Montag, 9. März 2009

Live aus Garmisch-Partenkirchen

Ach, was haben wir rumgejammert über den unsinnigen Austragungsort für den Davis-Cup. Deutschland gegen Österreich in Garmisch-Partenkirchen. Am Ende der Welt. Nicht einmal eine Stadt ist das. Deutschlands einziger Kreishauptort. Wer soll denn da kommen? Nur Österreicher natürlich; Innsbruck ist ja gleich um die Ecke. Fanfeindlich, was der Deutsche Tennis-Bund sich da ausgedacht hat...

Ich machte mich trotzdem auf den Weg in den fernen Süden. Die 29-Euro-Spartickets von der Firma Mehdorn sind durchaus zu was gut. Ich muss zugeben: Das mit Garmisch-Partenkirchen, das war eine gute Idee des Deutschen Tennis-Bunds.

Das Olympia-Eisstadion versprüht einen morbiden Charme, der sehr gut zur Entwicklung passt, den der Tennissport in den beiden beteiligten Ländern seit den Zeiten Boris Beckers, Thomas Musters und Michael Stichs genommen hat. Man sitzt dort auf dunklen Holzbänken. Jedenfalls in Block D. Auf der Gegengeraden habe ich auch Plastikschalen erspäht.

Blanker Beton bedeckt die Fläche zwischen den Tribünen und dem Rebound-Ace-Hartplatzbelag in der Hallenmitte. Dazwischen hatte jemand einen Streifen mit Terrakotta-Ersatz für die VIP-Logen verlegt. (Bei den anwesenden VIPs handelte es sich um Felix Neureuther, Andi Brehme, Roberto Blanco.) Vor dem Eingang zum Stadion sah ich ein paar verlorene Gestalten, die aussahen wie Angehörige der vornehmen Münchner Gesellschaft, wie man sie auch beim dortigen ATP-Turnier gelegentlich anzutreffen pflegt. Die Damen und Herren scheinen sich aber in die Halle nicht reingetraut zu haben. Drinnen waren die Hardcore-Tennisfans in der Überzahl. Das ist ungewöhnlich für den Davis-Cup. Aber wer sich bis nach Garmisch durchschlägt, der bringt gewiss Herzblut mit.

Natürlich waren auch viele Österreicher da, aber das deutsch-österreichische Lärmverhältnis in der Halle war nicht anders als im vergangenen Jahr das deutsch-spanische beim Viertelfinale in Bremen.

Übrigens vermute ich, dass das Catering-Team dasselbe war, das auch die durchschnittlich 2000 Besucher bei den Eishockey-Zweitligaspielen des SC Riessersee mit Bier und Currywurst durchfüttert. Dem Ansturm von 4000 Davis-Cup-Zuschauern war man nicht gewachsen. Während am Freitag Rainer Schüttler und Stefan Koubek spielten, brach ich meinen Versuch, nach Essen und Trinken anzustehen, irgendwann ab. Das Match war so grottig, dass fast alle Besucher dieselbe Idee wie ich hatten. Als ich dann hörte, wie der Mann hinterm Biertresen jemandem vor mir in der Schlange, der auf sein Bier wartete, sagte: „Ja, i hob kei Zapfhahn hier“, bin ich lieber wieder zum Doppelfehlergucken gegangen. Irgendwann siegte dann doch der Hunger. Während des kompletten zweiten Satzes zwischen Philipp Kohlschreiber und Jürgen Melzer, also eine runde Dreiviertelstunde, stand ich für eine Currywurst an. Als ich drankam, war der Curryketchup alle.

Aber jetzt ist Schluss mit Nörgeln. Am Sonntag arbeiteten doppelt so viele Leute an den Essensständen. Das Bier war im Nu gezapft, und genug Ketchup gab es auch.

Das Eisstadion hat viel mehr Atmosphäre als die Multifunktionsarenen von Braunschweig und Bremen, in denen die beiden deutschen Davis-Cup-Begegnungen 2008 gespielt wurden. Das liegt nicht nur daran, dass das Stadion in Garmisch kleiner ist. Sehr hilfreich ist auch die Galerie oberhalb der Tribüne. Da kann man rumlaufen, klönen und gleichzeitig aufs Spielfeld gucken, so wie ich es aus der von mir innig geliebten königlichen Tennishalle von Stockholm kenne. Es gibt viel zu wenige Hallenturniere, bei denen das geht. Meistens wird man durch irgendwelche glattpolierten Treppenhäuser direkt zum Sitzplatz geführt (auch im Pseudo-Freiluftstadion von Halle/Westfalen). Die Campushalle in Flensburg hat übrigens auch eine Galerie. Sogar eine noch schönere als die in Garmisch. Also, lieber DTB, das wäre vielleicht mal was fürs nächste Jahr. Und die Handball-Bundesliga-gestählten Leute von den Bierständen in Flensburg werden mit dem Davis-Cup-Ansturm locker fertig.

