Sonntag, 14. Juni 2009

Die Meldeliste für das ATP-Turnier am Rothenbaum: Niemand für die Plakatwand

Wegen der werten Leser, die über Google auf diese Seite stoßen. Dieser Artikel ist von 2009.
Hier geht's zur Meldeliste für das Turnier am Hamburger Rothenbaum 2012


Seit dieser Woche steht die Teilnehmerliste für das ATP-Turnier am Hamburger Rothenbaum (18. bis 26. Juni). Zwei Top-Ten-Spieler gehen an den Start: Gilles Simon und Fernando Verdasco. Also eigentlich nur ein Top-Ten-Spieler. Gilles Simon steht vor allem deswegen noch auf Platz 7, weil er im Herbst letzten Jahres überragend gespielt hat und Erfolge aus dem Vorjahr im Moment in der Weltrangliste überbewertet sind (siehe Artikel von letzter Woche). Bleibt nur Fernando Verdasco, der mit seinem Platz 9 als Top-10-Spieler auch hart am Wind segelt.
„Wie angekündigt, erwartet das Publikum am Rothenbaum ein überaus attraktives Teilnehmerfeld, spannende Matches und ein hochklassiges Finale“, sagte Turnierdirektor Michael Stich, als er das Teilnehmerfeld vorstellte – oder genauer: als er ein Teil des Teilnehmerfeldes vorstellte. Das komplette Feld ist nämlich offiziell noch immer nicht veröffentlicht. (Weil zuverlässige Nutzer des menstennisforums.com die internen Meldelisten regelmäßig posten, kennt man sie indes trotzdem.

Riesenglück hat Michael Stich mit Robin Söderling. Durch sein Finale bei den French Open vor einer Woche verleiht der dem Hamburger Turnier wenigstens ein bisschen Glanz. Ansonsten ist nur ein einziger weiterer Spieler dabei, der jemals in einem Grand-Slam-Finale stand. Aber das war in einem anderen Zeitalter: Es geht um Rainer Schüttler (2003 in Melbourne).

Dass Roger Federer nicht mehr nach Hamburg kommen würde, nachdem das Turnier seinen Masters-Status verloren hat, war klar. Wenn Michael Stich in der Lage wäre, hohe Antrittsgelder zu zahlen, hätte man vielleicht leise von Rafael Nadal träumen dürfen, denn der hat anders als Federer in der jüngeren Vergangenheit auch nach Wimbledon noch die eine oder andere Sandplatz-Veranstaltung in Europa besucht. Für ein großes Star-Aufgebot ist der neue Juli-Termin einfach ungeeignet. Die meisten Spitzenspieler sind längst in Amerika, um sich auf die US Open vorzubereiten. Nicht einmal alle deutschen Spitzenspieler kommen diesmal an den Rothenbaum: Die Namen Nicolas Kiefer und Tommy Haas fehlen auf der Meldeliste.

Der Status als 500er-Turnier allein ist offenbar nicht viel wert. Das musste man befürchten, ganz klar war zu Beginn des Jahres aber nicht, wie die Profis auf die neue Kategorisierung der ATP reagieren würden. Unterhalb der neun Masters-Turniere, bei denen die besten Spieler zum Start verpflichtet sind, gibt es nun elf dieser 500er-Turniere. Die Top 30 müssen zu mindestens vier dieser Veranstaltungen antreten. Die Spieler jenseits von Platz 10 mühen sich offensichtlich, möglichst viele 500er-Turniere zu spielen. Deshalb konnte Michael Stich verkünden: „Acht Top-20-Spieler kommen an den Rothenbaum“, sechs dieser acht stehen auf den Plätzen 12 bis 19. Das zeigt auch: In der Masse ist das Feld sehr ansehnlich. Was fehlt, sind Spieler, deren Gesichter man zur Werbung für das Turnier großflächig auf Plakatwände kleben kann.

Den echten Stars scheint die 500er-Regel egal zu sein. Roger Federer hat in diesem Jahr noch gar kein Turnier dieser Kategorie bestritten. (Nur in Monte Carlo war er, die Veranstaltung ist ein Zwitter aus 500er- und Masters-Turnier.) Es sieht nicht so aus, als würde Federer bis Jahresende die vorgeschriebenen vier 500er schaffen.

Von den 500er-Turnieren, die schon stattgefunden haben, hatten die in Rotterdam, Dubai und Barcelona etwas mehr Stars als Hamburg. In Memphis und Acapulco dagegen sah es noch trostloser als an der Elbe aus. Aber das Bild in Hamburg kann sich durchaus noch verdüstern: Erfahrungsgemäß sagt der eine oder andere Profi aus den oberen Regionen der Meldeliste kurzfristig doch noch ab.

