Sonntag, 28. Juni 2009

Im Schatten von Wimbledon: Die Tennis-Bundesliga geht los

Erster Spieltag:
Freitag, 3. Juli, 13 Uhr


Bremerhaven – Aachen
Krefeld – Espelkamp
Düsseldorf – Essen
Neuss – Halle
Mannheim – Amberg

Fünf Tage noch, dann ist wieder Bundesliga. Für mich als Schleswig-Holsteiner ist die Tennis-Bundesliga ja ein Kuriosum aus irgendwelchen fernen Ländern. Die meisten Mannschaften sitzen in Nordrhein-Westfalen und in Baden-Württemberg. In den überregionalen Medien kommt der Wettbewerb so gut wie nicht vor. Aber man muss anerkennen: Dort wird echtes Profitennis gespielt.

Während in Wimbledon Roger Federer auf Novak Djokovic trifft und Andy Murray auf Andy Roddick (oder hat jemand andere Tipps fürs Halbfinale? Hewitt?), spielt in Bremerhaven Victor Crivoi gegen Philipp Kohlschreiber, in Düsseldorf Albert Montanes gegen Christophe Rochus und in Mannheim Jürgen Melzer gegen Kristof Vliegen.

Das sind alles renommierte Namen. Die zehn Bundesligisten haben zusammen an die 30 Profis unter Vertrag, die in Wimbledon im Hauptfeld standen. Ein Viertel aller Wimbledon-Starter spielt also nach der Rasensaison auf Sandplätzen in der deutschen Provinz. Die besten Spieler stehen ihren Mannschaften allerdings nicht an allen neun Spieltagen zur Verfügung. Sie spielen während der Bundesligawochen (bis zum 15. August) weiter auf der ATP-Tour. An den Wochenenden schieben sie, wenn's mal passt und wenn die Kasse stimmt, ein Ligaspiel ein. Manche Spieler halten ihrem Verein über viele Jahre die Treue (zum Beispiel der Rumäne Andrei Pavel bei Blau-Weiß Halle), die meisten wechseln aber noch schneller zwischen den Vereinen als Fußballer. Einige spielen sogar innerhalb einer Saison sowohl in der Bundesliga als auch in der französischen Liga, was problemlos funktioniert, weil die Punktspiele in Frankreich erst im November stattfinden.

Im Schnitt kommen zu einem Bundesliga-Punktspiel 1400 Zuschauer. Sie sehen vier Einzelmatches und zwei Doppel. Die zehn Teams spielen an neun Spieltagen gegeneinander, es gibt also keine Rückspiele. Zwei Teams steigen am Ende ab. Die besten Spieler dürften für jeden Auftritt einen fünfstelligen Betrag kassieren. Auch ein Spieler auf Platz 200 der Weltrangliste kann es dem Vernehmen nach noch auf 3000 Euro pro Einsatz bringen. Für solch eine Summe müsste er bei einem kleinen Challenger-Turnier schon bis ins Halbfinale kommen. Daneben unterstützen die Vereine ihre Spieler auch im Rest des Jahres auf ihren Reisen.

Natürlich sind die Bundesligisten von Sponsoren abhängig, aber mir scheint, diese Abhängigkeit ist nicht ausgeprägter als in anderen Sportarten auch. Aber es gibt auch Mannschaften, die sofort dichtmachen müssen, wenn der Hauptgeldgeber ausfällt. (Der Zweitligist TC Hartenholm, über den ich vor einem Jahr geschrieben hatte, hat seine Mannschaft abgemeldet, weil der Finanzier Chris Hastings-Long plötzlich verschwunden war und seine Firma den Kindern seiner Lebensgefährtin überlassen hat, die sich für Tennis nicht interessieren. Hartenholms Spitzenspieler Julian Reister und Tobias Kamke waren sogar bereit, ohne Gage zu spielen, aber es war nichts zu machen.)

Aber nun ein Blick auf die sportliche Seite: Wer wird denn nun deutscher Meister? Neben Titelverteidiger Kurhaus Aachen dürften Grün-Weiß Mannheim und der Rochusclub Düsseldorf die besten Aussichten haben. Prognosen sind schwierig, weil man im Voraus nie weiß, wie oft die Spitzenspieler antreten werden. Das hängt nicht nur von den vertraglichen Vereinbarungen ab, sondern auch davon, wie gut die Spieler auf der ATP-Tour sind. Wer in Schweden oder Kroatien in der ersten oder zweiten Runde ausscheidet, ist rechtzeitig am Freitag bei der Mannschaft. Wer ins Halbfinale oder Finale kommt, fällt am Wochenende für die Bundesliga aus.