Das mit dem morbiden Charme des Eisstadions meine ich ehrlich. Hier hätte ich sogar Lust, mir mal ein Eishockeyspiel anzusehen. Zu den Hamburg Freezers in die Ostseefährenarena wird mich hingegen niemand so schnell bekommen.

Die Stadt selbst, pardon, der Ort – also, der März ist gewiss nicht der schönste Monat, um Garmisch-Partenkirchen zu besuchen. Überall graue Schneereste am Straßenrand, denen man ansieht, dass sie schon mehrmals angetaut und wieder gefroren sind. Geschlossene Geschäfte, bröckelnde Bürgersteige. Am Freitag und Sonnabend den ganzen Tag Schneeregen und trübe Sicht. Fast nichts deutete darauf hin, dass ich mich im Gebirge befand. Höchstens die alpine Architektur. Der Ort sah aus, als würden Deutsche versuchen, Österreich zu spielen. So manches schleswig-holsteinische Landstädtchen ist hügeliger als Garmisch-Partenkirchen. Erst als am Sonntagmorgen der Himmel blau war, sah ich von meinem Zimmerfenster aus die Alpengipfel. Erst am Sonntagmorgen hielt ich es für einen lohnende Idee, 31,50 Euro für die Zahnradbahn zur Zugspitze auszugeben. Italien war von da oben zwar nicht zu sehen, München auch nicht, aber immerhin ein See, den ich für den Starnberger halte und viele, viele andere Gipfel. Das Gipfelkreuz der Zugspitze wird gerade restauriert. Man erwartet es bis Ostern zurück. So ganz ohne Gipfelkreuz ist Deutschlands höchster Berg wenig spektakulär. Er hat schlicht Glück, nördlich der Grenze zu liegen. Wenn man auf ihm steht, siegt man lauter Berge, die noch höher sind. Aber gut, solange wir im Davis-Cup gewinnen, sollen die Österreicher gerne die höheren Berge haben.

Apropos Davis-Cup. Von den Matches habe ich jetzt nicht viel geschrieben. Kam ja alles auch im Fernsehen, zwar nicht in der Tagesschau (jedenfalls nicht am Sonnabend), aber immerhin live im DSF - und die eine oder andere Zeitung berichtete auch drüber. Auch das schöne Schmankerl mit Philipp Kohlschreiber, auf den alle wütend waren, nachdem er in Melbourne sagte, das Fünf-Satz-Matches was für Leute sind, die kein Tennis spielen können und bloß stumpfe Kondition haben, wurde schon andernorts erwähnt. Jetzt also drehte Kohli gegen Jürgen Melzer sein Match nach 0:2-Satzrückstand noch um. Eine schöne Pointe.

Zu debattieren haben wir natürlich die Frage, was sich der Kapt'n dabei gedacht hat, am Freitag Rainer Schüttler auf den Platz zu schicken, wo doch Nicolas Kiefer offensichtlich dreimal besser spielte. Das hätte Patrik Kühnen doch eigentlich bei den ersten Trainingseinheiten sehen müssen Nibelungentreue? Unfähigkeit? Emotionale Vorbehalte gegen Kiwi? Vielleicht war im Training wirklich nicht zu erkennen, wie schwach Schüttler spielen würde. Er wirkte genauso hilflos und verunsichert wie letztes Jahr in Hamburg. Bei seinem Ritt ins Wimbledon-Halbfinale und auch in den Monaten danach hatte er sein altes Selbstvertrauen wiedergefunden. Das scheint in Garmisch völlig auf der Strecke geblieben zu sein. So etwas zeigt sich oft erst im Match, nicht im Training. Aber vielleicht sind auch Kapitäne vorstellbar, die so etwas trotzdem rechtzeitig merken? Oder sogar in der Lage sind, den Spielern mehr Selbstvertrauen zu vermitteln?

