Sonntag, 1. November 2009

Live aus der Wiener Stadthalle

Sie sind selten geworden, aber es gibt sie auch 2009 noch, die „Horsti“-Rufe aus dem Dunkel der oberen Sitzreihen, für die das ATP-Turnier der Wiener Stadthalle seit vielen Jahren berühmt ist. Vor 21 Jahren gewann Horst Skoff hier das Endspiel gegen seinen Erzrivalen Thomas Muster.

Nie wieder gelang es seither einem Österreicher, vor heimischer Kulisse diesen Titel zu holen. Bis heute Nachmittag. Jürgen Melzer schlug den an Eins gesetzten Kroaten Marin Cilic mit 6:4 und 6:3.

Ob sich zu den Horsti-Rufen künftig auch Jürgen-Rufe gesellen werden? Ich kann mir das nicht recht vorstellen, erstens weil „Jürgen“ so banal klingt, zweitens, weil Horst Skoff zu einer neuen Kategorie von Legende geworden ist, seit er vor anderthalb Jahren in Hamburg (150 Meter von meiner damaligen Wohnung entfernt) aufgefunden wurde.

Jürgen Melzers Endspiel habe nicht miterlebt, aber immerhin sein Erstrundenmatch am Dienstag gegen Marco Chiudinelli (Schweiz, 28 Jahre, Nummer 71). Es war tatsächlich das beste Spiel, das ich in meinen drei Tagen in Wien gesehen habe. Melzer und Chiudinelli waren zwar gewiss nicht die beiden besten Spieler der ersten Runde, aber die einzigen, die sich ein packendes Duell auf Augenhöhe lieferten. Dabei half es durchaus, dass sie ihre klaren Chancen nicht immer kraftvoll verwandelten, sondern ihre Überkopf-Flugbälle regelmäßig so trafen, dass der Gegner sie noch aus der Ecke fischen konnte. 7:6 und 7:6 – das Ergebnis lässt schon erahnen, welch spannendes Spektakel dieses Match war. Insbesondere der Tie-Break im zweiten Satz (12:10) war der Hammer. Chiudinelli, den ich bisher ehrlich gesagt unterschätzt habe und dessen Achtelfinale bei den US Open ich für einen Glückstreffer hielt, war absolut ebenbürtig. („Variantenreich und ballsicher“ hab ich auf meinem Notizzettel stehen.) Das gilt natürlich auch für Melzer, dessen Fußverletzung nicht so dramatisch gewesen zu sein scheint, wie die österreichischen Medien es vor dem Turnier beschworen. Eigenartig fand ich die Reaktion des Publikums, nachdem Melzer den vierten Matchball verwandelt hatte: 15 Sekunden Klatschen, dann standen die Leute auf und drängten an die überteuerten Würschtelstände (3,40 Euro für eine Cola). Erst als Melzer zum Interview gebeten wurden, brandeten doch noch Jubelstürme auf.

Weil dieses Match so spannend war, hätte ich beinahe das parallele Spiel in Halle B verpasst, das ich unbedingt sehen wollte: Andreas Seppi (Italien, Nr. 52) gegen Jan Hajek (Tschechien, Nr. 113). Nicht wegen Seppi. Der macht auf mich zwar einen grundsympatischen Eindruck, sein destruktives Tennis ist als Zuschauer aber kaum auszuhalten. Aber auf Jan Hajek war ich gespannt. Der Kerl spielte sich vor drei Jahren innerhalb kürzester Zeit mit einer atemberaubenden Siegesserie auf Challenger-Turnieren von Platz 350 auf Platz 70. Von da an durfte er bei den großen ATP-Turnieren mitmachen und traf fortan keinen Ball mehr. Dann war er wohl auch noch mal verletzt, jedenfalls war er bald wieder zurück auf Platz 350, wo er drei Jahre lang blieb – bis er in diesem Jahr wieder eine atemberaubende Siegesserie auf Challenger-Turnieren hinlegte. Nun ist er wieder nah an Platz 100 angekommen, was in Wien für einen Platz im Hauptfeld reichte. Sein erstes ATP-Turnier in diesem Jahr. Hajek gewann gegen Seppi. Vermutlich lag das an der Challenger-Atmosphäre in Halle B. Dass man auf den Nebenplätzen der ATP-Turniere viel dichter an den Spielern dran ist als auf dem Center Court, ist ja normal. Aber in der Wiener Halle B ist dieses Phänomen besonders ausgeprägt, insbesondere wenn man den Charme der Stehplätze am Kopfende des Platzes entdeckt. Ich stand auf einer Empore einen Meter über den Linienrichter hinter der linken Grundlinie und war Seppi und Hajek sehr dankbar, dass sie sich meistens nur Vorhand-Duelle lieferten, denn immer wenn einer zur Rückhand ausholte, machte ich mir sorgen, bei der Ausholbewegung könnte mich das Racket im Gesicht treffen. Von Seppis Selbstgesprächen hörte ich jedes Wort (leider verstehe ich nicht viel Italenienisch), und ich sah all den dunkelroten Sand an Hajeks Socken, die er offenbar seit seinen Challenger-Erfolgen im Sommer nicht gewechselt hat.

