Sonntag, 8. Februar 2009

Wettbetrug: Die unauffälligen Matches sind das Problem

Sie sind sie wieder da: Die Gerüchte um Wettbetrug im Tennis. Im Herbst 2007 berichteten alle großen Medien darüber. Auslöser war ein Zweitrundenmatch in Sopot (Polen), das der damalige Weltranglisten-Vierte Nikolai Dawidenko gegen den Außenseiter Martin Vassallo-Argüello (Argentinien, Nr. 87) verlor. Acht Russen sollen viel Geld auf Vassallo-Argüello gesetzt haben.

Bald zirkulierten Geschichten von einer Liste mit 140 verdächtigen Matches aus fünf Jahren. Diese Liste wurde allerdings nie öffentlich. Im WDR packte ein anonymer deutscher Profi aus, nannte aber keine Namen.

Nachdem die ATP den Profis riet, über das Thema nicht mehr mit den Medien zu reden, kehrte Ruhe ein. Bis zu dieser Woche. Am Montag in Zagreb gewann Antonio Veic (Kroatien) gegen Guillermo Cañas (Argentinien). Das Spiel soll manipuliert gewesen sein. Das behauptet jedenfalls der Wettanbieter Betfair, der daraufhin eine Untersuchung einleitete.

Cañas ist ein gestandener Profi auf Weltranglistenplatz 67. Veic ist ein unbekannter Nachwuchsspieler von Platz 255, der mit einer Wild Card des Veranstalters ins Teilnehmerfeld von Zagreb gerutscht war.

Alle Wettbüros handelten Cañas als haushohen Favoriten. Trotzdem ist seine Niederlage für sich genommen unspektakulär. Cañas, ein früherer Top-Ten-Spieler, hat seine besten Zeiten längst hinter sich. Neulich im Erstrundenmatch der Australian Open stand er gegen den deutschen Qualifikanten Dieter Kindlmann, dessen Spielstärke etwa der von Antonio Veic entspricht, am Rande einer Niederlage. Und Veic schlug nach Cañas auch noch Jewgeni Korolew (Russland) und zog ins Viertelfinale ein.

Wenn stimmt, was Betfair mitteilt, ist die Sache dennoch verdächtig: Nachdem Cañas den ersten Satz gewonnen hatte, setzte jemand in Australien plötzlich Unsummen auf Veic. Jetzt erst drehte sich das Match. Genauso lief es 2007 im berühmten Dawidenko-Vassallo-Match in Polen.

Im September 2008 erklärte die ATP Dawidenko nach internen Untersuchungen für unschuldig. Zwischenzeitlich hatte er aber einen schweren Stand. Bei jedem Match, das er verlor, schrie irgendwo jemand Schiebung. Einmal verwarnte ihn gar ein Schiedsrichter nach einem Doppelfehler wegen „mangelndem Einsatzes“ (Hier ein Youtube-Clip davon).

Bis zu jenem Vorfall spielte Dawidenko sehr viel mehr kleine Turniere wie das in Sopot. Er sagte, in einer Woche ohne Turnier fühle er sich einfach unwohl, deshalb spiele er so viel. Oft schied er früh aus. Für ihn war das wohl einfach Training unter Wettkampfbedingungen. Gut vorstellbar, dass die Leute, die auf Vassallo gesetzt haben, einfach von irgendwem erfahren hatten, dass Dawidenko keine Lust hatte. Es soll ja sogar Spieler geben, die vor ihrem Match im Hotel auschecken.

Mit Cañas ist das anders. Der gilt als Kampfschwein. Der schenkt ohne Not kein Spiel ab. Doch auch das beweist noch gar nichts. Es ist schon vorgekommen, dass Untersuchungen nach einem scheinbar manipulierten Spiel ergaben, dass hinter den verdächtigen Wetteinsätzen ein betuchter Wettbürokunde stand, der in der Vergangenheit schon sehr viel Geld verloren hat und nun wohl einfach endlich mal Glück hatte.

In den vergangenen zwei Jahren wurden mehrere Profis wegen unterlaubten Wettens für mehrere Monate gesperrt. Aber nicht, weil sie absichtlich verloren oder anderweitig von Manipulationen profitiert hätten. Sie hatten lediglich kleine Beträge auf Matches anderer Profis gesetzt und sie waren so unvorsichtig, sich bei den Wettbüros unter ihren eigenen Namen zu registrieren.

Also alles paletti? Alles nur heiße Luft? Das wiederum halte ich für sehr unwahrscheinlich. Ich bin mir recht sicher, dass im Tennis haufenweise Matches manipuliert werden. Es gibt zu viele Spieler, die von dubiosen Anfragen berichten, als dass das alles nur Wichtigtuer sein könnten. Im Tennis ist der Betrug sehr einfach. Man braucht nur einen einzigen Spieler, der mitmacht. Anders als im Fußball, wo es nichts nützt, wenn der Torwart, der versprochen hat, alles durchzulassen, einfach keinen Ball aufs Tor bekommt.

