Sonntag, 18. Oktober 2009

Durcheinander am Rothenbaum - Also doch lieber Schanghai?

Nikolai Dawidenko hat wieder zugeschlagen. In regelmäßigen Abständen von ungefähr anderthalb Jahren gewinnt der Mann aus Wolgograd plötzlich ein großes Turnier. Heute war es das Masters von Schanghai. 7:6 und 6:3 gegen Rafael Nadal.

Kleinere Titel holt Dawidenko ja öfter mal, zuletzt im Juli in Hamburg. Irgendwie rührend, dass der erste Spieler, der am Hamburger Rothenbaum gewann, nachdem das Turnier seinen Weltklasse-Mastersstatus verloren hat, drei Monate später auch dasjenige Turnier gewinnt, an das Hamburg diesen Status abgeben musste.

(Manche Leute sagen ja, Hamburg habe den Status an Madrid verloren, aber Madrid hatte ja schon vorher ein Masters-Turnier, das jetzt nur auf Hamburgs alten Platz im Kalender gerückt ist. Neu dazugekommen ist das Turnier in Schanghai.)

(Wer mehr über die Vorgeschichte und darüber, was es mit den Masters-Tunrieren auf sich hat, wissen will, klickt hier.)

Wer nun die Turniere von Hamburg und Schanghai miteinander vergleicht, kann schnell zu dem Ergebnis kommen, dass in Hamburg alles besser war. Roger Federer und Andy Murray sind gar nicht erst hingefahren nach China. Juan Martin del Potro, Andy Roddick, Gael Monfils, Tommy Haas und fünf weitere Spieler waren zwar da, haben aber bald wegen Verletzung ihre Teilnahme beendet. (Mischa Zverev hat sich tatsächlich das Handgelenk gebrochen und kann erst im nächsten Jahr wieder spielen, bei anderen Spielern kann man aber auch Desinteresse vermuten.)

Und was das Zuschauerinteresse angeht, da hat die Kollegin Loreley vor ein paar Tagen einen Link zu dieser Frage gesetzt: „Has a tournament ever had more retirements than fans?“ Es heißt zwar, es sei auf dem Center Court auch deshalb so leise gewesen, weil Chinesen es eben ernst nehmen, wenn ein Schiedsrichter „Quiet, please“ sagt. Aber trotzdem: Gut besucht war das Qi Zhong Tennis Center wahrlich nicht. Die Mühe, eigens für das neue Masters-Turnier einen Platz 2 mit 5000 Zuschaueplätzen aus dem Boden zu stampfen, hätte man sich sparen können. Das Heer der Wanderarbeiter kann sich die Tageskarte für umgerechnet zwölf Euro schwerlich leisten, aber bei 19 Millionen Einwohnern in einer pulsierenden Metropole, wenn dann keiner zum Tennis geht, dann liegt das auch daran, dass es einfach keinen interessiert, zumal Timo Boll ja nicht mitspielte.

In Hamburg dagegen war das Stadion auch 2008 noch gut gefüllt. Ich hab mich jedes Mal gewundert, wo die ganzen Tennisfans eigentlich herkamen, von denen man sonst das ganze Jahr über nichts mitbekam. Das kann eigentlich nur heißen: Schnell wieder zurück nach Hamburg mit dem Masters-Turnier. Das wird die ATP natürlich nicht machen. Die ATP will ja unbedingt den chinesischen Markt erobern, weil sie mal gehört hat, dass der sehr groß ist. Außerdem gibt es in China Sponsoren.

Das mit den Sponsoren ist in Hamburg tatsächlich etwas schwierig. Die anderen deutschen Tennisturniere haben damit komischerweise keine Probleme. Auch der neue Turnierdirektor Michael Stich, der Ende vergangenen Jahres hoffnungsvoll startete und mit seinen guten Kontakten in die Wirtschaft warb, konnte daran nicht viel ändern.

Dafür hat Hamburg den Deutschen Tennisbund. Von dem werden wir spätestens Mitte Novemvber noch viel hören, wenn in Warnemünde Mitgliederversammlung ist. Acht Landesverbände, die von sich behaupten, eine klare Mehrheit hinter sich zu haben, misstrauen dem amtierenden Präsidenten Georg von Waldenfels offen. Aber der gelernte CSU-Politiker (bayerischer Finanzminister 1990-95) denkt nicht an Rücktritt. Auch das hat alles mit dem Rothenbaum zu tun, und ich bekenne offen: Ich durchschaue die ganze Sache nicht ganz. Die oppositionellen Landesverbände haben eine oder mehrere Task Forces gegründet, die sich überwiegend mit dem Thema Rothenbaum und Finanzen und Rothenbaum-Finanzen beschäftigen und an denen sich auch andere Landesverbände beteiligen. Manche Leute meinen, auch Michael Stich gehöre einer solchen Task Force an, Michael Stich hat das dementieren lassen, gleichzeitig aber gesagt, dass er selbstverständlich bei allem mitmacht, wofür die Task Forces ihn brauchen. Unterschiedliche Auffassungen bestehen auch bei der Frage, bis wann und warum Stich Turnierdirektor zu bleiben zugesagt hat. Nebenbei ist der DTB neulich fast zahlungsunfähig gewesen und in ein paar Wochen schuldenfrei – jedenfalls nach Angaben des DTB. Außerdem läuft in den USA immer noch der Zivilprozess des DTB gegen die ATP um den längst vergessenen Masters-Status am Rothenbaum. Auf die Frage, ob der DTB überhaupt noch in der Lage wäre, ein Masters-Turnier zu stemmen, antwortete von Waldenfels jüngst im Tennis-Magazin mit einem „Grundsätzlich ja“ und kommt drauf an.

Also, vielleicht doch lieber Schanghai? In China würde solch ein Chaos nicht passieren. Die haben ihre Opposition im Griff. Und damit hätten wir zum Abschluss doch noch mal ein triftiges Argument für Hamburg.

Keine Kommentare:

Beliebte Posts

Impressum

Ove Jensen, Schleswig zackstennis@web.de