Sonntag, 6. Dezember 2009

Sofort lesen: "Open" von Andre Agassi


Andre Agassi: „Doping-Geständnis“

Andre Agassi: „Ich trug auf dem Platz ein Toupet“




Unter all den Schlagzeilen, die Andre Agassi in diesem Herbst mit den Bekenntnissen aus seiner Autobiographie machte, ging das Buch selbst fast unter. Trotzdem hat es „Open“ auf Platz 14 auf der Spiegel-Bestsellerliste geschafft. Nicht so gefragt wie Sebastian Deisler, aber gefragter als Peter Maffay.

Einer der zahlreichen Käufer war ich. Also gibt es heute mal wieder eine Buchbesprechung. Eigentlich hatte ich ja vor, noch vor Weihnachten mit dem Tenniswälzer von David Foster Wallace durch zu sein, aber das wird wohl nichts. Von den 1400 Seiten habe ich erst 595 (zuzüglich 65 Seiten Anmerkungsapparat) bewältigt.

Die 590 Seiten Agassi lasen sich deutlich flotter. Falls irgendjemand anders da draußen auch gerade mit „Unendlicher Spaß“ beschäftigt sein sollte: Agassis „Open“ ist eine prima Begleitlektüre. Bei Bücher bieten verrückte Väter, einen weisen Fitness-Guru, Schauspieler, Depressionen und eine abenteuerliche Tennis-Akademie. (Im Vergleich zur Bolletieri-Academy von Agassi ist Foster Wallace' Enfield Tennis Academy übrigens der reinste Partykeller). Ich frage mich ernsthaft, ob Andre Agassi das, was er in den letzten Jahren seinem Ghostwriter J.R. Moehringer erzählt hat, Mitte der 90er Jahre auch schon einmal gegenüber David Foster Wallace erwähnte.

Moehringer landete schon mit seiner eigenen Autobiographie „Tender Bar“ einen internationalen Erfolg. Natürlich ist es überwiegend sein Verdienst, dass Agassis „Open“ ein Stück großartige Literatur geworden ist. Es liegt aber auch daran, dass Agassi nur wenig Blätter vor den Mund nimmt und dass er ein phänomenales Gedächtnis hat. (Er sagt, er erinnere sich alle 1000 Matches, die er auf der ATP-Tour gespielt hat.) Für einen Tennisverrückten wie mich die Beschreibungen einzelner Spiele zu den Höhepunkten dieses Buches. Grand-Slam-Finals kommen darin vor, aber auch scheinbar belanglose Begegnungen gegen weniger bekannte Spieler. (Großartig die Beschreibung von Bernd Karbacher: O-Beine, als sei er gerade nach einem sehr langen Ritt von seinem Pferd gestiegen, dazu eine Rückhand, die zu den besten der Welt zähle, die er aber nur benutze, um nicht laufen zu müssen. Auf den Internet-Seiten der ATP kann man für jeden Spieler die Liste aller seiner Profimatches in chronologischer Reihenfolge aufrufen. „Open“ ist Andre Agassis „Playing Activity“ in Romanform. Die Zahlen und Daten erzählen die Geschichte des 16-Jährigen, der in Stratton Mountain, Vermont, die Nummer 12 der Welt bezwingt, der 22 werden muss, bis er nach mehreren Finalniederlagen endlich ein Grand-Slam-Turnier gewinnt, und zwar ausgerechnet in Wimbledon, um dessen Rasen er jahrelang einen Bogen machte, der sich danach auf Platz 1 der Weltlangliste spielt, immer wieder gegen seinen Rivalen Pete Sampras verliert und mit 27 Jahren plötzlich nur noch die Nummer 141 ist und Challenger-Turniere bestreitet und es von dort wieder zurück auf Platz 1 schafft und der schließlich mit 35 Jahren ein letztes Mal das Endspiel der US Open erreicht.

