Sonntag, 28. Februar 2010

Davis-Cup gegen Frankreich: Hohn und Spott für den Teamchef

Vor zwei Wochen ließ ich mich an dieser Stelle darüber aus, welche Spieler Teamchef Patrik Kühnen für die Davis-Cup-Erstrundenbegegnung gegen Frankreich (5. bis 7. März in Toulon) nominieren sollte und im Falle welcher unsinniger Personalentscheidungen er mit Hohn und Spott zu bedenken sein würde.

Am Dienstag gab Kühnen die Aufstellung bekannt. Die erforderliche Reaktion: Hohn und Spott in bisher nicht bekanntem Ausmaß. Philipp Kohlschreiber ist im Team, das ist okay. Aber selbst da bin ich mir mittlerweile nicht mehr so sicher. Bei den übrigen drei Nominierten handelt es sich um Benjamin Becker, Simon Greul und Christopher Kas. Die Argumente von vor zwei Wochen, warum genau diese drei nicht in die Mannschaft gehören, halte ich nach wie vor für stichhaltig: Becker nur mäßig in Form, Greul ein Sandwühler und in der Halle einfach nicht so gut wie viele andere, Kas ein reiner Doppelspezialist, der als Ersatzmann fürs Einzel schlicht nicht in Frage kommt.

Die drei in der aktuellen Hallensaison erfolgreichsten deutschen Profis sind Michael Berrer, Florian Mayer und Philipp Petzschner. Alle drei sind nicht berücksichtigt. In seiner öffentlichen Stellungnahme zur Nominierung sagte Kühnen, Petzschner und der ohnehin noch halb rekonvaleszente Mischa Zverev würden auf eigenen Wunsch auf einen Einsatz verzichten. Als irgendwann die Frage nach Berrer gestellt wurde, legte er nach: Ja, ja, der Berrer, der wolle auch nicht. Zu Florian Mayer hat Kühnen bisher öffentlich gar nichts gesagt. Dabei ist Mayer der einzige, von dem ich mir vorstellen kann, dass er tatsächlich nicht will. Er hatte in der Vergangenheit merklich Probleme mit dem Druck im Davis-Cup-Scheinwerferlicht.

Kühnen tut so, als wäre es völlig normal, dass Spieler, die in der Rangliste irgendwo zwischen Platz 40 und 70 spielen, den Davis-Cup mal eben sausen lassen. Es ist aber nicht normal. Leute wie Roger Federer oder Rafael Nadal verzichten gern mal auf einen Einsatz fürs Vaterland, um ihre Kräfte für die großen Einzelturniere zu schonen, bei denen sie im Gegensatz zu Michael Berrer oder Philipp Petzschner ja meistens alle Matches bis zum Finale bestreiten müssen. Jenseits der Top Ten gibt es nur sehr, sehr wenige Profis, die ohne Not auf den Davis-Cup verzichten. Neben viel Ehre locken da schließlich Ruhm und Fernseh-Präsenz (inklusive Aussicht auf Werbeverträge) und neuerdings auch Weltrangslistenpunkte. Einzig die Absage des gesundheitlich angeschlagenen Altmeisters Tommy Haas bin ich bereit, als normal anzuerkennen.

Wenn Berrer, Petzschner Mayer und möglicherweise auch Michael Kohlmann, der ja neulich im Australian-Open-Halbfinale im Doppel stand, abgesagt haben, dann muss das tiefere Gründe haben als nur den offiziellen, dass sie sich im Moment auf ihre Einzelkarrieren konzentrieren wollen. Michael Berrer hat dazu gesagt, dass er überhaupt nichts sagen möchte, ansonsten aber alles okay sei und er sich mit Patrik Kühnen sehr gut verstehe.

Das sagte er in einem Interview in Dubai nach seinem Aufgabe-Sieg gegen Nikolai Dawidenko. Der Reporter, der ihn fragte, warum er nicht im Davis-Cup spielt, kannte sich naturgemäß mit den Feinheiten des deutschen Profitennis nicht aus, sonst hätte er bei Berrer vielleicht nachgefragt, wie er sich denn mit Philipp Kohlschreiber versteht. Wir erinnern uns: Vor zwei Jahren traten Unstimmigkeiten innerhalb des Teams ans Tageslicht: Einige Spieler regten sich darüber auf, dass Kohlschreiber als Nummer 1 im Team eine Sonderrolle für sich beanspruche. Nun beanspruchten auch weiland Boris Becker und Michael Stich solche Sonderrollen, aber das waren bekanntlich Wimbledonsieger und nicht wie Kohlschreiber bloß Aucklandsieger.

Der Verdacht liegt zumindest nahe, dass die Spannungen zwischen Kohlschreiber und anderen deutschen Spielern eine Rolle spielen, dass Patrik Kühnen so viele Körbe kassiert hat.

Vielleicht ist ja der eine oder andere Spieler bereit, sich bei Gelegenheit mal zur Sache zu äußern. Vielleicht gibt es dann ja ein knallhartes Dementi – wäre auch interessant. Bis dahin aber frage ich mich, ob ein Davis-Cup-Team mit Kohlschreiber, aber ohne Berrer, Mayer und Petzschner wirklich stärker ist als es ein Team ohne Kohlschreiber, aber mit Berrer, Mayer und Petzschner wäre.

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