Sonntag, 22. November 2009

Saisonfazit durch die nationale Brille

Die Adventszeit naht, und das bedeutet: Die Tennis-Saison ist fast vorbei. Nur das neuerdings WTF geheißene Masters-Finale, das heute begonnen hat, steht noch aus, und das Davis-Cup-Finale. Weil beide Veranstaltungen ohne deutsche Beteiligung über die Bühne gehen, können wir für unsere Landsleute schon mal ein Jahresfazit ziehen und spekulieren, was im nächsten Jahr von ihnen zu erwarten ist.

Die schlechten Nachrichten haben wir damit schon abgehandelt: Kein Davis-Cup-Titel und auch keinen Masters-Sieger. Und wie immer in den vergangenen 18 Jahren gab es keinen deutschen Wimbledonsieger.

Trotzdem war nicht alles schlecht. Neun Deutsche stehen unter den ersten 100 der Weltrangliste. So viel schaffen weder die Amis noch die Sowjets. USA und Russland haben jeweuls nur sieben Spieler unter den ersten 100. Okay, die Argentinier haben neun wie wir, die Spanier elf und die Franzosen sogar zwölf. Aber immerhin, in dieser Wertung liegen wir auf Platz drei und schneiden somit besser ab als in jeder Pisastudie.

Und das hier sind unsere neun Helden:

Nr. 17 (Vorjahr 82) Tommy Haas (31 Jahre)
Vor gut einem Jahr erschien an dieser Stelle ein Artikel mit dem Titel „Das langsame Karriereende von Tommy Haas“. Fehldiagnose. Wenn ihn im Herbst nicht die Schweinegrippe aufgehalten hätte, Tommy Haas wäre vielleicht noch den einen oder anderen Platz weiter nach oben geklettert. Er hat seit langer Zeit mal wieder ein Jahr ohne ernsthafte Verletzungen durchgespielt.
Im Sommer gehörte er für ein paar Wochen sogar zu den allerbesten Spielern auf der Tour, hätte in Roland Garros beinahe Roger Federer geschlagen und zog in Wimbledon ins Halbfinale ein. Zwischendurch in Halle gewann er das erste Rasenturnier seiner inzwischen nicht so ganz kurzen Karriere. Wenn seine Schulter weiter hält, wird Tommy Haas auch 2010 weiter ein Wörtchen mitreden auf der Tour.

Nr. 27 (Vorjahr 28) Philipp Kohlschreiber (26 Jahre)
Er scheint seinen Zenit erreicht zu haben, was in seinem Alter ja auch normal ist. Philipp Kohlschreiber spielt seit zwei Jahren auf einem stabilen Niveau, und das auf Sand, Hartplatz und Rasen gleichermaßen. 2007 und 2008 gewann er jeweils ein Turnier, das gelang in diesem Jahr nicht, was aber kein Drama ist. Ende 2010 wird er, wenn nichts dazwischenkommt, wieder irgendwo zwischen Platz 25 und 30 landen. Realistische Ziele für ihn wären mal ein Grand-Slam-Viertelfinale oder mal ein Platz unter den ersten 20 der Welt, und sei es bloß für eine Woche.

Nr. 39 (Vorjahr 109) Andreas Beck (23 Jahre)
Der Gewinner des Jahres. Dass er sich in diesem Jahr unter den ersten 100 festsetzen würde, das war zu erwarten. Aber er hat seine Norm klar übererfüllt. Endspiel beim 250er-Turnier in Gstaad, Viertelfinale beim Halbmasters von Monte Carlo, Davis-Cup-Fünfsatzkrimi gegen Fernando Verdasco. In den letzten Wochen hat ihn die Kraft etwas verlassen, aber bis dahin brachte er seine Leistung erstaunlich stabil. Jetzt freilich beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Seit diesem Herbst gehört er zum Stammpersonal der Masters-1000-Turniere und muss dort seine Punkte holen. Mag sein, dass es ihm nicht sofort gelingen wird, sich auf diesem Niveau zu etablieren. Außer bei seinem Viertelfinale in Monte Carlo hat in diesem Jahr kein einziges Match gegen einen Spieler gewonnen, der besser platziert war als auf seinem eigenen derzeitigen Ranglistenplatz.

