Sonntag, 1. Februar 2009

Live aus Heilbronn

Nadal gegen Federer. Viereinhalb Stunden, fünf Sätze. Wenn die beiden gegeneinander spielen, ist das fast immer ein großes Drama, und meistens gewinnt Nadal. Diesmal hatte Federer nach seiner Niederlage Tränen in den Augen.

Aber nicht nur bei den Australian Open war heute Finale, sondern auch bei den Heilbronn Open. Wie schon vor ein paar Tagen angekündigt, berichte ich heute von diesem Challenger-Turnier und von seinen Finalisten Benjamin Becker und Karol Beck.

Die Kurve von Roger Federer nach Heilbronn ist gar nicht so schwer zu kriegen. Vor genau zehn Jahren, das Internet war noch fast ganz neu für mich, entdeckte ich die Webseite der ATP und auf ihr die Abteilung mit den Challenger-Ergebnissen. Ein 17-jähriger Qualifikant aus der Schweiz stand im Halbfinale von Heilbronn. Ich beschloss, dass ich mir seinen Namen, ich mutmaßte damals, man spreche ihn französisch aus, merken sollte.

Aber zurück von 1999 nach 2009.

Ein 17-jähriger Qualifikant wurde in diesem Jahr nicht geboten. Aber trotzdem: „Hier sind ja richtig große Namen am Start“, hörte ich einen Besucher sich wundern, als er am Eingang das Stellschild mit dem Spielplan entdeckte. „Ich dachte, die wären alle in Australien.“

Das mit den großen Namen ist natürlich relativ. Philipp Petzschner, Florian Mayer, Benjamin Becker, Michael Berrer. Leute also, die schon das eine oder andere Mal für Deutschland im Davis-Cup gespielt haben, was ihnen eine gewisse Prominenz beschert. Die meisten von ihnen waren tatsächlich vor gut einer Woche noch in Australien. Von den 32 Spielern aus dem Hauptfeld der Heilbronn Open standen zehn auch im Hauptfeld der Australian Open. Die meisten anderen spielten dort in der Qualifikation. Viele Profis, die in Melbourne früh ausscheiden, kommen hierher, um in die europäische Hallensaison zu starten.

Am Freitag und Sonnabend war ich dort, also zum Viertel- und zum Halbfinale. Ein paar Eindrücke von den Matches habe ich direkt ins Handy getippt. (Ich weiß nicht, ob ich so etwas so schnell wieder tun werde. Schreiben und gleichzeitig die Matches verfolgen, ist mühsam und geht nicht immer gut.)

Mein Gesamteindruck: Das Turnier ist tatsächlich so exquisit organisiert, wie man es sich seit Jahren erzählt. Auf den Tribünen haben immerhin 1800 Leute Platz. Am Sonnabend war das Tennis-Center im Gewerbegebiet Rauher Stich im Heilbronner Vorort Talheim ausverkauft. Wo sonst gibt es das bei einer Tennis-Veranstaltung in Deutschland? Jedenfalls nicht bei den beiden anderen Hallen-Challengern, die ich bisher besucht habe. (Das mit den Plastiktischchen in der Behelfslounge und dem schwer zu findenden Tribünenzugang ist in Heilbronn aber genauso wie in Wolfsburg und Lübeck.)

Aber nun zum Sport: Um nicht auszuufern, beschränke ich mich auf die beiden Finalisten Benjamin Becker und Karol Beck und beginne mit Karol Beck. In dieser Reihenfolge hatte ich den Text vorbereitet, weil ich heute morgen sicher war, dass Beck das Turnier gewinnen würde.

