Sonntag, 31. Mai 2009

Robin Söderling - Rafael Nadal 6:2, 6:7, 6:4, 7:6

War ja eine dolle Überschrift letzte Woche. „Am Ende gewinnt doch wieder Nadal.“ Das muss ich nun irgendwie gradebiegen. Was mich in die Situation bringt, erstmals in der Geschichte von Zacks Tennis einen ganzen Artikel einem einzigen Match, das ich nicht einmal selber gesehen habe, zu widmen.

Denn jetzt sind die French Open erst zur Hälfte rum, und Rafael Nadal ist schon ausgeschieden. 2:6, 7:6, 4:6, 6:7 im Achtelfinale gegen Robin Söderling. Und ich bin nicht im Entferntesten auf die Idee gekommen, dass ich diesen sonnigen Pfingstsonntag nicht auf dem Fahrrad, auf dem Segelboot und im Biergarten verbringen sollte, sondern vor dem Fernsehgerät.

Söderling, 24 Jahre alt, Nummer 25 der Welt und nicht gerade ein Sandplatzspezialist, hat hinerher im Fernsehstudio vor Freude geweint:



Söderlings schwedische Landsleute sind völlig ausgetickt, insbesondere Mats Wilander. Der Eurosport-Hausexperte sagte vorhin, ihn überrasche das alles überhaupt nicht (Das ist doch eigentlich Peter Scholl-Latours Standardfloskel zu jeder krisenhaften Zuspitzung irgendwo in der Welt), und Söderling könne jetzt das Turnier gewinnen.

Natürlich gewinnt Robin Söderling nicht die French Open. Gut möglich, dass er von seinem Sieg gegen Nadal emotional so mitgenommen ist, dass er im Viertelfinale am Dienstag gegen Nikolai Dawidenko völlig untergeht.

Wilanders Erklärung dafür, wieso es ja eigentlich klar war, dass Söderling gegen Nadal gewinnt, geht so: Söderling schlägt schnelle flache Bälle, die Nadal nicht mag. Nadal hingegen schlägt schnelle hohe Bälle, die Söderling sehr gerne mag. Das ist ja gewiss zutreffend, bloß: Das ist ja nicht erst seit heute so. Das war auch vor drei Wochen schon so. Vor drei Wochen gab es schon einmal ein Achtelfinale zwischen Nadal und Söderling, beim Masters in Rom. Nadal gewann 6:1, 6:0. Vorige Woche beim World Team Cup war Söderling deutlich besser in Form, aber trotzdem sah es nicht danach aus, als würde er gegen Nadal eine Chance haben.

Vor zwei Jahren, da hatte Söderling Nadal in der Tat schon einmal am Rande einer Niederlage. Aber das war auf dem Rasen von Wimbledon. Für ein Match auf Rasen ist Wilanders Argumentation absolut stichhaltig, auch für schnelle Hallenböden, wo Söderlings flache Bälle von Natur aus noch flacher abspringen und wo sein harter präziser Aufschlag ihm noch mehr hilft.


Das letzte Mal, dass ich Söderling leibhaftig habe spielen sehen, war im Oktober in der königlichen Tennishalle von Stockholm, und während seines Halbfinals gegen Kei Nishikori (daher stammt das verschwommene Foto) hielt ich Söderling für den besten Aufschläger der Gegenwart. Hätte Nadal dort auf dem Platz gestanden, vielleicht hätte ich Peter Scholl-Latour bepflichten mögen: Es hätte mich nicht überrascht, hätte Söderling dort Nadal geschlagen.

Aber Roland Garros ist nicht Stockholm. In Stockholm ist Nadal bei seinem bisher einzigen Start in der zweiten Runde gescheitert. In Roland Garros hatte Nadal bis heute noch nie ein Match verloren. 2005, 2006, 2007 und 2008 gewann er das Turnier.

Ich erinnere mich nur noch schemenhaft an Zeiten, in denen man vor den French Open gespannt war, wer wohl den Titel holen würde. Es fällt mir richtig schwer, mich auf die neue Situation einzustellen. Wer gewinnt denn nun in diesem Jahr? Novak Djokovic hat es Nadal vorgemacht und ist in der dritten Runde an Philipp Kohlschreiber gescheitert. (Hätte Söderling ihm nicht die Show gestohlen, hätte ich heute vielleicht einen Kohli-Artikel gepostet.) Andy Murray hat sich bisher souverän durchs Turnier gespielt, aber trotz meiner Fehlprognose von voriger Woche, bin ich noch nicht willens, von meiner Überzeugung abzurücken, dass Briten kein Sandplatz können. Mit Juan Martin del Potro ist vielleicht noch rechnen.

Die besten Aussichten hat Roger Federer. Er kann jetzt, fast ein Jahr nachdem er als Nummer Eins entthront wurde, etwas schaffen, was vor ihm erst fünf Männern gelungen ist: Nämlich jedes der vier Grand-Slam-Turniere wenigstens einmal zu gewinnen. (Die fünf Männer sind Fred Perry (1930-36), Donald Budge (1938-39), Roy Emerson (1961-67), Rod Laver (1960-69) und Andre Agassi (1992-2003).)

Rafael könnte der siebte Mann werden. Ihm fehlen noch die US Open. Bis vorhin hatte ich keinen Zweifel daran, dass er die gewinnen wird. Wenn nicht in diesem Jahr, dann eben im nächsten. Aber nun, wer weiß? Von dem wenigen, was ich vom Spiel gegen Söderling gesehen habe, schien mir, dass seinen Schlägen die ungeheure Wucht fehlte, mit denen er seine Gegner sonst buchstäblich an die Bande spielte. Vorletzte Woche in Madrid war er auch schon nicht ganz auf der Höhe, musste stundenlang gegen Novak Djokovic kämpfen und verlor dann gegen Roger Federer. Es gibt ja Leute, die seit langem unken, Nadal könne sein Krafttennis auf Dauer körperlich nicht durchhalten. Er wird übermorgen 23 Jahre alt. Man sollte denken, der Höhepunkt seiner Leistungskraft liegt noch vor ihm. Aber vielleicht hat er seinen Zenit tatsächlich schon überschritten. Ich bin weit davon entfernt zu behaupten, seine Ära sei vorbei. Aber er ist nicht mehr bei den French Open ungeschlagen. Das macht ihn etwas weniger galaktisch.

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Ich hätte ehrlich gesagt auch niemals damit gerechnet, dass er verliert... Aber jetzt steht Söderling im Finale!!

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