Aber „Open“ ist noch viel mehr. Wer sich für Tennis überhaupt nicht interessiert, wird solche Passagen wie die über Karbacher nicht mit derselben Intensität lesen wie ich, wird das Buch aber vermutlich trotzdem nicht so schnell beiseite legen. Es ist die Geschichte eines Jungen aus einfachen Verhältnissen, der früh weit weg von zu Hause zurechtkommen muss, plötzlich mit Hollywoodstars verkehrt, kurz vor dem totalen Absturz steht, sich wieder aufrappelt und am Ende sein privates Glück findet. Wir können schon mal anfangen zu spekulieren, wer in der Hollywood-Verfilmung die Hauptrolle spielen wird.

Der Film würde beginnen mit dem siebenjährigen Andre, der jeden Tag 2500 Bälle schlägt, die das Monster von Ballmaschine ausspuckt, das sein Vater selbst gebaut und in die Wüste hinter seinem Haus in einem Vorort von Las Vegas gestellt hat. Als nächstes käme der arme Jeff Tarango ins Bild, der 1995 traurige Berühmtheit erlangte, als seine Frau im Wimbledon den Schiedsrichter ohrfeigte.

Tarango war der erste Spieler, gegen den Agassi bei einem echten Turnier verlor. Agassi war acht Jahre, Tarango vermutlich schon neun. Nach Agassis Darstellung hat Tarango im entscheidenden Tie-Break geschummelt, was Agassi ihm bis heute nicht verziehen hat. Verlieren ist für ihn der größte Horror. So schön kann kein Sieg sein, dass er für eine Niederlage entschädigen könnte.

Die Wimbledon-Episode von 1995 kommt im Buch vor. Hätte Tarango den Platz damals nicht wutschnaubend verlassen, wäre er nicht disqualifiziert worden und hätte er das besagte Spiel gegen Alexander Mronz gewonnen, wäre sein Gegner im Achtelfinale Agassi gewesen. (Dass Mronz, heute Schwager von Guido Westerwelle, damals schon der Ex-Freund seiner heutigen Gattin Steffi Graf war, erwähnt Agassi nicht.)

Vielleicht provozierte Tarango seine Disqualifikation absichtlich, weil er Angst davon hatte, gegen Agassi spielen zu müssen? Die Idee kam mir gerade, als ich eine Überleitung zum nächsten Thema suchte: Boris Becker. Agassi sagt, er habe im Halbfinale der Australian Open 1996 absichtlich gegen Michael Chang verloren, weil er Angst davor hatte, im Endspiel gegen Boris Becker antreten zu müssen. Agassi hasste Becker damals. Chang mochte er auch nicht besonders leiden, aber gegen ihn zu verlieren war das deutlich kleinere Übel gegenüber einer Niederlage gegen Becker. Das Schwierigste an einer absichtlichen Niederlage, sagt Agassi, sei, sie so hinzubekommen, dass es nicht auffällt. In Anbetracht der Aufregung, die der Verdacht einer absichtlichen Niederlage heute regelmäßig auslöst, weil immer auch der Verdacht von Wettbetrug mitschwingt, ist es erstaunlich, dieses Bekenntnis noch keine Schlagzeilen ausgelöst hat – im Gegensatz zu der Sache mit dem Toupet, mit dem Agassi auf den Platz ging, ehe er sich zu seinem Haarausfall bekannte.

Die meisten Schlagzeilen freilich machte das Drogenbekenntnis. Dabei ist die Nachricht, dass Agassi 1997 irgendwelches Zeug genommen hat, eigentlich viel weniger überraschend als die Sache mit dem Haarteil. 1997 war das Jahr, als er aus den Top 100 fiel. Agassi schluckte das Methylamphetamin Crystal Meth, was irgendwann bei einer Dopingkontrolle auffiel. Ein Geschmäckle hat die Sache, weil er danach der ATP mit einer Ausrede kam, die Ähnlichkeit mit Dieter Baumanns Zahnpasta-Story hat und die ATP diese Ausrede begeistert akzeptierte, weil niemand ein Interesse daran hatte, einen der wichtigsten Stars und damit den Sport insgesamt in Misskredit zu bringen. Dass Sergi Bruguera, der Mann, der 1996 das olympische Finale gegen Agassi verlor, nun nachträglich eine Goldmedaille haben will, ist allerdings nur drollig. Das von der ATP als „Partydroge“ eingestufte Crystal Meth war offensichtlich leistungshemmend und nicht -fördernd. Agassi wäre, wenn alles mit rechten Dingen zugegangen wäre, für drei Monate gesperrt worden. Völlig zu Recht machte er sich damals nicht wegen dieser Sperre Sorgen, sondern weil die ganze Welt erfahren hätte, wie dumm er sich angestellt hatte. Dass er damals Depressionen hatte und eine Psychotherapie anfing, erwähnt er nur mit wenigen Sätzen.