Eine Sache indes hat Kühnen gut gemacht: Die Doppel-Aufstellung. Das war volles Risiko, und es hat geklappt. Der österreichische Kapitän Gilbert Schaller schonte am Sonnabend seinen besten Mann Jürgen Melzer, der am Freitag fünf Sätze gegen Philipp Kohlschreiber gespielt hatte. Gegen das nicht eingespielte deutsche Doppel Kas/Kiefer, sagte er sich, können auch Julian Knowle und Alexander Peya – beides keine Schlechten – gewinnen. Vielleicht würden die Deutschen auch eine andere Kombination auf den Platz schicken – vielleicht Kas/Schüttler, vielleicht Kiefer/Schüttler. Mit Kiefer/Kohlschreiber hatte Schaller aber nicht gerechnet. Hätte er das geahnt, sagt man bei den Österreichern, hätte Melzer auf jeden Fall gespielt. Hätten freilich Kiefer/Kohlschreiber das Doppel verloren - womöglich in einem kraftraubenden Fünfsatzmatch - hätte es am Sonntag düster ausgesehen. Beide deutschen Einzelspieler wären mit einem 1:2-Rückstand erschöpft und frustriert gegen zwei ausgeruhte österreichische Einzelspieler angetreten.

Christopher Kas, der nachnominierte Doppelspezialist, durfte dann doch noch spielen, und zwar das letzte Einzel gegen Stefan Koubek, als Deutschland schon uneinholbar mit 3:1 in Führung lag.

Dieses Bild von der Pressetribüne zeigt das mediale Interesse an dieser Partie:



So ist es wohl immer, wenn im Davis-Cup der Sieger schon feststeht und die Ersatzleute ran dürfen. Kas war chancenlos gegen Koubek. 2:6, 3:6. Aber es war ein flottes Spiel. Wie es sich für einen Doppelspieler gehört, versuchte Kas bei jedem Ballwechsel, aktiv den Punkt zu machen. Hätte er nicht (vor lauter Nervosität ?) ständig mit dem Rahmen den Ball an die Hallendecke gedroschen, hätte er Koubek ernsthafte Probleme bereiten können.

Hier alle Ergebnisse aus Garmisch im Überblick:

Freitag:
Rainer Schüttler (D) – Stefan Koubek (A) 4:6, 5:7, 7:5, 2:6
Philipp Kohlschreiber (D) – Jürgen Melzer (A) 6:7, 4:6, 6:4, 6:3, 6:3

Sonnabend:
Kiefer/Kohlschreiber (D) – Knowle/Peya (A) 6:3, 7:6, 3:6, 6:4

Sonntag:
Nicolas Kiefer (D) – Jürgen Melzer (A) 7:6, 6:4, 6:4
Christopher Kas (D) – Stefan Koubek (A) 2:6, 3:6

Im Viertelfinale (10. bis 12. Juli) spielt Deutschland auswärts gegen Spanien.

Hier gibt's alle Davis-Cup-Ergebnisse

Kommentare:

Kiki hat gesagt…

Hey Du warst auch in Garmisch? Die Reise hat sich doch gelohnt oder? Zur Nominierung vom Schüttler würd ich mal tippen, dass Kühnen den Kiwi nach 8 Wochen Verletzung nicht ins kalte Wasser werfen wollte. Mit dem Doppel zu starten war für Kiwi ideal. Wenn er gleich mit dem Einzel hätte starten müssen, wäre er vielleicht doch zu nervös gewesen.

zack hat gesagt…

Klar, für Kiwi war es sicher nicht schlecht, im Doppel zu starten. Aber so wie Schüttler drauf war, hätte Kiwi gegen Koubek gewiss bessere Chancen gehabt.

Gelohnt hat sich die Reise auf jeden Fall!

jmg hat gesagt…

Ich kann mich noch immer nicht damit anfreunden, in G-P gespielt zu haben. Zum einen kam am Fernseher nichts von einer besonderen Stimmung rüber, alles so freundlich wie sonst. Zum anderen waren am Samstag angeblich nur 2500 Zuschauer da und am Sonntag habe ich auch viele leere Ränge gesehen.

Ich bin immer noch davon überzeugt, dass es viele Städte gegeben hätte, die mehr Zuschauer gezogen hätten. Was ich nicht verstehe ist, dass man jetzt scheinbar die Entscheidung, in G-P zu spielen, als vollen Erfolg wertet.

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