Aber ein Turniersieg, das hätte wohl nicht zu Becks Stil gepasst. Dieser Stil ist extrem unauffällig. Unauffällig bleiben ist wohl das beste, was man tun kann, wenn man als Profisportler von einer Dopingsperre zurückkehrt. Genau das tut Karol Beck. Auf dem Platz spielt er den Ball einfach einmal häufiger ins Feld als sein Gegner und steht immer rechtzeitig genau da, wo sein Gegner den Ball hinspielt. So gewann er in Heilbronn Runde für Runde: 6:2, 6:3 gegen Daniel Brands, 6:2, 6:0 gegen den topgesetzetn Lu Yen-Hsun, 6:3, 6:4 gegen den früheren Australian-Open-Finalisten Arnaud Clement und 6:2, 6:1 gegen Michael Berrer, der noch einen Tag zuvor den seiner Meinung nach besten Satz seiner Laufbahn gespielt hatte.

Auch nach dem Match bleibt Beck unauffällig. Man übersieht ihn fast, wenn er zwischen den Plastiktischchen durch die Behelfslounge huscht. Er wirkt viel kleiner als die 1,80 Meter, die er laut offiziellem ATP-Profil misst.

Von seiner Dopingsperre erzählt er ganz treuherzig und mit ruhiger Stimme: Das sei eine schwere Zeit gewesen. Die Polizei habe den Typen, der das gemacht habe, immer noch nicht gefunden. Ein Jahr lang habe er kaum ernsthaft trainiert. Jetzt hoffe er, frei von Verletzungen zu bleiben und sich wieder in den Top 100 zu etablieren.

Beck klingt, als wäre es für ihn völlig selbstverständlich, dass das alle wissen: Es war ein unentdeckter Bösewicht, der ihm damals was „in den Drink gekippt“ hat, bevor er beim Davis-Cup-Halbfinale 2005 positiv auf das anabole Steroid Clenbuterol getestet wurde. Beck kommt absolut glaubwürdig rüber, wenn er dies sagt. Der schnelle Themenwechsel hin zu seinen Zukunftszielen wirkt allerdings sehr geübt.

Der Unbekannte (vielleicht derselbe, der Dieter Baumanns Zahnpasta manipulierte?), das ist die Theorie, auf die sich Beck jetzt konzentriert. In einer Disco in Bratislava soll das passiert sein. Vor dem ITF-Gericht hatte er eine weitere Theorie: Vielleicht habe er ein Medikament seiner Mutter mit Kopfschmerztabletten verwechselt.

Dummheiten wie einen Joint oder eine Cortisonsalbe zum falschen Zeitpunkt verzeiht das verständige Publikum. Aber wer einmal mit Anabolika erwischt wurde, dem hängt das bis ans Ende seiner Karriere nach. Wieso gewinnt der seine Matches alle so deutlich? Wieso ist der so schnell auf den Beinen? Dabei hat Karol Beck in Heilbronn vor allem wegen seines nahezu fehlerlosen Spiels gewonnen. Im ganzen ersten Satz gegen Michael Berrer im Halbfinale machte er nur einen einzigen Fehler.

Vor seiner zweijährigen Sperre war Karol Beck die Nummer 36. Seit gut einem Jahr ist er wieder auf der Tour und rangiert derzeit auf Platz 139.

Aber nun zu Benjamin Becker. Mit 6:4 und 6:4 gewann er das Endspiel gegen Beck. Damit hatte er selber nicht gerechnet, oder jedenfalls gab er es nicht zu. „Ich habe nichts zu verlieren, der Beck ist der klare Favorit“, sagte er am Sonnabend nach seinem Halbfinale gegen Florian Mayer. Schließlich habe Beck seine Matches viel deutlicher gewonnen als er selber.

Vor Heilbronn hatte Benjamin Becker auf die Australian-Open-Qualifikation verzichtet und stattdessen zwei Challengers in Südamerika gespielt. Mit wenig Erfolg: Eine Erstrundenniederlage und ein Viertelfinale. Die Ergebnisse ließen befürchten, er könnte wieder Probleme mit der Schulter und dem Oberarm haben. Die hatten ihn schon das ganze letzte Jahr behindert, im Herbst halfen selbst Schmerzmittel nicht mehr weiter. Vor zwei Jahren war er noch die Nummer 38 in der Welt, vor Heilbronn war er auf Platz 135 abgerutscht.

