Montag, 28. September 2009

Kiefer geht in die zweite Liga


Orestes auf einem Bild von
William-Adolphe Bouguereau (1862)

Ein aus meiner Sicht enttäuschender Wahlausgang. Mein Favorit Orest Tereschtschuk bekam ganze zwei Stimmen bei der Wahl zum Davis-Cup-Kapitän mit dem schönsten Namen. Eine der beiden Stimmen war meine eigene. Kann man denn schöner heißen als Orest? Und dann noch das raue, aber melodische Tereschtschuk hinterher.

Schon damals, als der heutige Davis-Cup-Kapitän der Ukraine sich als aktiver Tennisspieler durch Osteuropas Challenger-Turniere schlug, war er einer meiner Lieblingsspieler allein wegen der Art, wie er hieß. Ohne in der griechischen Mythologie sattelfest zu sein, ahnte ich wohl, was mein Meyers Taschenlexikon schon in der Vor-Wikipedia-Zeit wusste, nämlich dass Orestes der Sohn des Agamemnon und der Klytämnestra war und Bruder von Elektra und Iphigenie. Aber für wahre Helden scheint es schwer zu sein, Wahlen zu gewinnen in der heutigen Zeit.

Was macht man, wenn man sich von unerfreulichen Wahlergebnissen ablenken will? Man zieht sich zurück ins Private und pflegt seine absonderlichen Hobbys. Kommen wir also zum Tennis. Vielleicht erinnert sich der eine oder die andere noch an Nicolas Kiefer. Das ist ein Spieler, der sich einmal für die ATP-Weltmeisterschaft der besten acht Spieler qualifizierte, als diese Weltmeisterschaft noch in Hannover ausgetragen wurde vor fast zehn Jahren. Seither hat er sein Können immer wieder mal aufblitzen lassen, zuletzt vor einem guten Jahr, als er das Endspiel des Masters-Tunriers von Toronto erreichte. In diesem Jahr hat er wenig gespielt, und wenn, dann zwar nicht immer schlecht, aber meistens mit nur mäßigen Erfolg. Die Folge: Statt auf Platz 19 wie damals nach Montreal, steht er nur noch auf Platz 109 der Weltrangliste. Für einen Platz im Hauptfeld eines durchschnittlichen ATP-Turniers reicht das nicht. Neulich rätselte ich noch, ob Kiwi sich wohl die Mühe machen wird, Qualifikationswettbewerbe zu spielen. (Tommy Haas tat das im Frühjahr in Madrid, als er in einer ähnlichen Lage war. Er schaffte die Quali und war plötzlich wieder obenauf. Ein paar Wochen später gewann er erst das Turnier von Halle und zog dann ins Halbfinale von Wimbledon ein.)

Nicolas Kiefer seit seinem Absturz in der Rangliste noch zu keiner Qualifikation angetreten. Er zieht jetzt eine andere Konsequenz: Er geht in die zweite Liga. Er steht auf der Meldeliste des Challengers in Mons (Belgien). Das ist eine Stadt, über dessen Glockenturm Victor Hugo laut Wikipedia 1837 meinte: „Man stelle sich eine riesige Kaffeekanne vor, umgeben von vier kleineren Teekannen.“ Für den 32-jährigen Kiefer ist es das erste Challenger seit den Bermudas vor sechseinhalb Jahren und erst das dritte Challenger in den vergangenen zwölf Jahren.

„Ich fühle mich fit und habe auch alle Blessuren überstanden“, sagte er vor seinem bisher letzten Spiel, dem Zweitrundenmatch bei den US Open, in dem er Rafael Nadal einen Satz abnahm. Vom Karriereende ist derzeit keine Rede.

Mons ist immerhin ein ausgesprochen großes Challenger. Der Sieger gewinnt rund 15.000 Euro, das ist mehr als es für die Erstrundenverlierer bei den US Open gab. Leute vom Schlage eines Orest Tereschtschuk wird man dort nicht viele antreffen, für die ist Mons eine Nummer zu groß. Neben Kiefer stehen immerhin Leute wie Janko Tipsarevic (Nummer 58) oder Jan Hernych (Nummer 63) auf der Meldeliste.

Dies lehrt uns übrigens, dass die Sorgen einiger Fans und auch Spieler unberechtigt waren, die Challenger würden nach der Weltranglistenreform, die Anfang des Jahres in Kraft trat, in die Bedeutungslosigkeit entschwinden. („Mit dem neuen Weltranglistensystem ist es noch schwerer geworden, sich wieder nach oben zu spielen“, jammerte Benjamin Becker, als er im Januar auf Platz 135 abgerutscht war. Mittlerweile ist er trotzdem wieder die Nummer 42. Der neulich erwähnte Florian Mayer hat es fast ausschließlich mit Challengern geschafft, aus dem Nichts wieder unter die ersten 100 zu kommen.) Kiefer könnte, wenn er Mons gewinnt, immerhin auf Platz 93 vordringen. Wäre er zu einem der beiden ATP-500-Turniere gereist, die parallel am 5. Oktober beginnen, hätte er dort erst die Qualifikation überstehen müssen und dann das Viertelfinale erreichen müssen, um vergleichbar viele Punkte zu holen. Ein starkes Argument für das Challenger dürfte für Kiwi indes auch gewesen sein, dass Mons einfach näher an Hannover ist als Peking und Tokio, wo die ATP-Turniere jener Woche stattfinden.

Hier ein Link zur Monser Turnierseite

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