Nr. 40 (Vorjahr 129) Benjamin Becker (28 Jahre)
Noch so ein Gewinner des Jahres. Und anders als Andreas Beck musste man Benjamin Becker nicht wirklich auf der Rechnung haben. Er hatte sich selber nicht wirklich auf der Rechnung. Im Januar, während andere noch in Melbourne bei den Australian Open waren, trat er beim Challenger in Heilbronn an. Noch vor dem Enspiel (das er gewann) klang er ziemlich pessimistisch. Mit dem damals frisch eingeführten neuen Ranglistensystem, meinte er, sei es so gut wie aussichtslos, wieder unter die ersten 100 und damit in die großen Turniere zu kommen. Aber dann holte er reihenweise Challenger-Titel und im Juni in Den Bosch (Niederlande) sogar seinen ersten Titel auf der ATP-Tour. Der Schlüssel zum Erfolg scheint zu sein, dass er endlich die chronische Entzündung im Oberarm auskuriert hat: Sein Aufschlag hat wieder so viel Schmackes wie im Erfolgsjahr 2006 (als er bei den US Open Andre Agassi in den Ruhestand verabschiedete oder – wie Andy Roddick sagte – „der Typ war, der Bambi abknallte“). Dass das nächste Jahr wieder so gut läuft wie dieses, glaube ich im Moment aber nicht. Im Herbst waren seine Ergebnisse ziemlich enttäuschend. Immerhin scheint sein Arm aber nach wie vor zu halten, es besteht also Grund zur Hoffnung.

Nr. 59 (Vorjahr 126) Simon Greul (28 Jahre)
Zugegeben: Ich bin ein bisschen ratlos. Der Greul hat sich durchgemogelt. ich habe ihn in diesem Jahr, wenn ich mich richtig erinnere, kein einziges Mal spielen sehen, nicht mal in Hamburg, und ausgerechnet dort feierte er seinen größten Erfolg. Ein Viertelfinale bei einem 500er-Turnier ist richtig was wert für die Rangliste, wie man am Beispiel Greul sieht. Er ist, so viel erinnere ich von früher, ein recht unauffälliger Spieler (also, auch dann, wenn man seine Matches nicht verpasst). Mit Unauffälligkeit, das zeigt das Beispiel Greul, kann man im neuen Weltranglistensystem durchaus was reißen. Ganz viele Achtelfinals hat er auf dem Konto, so etwas nützte bis 2008 nicht viel, da ging es erst im Viertelfinale richtig los mit den Punkten. Keine Ahnung, was im nächsten Jahr aus Simon Greul wird, aber vermutlich wird er sich wieder irgendwie unauffällig durchmogeln.

Nr. 62 (Vorjahr 409) Florian Mayer (26 Jahre)
Rückkehr geglückt, und zwar mit Bravour. Anfang 2008 hatte Florian Mayer – Wimbledon-Viertelfinalist 2004 - die Schnauze voll vom Profitennis. Nach einer Niederlagenserie nutzte er eine Finger-Operation, um einfach mal ein halbes Jahr abzuschalten. Das Scheinwerferlicht meidet er noch immer ganz gern. In diesem Jahr hat er fast nur Challenger-Turniere gespielt und haufenweise Turniersiege und Endspielteilnahmen angesammelt. Es ist schon erstaunlich, dass man auf diese Weise bis auf Platz 62 klettern kann. Bei den wenigen Gelegenheiten, zu denen er auf der großen ATP-Tour auftauchte, bewies er aber, dass er keineswegs zu hoch platziert ist. Bei den Australian Open, in Hamburg und in Schanghai erreichte er jeweils die zweite Runde. In Schanghai hatte er sogar Matchbälle gegen Tommy Robredo (Nr. 15/Spanien). Florian Mayer wird 2010 vermutlich genau so weitermachen wie 2009 – mit dem Unterschied, dass er alle Grand-Slam-Tunriere und mindestens die Masters von Indian Wells und Miami wird spielen dürfen/müssen.

