Sonntag, 6. September 2009

Daniel Köllerer: Gilbert Schallers Linkspartei

Dritte Runde der US Open. Auf Eurosport 2 spielt gerade Juan Martin del Potro gegen Daniel Köllerer. Anlass, mal einen Blick auf den Kollegen Köllerer im Speziellen und unsere österreichischen Nachbarn im Allgemeinen zu werfen, die in zwei Wochen in der Davis-Cup-Relegationsrunde in Chile (18. bis 20. September) antreten – und zwar ohne Köllerer, obwohl der unumstritten der derzeit zweitbeste österreichische Tennisspieler ist, vielleicht sogar der beste.

Köllerer wurde neulich gefragt, ob er Jürgen Melzer grüßen würde, wenn er ihm bei den US Open begegnet. Die Antwort: „Nein.“ Daniel Köllerer hat nicht viele Freunde unter den Tennisprofis. 2006 war er mal wegen Unflätigkeit für sechs Monate gesperrt. Kollegen von ihm starteten eine Unterschriftensammlung. Das Ziel: Die Sperre möge verlängert werden. 200 Profis sollen unterschrieben haben. Inzwischen ist „Crazy Dani“, wie er sich selbst nennt, 26 Jahre alt und insofern etwas braver geworden, als er sich zumindest nicht wieder dabei hat erwischen lassen, wie er einen Gegner als „hijo de puta“ („Hurensohn“) beschimpfte, wie vor drei Jahren vor seiner Sperre geschehen. Dass er Gegner, Schiedsrichter, Ballkinder oder Zuschauer anmotzt, kommt gleichwohl nach wie vor vor. Im Spiel gegen Juan Martin del Potro (Nummer 6 der Welt) scheint er seiner Niederlage allerdings gerade ganz stoisch entgegen zu sehen. Obwohl: Jetzt hat er den zweiten Satz sogar gewonnen.) Die beiden haben schon einmal gegeneinander gespielt, 2006 bei einem Challenger in Buenos Aires. Damals war del Potro noch nicht der Weltklassemann von heute, und Köllerer gewann. (In diesem brasilianischen Fernsehbeitrag über den verrückten Österreicher wird der Sieg erwähnt).

Bislang war die Causa Köllerer eine Schmonzette am Rande des ATP-Zirkusses. Selbst seine halbjährige Sperre war nur bedingt dramatisch. Sie galt nämlich nur für Turniere, die von der ATP selbst ausgerichtet werden, nicht aber für die kleinen Future-Turniere, auf denen gibt es zwar Punkte für die ATP-Rangliste, Ausrichter ist aber der Tennis-Weltverband ITF. Köllerer war damals noch spielerisch noch schlecht genug für Futures. Mittlerweile ist er die Nummer 62 in der Welt und wird durch seine dritte Runde bei den US Open sogar noch weiter nach oben klettern. Seine Spiele kommen nicht mehr nur in brasilianischenen Spartenkanälen, sondern – wie heute Abend – auch live auf Eurosport. Und Österreichs Davis-Cup-Kapitän Gilbert Schaller muss sich was überlegen. In Österreich hofft man, dass Chiles Weltklassemann Fernando Gonzalez seine Teilnahme am Davis-Cup absagt. Andernfalls muss man damit rechnen, dass Gonzo seine beiden Einzel locker nach Hause spielt. Zum Klassenerhalt müssen die Österreicher das Doppel und die Einzel gegen den zweiten Chilenen (Nicolas Massu oder Paul Capdeville) gewinnen. Mit Melzer und Köllerer könnte das klappen. Ohne Köllerer wahrscheinlich nicht. Der derzeit zweite Mann im österreichischen Team, Stefan Koubek, versucht nach einer Verletzung seit vielen Monaten vergeblich, wieder in Schwung zu kommen.

Eingentlich führt für das österreichische Team kein Weg mehr an Crazy Dani vorbei, und in der Tat beginnt Gilbert Schaller, sich im Umgang mit Köllerer ähnlich zu verhalten wie Frank-Walter Steinmeier und Franz Müntefering im Umgang mit der Linkspartei. Er ist zwar irgendwie pfui, aber zum Erfolg braucht er ihn. Die aktuelle Sprachregelung lautet: In diesem Jahr wird er nicht mehr nominiert, im nächsten Jahr mal schauen.

Schallers Argument, in einer aufgeheizten Atmosphäre, wie sie im Davis-Cup dazugehört, sei Köllerer besonders eskapadengefährdet, ist freilich nicht ganz von der Hand zu weisen. Wenn sich zudem Köllerer und Jürgen Melzer während einer Davis-Cup-Begegnung über den Weg laufen und sich dann nicht grüßen, ist das für den Teamgeist auch nicht förderlich. Andererseits haben sich auch vor 20 Jahren Thomas Muster und Horst Skoff nicht gegrüßt und trotzdem im selben Team gespielt.

Die Zuschauer bei den US Open scheinen Köllerer übrigens gern zu haben – gewiss aus Gründen der Nostalgie: http://www.youtube.com/watch?v=ekQ_Ja02gTY

Wenn er dem guten alten Johnny Mac das Wasser reichen will, muss sich Köllerer noch etwas anstrengen. Bisher gibt es von ihm nur lauter Youtube-Clips wie diesen: http://www.youtube.com/watch?v=nNkqvbg_TTw

Hier Daniel Köllerers ATP-Profil

1 Kommentar:

loreley hat gesagt…

Ich bin ja immer gespannt, was für ein Thema Du Dir ausgesucht hast.

Pete Bodo hat übrigens auch über Köllerer geschrieben.

http://tennisworld.typepad.com/tennisworld/2009/09/dan.html#comments

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