Sonntag, 5. Juli 2009

Wimbledon: Ein guter Platz für alte Hasen

Boris Becker war bei seinem dritten Wimbledonsieg 21 Jahre alt. Nach 1989 hat er noch viele große Titel gewonnen, aber nie wieder Wimbledon. Damals war der heilige Rasen etwas für Jungspunde, die beim Matchball einfach mal draufhauten.

Das ist lange her. Mir scheint, Wimbledon ist in den letzten Jahren zu einem Turnier geworden, bei dem es von großem Vorteil ist, ein Spieler zu sein, der schon etwas länger dabei ist. Unsere Endspiel-Titanen von heute Nachmittag, Roger Federer (27) und Andy Roddick (26) sind zwar keine Greenhorns mehr, aber ja nun auch noch keine echten alten Hasen. Wenn wir aber ins Halbfinale und ins Viertelfinale schauen, dann ist das schon auffällig. Im Halbfinale stand Tommy Haas (31), von dem nicht nur ich vor gut einem halben Jahr behauptete, seine Karriere neige sich dem Ende zu. Im Viertelfinale standen Akteure, die zwar etwas jünger sind, deren beste Zeiten aber gefühlte 80 Jahre zurückliegen: Lleyton Hewitt (28) war 2001 die Nummer 1 der Welt und war vor Wimbledon die Nummer 56, Juan Carlos Ferrero (29) war 2003 die Nummer 1 und zuletzt auf Platz 70.

Ähnliche Phänomene waren in Wimbledon vor einem Jahr zu beobachten: Seinerzeit hießen die abgehalfterten Typen, die plötzlich zu ansatzweise alter Stärke zurückfanden, Marat Safin, Rainer Schüttler und Arnaud Clement. 2006 und 2005 standen die alten Schweden Jonas Björkman und Thomas Johansson im Halbfinale.

Ich glaube, dass diese Häufung nicht zufällig ist. Es gibt drei Gründe dafür, warum sich in Wimbledon neuerdings die alten Hasen. Zu Boris Beckers Zeiten unterschied sich das Rasentennis in Wimbledon vor allem durch eines von anderen Turnieren: Die Bälle sprangen wahnsinnig schnell ab. Wer beim Aufschlag ordentlich Bum-Bum machte, hatte schon fast gewonnen. Ein großer Vorteil für kräftige junge Burschen. Das Gras in London ist auch heute noch einer der schnellsten Untergründe auf der Profitour. Federer und Roddick haben nicht umsonst bis zum 16:14 gebraucht, bis endlich jemand im fünften Satz ein Break schaffte. Aber es ist viel langsamer als noch in den Neunzigern. Das liegt am Gewicht der Bälle und an Rasensorte und Bodenbeschaffenheit. (Die Einzelheiten weiß nur der Platzwart, und der verrät es nicht.) Die Umstellung soll etwas längere Ballwechsel und damit mehr Unterhaltung für das Publikum garantieren. Diese etwas gedrosselte wahnsinnige Geschwindigkeit ist der erste Vorteil für die älteren Spieler. Die Bälle fliegen immer noch so schnell, dass es sich oft nicht lohnt, Bällen hinterherzurennen, die in die hintersten Winkel fliegen. Auch die ganz flinken jungen Hüpfer schaffen das nicht. Und ob man ganz knapp zu spät an den Ball kommt und ein paar Stunden zu spät, das ist dann auch egal. Schlagtechnik wird wichtiger als Einsatzbereitschaft, und die Schlagtechnik verlernt man im Alter nicht so schnell. Dies ist ein kleiner Vorteil für die alten Spieler, der sich in Nuancen bemerkbar macht.

Noch wichtiger sind die Vorteile Nummer 2 und 3.

Vorteil 2: Rasentennis will gelernt sein. Die Spieler bewegen sich das ganze Jahr über auf Hart- und Sandplätzen. Auf Rasen wird nur noch in Wimbledon und bei den Vorbereitungsturnieren in den zwei Wochen vor Wimbledon gespielt. (Für die Grasfanatiker gibt es noch das kleine Turnier in Newport, Rhode Island, in der Woche nach Wimbledon, aber das dürfen wir vernachlässigen.) Die Bälle springen auf Rasen zwar nur noch mäßig schneller als auf anderen Bodenbelägen, aber immer noch charakteristisch anders. Auch muss man sich auf Rasen anders bewegen. Der Halt ist nicht so fest wie auf Hartplatz, und man kann nicht rumrutschen wie im Sand. Wer schon zehn Mal in Wimbledon gespielt hat, kann damit naturgemäß besser umgehen als jemand, der zum zweiten Mal dabei ist.

Vorteil 3: Die Motivation. Natürlich sind auch junge Spieler in Wimbledon heißer auf den Sieg als in der Woche vorher in Eastbourne oder Den Bosch. Aber bei den Älteren fällt das mehr ins Gewicht. Jonas Björkman, der vor einem halben Jahr mit 36 seine Karriere beendete, hat das einmal ganz offen gesagt: Er könne nicht mehr bei jedem Turnier alles geben. Er müsse sich genau überlegen, wo er seine Schwerpunkte setzt. Wimbledon ist für jeden dieser Spieler ein solcher Schwerpunkt. Man darf sich nämlich fragen, wofür sich Leute wie Marat Safin, Juan Carlos Ferrero oder Lleyton Hewitt sonst noch motivieren sollen. Weltranglistenerste waren sie schon, das werden sie nie wieder erreichen, dafür sind Federer und Rafael Nadal zu stark. Ein einziges Mal in Wimbledon für Furore zu sorgen, das ist ein realistischeres Ziel. Wie wichtig die Sache mit der Motivation ist, zeigt auch ein Blick auf die US Open: Das ist das Turnier, das den US-Amerikanern unter den Tennisprofis noch wichtiger ist als Wimbledon. Es ist gewiss kein Zufall, dass Andre Agassi als 35-Jähriger seinen letzten Achtungserfolg mit dem Finale der US Open 2005 feierte, und dass Pete Sampras 2002 zum Abschluss seiner Karriere dort noch einmal den Titel holte.

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Schade, dass du deine Themen nicht mehr bei uns im Forum vorstellst.. sie sind nach wie vor klasse :)

tds

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