Sonntag, 15. November 2009

World Tour Finals in London: Alle außer Verdasco

Jetzt ist sie fast wie vorbei, die ATP-Saison 2009. Heute hat Novak Djokovic das letzte Masters des Jahres gewonnen (6:2, 5:7, 7:6 im Endspiel von Paris-Bercy gegen Gael Monfils), und die acht Heroen stehen fest, die das „WTF“ bestreiten, wie das Masters-Finale seit diesem Jahr heißt und was weder "who the fuck" noch "why the fuck" sondern "World Tour Finals" bedeuten soll. Zeit für uns, die Acht mal genauer anzuschauen und zu überlegen, wer das Turnier denn wohl gewinnen wird. Das Rennen scheint mir so offen zu sein wie lange nicht mehr. Der einzige, den ich mir nicht als Sieger vorstellen kann, ist Fernando Verdasco, und selbst bei dieser Prognose bin ich mir unsicher.

Gespielt wird vom 22. bis zum 29. November im inzwischen nach einem Mobilfunkunternehmen benannten ehemaligen Millenium Dome von London – zunächst Gruppenspiele in zwei Viergruppen, dann Halbfinale und Finale. Aber nun der Reihe nach zu den Teilnehmern.

Roger Federer (Schweiz)
In Paris in dieser Woche hat er sein Auftaktspiel gegen Julien Benneteau verloren. Diese Niederlage sollte man nicht zu ernst nehmen. Benneteau (Nr. 49) ist spielerisch solide Hausmannskost und hat von den rund 140 ATP-Turnieren, die er bisher gespielt hat, noch keines gewonnen. Federer kann gar nicht so schlecht in Form sein, dass er, wenn er ernsthaft zu gewinnen versucht, es gegegn Benneteau nicht schafft. Federer hatte – wie jedes Jahr - schlicht keine Lust auf Paris-Bercy. Wenn er so spielt wie in der vorigen Woche in Basel, wo er ins Finale kam, dann ist er auch in London wieder der Favorit, und zwar genau deshalb, weil er sich im Gegensatz zu einigenseiner schärfsten Mitbewerbern in dieser Woche geschont hat. In den vergangenen Jahren ist er schon häufiger auf den Zahnfleisch zum Masters-Finale gegangen – und hat gewonnen. Er ist zwar nicht mehr so überlegen wie vor zwei, drei Jahren, aber dafür erreicht er das Saisonfinale diesmal ohne ernsthafte Verletzungsprobleme. Siegwahrscheinlichkeit: 25 Prozent.

Rafael Nadal (Spanien)
Seit seiner Verletzung im Sommer, die ihn den Platz 1 in der Rangliste kostete, hat Nadal noch kein Turnier gewonnen. Außerdem hat er überhaupt erst einmal ein Hallenturnier gewonnen, und das ist schon vier Jahre her. Bei seinen beiden bisherigen Teilnahmen am Masters-Finale scheiterte er jeweils im Halbfinale. In den letzten Monaten hat er sich zwar be allen Turnieren souverän durch die ersten Runden gespielt, aber sobald er auf einen Spitzenspieler traf, war Schluss. Er hat seit über einem halben Jahr keinen der anderen sieben WTF-Teilnehmer bezwingen können. Trotzdem: Diese Serie wird irgendwann zu Ende gehen. Siegwahrscheinlichkeit: 10 Prozent.

Novak Djokovic (Serbien)
Der Titelverteidiger ist in bestechender Form. Innerhalb von acht Tagen hat er Titel von Basel und von Paris-Bercy eingefahren. Damit hat er gleichzeitig wieder einmal bewiesen, dass er in der Halle prima zurechtkommt. Das ist aber auch sein Nachteil: Keiner hat in den vergangen Wochen so viele Matches bestritten wie Novak Djokovic, keiner wird in London so müde sein wie er. Deshalb sehe ich seine Siegwahrscheinlichkeit nicht höher als die von Roger Federer: 25 Prozent.

