Sonntag, 20. Dezember 2009

ATP 2000-2009: Ein paar Stichpunkte zu den Nuller Jahren

In ein paar Tagen geht das Jahrzehnt zu Ende, Zeit also für einen Rückblick. Das war das Thema, das ich mir für heute Abend vorgenommen hatte. Aber zehn Jahre an einem Abend angemessen zu bewältigen, das überfordert mich dann doch etwas, wie ich gerade feststelle. Also beschränke ich mich auf ein paar Stichpunkte.

Schnell geklärt ist die Frage nach dem Spieler des Jahrzehnts. Das ist ohne Frage Roger Federer mit 14 Grand-Slam-Titeln. Auf Platz 2 kommt Rafael Nadal mit sechs Grand-Slam-Titeln, dann kommt lange keiner, und dann ein paar Leute, die aus den Neunzigern in unser Jahrtausend hineinragen: Agassi, Sampras, Kuerten.

Etwas enger wird es bei der Frage, wer Deutschlands Spieler des Jahrzehnts ist. Drei Leute, die vor zehn Jahren unter den Top 100 waren, sind noch immer dabei: Nicolas Kiefer, Tommy Haas und Rainer Schüttler. Kiefer ist wohl eher nicht der Spieler des Jahrzehnts, er hatte sein erfolgreichstes Jahr schon 1999, als er sich für den Masters-Cup, die damals wohl gerade ATP-WM hieß, qualifizierte. Tommy Haas schaffte es 2000 für ein paar Wochen auf Platz 2 der Weltrangliste, aber Rainer Schüttler war der einzige, der ein Grand-Slam-Finale erreichte (2003 in Melbourne). In den Neunzigern, da war die Lage mit Boris Becker und Michael Stich freilich eine ganz andere, seither reden alle vom Niedergang des deutschen Tennis. Dabei gibt es heute deutlich mehr deutsche Profis auf der ATP-Tour als vor der Becker-Stich-Ära. Nur sind unter ihnen keine Wimbledonsieger mehr.

Was das öffentliche Interesse betrifft, hat dieser Niedergang unbestritten stattgefunden, entsprechend gibt es auch keine ganz großen Turniere mehr. Es ist ja nicht nur das frisch degradierte Masters in Hamburg, in den Neunzigern gab es auch noch ein Hallen-Masters in Stuttgart und dazu die ATP-WM erst in Frankfurt, später im Hannover.

Was die Turniere angeht, hat Asien in den Nuller Jahren massiv aufgeholt, und hier insbesondere der Universalaufsteiger China. Asiatische Spieler sind dagegen nach wie vor eine Rarität. Was die Spieler angeht, waren die Nuller Jahre das Jahrzehnt der Spanier, der Russen und der Argentinier. 2000 gab es nur zwei Russen unter den besten 100 der Welt, Anfang 2009 waren es neun. Die Spanier waren mit Leuten wie Sergi Bruguera und Carlos Moyá auch in den Neunzigern schon vorn dabei. Seither werden sie unaufhörlich mehr. Neben Rafael Nadal gewannen im angelaufenen Jahrzehnt ja auch Juan Carlos Ferrero und Albert Costa die French Open.

Die Argeninier hatten in den Siebzigern Guillermo Vilas, und dann kam zwei Jahrzehnte lang fast nichts mehr. In den Nuller Jahren war auf Sand immer und überall mit ihnen zu rechnen, dank David Nalbandian und neuerdings Juan Martin del Potro auch auf allen anderen Belägen.

Die Russen haben schon Ende der Neunziger mit Jewgeni Kafelnikov angefangen, nur dass der damals allein auf weiter Flur war, nun kamen erst Marat Safin, dann Nikolai Dawidenko und eine ganze Reihe weiterer respektabler Spieler wie Michail Juschni dazu.