Und jetzt ein paar kurze Eindrücke von fünf weiteren Erstrundenmatches:

Daniel Brands (Deutschland, Nr. 125) –
Robert Kendrick (USA, Nr. 80) 7:6, 7:5

Ich glaube, ein Spiel wie dieses habe ich zuletzt irgendwann Anfang der 90er in einer Fernsehübertragung aus Wimbledon gesehen. Nur Aufschläge und ab und zu mal ein Return, der aber in der Regel nicht den Weg ins Feld fand. Daniel Brands (22) schlägt gut auf, aber das ist ja keine Neuigkeit. Ob er sonst noch was kann, ist nach diesem Spiel schwer zu sagen. Kendricks Aufschläge returnieren kann er jedenfalls nicht. Zu Brands' Glück kann Kendrick Brands' Aufschäge aber auch nicht returnieren. Im Vergleich zu Brands und Kendrick entpuppte sich tags darauf der berüchtigte 2,06-Meter-Spieler John Isner als reinstes Grundlinienmonster.

Feliciano Lopez (Spanien, Nr. 45) –
Andreas Haider-Maurer (Österreich, Nr. 184) 6:4, 6:4
Den Haider-Maurer braucht man sich nicht zu merken, scheint mir. Ich hatte relativ hohe Erwartungen, weil der Junge seit Jahren regelmäßig Wild Cards für Turniere in Österreich bekommt, man ihn also offenbar für ein wichtiges Talent hält. Wieso, davon war nicht viel zu sehen. Haider-Maurer drosch unentwegt Topspins über den Platz, ansonsten war sein Spiel vollkommen einfallslos. Anscheinend beherrscht der 22-Jährige nur diesen einen Schlag. Das Ergebnis sieht zwar relativ knapp aus, aber das hat auch damit zu tun, dass Lopez es sich nichtz groß anstrengte.

Philipp Kohlschreiber (Deutschland, Nr. 24) –
Dieter Kindlmann (Deutschland, Nr.203) 6:1, 6:3

Dieter Kindlmann kann deutlich mehr als Andreas Haider-Maurer, aber er ist ein Nervenbündel. Spielerisch stellte Kindlmann (27) den großen Favoriten Kohlschreiber immer wieder vor Probleme, aber immer wenn es eng wurde, versemmelte er es. Bei nahezu jedem Breakball gegen sich machte Kindlmann einen Doppelfehler – auch beim Matchball.

Mariusz Fyrstenberg / Marcin Matkowski (Polen) –
Martin Fischer / Philipp Oswald (Österreich) 6:4, 7:6
Das österreichische Duo Fischer/Oswald hat heuer schon drei Challengers gewonnen, zuletzt neulich in Kolding (Dänemark). Auf der ATP-Tour scheinen sie mir durchaus konkurrenzfähig zu sein, für die ganz großen Erfolge wird es aber wohl nicht reichen. Bis zum 4:4 im ersten Satz hielten sie gegen das brachiale Weltklasse-Doppel aus Polen gut mit, was nicht zuletzt daran lag, dass Fyrstenberg nur mühsam ins Spiel fand und das Punktemachen anfangs weitgehend seinem Partner überließ. Im zweiten Satz versäumten es die Österreicher dann, mal einen ihrer vielen Breakbälle zu verwandeln. Am überraschendsten war für mich, wie klein Martin Fischer aussieht. Er misst laut seiner eigenen – übrigens sehr lesenswerten – Homepage 1,80 Meter. Neben den drei anderen Spielern, die alle um die 1,90 Meter sind, erinnerte er mich aber massiv an den kleinsten mir bekannten Doppelspezialisten Jeff Coetzee (Südafrika, 1,73 Meter).

Daniel Köllerer (Österreich, Nr.55) –
Jarkko Nieminen (Finnland, Nr. 116) 6:1, 6:2

Cräzy Däny, die österreichische Nummer 2 und mithin Jürgen Melzers Widerpart, haben wir ja neulich schon thematisiert. Beim morgen beginnenden Turnier in Basel treffen die Erzfeinde Köllerer und Melzer in der ersten Runde aufeinander. Schade, dass das nicht schon in Wien passierte, das wäre ein Gaudi geworden... Das Ergebnis gegen Nieminen sagt über Köllerer nichts aus. Nieminen, immerhin ein ehemaliger Top-20-Spieler und Anfang des Jahres noch auf Platz 38, war vollkommen indisponiert. Er war im Sommer knapp vier Monate verletzt und sagte anschließend, ihm fehle noch etwas Muskelkraft. Aber ihm fehlt offenbar auch die Koordination. Um mal einen landsmannschaftlich naheliegenden Vergleich zu ziehen: Er wirkt wie ein Skispringer, der das Gefühl für den Absprung verloren hat. Fast keiner seiner Bälle hatte die Länge, die er haben sollte. Köllerer gewann, ohne dass er irgendeinen Punkt aktiv herausspielen musste. Das letzte Mal, dass ich einen gestanden Profi so sehr neben sich habe stehen sehen, war vor anderthalb Jahren in der Qualifikation von Hamburg. Da verlor die Nummer 79 der Welt gegen einen 18-jährigen Wild-Card-Spieler von Platz 951. Die damalige Nummer 79 hat sich später wieder berappelt: Es handelte sich um Jürgen Melzer. Abschreiben sollte man Nieminen also nicht.

Hier die Ergebnisse aus Wien im Einzel und im Doppel

Kommentare:

loreley hat gesagt…

Leider hat Melzer für Basel abgesagt.

Zack hat gesagt…

War zu befürchten.

Kira Zlatko hat gesagt…

In Österreich kann man auch super unter freiem Himmel Tennis spielen. Ich durfte dies im Sporthotel Österreich selbst erfahren und fand es herrlich unter Sonnenschein zu spielen. Außerdem war der Blick auf die umliegenden Berge sehr schön.

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