Sonntag, 23. August 2009

Unendlicher Spaß von David Foster Wallace: Weltliteratur aus der Tennisakademie

„Unendlicher Spaß“ als einen Tennisroman zu bezeichnen, ist so ähnlich, als würde man sagen, „Moby Dick“ handle vom Walfang. Das schrieb Richard Kämmerlings gestern in der FAZ.

Das Buch „Unendlicher Spaß“, das unendliche 1500 Seiten dick ist, habe ich noch nicht gelesen. Zu Moby Dick aber kann ich sagen: Es ist ja nicht so, dass darin der Walfang keine Rolle spielt. Wer sich für die Geschichte des Walfangs interessiert und für Literatur, kommt nicht Moby Dick vorbei. Daraus folgt logischerweise: Wer sich für Tennis interessiert und für Literatur, muss „Unendlicher Spaß“ lesen, das Opus Magnum von David Foster Wallace. Der Kritiker von der „Welt“ meint gar, mit diesem Werk habe eine neue Epoche der Literaturgeschichte begonnen.

Das Buch wurde an diesem Wochenende in den deutschsprachigen Feuilletons gefeiert. Bis ich das Werk in die Finger bekommen und es durchgearbeitet habe, werden ein paar Wochen vergehen. Um nicht zu sehr hinterherzuhinken, mache ich also heute ein Buch zum Thema, ohne es gelesen zu haben. (Das ist eine Technik, die mir aus meiner Schulzeit bekannt vorkommt.)

Der sagenumwobene, im einem wahnsinnig coolen Image versehene, in Wahrheit zutiefst depressive David Foster Wallace, der sich im vergangenen Jahr das Leben nahm, veröffentlichte den Roman mit dem englischen Titel „Infinite Jest“ schon 1996. Theoretisch hätte ich also 13 Jahre Zeit gehabt, das Buch zu lesen. Nun, der Übersetzer Ulrich Blumenbach hat sechs Jahre gebraucht, es ins Deutsche zu übertragen. Für einen deutschen Freizeitleser sind Foster Wallace' überbordende Satzkonstrukionen und erfundene Wörter wohl kaum zumutbar. Das ist was anderes als Harry Potter and the Deathly Hallows oder die Sportseiten von nytimes.com. Was man über dieses Buch liest, sieht nach irgendwas zwischen James Joyce und Robert Musil aus. „Die berüchtigte Liebe des Autors zu seinem Fremdwörterlexikon und zu teils weit abgelegenen Bereichen des Wissens ist unübersehbar“, sagt der taz-Mann.

Jetzt aber zum Inhalt: Die Hauptfigur Hal Incandenza ist Musterschüler einer Tennisakademie, dessen Gründer sein Vater James O. Incandenza war. Dieser James O. Incandenza hat außerdem einen Haufen experimentaler Filme gedreht und sich vor einigen Jahren umgebracht, indem er seinen Kopf in eine Mikrowelle stecke.

James O. Incandenza

In der Nachbarschaft der Tennis-Akademie befindet sich eine Rehabilitationsstätte für Alkohol- und Drogenabhängige. Die Bewohner beider Einrichtungen scheinen sich nur unwesentlich voneinander zu unterscheiden. „Die körperliche Leistung ist reine Formsache. In Wahrheit bearbeiten sie hier die Köpfe, Jungs“, sagt Hal Incandenza, der nicht nur als Sportler ein Genie ist, seinen jüngeren Mitschülern.

Außerdem gibt es franko-kanadische Terroristen, die versuchen, an einen Film zu gelangen, den James O. Incandenza gedreht hat. Der Film „Unendlicher Spaß“ ist eine gefährliche Waffe wie der „tödliche Witz“ von Monty Python, der so lustig ist, dass jeder, der ihn hört, sich totlacht. Die Zuschauer von „Unendlicher Spaß“ haben zwar gute Überlebenschancen, fristen ihr Dasein aber in einem komatösen Zustand.

Die Welt, die die kanadischen Terroristen mit Incandenzas Film bekämpfen, lag 1996, als der Roman erschien, in der Zukunft: Es ist das Jahr 2009. Statt Jahre einfach wie früher durchzunummerieren, verkauft die Organisation Nordamerikanischer Staaten (bestehend aus USA, Kanada, Mexiko), die von einem früheren Schlagersänger regiert wird, die Namensrechte an Sponsoren. 2009 ist das Jahr der Inkontinenzunterwäsche. Ein Teil der US-amerikanischen und kanadischen Ostküste ist zu einem gigantischen Atommüll-Endlager geworden.

Zu den strittigen Fragen, ob dieser Roman ein Irrenhaus beschreibt oder selbst eines ist und ob er Roman lesbar ist oder nur studierbar kann ich mich nicht äußern, ehe ich es ausprobiert habe. Aber ich bin ganz zuversichtlich, dass sich das Experiment lohnt.

Zu klären wäre schließlich noch die Frage, ob David Foster Wallace in jungen Jahren ein Tennisprofi war, wie es einige Feuilletonisten schreiben. Wenn wir die landläufige Definition von Tennisprofi, nämlich dass jemand Weltranglistenpunkte sammelt, heranziehen, möchte ich sagen: Er war es nicht. Das ATP-Spielerarchiv, das bis in die 1970er Jahre zurückreicht, kennt jedenfalls keinen Spieler namens Foster Wallace. In der englischsprachigen Wikipedia steht lediglich: „Wallace was a regionally ranked junior tennis player.“

Die Handlungen von allen Filmen Incandenzas sind übrigens im mehrere hundert Seiten umfassenden Anmerkungsapparats des Romans zusammengefasst. Diese Methode, Absurditäten im Gewand wissenschaftlicher Exaktheit zu präsentieren, erinnert mich an einen anderen durchgeknallten Autor: Will Self, den Erfinder des Psychiaters und universell verwendbaren Romanhelden Zack Busner, dem Namensgeber dieses Blogs.

David Foster Wallace: Unendlicher Spass. Aus dem amerikanischen Englisch von Ulrich Blumenbach. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2009. 1547 S.

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Unendlicher Spaß
von David Foster Wallace

Kommentare:

loreley hat gesagt…

Dann mal viel Spass bei der Lektüre.

Wallace hat auch über Federer geschrieben und man braucht beim Lesen nicht mal ein Wörterbuch ;)

http://www.nytimes.com/2006/08/20/sports/playmagazine/20federer.html?ei=5090&en=716968175e36505e&ex=1313726400&partner=rssuserland&emc=rss&pagewanted=all

loreley hat gesagt…

Hier kommt man besser an den Link:

http://loreley.twoday.net/stories/5192021/

zack hat gesagt…

Richtig, jetzt erinnere ich mich. Darüber hattest du letztes Jahr zu seinem Tod geschrieben.

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