Sonntag, 8. November 2009

Paris-Bercy: Das letzte Turnier für Marat Safin und Fabrice Santoro

Zwei Legenden treten ab. Marat Safin (Russland) und Fabrice Santoro (Frankreich) bestreiten in dieser Woche beim Masters in Paris-Bercy ihr letztes Profiturnier. Safin ist derjenige, der in seiner Karriere mehr Ruhm geerntet hat. Sein Name ist auch Gelegenheitsfans ein Begriff. Er war die Nummer 1 der Weltrangliste, er gewann die US Open und die Australian Open. Safin gewann mehr Preisgeld (14,3 Millionen zu 9,9 Millionen) und mehr Turniere (15 zu 6). Aber von den neun Begegnungen, die er und Fabrice Santoro in den vergangenen zehn Jahren gegeneinander bestritten, gewann Santoro sieben. In der aktuellen Weltrangliste steht Santoro (Platz 53) vor Safin (Platz 65). In Paris-Bercy brauchte Safin eine Wild Card, Santoro war direkt fürs Hauptfeld qualifiziert.

Marat Safin 2008 in Hamburg

In vielen Statistiken liegt Santoro nicht nur Lichtjahre vor Safin, sondern auch vor allen anderen Spielern in der Geschichte des Profitennis. Er bestritt 913 Matches auf der Tour. Davon gewann er 470 und verlor 442 – Rekord. Er trat zu 69 Grand-Slam-Turnieren an, die Nummer 2 in dieser Statistik, Andre Agassi, brachte es nur auf 61.

Fabrice Santoro liegt nicht nur im direkten Vergleich mit Marat Safin vorn, sondern auch im Vergleich mit Jimmy Connors, Mats Wilander und Henri Leconte (jeweils 1:0). Gegen Yannick Noah und Boris Becker gewann er jeweils einmal und verlor einmal. Michael Stich war Santoros Angstgegner: Die Bilanz lautet genau wie die gegen Safin, nur umgekehrt: 2:7. Seinen Spitznamen „Magicien“ soll Santoro von Pete Sampras (direkter Vergleich: 3:4) bekommen haben. Er spielt Vorhand, Rückhand und gern auch die Volleys beidhändig, was eigentlich eine Eigenart von Hauruck-Spielern ist. Santoro aber ist immer ein brillanter Techniker gewesen, anders hätte er auch kaum zwei Jahrzehnte im Profisport durchhalten können. Dass er zudem auch mit 36 Jahren noch Ausdauer hatte, musste Philipp Kohlschreiber Anfang dieses Jahres erfahren.

Fabrice Santoro wird in einem Monat 37 Jahre. In dem Alter haben auch andere vor ihm noch Profitennis gespielt. Aber keiner war ein solcher Dauerläufer. Seit Santoro 1988 in Cherbourg seine ersten Weltranglistenpunkte holte, war er so gut wie nie verletzt. 1990 schaffte er es erstmals unter die Top 100, und da steht er heute noch. Während kurzer Schwächephasen, als er 23, 24 Jahre alt war, fiel er mal etwas zurück, aber das ist ja wohl längst verjährt.

Im Doppel gewann er zwei Mal die Australian Open (mit Michael Llodra), aber im Einzel ist er nie ganz nach oben gekommen. Erst bei seinem 54. Grand-Slam-Turnier, 2006 in Melbourne, schaffte es Santoro ins Viertelfinale. Die sechs Turniere, die er gewann, waren allesamt eher unbedeutende. Ein Kunststück gelang ihm dabei immerhin: Als die ATP im Jahr 2000 die bald wieder begrabene Idee gebar, statt der Weltrangliste das „Champions Race“ in den Vordergrund zu stellen, in dem die Punktwertung zu Beginn des Jahres für alle Spieler bei 0 beginnt, gewann Santoro das erste Turnier Anfang Januar in Doha (im Finale gegen Rainer Schüttler) und wurde zum ersten Ranglistenersten dieser neuen Wertung.

Im Einzel ist Santoros Karriere seit heute Nachmittag vorbei. Er verlor sein Erstrundenmatch in Paris mit 4:6 und 3:6 gegen James Blake. Marat Safin spielt erst morgen. Sein Gegner ist der Qualifikant Thierry Ascione, da hat Safin gute Chancen zu gewinnen. Auch für Santoro ist sein bisheriger Beruf noch nicht ganz vorbei: Er spielt noch mit Sebastien Grosjean im Doppel, und zwar frühestens am Dienstag. Gerüchte, er könnte vielleicht doch noch mal bei den Australian Open 2010 antreten, hat der Magier mittlerweile dementiert. Er wäre dann der erste Spieler geworden, der in vier verschiedenen Jahrzehnten bei Grand-Slam-Turnieren gespielt hätte: von en 1980ern bis in die 2010er.

Bei all dem Santoro-Gejubel sei freilich angemerkt: Marat Safin ist der großartigere Tennisspieler von den beiden gewesen. Wenn ich eine Liste von den beeindruckendsten Matches machen sollte, die ich je gesehen habe, wäre Santoro nicht auf dieser Liste, Safin zwei Mal. Da wäre zum einen das Australian-Open-Halbfinale von 2005, in dem er im vierten Satz gegen Roger Federer einen Matchball mit einem Lob abwehrte und dann den fünften Satz mit 9:7 gewann. Safin gewann anschließend auch noch das Finale gegen Lleyton Hewitt. Danach gewann er kein einziges Turnier mehr, aber einzelne großartige Partien vollbrachte er noch immer: Ich erinnere mich an sein Erstrundenmatch ein paar Monate später am Hamburger Rothenbaum gegen den Spanier Alberto Martin, der seinerzeit ziemlich gut in Form war. Es war das letzte Spiel des Tages, es war kalt und windig, und die meisten Zuschauer waren schon gegangen. Safin gewann 6:1 und 6:0. Fast jeder einzelne Ball, den er schlug, war für Martin unerreichbar, und ich war mir sicher, auch Roger Federer hätte an diesem Abend nur unwesentlich knapper verloren.

Sein Zweitrundenmatch am übernächsten Tag aber verlor Safin. Er hat seine Genialität nie konstant ausspielen können. Wäre er so diszipliniert und ehrgeizig wie Roger Federer, hätte er ihn wahrscheinlich häufiger als nur 2005 in Melbourne (und 2002 in Moskau) bezwungen. (Zu dieser Seite von Safin verlinken wir mal zu Loreleys Artikel von vorhin.) Statt der Federer-Ära hätte es eine Federer-Safin-Ära geben können, und sie wäre 2009 nicht zu Ende gegangen. Marat Safin mit 29 Jahren eigentlich noch zu jung für die Rente. Aber er sagt: Wenn man mal die Nummer 1 war und dann zwischen Platz 30 und 60 rumgurkt, ist es schwer sich zu motivieren. Das mit der Nummer 1 ist neun Jahre her. So gesehen, hat Safin bemerkenswert lange durchgehalten.

Hier das ATP-Profil von Fabrice Santoro und
hier das von Marat Safin

Und hier die Ergebnisse aus Paris-Bercy (PDF)

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