Nach der Sache mit Canas und Veic war es unter Wettern besonders beliebt, gleich noch ein paar andere Matches in Zagreb (hier alle Ergebnisse) unter Verdacht zu stellen. Und zwar immer dann, wenn der Favorit verlor. Der Zagreber Turnierdirektor will gar eine Morddrohung erhalten haben, weil bei ihm die falschen Leute gewinnen.

Ich glaube aber nicht, dass das Hauptproblem die Matches mit überraschendem Ausgang sind. Das sind Wettbetrugs-Amateure, die sich an so etwas versuchen. Wie die beiden beschriebenene Fälle zeigen, werden die Wettbüros in solchen Fällen schnell misstrauisch.

Wie die Sache wirklich läuft, ist mir klar geworden, als der Österreicher Werner Eschauer erzählte, dass ihm 2007 in Wimbledon jemand Geld für eine absichtliche Niederlage geboten habe. Da haben alle gelacht, als Eschauer davon berichtete. Er hätte sowieso verloren. Sein Gegner war Rafael Nadal.

Wer immer Eschauer da ansprach, wollte wohl einfach mal testen, ob der Mann grundsätzlich an dieser Art von Geschäft interessiert ist. Aber warum Eschauer? Das war jemand, kurz vor dem Ende seiner Laufbahn, der in den meisten Matches auf der ATP-Tour Außenseiter war. (Mittlerweile spielt er gar nicht mehr.) Wenn Eschauer verliert – nicht nur gegen Nadal – schöpft niemand Verdacht. Das Nadal-Match war für den Betrug natürlich denkbar ungeeignet. Wer da einen Euro auf Nadal wettete, bekam im Erfolgsfall 1,02 Euro.

Aber es gibt ja auch andere Matches. Da sind die Rollen zwar klar verteilt, für einen Favoritensieg gibt es aber immerhin noch 1,30 oder 1,40 Euro pro Euro Einsatz. Das sind vermutlich die Matches, bei denen massiv verschoben wird, ohne dass es auffällt. Stars, die Millionen mit Preisgeldern und Werbeverträgen verdienen, werden sich nicht so schnell darauf einlassen, für ein paar Tausender ihre Karriere zu ruinieren. Wer aber jede Woche rechnen muss, ob es sich lohnt, das Flugticket zum nächsten Turnier zu buchen, der mag schon eher bereit sein, sein mageres Preisgeld mit einer absichtlichen Niederlage aufzubessern. Zumal dann, wenn er sich einreden kann, dass er ja wahrscheinlich sowieso verloren hätte.

Also: Die oben erwähnten 140 verdächtige Matches sind beängstigend viele. Aber in fünf Jahren werden, wenn ich richtig überschlagen habe, auf der ATP-Tour und den Grand Slams rund 14.000 Matches gespielt. Ein Prozent der Matches sind verdächtig. Das ist nicht genug, um bei jedem Ergebnis, über das man sich wundert, gleich "Schiebung" zu rufen. Aber einfach über das Problem hinwegsehen sollte man auch nicht.

Kommentare:

Klaus hat gesagt…

Stimme dir vollkommen zu, es sind höchstens ein Prozent der Spiele, die "verschoben" werden. Denke nicht einmal, denn auf dieser ominösen Liste sind einige Spiele, bei denen keine unauffälligen Quotierungen vorgekommen sind. Viele Wetter und Fans benutzen das als ausreden, wenn sie einfach auf Favoriten setzen.

Das Problem bleibt: Wie kann man hier Kontrolle erlangen? Canas hat hier zu 95 Prozent abgeschenkt, das zeigt auch die vorgetäuschte Verletzung während dem Spiel. Beachten sollte man auch Spiele mit geringeren Einsätzen als bei Canas, wo es ebenso offensichtlich war. In dieser Woche war das ein weiteres Spiel: Daniel Koellerer vs. Gil. Auch da ist zu 90 Prozent klar, dass der Österreichicher hier verlieren wollte. Mit Insiderinformationen über Verletzungen hatten diese Quoten nichts mehr zu tun.

zack hat gesagt…

Das Problem ist auch: Absichtlich verlieren ist zwasr unsportlich, aber für sich genommen nicht kriminell. Der Nachweis, dass der Spieler deshalb absichtlich verliert, weil jemand auf den seinen Gegner wettet, ist ziemlich schwierig.

Christoph hat gesagt…

Kleine Anmerkung noch zum Eschauer-Nadal "Fall". Hier hätte Eschauer das Spiel dann natülich mit 0:3 Sätzen verlieren sollen, wofür es immerhin stattliche Quoten von ca. 1,3-1,4 gegeben haben müsste.

Aber sehr guter Beitrag zum Wettbetrug im Tennis. (überhaupt mal Lob für das klasse Blog!). Ich wünschte, das Thema würde mal von Journalisten mit zumindest halb so viel Ahnung von der Materie beleuchtet. Die Artikel zum Thema (egal ob nationaler oder internationaler Art) strotzen so von Fehlern und Unwissenheit, dass mir eine sinnvolle, recherchierende Auseinandersetzung mit diesem kaum möglich erscheint.

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