Alle Mannschaften im Kurz-Check:

TK Kurhaus Aachen
(Philipp Kohlschreiber, Rainer Schüttler, Philipp Petzschner, Simone Bolelli, Steve Darcis, Simon Greul, Florian Mayer, Alexander Waske)
Viele starke Spieler. Aber die werden alle nicht viel spielen. Rainer Schüttler ist nur sehr eingeschränkt startberechtigt, weil er Ende des vergangenen Saison unter den Top 30 der Welt stand und für ihn strenge Schaukampf-Regeln gelten. Philipp Kohlschreiber wird nach den ersten Spieltagen zur Hartplatz-Saison in die USA aufbrechen, und Alexander Waske ist wieder mal verletzt. Ich glaube eher nicht, dass Aachen den Titel verteidigt. Tipp: Platz 2-3

Grün-Weiß Mannheim

(Jürgen Melzer, Janko Tipsarevic, Björn Phau, Benjamin Becker, Benedikt Dorsch, Denis Gremelmayr, Alexander Peya)
Ein starkes Team mit einigen Spielern, die die Bundesliga ernst nehmen. Tipp: Platz 2-3

Blau-Weiß Halle

(Victor Troicki, Marc Gicquel, Jarkko Nieminen, Oscar Hernandez, Andrei Pavel, Christopher Kas)
Keine schlechten Namen, aber überwiegend Spieler, die mit Sandplätzen (auf solchen wird die Bundesliga in der Regel gespielt) nicht viel anfangen können. Tipp: Platz 4-6

Rochusclub Düsseldorf
(Albert Montanes, Fabrice Santoro, Mischa Zverev, Guillermo Garcia-Lopez, Martin Vassallo-Argüello, Jewgeni Korolew, Jonas Björkman, Rogier Wassen)
Eine beeindruckende Liste an Spielern. Der Kader ist sehr ausgeglichen mit guten Einzel- und Doppelspielern. Gespannt bin ich auf Jonas Björkman, ehemalige Nummer 1 der Doppel-Waltrangliste. Nach seinem Karriere-Ende im November will er sich jetzt wohl in der Bundesliga fit machen für die Senioren-Tour. Tipp: Platz 1

ETUF Essen
(Christophe Rochus, Leonardo Mayer, Guillermo Canas, Daniel Munoz-de la Nava, Matthias Bachinger)
Drei Top-100-Spieler und dann ganz viele Namenlose. Tipp: Platz 7-8

Blau-Weiß Neuss
(Máximo Gonzalez, Potito Starace, Marcel Granollers, Robin Haase, Daniel Gimeno-Traver, Flavio Cipolla)
In Neuss fehlen die Namen, von denen auch Gelegenheits-Fans mal was gehört haben. Aber das sind richtig gute Spieler. Tipp: Platz 4-6

Blau-Weiß Krefeld
(Diego Junqueira, Brian Dabul, Laurent Recouderc, Ricardo Hocevar)
Das wird eng mit dem Klassenerhalt. Junqueira und Dabul wären zwar keine Schlechten, wenn sie an dritter oder vierter Position stehen würden. Aber als Spitzenspieler halte sich in der Bundesliga für zu schwach. Tipp: Platz 8-9

TV Espelkamp
(Igor Kunitsyn, Fabio Fognini, Nicolas Devilder, Ivan Navarro, Thiago Alves)
Der stärkste der drei Aufsteiger. Die Mannschaft wirkt aber sehr zusammengewürfelt mit Spielern aus allen erdenklichen Weltgegenden. Da wird es schwierig sein, die Gruppeneuphorie zu erreichen, die man für den ganz großen Wurf braucht. Tipp: Platz 4-6

TC Amberg
(Kristof Vliegen, Lukas Rosol, Jan Hajek, Jiri Novak, Armin Sandbichler)
Die ersten vier Spieler sind ja ganz nett. Aber danach kommen Spieler, die es in der Regionalliga schwer hätten. Den Klassenerhalt schafft der Aufsteiger nur, wenn die Topbesetzung in allen wichtigen Spielen an Bord ist. Tipp: Platz 10

Bremerhaver TV
(Victor Crivoi, Sergio Roitman, Nicolas Massu, Rui Machado, Edouard Roger-Vasselin)
Die Mannschaft ist als Zweiter der Zweiten Liga Nord nachgerückt, weil der Erfurter TC sich aus der Bundesliga zurückgezogen hat. Besser als Amberg ist Bremerhaven allemal, und vielleicht auch besser als Krefeld. Nicolas Massu, der Olympiasieger von 2004, ist zwar ziemlich abgehalftert, für den Bundesliga-Klassenhalt könnte er aber immer noch gut genug sein. Tipp: Platz 8-9

Hier ein Link zur offiziellen Internetseite der Tennis-Bundesliga mit dem Spielplan und den vollständigen Mannschaftskadern.

Und hier ein Link zu Livebildern und Spielberichten von der Tennis-Bundesliga einschließlich des Faktotums Ulli Potofski ("Locke bleibt am Ball").

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