Sonntag, 17. Mai 2009

World Team Cup in Düsseldorf: Vovk-WM mit Vinciguerra

Das war ein Schreibfehler. Irgendeine verunglückte Abkürzung, ein Rutscher in die falsche Zeile. Ich war mir völlig sicher, dass das ein Schreibfehler war, als ich las, wer heute zum Auftaktmatch des World Team Cup in Düsseldorf für Russland antreten sollte. Vovk stand da. Einfach nur Vovk.

Nun habe ich den Spleen, mir Weltrang- und Ergebnislisten etwas gründlicher anzuschauen, als es eigentlich erforderlich wäre, und bin außerdem der Meinung, ein gut trainiertes Namensgedächtnis zu haben. Aber Vovk?

Stanislav Vovk ist 18 Jahre alt und steht in der Weltrangliste auf Platz 1135. Bis dort unten sehe nicht mal ich mir die Weltrangliste regelmäßig an. Selbst wenn ich die Juniorenturniere aufmerksamer verfolgen würde, als ich es tue, wäre mir Stanislas Vovk möglicherweise entgangen. Seine beste Platzierung war dort Platz 56.

Jetzt spielt Vovk also Wolrd Team Cup, die ATP-Mannschafts-Weltmeisterschaft. Nun muss man zugeben, dass nicht alle teilnehmenden Länder Spieler mit vierstelligen Weltranglistenpositionen aufbieten. Andreas Vinciguerra (Schweden) ist immerhin die Nummer 658. Alle anderen stehen wenigstens unter den Top 100.

Aber was ist das im Vergleich zu den 80er, 90er und auch noch frühen 00er Jahren? Die Tschechoslowakei gewann mit Ivan Lendl, die USA mit John McEnroe und Jimmy Connors und später mit Pete Sampras und Michael Chang, Schweden mit Stefan Edberg, Deutschland mal mit Boris und mal mit Michael Stich, Australien mit Patrick Rafter und Lleyton Hewitt.

Noch bis vor wenigen Jahren war es für alle Superstars selbstverständlich, wenigstens hin und wieder in der Woche vor den French Open in Düsseldorf anzutreten. Von den großen Vier der Gegenwart war noch keiner jemals in Düsseldorf, Roger Federer nicht, Rafael Nadal nicht, Andy Murray nicht und Novak Djokovic auch nicht. Immerhin ist Juan Martin Del Potro (Argentinien/Nr. 5) in diesem Jahr dabei, und die beiden bestplatzierten Franzosen (Gilles Simon und Jo-Wilfried Tsonga) auch. (Hier die Übersicht über alle Teams)

Aber dass die Spieler nicht kommen, das ist ja noch gar nicht das Schlimmste. Inzwischen bleiben ganze Länder weg. Wer qualifiziert ist, richtet sich nach den Weltranglistenplatzierungen der zwei besten Spieler eines Landes zum Jahresende. Dazu kommt ein Land per Wild Card. Für dieses Jahr waren qualifiziert: Spanien, Frankreich, Schweiz, USA, Argentinien, Russland, Tschechien. Deutschland bekam die Wild Card.

Spanien, die Schweiz und Tschechien haben abgesagt. Dafür sind Serbien, Italien und Schweden nachgerückt. Schweden! Man kann den Schweden nicht vorwerfen, dass sie mit Andreas Vinciguerra (der mit der Nummer 658) als zweitem Mann anreisen. Die Schweden haben wirklich keinen besseren. Die einst so glorreiche Nation hat mit Robin Söderling nur noch einen Top-200-Spieler. Viniciguerra, der lange verletzt war und seine Karriere eigentlich schon beendet hatte, half im Februar auch im Davis-Cup aus (mit zwei sehr knappen Niederlagen gegen israelische Vollprofis).