Andy Murray (Großbritannien)
Also diese Woche, das war ja nicht so doll. Da flog Andy Murray im Achtelfinale raus. Aber vermutlich gilt für ihn Ähnliches wie für Roger Federer: Paris-Bercy interessiert ihn nicht. Ganz Großbritannien erwartet von ihm eine Heldentat in London. Jetzt kann man viel erzählen von wegen zu hohem Erwartungsdruck und so, letztlich bleibt der Heimvorteil in erster Linie dieses: ein Vorteil. Murray hat in diesem Jahr alle anderen WTF-Teilnehmer mindestens einmal besiegt. Er ist im Rennen um den Titel fraglos mit dabei: Siegwahrscheinlichkeit: 15 Prozent

Juan Martin del Potro (Argentinien)
Die große Frage lautet: Ist er fit? Seit seinem Sieg bei den US Open hat Juan Martin del Potro nur zwei nur zwei Matches gewonnen, eins davon durch Aufgabe seines Gegners, aber immerhin waren diese beiden Matches in dieser Woche in Paris. In Tokio schied er in der ersten Runde gegen einen gewissen Edouard Roger-Vasselin von Platz 189 aus. Im Viertelfinale von Paris gab del Potro gegen Radek Stepanek beim Stand von 0:4 im ersten Satz auf – wegen Schmerzen im Bauchmuskel. Er sagte aber anschließend, dass ihn dieses Problem in London nicht mehr behindern wird. Wenn das stimmt (was man freilich nicht weiß), könnte er durchaus zu seiner Form von den US Open zurückkehren, das ist ja schließlich gar nicht lange her. Ich hab vorhin mal einen Blick auf die Wettquoten geworfen, nach denen ist del Potro mit 1:16,5 der krasseste Außenseiter von allen. Das sehe ich nicht so. Siegwahrscheinlichkeit: 10 Prozent.

Andy Roddick (USA)
Mir scheint, der WTC interessiert ihn nicht wirklich. Wäre das anders, er könnte ihn glatt gewinnen. Schließlich hat er in diesem Jahr in London schon einmal beinahe ein epochales Finale gewonnen (Falls irgendjemand sich nicht erinnert: 14:16 im fünften Satz des Wimbledon-Endspiels). Danach wurde ihm die Saison irgendwann zu lang. Nachdem er vor vier Wochen sein Auftaktmatch in Schanghai aufgegeben hatte, war von ihm nicht mehr viel zu hören. Zum WTF will er nun aber wohl doch kommen, nach allem was man hört. Vielleicht gefällt es ihm ja dort, deshalb Siegwahrscheinlichkeit immerhin 5 Prozent.
Edit am Dienstag: Jetzt hat Roddick doch noch abgesagt, und Robin Söderling (Schweden) ist nachgerückt, für den ähnliche Dinge gelten wie unten für Fernando Verdasco beschrieben werden.

Nikolai Dawidenko (Russland)
Ihn darf man niemals vergessen. Vor einem Jahr, als das Saisonfinale noch in China ausgespielt wurde, hatte ihn auch keiner auf der Rechnung, und dann stand er plötzlich im Endspiel. Das kann glatt noch einmal passieren. Das Masters in Schanghai neulich hat er schließlich auch gewonnen, dort bezwang er erst Novak Djokovic und dann Rafael Nadal. Siegwahrscheinlichkeit 10 Prozent.

Fernando Verdasco (Spanien)

Er war der letzte, der sich für das WTF qualifizierte, und er ist auch der letzte, den ich auf der Rechnung habe, wenn es um den Sieg geht. Seine beste Zeit in diesem Jahr hatte er im Januar, als er das Halbfinale der Australian Open erreichte. Seither spielt er solide vor sich hin und ist auch absolut verdient in der illustren Runde der besten Acht vertreten, aber dass er das Turnier gewinnt, das kann ich mir einfach nicht vorstellen. Deshalb bin ich kompromisslos und sage: Siegwahrscheinlichkeit 0 Prozent. … aber was ich mir schon alles nicht vorstellen konnte und was dann doch eintrat...

Hier die Webseite des WTF

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