Sonntag, 21. März 2010

Sunrise, Florida - ein erstaunliches Turnier

Heute blicken wir mal dem Sonnenaufgang entgegen, in Sunrise, Florida. In der 90.000-Einwohner-Stadt vor den Toren von Miami findet alljährlich im März eines der erstaunlichsten Turniere des Profitennis statt, und heute war das Endspiel.

Auf den ersten Blick ist eine ganz normale Zweitliga-Veranstaltung, und deshalb hört und liest man in den Medien so gut wie nichts aus Sunrise, Florida.

Das Gesamtpreisgeld des Challenger-Turniers von Sunrise beträgt 125.000 Dollar. Der Sieger bekommt davon 18.000 Dollar ab und 125 Weltranglistenpunkte. Das sind exakt dieselben Zahlen wie in Marrakesch, wo in dieser Wochen ebenfalls ein Challenger stattfand. In Marrakesch aber war der in der Weltrangliste bestplatzierte Teilnehmer ein gewisser Oleksandr Dolgopolov aus der Ukraine (Nummer 80). In Sunrise dagegen hätten nur zwei der Teilnehmer aus Marrakesch überhaupt einen Platz im Hauptfeld ergattert (besagter Dolgopolov und der Turniersieger Jarkko Nieminen).

In Sunrise musste man auf Platz 95 stehen, um ins Hauptfeld zu kommen. Das ist exakt derselbe Cut wie neulich beim ATP-500er-Turnier in Dubai. Beim 500er-Turnier in Memphis reichte neulich Platz 98. Bei den meisten ATP-Turnieren der 250er-Kategorie ist diese Hürde sowieso einfacher zu nehmen. (Hier steht, was 250er- und 500er-Turniere sind).

Der Topgesetzte Spieler in Sunrise war Radek Stepanek (Platz 17), gefolgt von Gilles Simon (Platz 21). Auch da können viele 250er-Turniere nicht mithalten. Sunrise ist einzigartig unter den Challengern, und das hat mehrere Gründe. Der erste Grund ist die Platzierung im Turnierkalender: Sunrise findet parallel zur zweiten Woche des Masters-Turniers von Indian Wells (Südkalifornien) statt. Spieler, die rechtzeitig bis Sonntagabend der ersten Woche von Indian Wells (also in der ersten oder zweiten Runde) ausscheiden, können sich die Zeit in Sunrise vertreiben, bis ein paar Tage später ganz in der Nähe in Key Biscayne (Miami) das nächste Masters-Tunrier beginnt. Das allein ist aber noch nicht das ganze Geheimnis. Ähnliche Positionen haben zum Beispiel auch die Challenger-Turniere von Heilbronn (während der Australian Open), Prostejov/Tschechien und (während der French Open) und ein paar andere. Das sind Challengers mit überdurchschnittlich starken Teilnehmerfeldern, aber an Sunrise kommt keines auch nur annähernd heran.

Neben der räumlichen Nähe zu Miami und möglicherweise Antrittsprämien für die Stars (dazu gibt es nicht Offizielles, zumal sowas bei Challengern eigentlich nicht zulässig ist) profitiert Sunrise von einer Ausnahmeregelung der ATP, die es aus mir nicht bekannten Gründen für Heilbronn, Prostejov und Kollegen nicht gibt: Normalerweise dürfen Top-50-Spieler an Challengern nur teilnehmen, wenn der Veranstalter für sie eine Wild Card reserviert. Top-10-Spieler dürfen gar nicht teilnehmen.

Für Sunrise gelten diese Beschränkungen nicht. Mancher mag meinen, dass das wieder mal ein Beweis für die Bevorzugung der USA im ATP-Zirkus ist. Die sechs Top-50-Spieler, die in dieser Woche in Sunrise starteten, hätten sich also bei einem anderen Challenger unmöglich versammeln können, denn es gibt nur vier Wild Cards. Top-10-Spieler haben sich trotz der Ausnahmegenehmigung bisher nicht nach Sunrise verirrt, was auch daran liegt, dass sie meisten nicht rechtzeitig in Indian Wells ausscheiden. Der Turnierdirektor hat diesem Jahr werbewirksam mit Rafael Nadal kokettiert, der in Indian Wells aber bekanntlich bis ins Halbfinale vorstieß.

Die deutschen Teilnehmer haben sich in Sunrise diesmal übrigens in hervorragener Verfassung präsentiert. Benjamin Becker und Michael Berrer kamen ins Viertelfinale. Die Pointe der Woche verdanken wir Florian Mayer. Ich erwähnte gelegentlich, dass er sich besonders wohlfühlt, wenn er fern des Scheinwerferlichts spielen darf und deshalb auf Challengern immer besonders auftrumpft. Nun, er hat vorhin das Endpsiel gewonnen. 6:4 und 6:4 gegen Gilles Simon, der – auch wenn ich mich immer wieder gern abfällig über seine Spielweise äußere, fraglos ein Weltklassemann ist. Ein „echtes“ 250er-Turnier wäre keinen Deut schwerer zu gewinnen gewesen, hätte Florian Mayer aber doppelt so viele Weltranglistenpunkte, viermal so viele Dollar und achtmal so viele Schlagzeilen gebracht. Wenn wir einen Weg finden, Florian glaubhaft zu versichern, bei Wimbledon handle es sich um ein Challenger, hätten wir wohl realistische Chancen, endlich einen Nachfolger für Boris Becker und Michael Stich zu finden.

Hier die Ergebnisse aus Sunrise (PDF)


und hier die offizielle Turnierseite

Kommentare:

noko hat gesagt…

Danke für den Artikel. Ich hatte nämlich das Draw von Sunrise angesehen und mich bereits gewundert, wo all die hochplatzierten Spieler ihre Startberechtigung hergenommen haben, weil ich doch meinte, solche Beschränkungen für Challenger-Turniere in Erinnerung gehabt zu haben.

Gibt es denn von der ATP irgendwo offizielle Aussagen, die sich mit dem Sonderstatus von Sunrise befassen?

Zack hat gesagt…

Offizielle ATP-Aussagen zum Sonderstatus kenne ich nicht. Die Veranstalter erzählen nur ständig davon, und weil sie ihren Sonderstatus sein Jahren unbeanstandet praktizieren, gehe ich davon aus, dass man ihnen glauben kann..

Beliebte Posts

Impressum

Ove Jensen, Schleswig zackstennis@web.de