Und der Hammer: Diese Schweden sind Titelverteidiger! Dabei waren sie 2008 nicht viel stärker besetzt als jetzt. (Der damals noch aktive Jonas Björkman war nicht dabei.) Düsseldorf ist eben schon seit ein paar Jahren im Sturzflug. Antrittsgelder über das offizielle Preisgeld hinaus kann der Veranstalter offenbar nicht bezahlen. Ein weiteres Problem ist der ATP-Turnierkalender, der die Spitzenspieler in den Wochen vor Düsseldorf zu einem strammen Programm zwingt. Da ist es schon beachtlich, dass Juan Martin Del Potro, Gilles Simon und Jo-Wilfried Tsonga überhaupt angereist sind. Aber was nützen drei relativ unbekannte Top-Ten-Spieler, wenn das Gesamtprogramm einbricht?

Das wäre ja im Prinzip alles kein Drama. Man kann ja auch eine Traditionsveranstaltung in einem kleineren Rahmen als früher fortsetzen und dabei Spaß haben. Aber dass die ATP die Veranstaltung als offizielle Mannschafts-Weltmeisterschaft verkauft und in ihrem Regelwerk in demselben Kapitel behandelt wie das Tourfinale der besten acht Spieler am Jahresende, das grenzt schon an Lug und Trug. Wenn irgendwas wirklich eine Mannschafts-Weltmeisterschaft ist, dann ja wohl der Davis-Cup.

Bei den Weltranglistenpunkten, die es für Düsseldorf in diesem Jahr – ebenso wie für den Davis-Cup - erstmals gibt, war die ATP da etwas realistischer: Wer alle seine World-Team-Cup-Matches gewinnt und mit der Mannschaft den Titel holt, bekommt 250 Punkte. Das sind so viele wir für den Sieg bei einem kleinen ATP-Turnier wie dem vor zwei Wochen in München. Das entspricht wohl tatsächlich der Bedeutung des World Team Cups.

Ja, und was nun? Der Vertrag der ATP mit dem Ausrichter läuft noch bis 2012. Turnierdirektor Dietloff von Arnim klingt nicht so, als wäre eine Verlängerung selbstverständlich: „Was danach passiert, das steht in den Sternen. Frühestens in zwei Jahren werden wir mit der ATP über eine weitere Verlängerung reden.“

Wir der World Team Cup etwa in ein anderes Land verlegt, wo Tennis mehr Zuschauer anlockt und mehr Geld einspielt? So recht vorstellen kann ich mir das nicht. Die Situation ist eine andere als zum Beispiel beim Masters-Turnier am Hamburger Rothenbaum. Der World Team Cup ist eine Düsseldorfer Erfindung. In den Anfangsjahren war die Veranstaltung der ATP sogar ein Dorn im Auge. Irgendwann hat man sich mit der ATP auf den offiziellen Status als Mannschafts-WM geeinigt, und Düsseldorf hatte eine starke Lobby: Der ehemalige ATP-Europachef Horst Klosterkemper war über viele Jahre Turnierdirektor in Düsseldorf. Jetzt ist Klosterkemper in Rente. Vielleicht sollte auch der Weltmeisterschafts-Status in Rente gehen. Der World Team Cup kann dann ganz gelassen als nettes Schauturnier unter malerischen Baumkronen weitermachen, so ähnlich wie der Hopman-Cup in Perth, dem Mixed-Länderkampf vor den Australian Open. Bei einem Einladungsturnier hätte der Veranstalter auch etwas mehr Chancen mitzureden, aus welchen Spielern die Mannschaften bestehen. Derzeit bestimmen die Spitzenspieler (indirekt über die Wahl des Teamchefs). Das ist überhaupt die einzige logische Erklärung für die Anwesenheit Stanisav Vovks. Da hat einfach ein russischer Spitzenspieler seinen Trainingspartner mitgenommen.

Hier geht's zur Webseite des World Team Cups

1 Kommentar:

Klaus hat gesagt…

Klasse Text!

Hier mein Einstieg in eine etwas andere Richtung ;)

http://www.sportticker.net/?p=3921

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