Sonntag, 5. April 2009

Aber wer rief Nicolas Kiefer an?

Das sah nach richtig großem Krach im deutschen Davis-Cup-Team aus: Vorgestern meldete die dpa, die seriösere der beiden großen deutschen Sport-Nachrichtenagenturen, Davis-Cup-Teamchef Patrik Kühnen solle beim World Team Cup in Düsseldorf (17. bis 23. Mai) die deutsche Mannschaft nicht betreuen. Rainer Schüttler, der als Deutschlands Spitzenspieler entscheiden darf, wer in Düsseldorf Kapitän ist, wollte Kühnen nicht haben, hieß es.

Schüttler und Kühnen dementierten die Meldung wenig Stunden später. Zwischenzeitlich ging aber selbst Dietloff von Arnim, der Düsseldorfer Turnierdirektor, davon aus, dass Kühnen ausgebootet wurde: „Es wird sicher ein Zeichen sein, wenn sie den Davis-Cup-Kapitän nicht wieder nehmen“, sagte er.

Dass Patrick Kühnen unter den deutschen Spielern nicht nur Freunde hat, ist kein Geheimnis. Insofern ist es plausibel, dass Schüttler zumindest überlegt hat, auf Patrick Kühnen zu verzichten. Über diese persönlichen Animositäten schreibe ich vielleicht ein anderes Mal. Heute steht mir der Sinn mehr nach einem Erklärstück: Wer bestimmt eigentlich den Teamchef und wieso?

In den letzten Jahren war, soweit ich es überblicke, immer der Davis-Cup-Kapitän auch Kapitän der deutschen Word-Team-Cup-Mannschaft. Zwingend ist das aber nicht, und in einigen anderen Ländern kommt es häufiger vor, dass die Spieler sich für einen anderen Kapitän entscheiden. Der Davis-Cup ist eine Veranstaltung des Tennis-Weltverbands ITF. Die ITF ist organisiert als Zusammenschluss der nationalen Tennisverbände. Also bestimmen auch die nationalen Tennisverbände den Davis-Cup-Kapitän. Ganz wie im Fußball, wo der DFB den Bundestrainer aussucht.

Beim World Team Cup ist das anders. Das Turnier in Düsseldorf findet unter dem Dach der Spielervereinigung ATP statt. Hier treten zwar Spieler in Mannschaften für ihr Land an, aber die nationalen Tennisverbände haben damit nichts zu tun. Welche sieben Länder qualifiziert sind, richtet sich nach den Weltranglistenpositionen der zwei besten Einzelspieler eines Landes. Ein achtes Land bestimmt der Turnierveranstalter Rochus Club Düsseldorf. (Diese Wild- Card-Regelung hat wohl vor allem den Sinn, dafür zu sorgen, dass Deutschland garantiert immer mitmachen darf.)

Genauso wie beim Davis-Cup gibt es auch beim World Team Cup einen Kapitän, der die Mannschaftsaufstellung macht und beim Seitenwechsel je nach Gemütsverfassung und Spielstand beruhigend oder aufputschend auf die Spieler einredet. Wer dieser Kapitän ist, das bestimmt, so steht es im ATP-Regelbuch, der „Number One Player“, als der in der Weltrangliste bestplatzierte Spieler eines Landes. Nun hieß es in Meldungen der vergangene Tage, es sei ja noch gar nicht sicher, ob Rainer Schüttler überhaupt der „Number One Player“ sein wird, schließlich stehen Schüttler, Nicolas Kiefer und Philipp Kohlschreiber in der Weltrangliste dicht beieinander und wechseln nahezu wöchentlich die Reihenfolge. Das ATP-Regelbuch definiert den „Number One Player“ als den Spieler, der sechs Tage vor Turnierbeginn die Ranglistenplatzierung aller Mannschaftsmitglieder hat. Diese Definition bezieht sich aber offensichtlich nur auf die Spielansetzungen im Turnier: Dort spielt immer die Nummer Eins des einen Landes gegen die Nummer Eins des anderen – und dann die Nummer Zwei gegen die Nummer Zwei.

Der Teamkapitän wird aber laut Regelbuch 41 Tage vor Turnierbeginn nominiert. Das ist morgen. Das Regelbuch lässt offen, ob mit dem „Number One Player“ die aktuelle Nummer Eins des Landes gemeint ist der die Nummer Eins zum Stichtag der Qualifikation für den World Team Cup, also zu Jahresbeginn. Das ist aber egal; bis morgen wird Rainer Schüttler auf jeden Fall die deutsche Nummer Eins bleiben.

Meldungen, die besagen, Rainer Schüttler vielleicht gar nicht derjenige, der den Kapitän aussuchen darf, sind also mindestens so falsch wie Meldungen, Schüttler habe sich gegen Patrik Kühnen entschieden, wenn nicht gar noch falscher.

Für Deutschland werden neben Rainer Schüttler Philipp Kohlschreiber, Nicolas Kiefer und Mischa Zverev spielen. Schüttler und Kohlschreiber sind automatisch qualifiziert, weil sie am Stichtag die beiden bestplatzierten Spieler waren. Kiefer und Zverev müssen dem Regeln entsprechend vom Kapitän nominiert werden. Auffällifg ist, dass sich weder Kiefer noch Zverev dazu geäußert haben, wer sie angerufen hat, um ihnen zu sagen, dass sie in Düsseldorf dabei sind.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Der "Stichtag" für die Qualifikation war im Oktober. Wenn ich mich nicht irre war es der 20.10. und zu dem Zeitpunkt war Kohlschreiber die Nr. 1 also ist er der "No 1 Player" und darf den Coach bestimmen. Unklar ist ob sich an dieser Regelung etwas ändert weil Deutschland nicht qualifiziert ist sondern eine Wildcard bekommt. Somit könnte auch der Zeitpunkt der endgültigen Wildcardvergabe für die Rangfolge zählen. Die Weltrangliste der Turnier-Vorwoche wird ähnlich wie bei anderen Turnieren die Setzliste gewertet. Da es unterschiedliche Punkte für Spieler 1 und Spieler 2 gibt, wird hier auf die aktuelle Weltrangliste zurückgegriffen ;-)

Zack hat gesagt…

Genau, laut Regelbuch ist der Zeitpunkt der Wildcard-Vergabe entscheidend dafür, wer die beiden fest nominierten Spieler sind.

Jelena hat gesagt…

Mischa schrieb in seinem Blog nur, dass er in Miami erfahren hat, dass er in Düsseldorf spielen wird. Von wem er das gesagt bekam, hat er aber nicht gesagt.

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