Sonntag, 2. August 2009

Das langsame Karriereende von Nicolas Kiefer

Vielleicht erinnert sich jemand. Fast genau dieselbe Überschrift hatte ich schon einmal – letztes Jahr im Oktober. Damals ging es nicht um Nicolas Kiefer, sondern um Tommy Haas.

Damit ist die These, dass es mit Nicolas Kiefers Karriere bald vorbei ist, eigentlich schon dementiert. Tommy Haas hat sich in jüngster Zeit bekanntlich auf spektakuläre Weise berappelt. Bei den French Open beinahe Roger Federer besiegt, danach das Turnier in Halle gewonnen und dann in Wimbledon ins Halbfinale eingezogen. Statt aus den Top 100 zu fallen, ist Tommy Haas wieder die Nummer 22.

Kann schon sein, dass mit Nicolas Kiefer etwas Ähnliches geschieht. Es kann aber ebensogut sein, dass wir gerade das Ende von Nicolas Kiefer als Vollzeitprofi erleben. Letzte Woche stürzte er im Ranking auf einen Schlag von Platz 34 auf Platz 128 ab – weil die 700 Punkte aus dem Finale beim Masters in Toronto 2008 verfielen. Platz 34 bedeutet sicheres Startrecht bei jedem erdenklichen Turnier. Platz 128 bedeutet bei fast jedem ATP-Turnier: ab in die Qualifikation. Ob Kiwi sich das antut? Bis zu den US Open Ende August stehen die Meldelisten schon fest, da zählte noch seine Platzierung von vor dem Ranglistenabsturz. Aber für die Asientour im September/Oktober und für die anschließende europäische Hallensaison sieht es schlecht aus. Und in zwei Wochen verliert er auch noch die 100 Punkte vom Olympia-Achtelfinale.

Der Betroffene selbst gibt sich unbesorgt: „Die Storys der letzten Tage vom bevorstehenden Ranglisten-Absturz wegen der Punktestreichung meiner Finalteilnahme 2008 in Toronto sehe ich sehr gelassen. Wer gute Tage erlebt und genießt, kann auch mit weniger guten Tagen umgehen. Niemand sollte mich zu früh abschreiben.“

Unbesorgt kann er insofern sein, als dass er sicherlich für das eine oder andere kleinere Turnier eine Wild Card abstauben dürfte. Schließlich hat er noch immer einen klangvollen Namen, wie sein Auftritt in dieser Woche in Gstaad in der Schweiz beweist. Er sei der „international bekannteste Spieler“ des Turniers, konstatierte die Berner Zeitung „Der Bund“. Kiwis Einschätzung, er sei besser als Platz 128, ist sicher zutreffend. Vorletzte Woche in Stuttgart war er im Halbfinale, in Gstaad kam er ins Viertelfinale und gewann dort den ersten Satz gegen den späteren Turniersieger Tomaz Bellucci. Aber dann musste er aufgeben – wegen einer Blessur am rechten Knöchel. Anscheinend nichts Dramatisches, aber es ist symptomatisch: Kiefer hat ständig irgendwelche Verletzungen, die ihn stoppen, wenn er gerade in Fahrt kommt. Er hat in den letzten zwölf Monaten - das ist ja der Zeitraum, aus dem die Ergebnisse stammen, die ihn auf Platz 128 gebracht haben – gar nicht auffallend schlecht gespielt, er hat einfach zu selten gespielt. Anders als zum Beispiel Rainer Schüttler, der nach dem Verlust seiner Punkte aus dem Wimbledon-Halbfinale 2008 vergleichsweise weich gefallen ist, weil er immer wieder mal irgendwo ein paar Viertel- oder Halbfinals bei kleineren Turnieren eingestreut hat. Solch einen Dauereinsatz, wie Schüttler ihn seit Jahr und Tag pflegt, scheint Kiefer Körper aber nicht auszuhalten. Also, auch wenn meine Prognose für Tommy Haas falsch war, stelle ich noch einmal dieselbe These auf, diesmal für Nicolas Kiefer: Wir werden ihn in Zukunft nur noch als Teilzeitprofi sehen.

Ach so, apropos Gstaad: Erfreulichere Nachrichten lieferte in dieser Woche Andreas Beck, der sein erstes ATP-Finale spielte (und allerdings gegen den oben erwähnten Tomaz Bellucci verlor). Aus diesem Anlass sei auf den Andreas-Beck-Artikel vom April verwiesen.

Kommentare:

jmg hat gesagt…

Schüttler kommt zwar recht gut zurecht mit dem Vielspielen, aber auf dem Platz selber wirkt er auf mich häufig alt und fertig. Also nicht gerade jemand, der noch soviel Energie hat wie jüngeren Spieler. Bei Kiefer ist es eher andersrum. Ich kann mir kaum vorstellen, dass er dieses Jahr außerhalb der top 100 abschließt. Verletzt ist er ja derzeit nicht nach eigener Aussage.

Robert hat gesagt…

Ich stimme voll und ganz zu. Die letzen Spiele von Kiefer zeigten für mich von wenig Elan und Spielfreude. Er wirkte sogar eher ausgebrannt und unmotiviert.
Wenn man sein Talent bedenkt, ist das sicherlich traurig. Aber Talent allein...
Bei Schüttler reicht der frühere körperliche Vorsprung beispielsweise auch nicht mehr, um ganz vorne mitzuspielen. Aber er kämpft sich durch seine mentalen Tiefen mit eisernem Spielerherz. Aus ähnlichem Holz nur mit mehr spielerischen Fähigkeiten ist Tommy Haas ausgestattet - Kiefer meiner Meinung nicht.
Bleibt zu hoffen, dass Kiefer nochmal ordentlich Pfeffer auf dem Platz gibt.

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