergebnis von 1:6 und 1:6 gegen Tomas Berdych spricht dafür, dass ein ATP-Turnier im Einzel für ihn noch zwei Nummern zu groß ist. Im Doppel kann er mithalten, jedenfalls eines erfahrenen Partners wie Philipp Kohlschreiber. Mit Ancics Aufschlag-Hämmern hatte Krawietz zwar bis zum Schluss Probleme, aber er hat viel Spielübersicht, und seine Vorhand sieht so aus, als könnte sie irgendwann auch die ganz großen Gegner in Verlegenheit bringen.

Oliver Marach (Österreich)/Santiago Ventura (Spanien) – Philipp Marx (Deutschland)/Igor Zelenay (Slowakei) 5:7, 6:3, 10:6
Auf Philipp Marx war ich sehr neugierig. Nachdem Marx und Zelenay im vergangenen Herbst auf der Challenger-Tour für Furore gesorgt haben, spielen sie seit Jahresbeginn hauptsächlich auf der ATP-Tour. Bei den Australian Open waren sie im Achtelfinale. Philipp Marx ist inzwischen – selbst von vielen eingefleischten Tennisfans unbemerkt – auf Platz 62 der Doppel-Weltrangliste vorgerückt. Ich hatte von ihm bisher nur einmal ein paar wenige Ballwechsel gesehen, im letzten Jahr beim Hallen-Challenger in Heilbronn. Damals beeindruckte mich vor allem sein Aufschlag. Der war diesmal etwas unauffälliger. Dafür spielte er im ersten Satz Volleys von einer Präzision, die mich an keinen Geringeren als John McEnroe erinnerte. Im zweiten Satz konnte er das Niveau allerdings nicht mehr halten. Zelenay fand ich während des gesamten Matches nicht besonders überzeugend. Obwohl beide schon seit über einem halben Jahr nahezu wöchentlich zusammen spielen, wirkten sie auf mich nicht besonders eingespielt. Möglicherweise hätten sie das Match gewonnen, wenn sie nicht reihenweise Punkte verschenkt hätten, weil sie miteinander zusammenstießen, wenn sie beide denselben Ball erlaufen wollten.

Hier ein Überblick über die Ergebnisse im Einzel und im Doppel (PDF).

Ach ja, ein kleiner Nachtrag noch: Der arme Fernando Gonzalez. Kein Wunder, dass der diesmal nicht hier gespielt hat. Da hat man endlich einen Stern auf dem Walk of Fame, auch wenn es nur der für die Titelträger in München ist, und dann wird man verkehrt geschrieben:

Kommentare:

Christian hat gesagt…

Wenn es nach Ambiente geht, brauchst du auch nicht nach Düsseldorf fahren, ist nicht besonders schön dort...

jmg hat gesagt…

Also Baghdatis fand ich stark in den beiden erwähnten Sätzen. Aufgrund dieser Leistung hatte ich ihm auch das Halbfinale zugetraut.

Zack hat gesagt…

Naja, Baghdatis hat ein paar technisch gute Schläge gezeigt, aber außer mit dem Arm hat er sich praktisch nicht bewegt - war ja auch nicht nötig. Ich finde nicht, dass in dem Match zu erkennen war, dass er gegenhalten kann, wenn jemand ihn unter Druck setzt.

Françoise hat gesagt…

Die Kapuzendinger waren wohl ein Verkaufsschlager, ich habe auch eins gekauft! Zum ersten Mal in meinem Leben etwas in diesen Sportgeschäften gekauft, trotz Regenjacke und Pulli.
Es war mein erster Besuch in München und ich finde auch, dass es von den deutschen Turnieren, die ich bisher gesehen habe, die beste Ambiente hat. Mir ging die BMW-Dauerwerbung auf den Wecker, und die Lage ist wirklich nicht schön. Aber ansonsten war ich sehr angenehm überrascht.
Kiwi war im Doppel gar nicht so schlecht, ich bin ein bißchen erstaunt, dass er sich im Einzel dermaßen quält. Gut, die anderen auf dem Platz waren auch nur Beck, Chardy und Robert, alle nicht gerade in berauschender Form, aber Kiwi fand ich auf keinen Fall schwächer als die anderen, eher umgekehrt. Und er sah so entschlossen aus.
Krawietz habe ich kurz gegen Berdych gesehen, er war natürlich absolut chancenlos, aber irgendwie habe ich ihm gerne zugesehen - bis auf seine Rückhand, die ein bißchen irritierend ist. Berdych hatte mich übrigens von allen, die ich dort gesehen habe, am meisten beeindruckt. Eigentlich mehr als Youzhny. ^^
Ich habe auch Waske gesehen, der mit Chiudinelli trainierte. Er machte nicht den fittesten Eindruck, um es milde zu sagen. Aber gar keine Bandage oder so am Arm.

Françoise hat gesagt…

Und ich finde, du solltest schon auch nach Düsseldorf, um dir deine eigene Meinung zu bilden - denn ich liebe deine Turnierreports.

Beliebte Posts

Impressum

Ove Jensen, Schleswig zackstennis@web.de