Im Moment scheint es seiner Schulter aber ganz gut zu gehen. Er habe die chronische Entzündung in der Saisonpause endlich mal vernünftig behandeln lassen, sagt er. Ganz in Ordnung sei sie zwar nicht, aber „wenn es im Sommer immer noch so ist wie jetzt, bin ich zufrieden“. Er will auf jeden Fall eine Operation vermeiden. Denn dann würde er mehrere Monate nicht spielen können, und er fürchtet, dass er danach den Anschluss nicht mehr schaffen würde. „Mit dem neuen Weltranglistensystem ist es noch schwerer geworden, sich wieder nach oben zu spielen“, meint er.

Also spielt er Woche für Woche weiter, fleißig Punkte sammeln. Nach dem Finale ist er gleich zum nächsten Turnier nach Johannesburg geflogen.

Ob er im nächsten Jahr seinen Titel verteidigt, hängt nicht nur von seiner Schulter ab, sondern auch davon, ob das Turnier wieder stattfindet. Am Sonnabend ließ Turnierdirektor Uli Eimüllner eine Pressemitteilung verteilen, in der er über zwei Seiten darlegte, wie gelungen die Heilbronn Open wieder einmal gewesen seien. Auf der dritten Seite dann die Sätze: „Dennoch muss ich in den nächsten Monaten nüchtern Bilanz ziehen und hart kämpfen, damit auch die Heilbronn Open 2010 auf sicheren Beinen stehen. Die Auswirkungen der Wirtschaftskrise machen sich auch bei uns bemerkbar, und ich hoffe, dass sich dennoch einige Unternehmen für ein Engagement bei unserem Turnier entschließen können.“

Hier die Ergebnisse aus Heilbronn im Einzel und im Doppel (wo Karol Beck dann doch noch gewann).

Kommentare:

Francoise hat gesagt…

Die Mühe war nicht umsonst, ich habe die Live-Eindrücke aus Heilbronn am Freitag und Samstag sehr gerne gelesen.
Toller Bericht wieder einmal, vielen Dank und Glückwunsch zum Interview auf der "Feel it"-Website!

JMG hat gesagt…

Karol Beck is nicht einer, der auf mich einen glaubwürdigen oder sympathischen Eindruck macht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ihm viele Leute glauben. ;)

Ich habe auch die Kurzmeldungen gelesen, auch wenn die Matches nicht gerade die Interessantesten waren. Von Deutschlands nächstem ATP Level Doppelspieler Philipp Marx scheinst du ja leider nicht mehr viel gesehen zu haben. Seine einzige Schwäche ist die Rückhand, was sich manchmal beim return bemerkbar macht. Aber was Aufschlag, Volley und Vorhand angeht, kann er denke ich mit den besten Spielern mithalten.

zack hat gesagt…

Ich glaub auch nicht, dass viele Leute Karol Beck glauben. Was ich sagen wollte: Er wirkt ausgesprochen harmlos und treuherzig, geradezu naiv, wenn er seine Story erzählt. Man koennte das sehr gut einstudiert nennen.

Ich hatte ihn mir etwas anders vorgestellt. Nicht als so einen kleinen lieben Jungen.

sportpur hat gesagt…

sehr gut bei diesem Turnier, dass man per live stream alle Matches direkt verfolgen konnte.

ich verfolge in diesem Jahr mal intensiv den Weg von Florian Mayer zureuck in die Top 100

nach Challenger Finale zu Beginn des Jahres und zweite Runde Australian Open in Heilbronn das Halbfinale

Platz 333 in der aktuellen WR plus 117

diese Woche ist er in Wroclaw am Start (Challenger mit 106 500 Dollar)

Benjamin Becker ist nun wieder auf Platz 123 - gewann durch seinen Turniersieg 100 Punkte - nicht schlecht

Insgesamt 9 Deutsche in den Top 100 - Breite sehr gut, doch die Spitze fehlt - Fehlanzeige unter den ersten 30

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