Für das mäßige Teilnehmerfeld in Hamburg gibt es vielleicht immerhin ein kleines Trostpflaster: Dafür sorgt die "field expectation" aus dem ATP-Regelbuch: Das ist eine Garantie dafür, dass mindestens zwei Superstars ("A-Plus-Spieler") und zwei normale Stars ("A-Spieler") an den Start gehen. Es gibt aber eine Entschädigung von bis zu 270.000 Euro, wenn die Stars ausbleiben. Allerdings habe ich bisher nirgends einen Hinweis darauf gefunden, dass die ATP jemals kundgetan hätte, wer diese A-Plus-Spieler und A-Spieler sind. (Das können für jede Weltregion unterschiedliche Spieler sein.) Es gibt sechs A-Plus- und sechs A-Spieler. Ich fürchte nur, das Gilles Simon und Nikolai Davidenko in Europa als A-Plus-Spieler gelten, auch wenn sie nicht gerade magnetisch auf das Publikum wirken. Und eine ganze Reihe von potenziellen A-Spielern stehen auch noch auf der Teilnehmerliste.

Die 270.000 Euro Kompensationszahlung hätten die Finanzierung des Turniers vermutlich ohnehin nicht entscheidend gesichert. Auch wenn man keine genauen Zahlen kennt, darf man wohl sagen: Mit dem Geld gestaltet es sich etwas schwieriger, als Michael Stich sich das vorgestellt hatte. Als er im Winter als neuer Rothenbaum-Chef antrat, sprach er von seinen exzellenten Kontakten in die Hamburger Wirtschaft. Einen Titelsponsor hat er aber weder in Blankenese noch an der Außenalster auftreiben können. In ein paar Tagen wird er jetzt wohl den österreichischen Wettanbieter „bet-at-home“ präsentieren. Wenn man sich daran erinnert, das Werder Bremen in den meisten Bundesländern nicht mit Bwin als Trikotsponsor auflaufen durfte, kann man sich vorstellen, dass Stichs Partnerwahl nicht ganz unproblematisch sein könnte. Auch die ATP hat ja neuerdings strenge Regeln gegen Wettbetrug. Zum Beispiel darf man auf dem Turniergelände in der Regel keine Wetten abschließen. Allerdings erinnere ich mich, dass im letzten Jahr beim ATP-Turnier in Stuttgart auch an jeder Ecke Promotion-Stände von bet-at-home standen und daran offenbar niemand Anstoß nahm.


Und zum Abschluss noch die vollständige Meldeliste für Hamburg:






1 Gilles Simon, Frankreich (Nr. 7)
2 Fernando Verdasco, Spanien (8)
3 Nikolay Davydenko, Russland (11)
4 Robin Söderling, Schweden (12)
5 Gael Monfils, Frankreich (14)
6 Tommy Robredo, Spanien (15)
7 David Ferrer, Spanien (18)
8 Stanislas Wawrinka, Schweiz (19)
9 Tomas Berdych, Tschechien (21)
10 Philipp Kohlschreiber, Deutschland (24)
11 Igor Andreev, Russland (26)
12 Jürgen Melzer, Österreich (28)
13 Victor Hanescu, Rumänien (31)
14 Rainer Schüttler, Deutschland (32)
15 Viktor Troicki, Serbien (33)
16 Albert Montanes, Spanien (35)
17 Paul-Henri Mathieu, Frankreich (37)
18 Jose Acasuso, Argentinien (42)
19 Jeremy Chardy, Frankreich (43)
20 Mikhail Youzhny, Russland (44)
21 Mischa Zverev, Deutschland (45)
22 Andreas Seppi, Italien (48)
23 Nicolas Almagro, Spanien (51)
24 Guillermo Garcia-Lopez, Spanien (52)
25 Andreas Beck, Deutschland (53)
26 Janko Tipsarevic, Serbien (54)
27 Juan Ignacio Chela, Argentinien (@54)
28 Florent Serra, Frankreich (56)
29 Fabio Fognini, Italien (57)
30 Martin Vassallo Arguello, Argentinien (58)
31 Philipp Petzschner, Deutschland (59)
32 Juan Monaco, Argentinien (60)
33 Christophe Rochus, Belgien (61)
34 Oscar Hernandez, Spanien (63)
35 Maximo Gonzalez, Argentinien (64)
36 Simione Bolelli, Italien (66)
37 Jan Hernych, Tschechien (68)
38 Teimuraz Gabashvili, Russland (70)
39-44 Qualifikanten
45-48 Wild Cards

Nachrücker
1. Björn Phau, Deutschland (72)
2. Steve Darcis, Belgien (73)
3. Andrey Golubev, Kasachstan (74)
4. Ivan Ljubicic, Kroatien (75)
5. Ivo Minar, Tschechien (77)
6. Julien Benneteau, Frankreich (80)

(Das „@54“ bei Juan Ignacio Chela bedeutet: Geschützter Ranglistenplatz nach Verletzungspause.)

1 Kommentar:

Jelena hat gesagt…

Ich hab gelesen, dass die Spielbanken von Schleswig-Holstein Michael Stich abgemahnt haben. "Der Sponsorenvertrag widerspräche dem Werbeverbot für in Deutschland nicht lizensierte Glücksspielbetriebe" Offensichtlich überlegt auch die Stadt Hamburg, die 200.000 Euro, mit denen sie das Turnier unterstützen, zurückzuziehen. Das wäre dann der absolute Super-GAU.

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