Nr. 80 (Vorjahr 80) Mischa Zverev (22 Jahre)
Nach hinten raus ließ es etwas nach, bzw. es ließ etwas sehr nach. Jetzt steht Mischa Zverev wieder genau da, wo er vor einem Jahr auch war. Zwischendurch war er mal die Nummer 45, schlug er Leute wie Tomas Berdych und Gilles Simon, erreichte das Viertelfinale vom Masters in Rom. Seit Juli gewann er nur noch ein einziges Match. Gleichzeitig wurde sein Blog beim Hamburger Abendblatt immer langweiliger. Als er im Oktober in Schanghai immerhin einen Satz gegen Fernando Gonzalez gewann, brach er sich die Hand. Aber er wird mit neuer Kraft zurückkommen, da bin ich recht zuversichtlich. Ist ja noch jung, der Junge. Wenn er erstmal so viel Stehvermögen hat, dass er so viele Matches gewinnt wie jetzt schon ersten Sätze, dann hält ihn kaum noch einer auf und ich kann mein altes Loblied wieder anstimmen.

Nr. 81 (Vorjahr 66) Philipp Petzschner (25 Jahre)
Eigentlich war es das erfolgreichste Jahr seiner Laufbahn, jedenfalls wenn man seinen Turniersieg in Wien 2008 weglässt. Durch die dubiose Methode, mit der die ATP die nach dem alten Ranglistensystem erworbenen Punkte auf das neue System umrechnete, wurde dieser Turniersieg im Laufe des Jahres 2009 immer wertvoller, so dass Philipp Petzscher, ohne dafür viel tun zu müssen, bis auf Platz 35 gespült wurde, ehe im Oktober die Punkte aus Wien von seinem Konto verschwanden. Da übersah man fast, dass er nicht so gut durchs Jahr kam, wie man das hatte hoffen dürfen. Verletzungen waren schuld daran, aber auch der Umstand, dass er nach wie vor nicht immer ganz konzentriert bei der Sache ist. Anders als Florian Mayer scheinen Petzschner die großen Turniere besonders zu behagen. Bei den Grand Slams war er gar nicht schlecht (dritte Runde Wimbledon, zweie Runden French und US Open).

Nr. 86 (Vorjahr 33) Rainer Schüttler (33 Jahre)
Es ist nicht zu fassen, er ist immer noch dabei, unser Shaker. Ein Wimbledon-Halbfinale wie 2008 hat er diesmal zwar nicht aus dem Hut gezaubert, aber er schafft es immer noch, wochenlang unterirdische Matches abzuliefern und gern auch mal 0:6 und 0:6 zu verlieren und dann plötzlich irgendwo ein Halbfinale rauszuhauen. Die Argumente dafür, dass es mit seiner Karriere jetzt aber wirklich mal zu Ende geht, sind so stichhaltig wie seit fast fünf Jahren, aber vermutlich wird er einfach wieder weitermachen wie gehabt, mindestens so lange, bis man ihn zum ATP-Alterspräsidenten ausruft.

Von den Spielern außerhalb der Top 100 wären zu erwähnen: Daniel Brands (Nr. 103, Tendenz steigend) und vor allem Nicolas Kiefer (Nr. 114). Letzterer wäre wohl problemlos unter den ersten 100, wenn nicht 50, wäre er nicht unentwegt verletzt. Aber vielleicht ändert sich das ja 2010. Tommy Haas ist ja schließlich auch wieder voll im Geschäft

Sagte ich eingangs, es gab keinen deutschen Wimbledonsieger? Das ist natürlich Quatsch. Kevin Krawietz hat gewonnen, und zwar im Junioren-Doppel. Nun wird zwar nicht aus jedem jugendlichen Wimbledonsieger im späteren Leben ein Superstar, aber eine Erwähnung ist dieser Titel allemal wert.

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