Sonntag, 13. September 2009

US Open: Lohnt sich ein Leben ohne Dach?

Heute schien die Sonne über New York. Das wurde höchste Zeit, denn irgendwann müssen die Jungs und Deerns da drüben ja mal ihre US Open zu Ende spielen. Wie schon im vergangenen Jahr wird das Herren-Endspiel einen Tag später als geplant ausgetragen, weil der Regen den Spielplan wegspülte. In Wimbledon kann sowas nicht mehr passieren, die Engländer haben in diesem Jahr ihr Schiebedach über dem heiligen Rasen eingeweiht. In Melbourne gibt es so ein Dach schon seit 20 Jahren. In Paris haben sie die Pläne für das Dach über dem Stadion von Roland Garros schon fertig, spätestens 2013 oder so soll es fertig sein, auch wenn es da noch verschiedene Widrigkeiten gibt, in die auch die Pariser Kommunalpolitik hineinspielt, worüber ich bisher nie was geschrieben habe, weil meine Französischkenntnisse nicht ausreichen, um die Diskussionen zu durchschauen.

Jedenfalls sieht es ganz so aus, als wären die US Open in absehbarer Zeit das einzige Grand-Slam-Turnier auf der Welt, das wetterbedingt länger als die üblichen zwei Wochen dauern kann. Das wäre mal ein ganz neues Gefühl für die Amerikaner. Die US Open unterschieden und unterscheiden sich zwar auch in anderen Dingen von den übrigen Großturnieren, aber der Tie-Break im fünften Satz zum Beispiel, den begreift man dort als Ausdruck des Fortschritts und des Medienzeitalters. Auch der Hartplatz war mal was Besonderes und Fortschrittliches, bevor auch die Australier ihren Rasen plattmachten. Das rückständigste Mitglied der Grand-Slam-Familie zu sein, das wäre etwas Neues für die US Open. Es wäre ein Sinnbild für die seit dem Amtsantritt Barack Obamas etwas in Vergessenheit geratene These vom schleichenden, aber unaufhaltsamen Niedergang Amerikas; wer mit seinem Tennisstadion nicht mehr mithalten kann, wie will so einer noch Weltmacht sein?

Das Dach wird wohl kommen, da darf man sich nach dieser verregneten Woche sicher sein. Die Verantwortlichen wissen anscheinend auch schon, was es kosten wird: 100 Millionen Dollar. Das wäre zwar günstiger als in Wimbledon (80 Millionen Pfund) und in Paris (120 Millionen Euro), aber trotzdem ziemlich viel Geld. Etwas zaghaft argumentiert man beim US-Tennisverband USTA, es sei vielleicht nicht ganz verhältnismäßig, so viel Geld für eine Sache auszugeben, die man, wenn es regnet, einmal im Jahr benutzt, und wenn sie Sonne scheint, gar nicht. Da sei die Nachwuchsförderung wichtiger.

Ja. Das finde ich auch. Ich brauche das Dach nicht. Dank des Regens in New York, der immer dann fiel, wenn ich mal einen Abend gemütlich Tennis gucken wollte, habe ich in dieser Woche sogar ein paar Kapitel von David Foster Wallece' Unendlichem Spaß geschafft. Mit hundert Million Euro könnte man in der Tat wichtigere Dinge tun, als die Flushing Meadows zu überdachen. (Man könnte damit übrigens auch wichtigere Dinge tun, als den US-amerikanischen Tennisnachwuchs zu fördern, aber egal.) Aber der Zeitgeist schreit nun mal nach Dächern im Moment, und die Geister dieser Zeit sind gegen alles immun (um mal eben an ein Lied der zu Unrecht völlig vergessenen Hamburger Arroganz zu erinnern, das sie mehrere Jahre vor Bekanntwerden der Fantastischen Vier sangen).

Es gibt ja auch einige stichhaltige Argumente, oder jedenfalls eines: das mit den Zuschauern, die Tickets kaufen, von weither anreisen, und die, wenn es die ganze Zeit regnet, nach Hause gehen müssen, ohne einen einzigen Ballwechsel gesehen zu haben. (Von 100 Millionen Dollar könnte man ziemlich viele Eintrittskarten zurückerstatten, aber damit wäre das Geld auch nicht besser angelegt als in der Jugendarbeit.) Alle anderen Argumente fürs Dach überzeugen mich nicht. Wenn die US Open einen Tag länger dauern, oder meinetwegen sogar zwei Tage, ist das auszuhalten. Die Spitzenspieler haben unmittelbar nach den Grand Slams sowieso keinen anderen Turniere auf dem Plan. Und dass sie durch die ständigen Regenunterbrechungen ihren Rhythmus verlieren, das sollten sie abkönnen in ihrem Beruf, das ist ja keine Ungerechtigkeit, es betrifft ja immer auch den Gegner. Ich wünsche mir einen möglichst abwechslungsreichen Sport, und so, wie Matches, die nach 6:6 im fünften Satz noch nicht zu Ende sind, bereichern auch Matches, die sich über mehrere Tage hinziehen, das Angebot.

Außerdem nützt das Dach den meisten Spielern ohnehin nicht viel. Die Außenplätze lässt man nämlich weiter im Regen stehen. Nur der Center Court (bei den US Open wäre es das Arthur Ashe Stadium) wird geschützt. Die Spiele, die für die anderen Plätze angesetzten Spiele werden weiterhin verschoben und höchstens nach Mitternacht, wenn die Stars fertig sind, unterm Dach ausgetragen.

Dann haben wir da noch das Argument mit dem Fernsehen, das sein Programm plant und das Tennis senden will, wenn Tennis in der Fernsehzeitschrift steht. Dies war in den vergangenen Jahren ein sehr starkes Argument, aber wenn das Dach über Flushing Meadows in ein paar Jahren fertig ist, prophezeie ich jetzt einfach mal, interessiert das keinen mehr. Eurosport ist jetzt schon flexibel genug, die Matches zu zeigen, wenn sie halt gespielt werden, auch wenn ursprünglich was anderes geplant war. Wenn gleichzeitig EM im Banenenschieben ist, wandert die eben auf Eurosport 2. Es ist ja nicht mehr wie zu Boris' Zeiten, als es nur drei Programme gab und dann irgendwann RTL Plus und Sat1 dazu kamen. Wenn das Dach fertig ist, klickt man sich sowieso in den Livestream rein, wenn das Spiel kommt. Mit den festen Programmschemata geht es zu Ende.

Aber außer, dass es so viel Geld kostet, schadet so ein Dach auch nicht, könnte man meinen. Hier kommt es aber sehr aufs Dach an. Das Dach über dem Hamburger Rothenbaum-Stadion (Foto) stört mich in der Tat nicht Das ist ein luftiges Zeltdach, und wenn es geschlossen ist, pfeift der Wind noch immer durch alle Ritzen. Nur werden solche Dächer sonst nie gebaut. Das andernorts hoch gelobte Gerry-Weber-Stadion von Halle/Westfalen finde ich ganz scheußlich. Das ist kein Freiluftstadion, dass ist eine Turnhalle mit Luke. Glücklicherweise ist das Arthur-Ashe-Stadion so riesenhaft, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass jemand aus ihm eine Turnhalle mit Luke machen kann, auch nicht für 100 Millionen, aber so ein schön schmuddeliges Zeltdach wie in Hamburg wird es bestimmt auch nicht werden.

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