Sonntag, 11. April 2010

Hormone in Reisegepäck: Wayne interessiert's?

Es gibt wieder einmal einen Dopingfall zu vermelden. Die Sache plätschert schon seit ein paar Wochen vor sich hin. Hauptdarsteller ist der Amerikaner Wayne Odesnik (24). Letzte Nacht spielte er ein hart umkämpftes Halbfinale beim ATP-Turnier von Houston. Sein bisher bestes Ergebnis in diesem Jahr. Allerdings muss er damit rechnen, dass er die 90 Weltranglistenpunkte und die 22.685 Dollar Preisgeld demnächst wieder abgeben muss.

Am 2. Januar wurde er auf dem Flughafen von Brisbane vom australischen Zoll angehalten. Er trug acht Fläschchen HGH bei sich – zu deutsch Somatotoprin, ein Wachstumshormon, das unter Bodybuilern sehr beliebt ist, selbstverständlich auf der Dopingliste steht, im Körper aber anscheinend nur schwer nachweisbar ist.

Die australischen Behörden teilten den Vorfall dem australischen Tennisverband, wo man diese Information nach eigenen Angaben mit Interesse aufnahm, aber keine Möglichkeit sah, aus ihr irgendwelche Konsequenzen zu ziehen. Odesnik fuhr, nachdem man ihm seine Ampullen beschlagnahmt hatte, wie geplant in die Stadt und erreichte beim ATP-Turnier in Brisbane das Viertelfinale. Zwei Wochen später reiste er weiter zu den Australian Open nach Melbourne, wo er in der zweiten Runde gegen Philipp Kohlschreiber ausschied.

Der australische Tennisverband konnte in der Tat gegen Odesniks Auftritte nichts tun. Schließlich gibt es internationale Kommissionen, die über Dopingsperren entscheiden, und die einschlägige Kommission beim Internationalen Tennisverband ITF ist nicht gerade für ihr hohes Tempo berühmt. Bemerkenswert finde ich aber, mit welcher Chuzpe Spieler, die beim Doping ertappt wurden, weiterspielen, als wäre nichts gewesen, bis ihre Sperre Monate später offiziell verhängt wird. Auch Wayne vermittelte nach außen das Bild, die Sache interessiere ihn nicht weiter. Das Allerschärfste ist, dass er nach dem Vorfall von Brisbane die Zusammenarbeit mit einem neuen Trainer begann: mit Guillermo Canas aus Argentinien, der als Spieler vor allem dadurch bekannt wurde, dass er 2005 plötzlich in den Top Ten auftauchte, dann 15 Monate wegen Dopings gesperrt wurde und seither an alte Erfolge nicht mehr anknüpfen konnte.

Bei den anschließenden Turnieren in San Jose, Memphis, Delray Beach, Indian Wells und Miami spielte Wayne ausgesprochen erfolglos, aber nicht wesentlich erfolgloser als sonst. Er ist halt ein Spieler, der im Ranking um Platz 100 rumdümpelt.

Ende März verhängte ein australisches Gericht gegen Odesnik eine Geldstrafe in Höhe von 7000 Dollar. Auf dieser Basis nimmt nun die Anti-Doping-Kommission der ITF ihre Ermittlungen auf. Sie wird sich kaum leisten können, das australische Urteil nicht als Beweis anzunehmen, dass Wayne die Hormone nicht nur am, sondern auch im Körper verwendet hat. Von Waynes amerikanischen Arbeitskollegen verteidigt ihn keiner. „Man sollte ihn aus dem Tennis rauswerfen“, fordert Andy Roddick. James Blake sagt, er fand Wayne ganz nett, habe ihn aber eigentlich nicht besonders gut gekannt. Und Sam Querrey, derjenige, gegen den Odesnik das Halbfinale letzte Nacht verlor, sagte, Wayne habe nun hoffentlich seine Lektion gelernt. Den zweitbesten US-Boy in der Weltrangliste haben die US-Reporter offenbar nicht zu dem Fall interviewt. So ganz naturalisiert scheint er jenseits des Atlantiks noch nicht zu sein.

Die Stellungnahme der ATP ist von so bestechender Eloquenz, dass ich sie im englischen Original zitieren möchte: „We are extremely disappointed in the behavior of this individual, which is in no way representative of the sport of tennis.“

Jetzt dürfen wir spekulieren, wann die ITF sich bemüßigt fühlt, eine Entscheidung im Fall Odesnik zu treffen. Unter normalen Umständen hätte ich gesagt: frühestens im September. Aber in der Sache Richard Gasquet vor ziemlich genau einem Jahr hat die ITF gezeigt, dass sie auch schneller kann, wenn ein Fall erst einmal öffentlich ruchbar geworden ist.

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