Die US-Amerikaner haben in der ersten Hälfte des Jahrzehnts noch ganz gut was gerissen mit Agassi, Sampras und Andy Roddick. Roddick gibt es immer noch, aber ohne ihn bleibt nicht viel mehr übrig. Sam Querrey, John Isner und Mardy Fish, das sind keine viel größeren Namen als Philipp Kohlschreiner, Andreas Beck und Benjamin Becker.

Fast verschwunden waren die Schweden, aber neuerdings gibt es da ja Robin Söderling.

Bemerkenswert übrigens, dass die ATP vor lauter Chinabegeisterung Russland und Südamerika bisher nicht als Markt für große neue Turniere entdeckt hat. Das könnte sich im neuen Jahrzehnt ändern, denn wenn nicht bald ein paar Stars aus Asien auftauchen (und in Sicht ist höchstens der Japaner Kei Nishikori), könnte es schwierig werden, dort die geplante Tennisbegeisterung am Glühen zu halten. Dann doch lieber dahin gehen, wo die Fans sind.

Viel könnte man jetzt dazu sagen, wie sich das Spiel selbst verändert hat. Pauschal gesprochen, ist es einheitlicher geworden. In den Neunzigern ist es niemandem gelungen, in einer Saison die French Open und ein paar Wochen später Wimbledon zu gewinnen. Zwischen Rasen und Sand lagen Welten. Jetzt ist sowohl Rafael Nadal (2008) als auch Roger Federer (2009) dieses Kunststück gelungen. Der Sand wird schneller und der Rasen langsamer, alles wird irgendwie Hartplatz, fast keiner spielt mehr Serve und Volley.

In den Neunzigern gab es noch Einzel-Stars, die Grand-Slam-Titel im Doppel gewannen, zum Beispiel John McEnroe und Michael Stich (1992 in Wimbledon) oder Jewgeni Kafelnikow (1997 mit Daniel Vacek bei den US Open). Das hat aber vermutlich weniger mit der veränderten Spielweise im Einzel zu tun, sondern damit, dass die Einzelspieler kaum noch ernsthaft Doppel spielen, erst recht nicht bei Grand-Slam-Turnieren. Man hört oft, das liege am überfüllten Turnierplan. Aber wenn ich mir ansehe, wie viele Turniere die besten Leute vor zehn Jahren gespielt haben und wie viele heute, gibt es da kaum einen Unterschied. Die Sache mit dem überfüllten Turnierplan hat schon in den Neunzigern begonnen. Eine Rolle spielt hier vermutlich das in diesem Jahrzehnt massiv gestiegene Preisgeld. Davon haben nebenbei auch die Doppelspezialisten profitiert, von denen es deutlich mehr gibt als in den Neunzigern. Man kann heute auskömmlich davon leben, auf der ATP-Tour ausschließlich Doppel zu spielen. Wenn man die Turniere gewann, konnte man das auch in den Neunzigern, aber so weit musste man erst einmal kommen.

Aber eigentlich hat sich gar nicht so viel geändert seit 1999.
Schauen wir uns mal diese Weltrangliste an: Es ist die erste aus den Nuller-Jahren, vom 10. Januar 2000. So viele vertraute Namen, das hat mich vorhin überrascht. Etwa ein Viertel der Spieler, die damals unter den ersten 100 standen, ist heute noch aktiv, von Nicolas Kiefer auf Platz 4 über Roger Federer auf Platz 61 bis zu Nicolas Massú auf Platz 100.

1 Kommentar:

noko hat gesagt…

Ich finde es sehr schön, wie du die Sache mit dem Einheitsbelag ansprichst, weil das eine Sache ist, die mich außerordentlich stört. Ich verfolge Tennis noch nicht sooo lange (seit ca. 3 Jahren), aber wenn ich bei jedem Grand Slam-Turnier sehe/hore: "Das ist ein relativ langsamer Hartplatz, Grasplatz, ein relativ schneller Sandplatz", da frag ich mich immer, warum man nicht versucht, die Vielfalt in dem Sport zu erhalten. In das gleiche Konzept passt irgendwie, Teppichplätze abzuschaffen.

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