Sonntag, 14. März 2010

Philipp Petzschner und die A-Kader-Theorie

Wir müssen noch einmal zurückkommen zu einem Thema der beiden vergangenen Wochen, der Frage nämlich, wieso so viele deutsche Spieler ihre Teilnahme am Davis-Cup absagten.

Am letzten Sonntag lasen wir schon, dass der Deutsche Tennisbund (DTB) lanciert hatte, Philipp Petzschner sei nicht nominiert worden, weil er den Code der Nationalen Anti-Doping-Agentur (NADA) nicht unterzeichnet habe und deshalb nicht in den A-Kader des DTB aufgenommen worden sei. Inzwischen ist auch bekannt geworden, wer diese Geschichte den Medien gesteckt hat: DTB-Präsident Georg von Waldenfels und sein Sportdirektor Klaus Eberhard.

Die Sache ist ausgesprochen skurril und ungereimt, und ich mühe mich, Licht ins Dunkel zu bringen. Es geht vordergründig um die Frage, wieso Philipp Petzschner nicht Mitglied des A-Kaders ist. Wenn man sich aber näher damit beschäftigt, was es mit diesem A-Kader überhaupt auf sich hat, stellen sich ein paar weitere Fragen.

Aber der Reihe nach: Mitglieder des A-Kaders einer jeden Sportart gehören gemäß den Richtlinien der NADA dem Nationalen Testpool (NTP) an und müssen, um sich jederzeit Dopingkontrollen stellen zu können, stets ihren aktuellen Aufenthaltsort mitteilen.

Diese so genannten "Whereabouts" sind der entscheidende Punkt, der für Petzschner, weil er nicht dem A-Kader angehört, nicht gilt. Petzschner sagt nun, er sei ja im vergangenen Herbst überhaupt kein Thema für den A-Kader gewesen, weil er in der Weltrangliste um Platz 100 der Weltrangliste gestanden habe. Deshalb habe er die Dopingkontroll-Vereinbarungen im Einvernehmen mit dem DTB nicht unterschrieben, ansonsten hätte er aber kein Problem damit gehabt.

Nun denn. Laut den Regularien des DTB gehören prinzipiell die deutschen Top-100-Spieler zum A-Kader. Petzschners schlechteste Platzierung im vergangenen Jahr war Platz 81, und zwar im Einzel. Im Doppel war die Nummer 57 sein schlechtester Platz, und laut DTB-Regularien gilt auch die Doppelweltrangliste als Kriterium für den A-Kader.

Nun sagt der DTB, Petzschner habe darum gebeten, aus dem A-Kader gestrichen zu werden, weil er sich in diesem Jahr auf die ATP-Tour konzentrieren wolle. Hier wird es völlig absurd. Die Mitgliedschaft im A-Kader verpflichtet einen Spieler nämlich zu gar nichts. Man kann sich prima auf die ATP-Tour konzentrieren und trotzdem dem A-Kader angehören. Tommy Haas ist A-Kader-Athlet, sitzt in Florida und hat weiter nichts mit dem DTB zu tun. (Hier ein Link zur aktuellen Kaderliste des DTB (PDF))

Definiert ist der A-Kader als „erweiterter Kreises des Davis Cup bzw. Fed Cup Teams (auch Doppelspieler)“. Näheres steht im „Leistungssportkonzept“ des DTB (PDF). In diesem Konzept wird den A-Kader-Athleten empfohlen, ab und zu mal ein paar Wochen Pause zwischen den ATP-Turnieren einzulegen, und außerdem steht ihnen zum Trainieren „der Bundesstützpunkt und Olympiastützpunkte zur Verfügung“. Das war's im Wesentlichen. Ach ja, eins noch: „Bei Nominierung sind die Teilnahmen am Davis Cup bzw. Fed Cup vorzusehen.“

In der vorigen Woche ist kolportiert worden, Petzschner habe ebenso wie Michael Berrer nicht für den Davis-Cup nominiert werden können, weil er nicht im A-Kader ist. Eine solche Vorschrift habe ich nirgends entdeckt. Sollte es sie dennoch geben, beachtet der DTB sie nicht. Christopher Kas, der bekanntlich im Davis-Cup gegen Frankreich angetreten ist, gehört dem A-Kader nämlich ebenfalls nicht an. Dies wiederum scheint daran zu liegen, dass der DTB seine eigene Maßgabe nicht beachtet, für den Kader „(auch Doppelspieler)“ zu berücksichtigen. Wie Kas sind auch die anderen Top-100-Doppelspezialisten Michael Kohlmann und Philipp Marx nicht im Kader.

Für die Frage der Dopingkontrollen der NADA ist der A-Kader ohnehin nicht allein ausschlaggebend. Laut den NADA-FAQs gehören nämlich in der Regel unanhängig vom A-Kader die Spieler, die einer A-Nationalmannschaft angehören (und eine solche ist das Davis-Cup-Team ja wohl), in den Nationalen Testpool.

Das also sind die Fakten, soweit ich sie zusammentragen konnte. Nun, was lehrt uns das alles? Keine Ahnung.

Zum Schluss wiederhole ich sicherheitshalber meine Einschätzung von vergangener Woche: Petzschner wirkt auf mich des Dopings relativ unverdächtig.

1 Kommentar:

Kalusi hat gesagt…

Das ist alles wirklich sehr komisch. Vielleicht mal beim DTB selbst nachfragen? Entweder sie wissen es nicht besser, oder, noch schlimmer, sie haben gezielt nach einer Ausrede gesucht. Und kein Journalist hat es gemerkt. Oder besser: keiner hat sich wirklich damit länger als fünf Minuten beschäftigt.

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