„Ich hasse Tennis“, sagt Agassi. Im Angesicht der oben erwähnten Ballmaschine zweifelt der Leser daran keine Sekunde. Als Fan kann man da ein schlechtes Gewissen bekommen, dass der Mann im Fernseher für das eigene gemütliche Unterhaltungsprogramm so leiden musste. „Aber du hasst Tennis nicht wirklich“, ist die ahnungslose Antwort, die Agassi jahrelang erhält, wem immer er seinen Hass bekennt. Nur Steffi Graf sagt das nicht. Im Buch steht, sie habe ihn angesehen, als wollte sie sagen: „Tun wir das nicht alle?“ Die Szene mit Steffi Graf war die erste, an der ich als Leser nicht mehr glaubte, dass er Tennis wirklich immer noch hasst. Mir scheint, während seines Comebacks nach der Crystal-Meth-Episode hat er seinen Frieden mit diesem Sport gemacht. Er beendete seine Karriere mit 36 Jahren, obwohl er locker drei, vier Jahre eher hätte aufhören können, ohne dass sich jemand gewundert hätte. Warum er das nicht tat, sondern sich haufenweise Cortisonspritzen geben ließ, um durchzuhalten, kann er nicht wirklich überzeugend erklären. Vermutlich liegt es daran, dass aus seinem Hass eine Hassliebe wurde.

Andre Agassi: „Open. Das Selbstporträt“, Droemer, 590 Seiten, 22,95 Euro


Und hier ein Werbelink zum Bestellen:

Open
Die Autobiographie von Andre Agassi

Kommentare:

loreley hat gesagt…

Schöne Rezension. Vielleicht sollte ich das Buch doch lesen. Aber da Agassi ein paar Wochen Dauerthema war, habe ich ihn etwas über. Man könnte ihm auch ankreiden, dass er den Sport aus eigennützigen Motiven, sei es wegen des Geldes oder um von der Öffentlichkeit Absolution zu erhalten, beschädigt hat.

Das mit dem Haarteil soll innerhalb der Spielerkreise bekannt gewesen sein. Ich glaube, Tommy Haas äusserte sich bezüglich Agassi, dass ihn das mit den Drogen nicht überrascht hätte, da Agassi so ein verrückter Typ gewesen sei.

Dass er vom Vater gedrillt wurde, ist auch nicht neu. Oft genug wurde erzählt, wie er eine Trophäe vom kleinen Andre auf dem Heimweg aus dem Auto geworfen hatte, weil der Junge nur Zweiter wurde.

Vielleicht spielte er so lange, weil er so viel Geld verdienen wollte, wie möglich. Nicht zuletzt für seine Schule.

Das das Profitennis eine Tretmühle ist, glaubt man gerne, aber das sind die meisten Berufe.

Im Nachhinein kommt einem seine Geschichte nicht mehr so überraschend vor. Man kannte am Ende nur noch den Agassi, wie er heute ist und hat fast vergessen, dass er die erste Hälfte seiner Karriere ganz anders war. Er wandelte sich vom exzentrischen Paradiesvogel zum Vorzeigesportler. Er war einer meiner Lieblingsspieler. Andere mochten ihn nicht so. Es gab immer Gerüchte, dass er gedopt sei. Auch den Vorwurf, dass er Spiele abschenke, gab es. Aber Fans reden viel wenn der Tag lang ist.

maldini hat gesagt…

Ich möchte dir nun am Ende der Saison für deine immer sehr informativen Blogs danken! Ich lese sie immer sehr gerne und hoffe, auch nächstes Jahr einmal pro Woche einen Artikel lesen zu können..

Open werde ich mir wohl zu Weihnachten schenken lassen ;)

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